Offenes Promotionsvorhaben - eingereichte Version
Von Open Access zu Open Science: Zum Wandel digitaler Kulturen der wissenschaftlichen Kommunikation

Autor: Christian Heise (Leuphana Universität)

Komplettansicht

Kapitel: Abstract

Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine explorative Studie zum Verständnis der Konzepte von Open Access und Open Science im Rahmen der Digitalisierung und der Differenzierung zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Reputation. Ziel der Arbeit ist die Darstellung, Analyse und Verhandlung der Annahmen rund um die Etablierung sowie die Durchführung von offenen und digitalen wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen. Die forschungsleitende Hypothese dieser Arbeit ist, dass sich die Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen für die Gesamtgesellschaft (Open Access) in einer Übergangsphase zur Öffnung des Zugriffs auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (Open Science) befindet.

Im Verlauf der Arbeit werden die Vorannahmen zum Interesse an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und der Verbreitung dieser den praktischen Gegebenheiten im wissenschaftlichen Alltag in einer Befragung gegenübergestellt. Dabei wird die Thematik in Bezug zu den Herausforderungen an die wissenschaftliche Gemeinschaft und das wissenschaftliche System gesetzt sowie in einen historischen Kontext gestellt. In diesem Zusammenhang werden insbesondere die Diskrepanz zwischen der Idee der Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation und der wissenschaftliche Realität adressiert, sowie Katalysatoren und Hindernisse für die Umsetzung der Konzepte rund um die Öffnung von Wissenschaft identifiziert und empirisch überprüft.

Die Erfahrungen und Meinungen der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen werden den Erfahrungen aus einem Selbstversuch des jederzeit öffentlich einsehbaren Erstellungsprozesses dieser Arbeit gegenübergestellt, die Unterschiede zwischen den Disziplinen herausgearbeitet und Handlungsempfehlungen für das offene Bearbeiten wissenschaftlicher Fragestellungen abgeleitet. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst, bewertet und in einem Ausblick Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsbemühungen dargestellt.

HINWEIS: KOMMENTARE SIND AUFGRUND DER PROMOTIONSORDNUNG NICHT ERLAUBT UND DEAKTIVERT! DIESE ARBEIT IST IN BEARBEITUNG UND WURDE IM AUGUST 2014 AUS ANDEREN DOKUMENTEN ZUSAMMEGESETZT. Diese Version der Arbeit wurde im Juni 2016 eingereicht. Weitere Informationen: offene-doktorarbeit.de

Kapitel: Einleitung

Die Kenntnis des gegenwärtigen Wissensstandes sowie uneingeschränkte und offene Kommunikation werden als wichtige Voraussetzungen für wissenschaftliche Forschung betrachtet (Glaeser_2006) (Gibbons_1994). Offenheit und Transparenz werden zudem als wesentliche Bestandteile einer Ethik der Wissenschaft bezeichnet (Peters_2014) (Resnik_2005) und sind Grundlage für den gesellschaftlichen Auftrag des Wissenschaftssystems (Hanekop_2014: 3), neues überprüfbares Wissen zu produzieren und zu verbreiten (Luescher_2014: 551) (Luhmann_1998: 298) (Graefen_2007: 100). In dieser Arbeit wird untersucht, welche Auswirkungen die Digitalisierung und die Forderungen nach Öffnung der Wissenschaft auf die wissenschaftliche Kommunikation von Universitäten, wissenschaftlichen Einrichtungen und von den einzelnen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen haben.

Die gestörten Gleichgewichte im aktuellen wissenschaftlichen Publikationssystem (Joseph_2006), die Mängel in den wissenschaftlichen Anreizsystemen (Osterloh_2008), der steigende Publikationsdruck, die finanzielle und ideelle Notlage von Bibliotheken (Russell_2008) (Sietmann_2007), Herausforderungen bei der Wahrung der Freiheit und Unabhängigkeit von Wissenschaft und Forschung (Goetting_2015), fehlende Transparenz, der Anstieg an Wissenschaftsskandalen (Brembs_2015) und die zunehmende Ökonomisierung des Universitätsbetriebs (Bauer_2006) führen dabei zu der Frage, ob das wissenschaftliche Kommunikationssystem der theoretischen Aufgabe von Wissenschaft uneingeschränkt gerecht werden kann (Schekman_2013) oder jemals in vollem Umfang gerecht werden konnte.

Mit der zunehmenden Verbreitung und Etablierung des Internets als Kanal für die wissenschaftliche Kommunikation, für Forschungsaktivitäten und den Austausch von Informationen wurden neue Hoffnungen für die Verbesserung der "fatalen und unhaltbaren Situation" (Brembs_2015: 155) sowie für die Öffnung des Wissenstransfers (Schulze_2013) (Albert_2006) und des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses geweckt (Hanekop_2014) (European_Commission_2006) (Goodrum_2001) (Lawrence_1999). Diese Erwartungen umfassen unter anderem den Wunsch nach "unbeschränktem Zugang zur gesamten wissenschaftlichen Zeitschriftenliteratur" (BOAI_2002), nach mehr Transparenz im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (European_Commission_2015a), nach Möglichkeiten der Steigerung von Effizienz und Effektivität von Wissenschaft (Partha_1994) und "dass die alten Zugangs- und Nutzungsbeschränkungen sukzessive ausgeräumt werden" (BOAI_2002) können. Grundlage dafür ist die Annahme, dass die Folgen der technologischen Entwicklungen "zwangsläufig zu erheblichen Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizierens führen und einen Wandel der bestehenden Systeme wissenschaftlicher Qualitätssicherung einleiten" (Berliner_Erklaerung_2003) würden.

Im Zuge dieser technologischen Entwicklungen, politischer Forderungen und gesellschaftlicher Annahmen gab und gibt es auf der einen Seite ein großes Interesse an der offenen Kommunikation und Unterstützung für den Wunsch nach freiem Zugriff auf wissenschaftliche Informationen. Auf der anderen Seite hat die Medien- und Technikgeschichte gezeigt, dass es bei Einführung eines neuen Mediums mit größerer Reichweite immer wieder zu Irritationen (Naeder_2010) und Irrelevanz- oder gar Verlustängsten kommt (Hagner_2015). So zeigten die ersten Erfahrungen des Experimentierens mit dem Internet als neuem Kommunikationskanal für den wissenschaftlichen Austausch schnell, dass es sehr viel schwieriger sein würde, das wissenschaftliche Kommunikationssystem zu öffnen, und dass die Hürden für einen Wandel des Systems größer sind, als ursprünglich angenommen (Bjoerk_2004).

Somit bestehen trotz der zunehmenden Digitalisierung wissenschaftlicher Kommunikationssysteme und -prozesse weiterhin umfangreiche Barrieren beim Zugang zu wissenschaftlichen Informationen sowie bei den Möglichkeiten der (Weiter-)Verwendung dieser Informationen. Nur sehr langsam führen die ersten Modifikationen im System Wissenschaft zu Effekten bei der Verfügbarkeit von Wissen für die Gesamtgesellschaft. Auch rund 25 Jahre nach den ersten elektronischen Verfahren zum offenen Austausch wissenschaftlicher Publikationen (Albert_2006) und 350 Jahre nach dem Erscheinen der ersten wissenschaftlichen Fachzeitschrift (Moxham_2015) muss das "alte" System demnach noch immer als weitestgehend stabil bezeichnet werden (Brembs_2015) (Hanekop_2014) (Warnke_2012) und eine Veränderung der Tradition der wissenschaftlichen Praxis im Sinne einer "wissenschaftlichen Revolution" (Kuhn_2012) scheint bisher (noch) nicht absehbar. Die Gründe und Einflussfaktoren für diese Entwicklung in Wissenschaft und Forschung werden im Folgenden dargestellt, empirisch und experimentell überprüft sowie abschließend diskutiert und zusammengefasst.

Relevanz des Themas

Im Rahmen des postulierten Wandels stehen nicht nur die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sondern auch das ganze Universitätssystem sowie andere Bildungseinrichtungen und wissenschaftliche Bibliotheken vor bedeutenden Herausforderungen (Mueller_2010) (Harter_2006) (Guedon_2004) (Osterloh_2008) (Beverungen_2014). Die wissenschaftliche Kommunikation hat sich dabei in den letzten Jahrhunderten nur marginal verändert. "Nach innen" (wissenschaftsintern) bietet sie zwar einen gewissen Grad an Offenheit, aber nach außen ist sie geschlossen (Kelty_2004).

Die Institution Universität sowie wissenschaftliche Einrichtungen laufen im Kontext dieser Entwicklungen Gefahr, ihre Bedeutung als Ort der Wissensproduktion und -evaluation (weiter) zu verlieren (Kruecken_2001: 343). Denn spätestens mit der Privatisierung der Verarbeitung, Speicherung und Übertragung von Wissen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hörten Universitäten auf, selber Bücher zu verlegen (Joseph_2006). Darüber hinaus fordert die Wirtschaft (zunehmend) eine öffentliche Finanzierung der Wissensproduktion und erwartet gleichzeitig die privatwirtschaftliche Aneignung und Nutzung des produzierten Wissens (Weingart_2001). Dieses Prinzip der kollektiven Wissensproduktion, bei dem die Wirtschaft unentgeltlich an wissenschaftliche Informationen gelangt, wird vor allem von Verlagen für ihre Wertschöpfung genutzt. Neben dem entgeltlichen Vertrieb der wissenschaftlichen Informationen ermöglichen diese Verlage den Autoren und Autorinnen, durch den "Rückgriff auf informal konstituierte Reputationen" (Luhmann_1970: 237) als Gegenleistung die Chance auf Anerkennung von der wissenschaftlichen Community und Reputation im wissenschaftlichen System (Bernius_2009).

Im Zusammenhang mit dem Wandel sind als besondere Herausforderung für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, und damit abgeleitet auch für die Institutionen, die Wahrung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung bei möglichst uneingeschränkter Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse (Hagner_2015) (BBAW_2015) (Buss_2001) auf der einen sowie die Forderung nach besseren (Selbst-)Steuerungs- und Leistungsprozessen (Adler_2009) (Gibbons_1994) auf der anderen Seite zu nennen. Ebenfalls von besonderer Bedeutung sind auch die Auswirkungen des Wandels auf das Kommunikations- und Reputationssystem der Wissenschaft.

Das in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnende Auseinanderdriften der Interessen zwischen der privatwirtschaftlichen Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der ursprünglichen Aufgabe von Wissenschaft, neues überprüfbares Wissen zu produzieren und zu verbreiten, führten zu einer wissenschaftlichen Publikations- und Kommunikationskrise. Sie ist durch den wachsenden Kostendruck, Preissteigerungen (Lewis_2011), Publikations- (Egger_1997) (Fanelli_2012) (Beverungen_2012) (Brembs_2013) und Reportbias (Chan_2008) (Dickersin_2011), Cargo Cult Science (Feynman_1974) und die Einschränkung des Zugriffs auf wissenschaftliche Informationen (Hess_2006) gekennzeichnet. Das aktuelle System mit den genannten Problemen steht dem Bestreben, dass es der Wissenschaft im Kern um Erkenntnisse und die uneingeschränkte Zurverfügungstellung dieser geht (Hanekop_2006), entgegen (Offhaus_2012).

Infolgedessen entstand unter den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen auch die Befürchtung, dass es durch Publikationsdruck und den Druck anwendungsorientierter zu forschen, wahrscheinlicher wird, dass viele der veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind (Ioannidis_2005). Die genannten Entwicklungen befördern die Geschlossenheit des wissenschaftlichen Kommunikationssystems, erschweren nachhaltig den Zugang zu Wissen, beeinträchtigen die Erstellung von neuem Wissen (Willinsky_2006) (Feyerabend_1986) (Luhmann_1998) und führen zu einem zunehmend unhaltbaren Zustand bei der wissenschaftlichen Kommunikation (Schekman_2013).

Sucht man nach Gründen für die Beibehaltung des bisherigen Modells durch die Wissenschaftsgemeinschaft, wird deutlich, dass vor allem Unwissen über die wirtschaftlichen Entwicklungen, rechtliche Bedenken und das etablierte wissenschaftliche Reputationssystem zentrale extrinsische Motivationsfaktoren für die Unterstützung des bisherigen Systems durch die wissenschaftliche Gemeinschaft darstellen (Herb_2015). Als weiterer Grund wird die komfortable Situation der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen genannt, diese müssen nur selten auf den Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen verzichten und sind von der Auseinandersetzung um die mit den finanziellen Aspekten wissenschaftlicher Kommunikation weitestgehend befreit (Sietmann_2007) (Hanekop_2006) und den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen davon abgeraten wird, die vorherrschenden Paradigmen der wissenschaftlichen Praxis zu hinterfragen (Siegfried_2013) (Loeb_2013). Dennoch tragen die Verschärfung der Krise und die langsam spürbaren Auswirkungen auf die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu bei, dass die Forderung nach Veränderung des Systems zunehmende Unterstützung erfährt.

Die Suche nach einem Ausweg aus dieser Kommunikations- und Publikationskrise führte zu der anhaltenden Forderung nach der besseren öffentlichen Verfügbarkeit von Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung und Arbeit und nach Alternativen für das geschlossene wissenschaftliche Publikations- und Kommunikationssystem. Ergänzend zu den erstmals artikulierten Forderungen nach der Öffnung dieser geschlossenen Form der Kommunikation in Wissenschaft und Forschung befinden wir uns infolge der neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung und Globalisierung inmitten eines "radikalen Wandels" (Poynder_2011) des tradierten wissenschaftlichen Kommunikationssystems. Dieser Wandel bietet nicht nur die Chance für die Lösung der Herausforderungen im aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystem, sondern ermöglicht auch eine umfassende "Beschleunigung des Wissensumschlages" (Giesecke_1991: 540) und führt potenziell dazu, dass offene Innovation und offene wissenschaftliche Kommunikation den privaten und staatlichen Forschungsbereich effizienter machen (Chesbrough_2006) sowie den gesamtgesellschaftlichen Fortschritt in bisher unbekannter Weise beschleunigen (Chesbrough_2003).

Ungeachtet dieser Entwicklungen ist unübersehbar, dass das System der wissenschaftlichen Kommunikation noch immer "weitgehend stabil" (Hanekop_2014: 2) geblieben ist und im aktuellen Steuerungssystem der Wissenschaft weiterhin anhand der tradierten wissenschaftlichen Bewertungssysteme Reputation, Mittel und Stellen verteilt werden (Hollricher_2009) (de_Vries_2001). Die analog gedruckten und bewährten Journale sowie andere Publikationsformen der großen wissenschaftlichen Verlage werden bisher einfach nur mit nahezu unverändertem Geschäftsmodell zusätzlich digital verbreitet (Hanekop_2014) (BOAI_2012).

Trotz umfangreicher Literatur liegen bisher nur wenige Untersuchungen und Experimente zur Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation, vor allem aus den Geisteswissenschaften (Naeder_2010), vor. Daraus ergibt sich die Relevanz und Notwendigkeit, die bisherigen Entwicklungen im Bereich der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation aus geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive genauer zu untersuchen, den Erkenntnissen über die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation aus der Literatur empirisch erhobenen Daten gegenüberzustellen, die Erkenntnisse praktisch-experimentell zu überprüfen und das Ergebnis zu diskutieren und einen Ausblick für die weitere Entwicklung zu wagen.

Zielsetzung der Arbeit

In dieser Arbeit werden die möglichen Auswirkungen der Digitalisierung und der Forderung nach Öffnung der Wissenschaft beziehungsweise der wissenschaftlichen Kommunikation auf Universitäten, wissenschaftliche Einrichtungen, aber auch auf den einzelnen Wissenschaftler und die einzelne Wissenschaftlerin genauer untersucht. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Unterschiede zwischen dem reinen Zugang zu publiziertem Wissen auf der einen und dem kompletten Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess auf der anderen Seite sowie das Zusammenspiel unterschiedlicher Formen der Wissensverbreitung vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung.

Es wird dabei betrachtet, inwieweit es sich bei der Öffnung von Wissenschaft im Rahmen von Open Access und Open Science tatsächlich um einen grundlegenden Wandel in der wissenschaftlichen Kommunikation handelt. Im weiteren Fokus der Untersuchung stehen der Umstand, dass die meisten wissenschaftlichen Informationen der Allgemeinheit bisher nicht zugänglich sind und welche Herausforderungen, das Wissen frei(er) zugänglich zu machen, daraus resultieren sowie welche Konsequenzen für das Wissenschaftssystem daraus zu erwarten sind.

Das Thema wird auch in einen historischen Kontext gestellt und es werden Argumente für und wider die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation aus Sicht der am wissenschaftlichen Kommunikationssystem beteiligten Akteure durch eine Befragung erhoben, um Gründe für die bisherigen Entwicklungen zu erarbeiten und zu einem vertieften Verständnis der unterschiedlichen Definitionen von Open Access und Open Science im Kontext wissenschaftlicher Kommunikation zu gelangen. Die wissenschaftliche, disziplinübergreifende Debatte um die Öffnung von Wissenschaft und Forschung wird dabei dargestellt, auf den deutschsprachigen Raum begrenzt sowie Katalysatoren und Hindernisse für die Etablierung der Forderung nach Öffnung bei den wissenschaftlichen Akteuren identifiziert und abgefragt.

Ziel ist eine aktuelle Verhandlung der theoretischen Annahmen und unterschiedlichen Definitionsversuche rund um die Etablierung und Praktizierung offener wissenschaftlicher Kommunikation mit den praktischen Gegebenheiten im wissenschaftlichen Alltag. In diesem Zusammenhang wird insbesondere die Diskrepanz zwischen der Idee der Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation und der wissenschaftlichen Realität (Scheliga_2014) erörtert sowie die Gründe für die schleppende Umsetzung der Konzepte rund um die Öffnung von Wissenschaft erarbeitet. Die Erfahrungen und Meinungen der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen werden dabei den Erfahrungen aus einem Selbstversuch gegenübergestellt und abschließend Handlungsempfehlungen für das offene Bearbeiten wissenschaftlicher Fragestellungen gegeben.

Die forschungsleitende Hypothese dieser Arbeit ist, dass sich die Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen für die Gesamtgesellschaft (Open Access) in einer andauernden Übergangsphase zur Öffnung des Zugriffs auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (Open Science) befindet. Die sich daraus ableitenden Fragestellungen umfassen zum einen die theoretische Bedeutung und Historie von Offenheit im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation, zum anderen die empirische Frage nach den Motiven und Beweggründen für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der unterschiedlichen Disziplinen, entweder das aktuelle wissenschaftliche Kommunikationssystem oder die Forderung hin zu Offenheit zu unterstützen. Anschließend wird durch die Dokumentation des offenen Verfassens dieser Arbeit in einem Selbstexperiment erarbeitet, welche Hürden, Grenzen und welcher Aufwand durch die Öffnung der formellen Kommunikation für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen tatsächlich entstehen. "Offenes Verfassen" bedeutet in diesem Zusammenhang, dass diese Arbeit direkt und unmittelbar bei der Erstellung in den Jahren 2013, 2014 und 2015 für jede Person, jederzeit frei zugänglich im Internet unter einer offenen und freien Lizenz (CC-BY-SA) veröffentlicht wurde und die Arbeit jederzeit öffentlich nachvollziehbar ist.

Es wird erörtert, welche möglichen Auswirkungen durch diesen Prozess der Öffnung auf das Selbstverständnis der Wissenschaft und auf die wissenschaftliche Reputation in den unterschiedlichen Disziplinen zu erwarten sind. Dafür werden relevante Wege des Wissenstransfers ermittelt, Probleme und Hemmnisse bei der offenen Durchführung von wissenschaftlicher Arbeit herausgearbeitet und Handlungsmöglichkeiten am Beispiel der Erstellung einer Dissertation erschlossen.

Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist in acht Kapitel unterteilt. Nach der Einführung in die Thematik, in die Relevanz des Themas sowie die Beweggründe und Positionen des Autors werden im Kapitel "Grundlagen" die Chronologie, Begriffsbestimmungen und Debatten des Themenbereiches genauer betrachtet. Es wird zunächst die Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation chronologisch dargestellt, auf die Forderung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und auf Veränderungen durch die Digitalisierung eingegangen und diese in den Kontext der wissenschaftlichen Reputation, des wissenschaftlichen Ethos und Diskurses gestellt.

Im Kapitel "Herausforderungen in der wissenschaftlichen Kommunikation" werden die aus den Debatten in der Literatur ausgearbeiteten Herausforderungen dargestellt sowie Anknüpfungspunkte für die empirische Untersuchung abgeleitet.

Im dritten Kapitel werden Vorüberlegungen zur Methodenwahl angestellt und die Forschungsfragen ausformuliert sowie der zur Beantwortung der Forschungsfragen angewandte Methodenmix beschrieben, begründet und kritisch betrachtet.

Im darauffolgenden Kapitel wird eine empirische Untersuchung zur Prüfung der identifizierten Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung von Wissenschaft und Forschung, die mittels einer Online-Befragung im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt wurde, dokumentiert und ausgewertet. Dabei wird auf die Defizite und die aktuellen Debatten um die Begriffe "Open Access" und "Open Science" auf Grundlage der Erkenntnisse aus den vorhergehenden Kapiteln zurückgegriffen.

Der offene Erstellungsprozess im Sinne eines prospektiven Realexperimentes und die Dokumentation des Experiments im siebten Kapitel erweitern den empirischen Ansatz der Befragung im sechsten Kapitel um praktisch gewonne Erkenntnisse. Diese Herangehensweise ermöglicht es, einen primär verstehenden Zugang zu den Forschungsfragen und den Zielen der Arbeit zu erhalten und diesen in Form einer Selbstbeobachtung zu dokumentieren. Im Ergebnis werden Vorteile und Nachteile der offenen Anfertigung der Arbeit dargestellt, die Praxistauglichkeit überprüft, der Aufwand dokumentiert und Handlungsempfehlungen für das offene Verfassen wissenschaftlicher (Qualifikations-)Arbeiten abgeleitet.

In den letzten beiden Kapiteln werden die gewonnenen Ergebnisse und die Vorgehensweise sowie die Fragestellungen dieser Arbeit kritisch diskutiert sowie abschließend zusammengefasst. Auf Grundlage der Forschungsergebnisse und der eigenen Erfahrungen werden Empfehlungen zum Schreiben offener wissenschaftlicher Arbeiten sowie ergänzend ein Ausblick auf die weitere Entwicklung offener Strukturen im Rahmen wissenschaftlicher Tätigkeit formuliert.

Alle Teile der Arbeit folgen der forschungsleitenden Hypothese, dass sich Open Access in einer Übergangsphase befindet, die derzeit noch überwiegend durch die reine offene Bereitstellung wissenschaftlicher Publikationen geprägt wird, langfristig aber zur Öffnung weiterer Teile der wissenschaftlichen Kommunikation als wesentliche Grundlage für den Wissenszuwachs in der Gesamtgesellschaft (Open Science) führen wird. Ausgehend von den Fragestellungen wird dazu ein interdisziplinärer Zugang zur wissenschaftlichen Bearbeitung gewählt, der translational von den Kulturwissenschaften über die Politikwissenschaften und die Wirtschaftswissenschaften bis hin zu den Medienwissenschaften reicht, an die Wissenschafts- und Technikforschung angelehnt ist und sich empirischer, analytischer sowie auch experimenteller Methoden bedient.

Beweggründe und eigene Position

Die Beweggründe für die Erstellung der vorliegenden Arbeit sind die Folge der langjährigen Beschäftigung des Autors mit dem Konzept von "Offenheit" als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hybrid Publishing Lab der Leuphana Universität und als Vereinsvorstand der Open Knowledge Foundation Deutschland. Die hier angestrebte Auseinandersetzung mit den Konzepten rund um Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationssystem zielt somit auch auf die kritische Auseinandersetzung und das Hinterfragen der eigenen Positionen.

Die eigene Position zum Beginn des Erstellungsprozesses der Arbeit muss als klar befürwortend gegenüber den Forderungen nach Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikations- und Erkenntnisprozesses bezeichnet werden. Sie fußt auf den Erfahrungen des beruflichen und ehrenamtlichen Engagements in der Förderung, Forderung und Ausgestaltung offener und transparenter Kommunikation in den gesellschaftlichen Teilbereichen Wissenschaft, Politik und Verwaltung. Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Konzept von Offenheit bildet auch die differenzierte Betrachtung der eigenen Auffassung einen Schwerpunkt dieser Arbeit und wird im Zusammenhang mit den jeweiligen Betrachtungen immer wieder eine Rolle spielen.

Ziel dieser Auseinandersetzung ist es, die anhaltenden Forderungen nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation unter dem Einsatz von Technik als soziales und kulturelles Phänomen besser zu verstehen und diese Entwicklung einer differenzierten und kritischen Analyse zu unterziehen. Die Wandlungsprozesse des wissenschaftlichen Kommunikationssystems sollen auf soziotechnische Grundlagen hin untersucht werden, trotzdem soll eine kritische Distanz gewahrt bleiben. In dieser Arbeit wird abschließend auch die eigene Position und die Praxistauglichkeit der Forderungen an das wissenschaftliche Kommunikationssystem im Rahmen der offenen Anfertigung dieser Arbeit geprüft und kritisch hinterfragt.

Die Auseinandersetzung mit den Fragestellungen folgt dem Ansatz der Science and Technology Studies (STS) beziehungsweise der Wissenschafts- und Technikforschung. Sie bezeichnet ein transdisziplinäres Forschungsfeld, das Ende der späten 1970er Jahre angetreten ist, um "Wissenschaft und Politik neu zu denken" (Potthast_2010: 92). Die "empirische Untersuchung der vielfältigen Rollen von Wissen und Technologie in modernen Gesellschaften" (Beck_2014: 11) ist dabei vorrangiges Ziel der STS. Diese Herangehensweise beschäftigt sich mit den soziotechnischen Entwicklungen, den sozialen, kulturellen und politischen Dynamiken, die Wissenschaft und Technik formen, sowie der Frage, wie diese Dynamiken zukünftig Gesellschaft, Politik und Kultur beeinflussen (Potthast_2010) (Brown_2014).

Dieser Zusammenhang ermöglicht es, das Forschungsthema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und die Beobachtungen unterschiedlichen Disziplinen zuzuordnen (Beck_2014) (Potthast_2010). Wissenschaft wird demnach nicht mehr nur "als Ergebnis rein intellektueller kontemplativer Tätigkeit, sondern als Ergebnis praktischen Tuns und sozialen Handelns" (Beck_2014: 13) verstanden. In den STS sehen sich die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nicht als Entdecker, sondern als aktive Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Dialogs um die Entwicklung (MacKenzie_1999). Sie streben danach, die empirischen Realitäten von Technologie und Medien zu verstehen (Kelty_2014), ohne immer zwangsläufig auf bereits bestehende Konzepte und Theorien zurückzugreifen (Brown_2014: 8) und folgen den Akteuren, anstatt Urteile im Voraus abzugeben (Irwin_2008: 584).

Es ist unter anderem die Aufgabe von STS, die "Verschränkung von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft im Alltag zu untersuchen und damit auch die Rolle von Wissen und Technologie in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen näher zu bestimmen" (Beck_2014: 9). Die STS haben sich bei der Erforschung von Wissenschafts- und Technologiekultur zu einer etablierten Herangehensweise entwickelt, um darzustellen, inwiefern Technologien politisch sind (Kelty_2014).

Dieser Ansatz scheint gut geeignet, um die Beobachtungen im Rahmen dieser Forschungsarbeit wissenschaftlich zugänglich zu machen. Die Einordnung basiert unter anderem auf der Annahme, dass die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation in engem Zusammenhang mit der technologischen und politischen Entwicklung steht (Weingart_2005). Dieser Zusammenhang wird in der vorliegenden Arbeit empirisch im Alltag durch eine Befragung der wissenschaftlichen Akteure und das eigene offene wissenschaftliche Kommunizieren bei der Erstellung erforscht. Die Herangehensweise ermöglicht eine als Realexperiment konzipierte ethnographische Untersuchung des eigenen Forschungsalltags, bei der die teilnehmende Beobachtung des offenen Verfassens der Arbeit sowie die Online-Befragung die Grundlage für den Methodenmix einer ethnographischen Betrachtung darstellen (Bachmann_2011). Dieser Mix ermöglicht es, die Auswirkungen auf die Kommunikation von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen möglichst vollumfänglich zu beschreiben.

Durch die Betrachtung der Rolle von offenem Wissen und Technologie für wissenschaftliche Kommunikationsprozesse sowie durch die empirische Erforschung der Wissensproduktion und -verbreitung, seinen epistemologischen Voraussetzungen und den daraus resultierenden Konsequenzen (Beck_2014: 12) soll mit dieser Arbeit ein Beitrag zum Fortschritt für die Wissenschafts- und Technikforschung geliefert werden. Auch wenn die Kombination von akademischer Arbeit mit Aktivismus nicht einfach ist, da in der akademischen Welt ein gewisser Druck herrscht, die Arbeit von sozialem Engagement zu trennen, kann sie lohnend für die Sache sein (Flood_2013: 25).

Kapitel: Grundlagen

Das System der wissenschaftlichen Kommunikation, das in der derzeitigen Form seit mehreren hundert Jahren besteht, basiert auf der Forschung, der Begutachtung, dem Druck, der Kommunikation der Ergebnisse in wissenschaftlichen Publikationen, der Verbreitung sowie dem Verkauf an Bibliotheken und andere wissenschaftliche Institutionen und dem anschließenden Diskurs in der wissenschaftlichen Fachöffentlichkeit (BBAW_2015). Der Fortschritt in diesem System ist demnach maßgeblich durch den offenen und freien Austausch sowie durch die Verbreitung von Informationen bedingt (Yiotis_2005).

Die Grundlagen, Annäherungsversuche an Definitionen und Debatten um die Öffnung von Kommunikation in Wissenschaft und Forschung sind in der gängigen Literatur weder einheitlich dargestellt und abgegrenzt noch unumstritten (Mueller_2010) (Schulze_2013). Von hervorzuhebendem Interesse sind im Rahmen dieser Arbeit die chronologische Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation, die Darstellung der Ökonomie des Kommunikationssystems, die Herausforderungen im aktuellen Kommunikationssystem, die Debatte und Anknüpfungspunkte zur Öffnung von Wissenschaft, die Katalysatoren und Hindernisse dieser Entwicklung und der damit einhergehende Wandel mit Fokus auf den Bereich wissenschaftlicher Reputation, Ethos und Diskurs.

Im Folgenden werden wesentliche Anknüpfungspunkte an die Open-Access- und Open-Science-Bewegung in Wissenschaft und Forschung dargestellt und erläutert. Die Auswahl der berücksichtigten Werke bezieht sich auf die für die Fragestellungen relevanten Beiträge und wird um die Betrachtung der Debatten von Open Access und Open Science ergänzt. Dabei gibt es nicht die eine Debatte um die Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation, es sind vielmehr zahlreiche Auseinandersetzungen bezüglich unterschiedlicher Bedenken und Interessen von einer fluktuierenden Gruppe von Akteuren (Beals_2013) mit nicht selten polemisch geführten Diskussionen (Lossau_2007) (Naeder_2010).

Die Forderung nach Öffnung von Wissenschaft und Forschung wird in dieser Arbeit im Kontext wissenschaftlicher Reputation in Bezug auf ihre technischen, gesellschaftlichen, sozialen und politischen Aspekte beschrieben und die Betrachtung wird auf die kulturellen Auswirkungen der Medienbrüche im Rahmen wissenschaftlichen Publizierens erweitert. Der historische und gesellschaftliche Kontext dieser Forderung wird dargestellt und mittels der Analyse wissenschaftlicher Literatur abgegrenzt. Es wird erläutert, welche Bedeutung sie in der Forschung, der Gesellschaft und der Politik haben. Die Entstehung und Entwicklung der Begriffe wird im Verlauf der Arbeit dargestellt. Um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten, wird "Entwicklung" hier in den drei folgenden Dimensionen erfasst: erstens als "analytische Kategorie", zweitens als "Forschungsgegenstand" und drittens als "politische Praxis in der moralischen Auseinandersetzung über die Wünschbarkeit von Zuständen" (Bierschenk_2014).

Die Betrachtungen in dieser Arbeit werden aus der Perspektive des Produzenten (Wissenschaftler als Autoren) sowie aus der, damit nicht immer harmonisierenden, Perspektive des Rezipienten beziehungsweise Medienkonsumenten (Wissenschaftler als Leser) stattfinden. Es wird auch angesprochen, inwiefern Macht, regulierende Prinzipien wie die Verknappung sowie die Ein- und Ausgrenzung im Rahmen wissenschaftlicher Diskurse mit den Modellen Open Access, Open Science und wissenschaftlicher Reputation in der Kommunikation vereinbar sind oder diesen entgegenstehen.

Ziel ist es, existierende Erkenntnisse über die Begriffe und deren Entwicklung darzulegen sowie aufzuzeigen, in welchen Bereichen weitere Forschung angestrebt werden sollte (Webster_2002). Für die Analyse wurden zahlreiche Quellen mit thematischem Bezug zur Öffnung von Wissenschaft und Forschung ausgewählt und analysiert. Ziel dieses Kapitels ist es, die Debatten rund um die Begriffe und Forschungsfragen darzustellen, um zu einer ausgewogenen Basis für deren Betrachtung sowie zur Beantwortung der vorab definierten Forschungsfragen zu gelangen. Dafür werden die chronologische Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation sowie die Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation dargestellt.

Folgenden Fragestellungen soll mithilfe dieses Kapitels nachgegangen werden:

  • Welche historischen Entwicklungen haben die Entwicklung der wissenschaftlichen Kommunikation und die Forderung nach Öffnung beeinflusst?
  • Wie funktioniert die Ökonomie der wissenschaftlichen Kommunikation?
  • Was bedeutet die Digitalisierung für das wissenschaftliche Kommunikationssystem?
  • Welche Rolle spielen die wissenschaftliche Reputation, das wissenschaftliche Ethos und der wissenschaftliche Diskurs im Rahmen des Kommunikationssystems?
  • Welche Indikatoren für Reputationsverteilung im wissenschaftlichen Kommunikationssystem werden in der Literatur genannt?

Zur Auswertung der vorliegenden Literatur werden aus einem Konvolut von ausgewählten Texten die Entwicklungen, unterschiedlichen Definitionen und Debatten rund um den Themenkomplex der Öffnung von Wissenschaft und Forschung extrahiert und mit dem Ziel zusammengefasst, weitere wissenschaftliche Fragestellungen für die Befragung publizierender Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Fachbereiche zu entwickeln.

Dieser theoretische Betrachtungsrahmen wissenschaftlich gesicherter Modelle, Theorien und Ansätze macht es im weiteren Verlauf der Arbeit möglich, Herausforderungen, Erklärungen und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Er trägt dazu bei, den in der Literatur dokumentierten Erkenntnisstand zu erschließen, die Fragestellungen in einen Zusammenhang zu stellen, legitimiert die Erforschung dieser Fragen und bildet den Rahmen für die Aufarbeitung der gesammelten Erkenntnisse (Kornmeier_2007: 109). Ziel dieses Kapitels ist es, die theoretischen Grundlagen für die im späteren Verlauf der Arbeit folgenden empirischen und experimentellen Untersuchungen zu erarbeiten sowie die Begriffe, die Definitions- und die Konzeptvielfalt, die für das Thema der vorliegenden Arbeit grundlegend sind, einzuführen.

Wissenschaftliche Kommunikation

Bevor die Grundlagen für Offenheit in Wissenschaft und Forschung dargestellt werden, wird eine grundlegende Einordnung von wissenschaftlicher Kommunikation vorgenommen, die Entwicklung chronologisch dargestellt und deren Wandel im Rahmen der Digitalisierung beschrieben. Darauf folgt eine Beschreibung der Ökonomie der Kommunikation in der Wissenschaft, Ausführungen zum Verhältnis wissenschaftlicher Reputation, Ethos und wissenschaftlichem Diskurs sowie die Darstellung der Herausforderungen im aktuellen Kommunikationssystem und Anknüpfungspunkte zu der Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation.

Diese Kommunikation stellt einen wesentlichen Bestandteil des wissenschaftlichen Systems und der wissenschaftlichen Arbeit dar (Garvey_2014) (Luhmann_1998: 63). Sie basiert auf dem Austausch zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die auf einem "gemeinsamen Wissensbestand" zugreifen, "den sie testen, verändern und erweitern" (Glaeser_2007: 438), und ist eng mit dem "Prozess des Veröffentlichens wissenschaftlicher Publikationen" (Weller_2011) verknüpft. Sinn und Zweck der Kommunikation beruht auf dem bestmöglichen Austausch zwischen den Mitgliedern der Wissenschaftsgemeinschaft. Er dient der Überprüfung der Zuverlässigkeit von Informationen und ermöglicht die kritische Auseinandersetzung innerhalb der Gemeinschaft (Fox_1983). Jede kommunizierte Erkenntnis trägt dabei theoretisch zur Produktion von Wissen bei (Kaden_2009). Grundvoraussetzung dafür ist, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen den Willen zur optimalen Kommunikation untereinander haben.

Bisher fehlt in der Literatur eine allgemein verbindliche Definition für "wissenschaftliche Kommunikation" oder dieser Begriff wird von den Autoren und Autorinnen einfach verwendet und nicht definiert (Seidenfaden_2005: 2). Um den Begriff hier dennoch zu präzisieren, folgt diese Arbeit der häufig zitierten, breitgefassten Definition der australischen Wissenschaftler Burns, Connor und Stocklmayer aus dem Jahr 2003. Demnach kann wissenschaftliche Kommunikation oder Wissenschaftskommunikation "als Einsatz von angemessenen Fähigkeiten, Medien, Aktivitäten und des Dialogs beschrieben werden, um eine oder mehrere der folgenden persönlichen Reaktionen in der Auseinandersetzung mit Wissenschaft zu bewirken: Erkenntnis, Vergnügen oder andere affektive Reaktionen, Interesse, Meinungsbildung und Verständnis" (Burns_2003: 191). Diese Kommunikation kann "praktizierende Wissenschaftler, Mediatoren und die Öffentlichkeit involvieren, entweder unmittelbar oder zwischen Gruppen" (Burns_2003: 191).

In der Theorie existieren ebenfalls verschiedene Arten der Organisation wissenschaftlicher Kommunikation und "vielfältige Erscheinungsformen" (Graefen_2007: 9), die sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert haben (Konneker_2013) (Hagner_2015). Grundsätzlich ist dabei eine Unterscheidung in formelle und informelle sowie die interne und externe wissenschaftliche Kommunikation etabliert und verbreitet (Seidenfaden_2005), aber nicht unumstritten.

Was nach dieser Betrachtung genau als formell oder informell gilt, hängt unter anderem von der jeweiligen Fachdisziplin ab, "ist historisch gewachsen und damit durchaus unterschiedlich" (Hanekop_2014: 5). Eine wesentliche Plattform für die wissenschaftliche Kommunikation, für Fortschritt und Forschungsförderung bilden Publikationen in Journalen und Monografien (Cope_2014) (Fox_1983). Das wissenschaftliche Journal sowie die Monografie sind (in den meisten wissenschaftlichen Disziplinen) wichtige Kanäle für die formelle wissenschaftliche Kommunikation und essenziell für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, um auf dem Laufenden zu bleiben (Cope_2014).

Abbildung: Traditionelle Trennung von informeller und formeller wissenschaftlicher Kommunikation (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die formelle Kommunikation wird an bestimmte Bedingungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft geknüpft und hat einen direkten Einfluss auf die Reputation der einzelnen Mitglieder der wissenschaftlichen Community. Diese Art der Kommunikation beinhaltet die Einbeziehung Dritter, die die Funktion der Einordnung und Bewertung der Kommunikation übernehmen. Der bisherige Outputkanal für diese Kommunikation ist die gedruckte Publikation (Winkler_2011), denn "es wird für den Druck geforscht" (Luhmann_1997). Durch sie "wird festgeschrieben, was nach den Kriterien des jeweiligen Fachs als geprüftes Wissen gelten kann" (BBAW_2015: 11). Ziel dieser Art der Kommunikation ist die Sicherung des Verbleibs und die Positionierung des einzelnen Wissenschaftlers innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Diese Formalisierung der Kommunikation ist wichtig, um das Wissenschaftssystem und das Wissen strukturell sowie nachhaltig zu sichern, und sie macht Erkenntnisprozesse nachweisbar (Kaden_2009). Erst mit einer formell begutachteten Publikation wird eine wissenschaftliche Entdeckung als solche erkennbar (Brembs_2015).

Formelle wissenschaftliche Kommunikation beruht nach dem Bibliothekswissenschaftler Ben Kaden auf folgenden drei abstrakten Faktoren (Kaden_2009):

  1. Publizität meint die Veröffentlichung der Erkenntnisse in einem wissenschaftlichen Fachmedium. Eine Erkenntnis wird durch die Veröffentlichung bekannt gegeben und so für die Community "registriert" (Kaden_2009) (Seidenfaden_2005: 5). Sie muss dabei "zeitnah" in einer "wahrnehmbaren" Form vorliegen (Schimank_2012), damit sie intersubjektiv vermittelbar ist.
  2. Vertrauenswürdigkeit meint das Vertrauen auf die Einhaltung der Regeln und die Möglichkeit der Zertifizierung (Seidenfaden_2005: 6) im wissenschaftlichen Kommunikationssystem durch alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Systems. Das Vertrauen wird bei einer Publikation durch die Überprüfung (Peer Review) bestätigt und durch Bezugnahme (Zitationen) anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf die Publikation zur Reputation. Eine Zitation ist – aus Sicht der zitierten Arbeit – eine formelle Erwähnung der Arbeit innerhalb einer anderen wissenschaftlichen Publikation (Weller_2011).
  3. Zugänglichkeit bezieht sich auf die dauerhafte Sicherung, Archivierung (Seidenfaden_2005: 6) und Zugänglichkeit in einer allgemein verfügbaren Form für die (Fach-)Öffentlichkeit (Naeder_2010), um anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zu ermöglichen, die Erkenntnisse, die für ihre eigene Tätigkeit von Relevanz sind, für die eigene Forschung zu nutzen (Seidenfaden_2005: 6).

Die Möglichkeiten der informellen Wissenschaftskommunikation sind höchst vielfältig und reichen "vom persönlichen Gespräch über Vorträge, Konferenzen, Zwischen- oder Abschlussberichte aus Projekten, Working Papers und vieles andere mehr" (Hanekop_2014). Informelle Kommunikation umfasst alle Arten der Kommunikation, die dem individuellen Wissenschaftler oder der individuellen Wissenschaftlerin einen schnellen und direkten Austausch mit Kollegen ermöglichen und die keinen direkten Einfluss auf die wissenschaftliche Reputation des einzelnen Wissenschaftlers oder Wissenschaftlerin haben.

Die informelle Kommunikation findet üblicherweise zu Beginn und nach Abschluss des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses statt. Sie umfasst zum Beispiel die Ideenfindung, die Entwicklung von Fragestellungen oder Konkretisierung des Forschungsvorhabens und hilft Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen dabei, relevante Ideen für die formelle Kommunikation "herauszukristallisieren" (Hanekop_2014). Informelle Kommunikation ist aufgrund ihrer Heterogenität und impliziten Verankerung weniger präzise differenzierbar und erfassbar (Kaden_2009). Die Abgrenzung informeller Kommunikation zu "nicht-wissenschaftlicher Kommunikation" resultiert daraus, dass diese meist auf "die Erzeugung formeller Kommunikation hinarbeitet" (Kaden_2009).

Im Gegensatz zur Segmentierung von formeller und informeller Kommunikation zielt die Unterscheidung zwischen interner und externer Kommunikation auf die jeweilige Zielgruppe des Austauschs ab. Interne Kommunikation beschreibt alle Prozesse, die der Kommunikation innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft dienen. Externe Kommunikation beschreibt die Kommunikation, die an Akteure außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft gerichtet ist (Konneker_2013).

Abbildung: Zielgruppen, Ziele und Kommunikationsmedien der Wissenschaftskommunikation nach (Seidenfaden_2005) (für Vergrößerung auf Bild klicken)

In der vorliegenden Arbeit bezieht sich der Begriff "wissenschaftliche Kommunikation" vornehmlich auf jene Kommunikation, die in der Theorie sowohl formelle und interne organisatorische Bezugspunkte aufweist als auch einen Einfluss auf die wissenschaftliche Reputation des Wissenschaftlers oder der Wissenschaftlerin hat. Im Rahmen des Öffnungs- und Digitalisierungsprozesses der wissenschaftlichen Kommunikation wird allerdings von einem Aufbrechen dieser Trennung ausgegangen, deshalb wird diese tradierte Klassifizierung der wissenschaftlichen Kommunikation auch im Sinne der Herangehensweise der Wissenschafts- und Technikforschung im Laufe der Arbeit immer wieder hinterfragt (Bowker_2000: 326).

Chronologie der Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation

Für ein erweitertes Verständnis für die Prozesse, die zu der Öffnung von Wissenschaft und Forschung führen, sowie für die Darstellung der Beziehung neuer digitaler Kommunikationssysteme zu ihren analogen Vorläufern ist eine historische Betrachtung der Entwicklung wissenschaftlicher Kommunikation sowie der Forderung nach Offenheit in Wissenschaft und Forschung unabdingbar. Diese stellt zum einen die Grundlagen für die Analyse von Offenheit dar und ebnet zum anderen die weitere Grundlage für die Darstellung des "Forschungsgegenstands" (Bierschenk_2014). Diese historische Darstellung bietet einen ersten Ansatzpunkt für die Erforschung der unterschiedlichen Definitionen und Debatten um Open Access und Open Science (Scheliga_2014), ], da diese historischen Übergänge bisher immer nur unzureichend dargestellt wurden (CREATe_2014).

Angelehnt an die Arbeiten des kanadischen Philosophen McLuhan und des Germanisten Wenzel können dabei drei bedeutende Umbrüche der Medienentwicklung im Rahmen der Kommunikation von Wissen genannt werden (Wunderlich_2008) (Wenzel_2007):

  1. der Übergang vom Körpergedächtnis oder geistigem Gedächtnis (brain memory) zum Schriftgedächtnis (script memory)
  2. der Übergang von der Handschriftenkultur zur Druckkultur (print memory)
  3. und der Übergang vom Buch zum Bildschirm (electronic memory)

Wissenschaft und wissenschaftliche Kommunikation in prä-modernen Zivilisationen

In der Antike stellten der orale Dialog und Disput, der Vortrag und die Lehrstunde die Formen "wissenschaftlicher Kommunikation" dar (Hollricher_2009). Dabei bezog sich "Wissenschaft" in prä-modernen Zivilisationen unmittelbar auf die täglichen Bedürfnissen. Wissen und Informationen wurden als nicht besitzbare Ware angesehen (May_2006) (Steiner_1998) und im Vergleich zu den heutigen Möglichkeiten war in den vormodernen Zivilisationen der Wissensaustausch stark beschränkt (Hollricher_2009). Es gab keine "scharfe Grenze zwischen dem vorhandenen und dem aktuell benutzten Wissen" (Luhmann_1998: 161). Die Produktion von Literatur beschränkte sich in den vorwissenschaftlichen Gesellschaften vornehmlich auf "die Überlieferung und Kommentierung des althergebrachten Wissens, insbesondere des theologischen" Wissens (Steiner_1998). Was die Gelehrten "zu sagen und zu schreiben hatten, war nicht als Beitrag zum Fortschritt von Wissenschaft als einem kollektiven Unternehmen zu verstehen, sondern eher als Dokumentation ihrer persönlichen Erkenntnisfortschritte" (Graefen_2007: 51). Sie hatten vor allem die Aufgabe, das Wissen "zu erhalten und zu tradieren" (Luhmann_1998: 148). Eine Textart, die dem heutigen wissenschaftlichen Artikel entspricht oder mit ihm vergleichbar ist, existierte bis zum Mittelalter nicht. "Noch im 15. und 16. Jahrhundert sind nur wenige Texte fachinterner Kommunikation, also schriftlicher Kommunikation unter Vertretern eines Faches über fachliche Inhalte, nachgewiesen" (Graefen_2007: 51). Texte, die wir heute als wissenschaftlich bezeichnen würden, wurden im Mittelalter nur dann akzeptiert, wenn sie den Namen eines (anderen) Autors trugen (Foucault_2000).

Die Sprachwissenschaftlerin Graefen hat exemplarisch die Entwicklung zum wissenschaftlichen Text wie folgt zusammengefasst: "Erst wenn ein gesamtgesellschaftlicher Bedarf an Wissen und an ständiger Wissenserweiterung allgemein erkennbar wird und entsprechende Leistungen von Individuen auch persönliche Vorteile versprechen, findet eine Umorientierung von sporadischer individueller wissenschaftlicher Betätigung hin zu gesellschaftlich anerkannter und zur Kenntnis genommener, kollektiv bzw. arbeitsteilig betriebener Wissenschaft statt" (Graefen_2007: 56).

Einführung des Buchdrucks als Grundlage der modernen Wissenschaft

Die Geschichte der modernen Wissenschaft ist eng mit der Geschichte des Buchdrucks verbunden. Diese beginnt maßgeblich mit Johannes Gensfleischs, auch Gutenberg genannt, Beiträgen zur Buchdruckerkunst in der Mitte des 15. Jahrhunderts (Wittmann_1999). Gutenberg führte um 1460 die Druckerpresse ein, "die er von den Weinpressen der rheinischen Winzer abgeschaut und dann verbessert haben dürfte" (Stober_2014: 22). Die Einführung des Buchdrucks führte nicht nur zu neuen Möglichkeiten der Kommunikation, sondern zu einer Veränderung der generellen Aufgabe der Wissenschaft, insbesondere ihrer Orientierung auf den täglichen Bedarf (Luhmann_1998: 148). Durch die neuen Möglichkeiten der Vervielfältigung und Massenverbreitung hat sich das Selbstverständnis der europäischen Kultur in bis dahin unbekannter (Giesecke_1991) und revolutionärer Weise verändert (Wunderlich_2008) (Stober_2014) (Porter_1964: 211).

Der Buchdruck stellte somit die "Grundlagen und Meilenstein sowohl für die Kommunikation der Menschheit insgesamt als auch für den wissenschaftlichen Gedankenaustausch im Besonderen dar" (Schirmbacher_2009: 7), er war ein "Bestandteil des Übergangs vom Mittelalter in die frühe Neuzeit" (Lange_2008: 32) und die Druckerpresse nahm die "entscheidende Schwelle für das Entstehen der neuzeitlichen Wissenschaften" (Luhmann_1997: 602).

Diese neue Technologie führte zu einem bis dahin unbekannten, explodierenden Informationsangebot. Infolgedessen entwickelte sich eine neue Denkstruktur (Eisenstein_1997), bei der das "mittelalterliche Denken in Bildern und Metaphern" von der "wissenschaftlich-systematischen Methodik" abgelöst wurde (Wunderlich_2008: 16). Sie führte zur Befreiung des jeweiligen Autors aus der weitgehenden Anonymität mittelalterlicher Manuskriptkultur und zur Entkoppelung der "Herstellung und Verbreitung vom singulären Interesse eines Autors, Kopisten oder Auftraggebers" (Wunderlich_2008: 15).

Mit der Entwicklung der Buchdrucktechnologie folgte im 16. Jahrhundert die Verbreitung eines "freien Marktes als Vertriebsnetz für typographische Informationen" (Giesecke_1991: 27) und die "Kapitalisierung der Buchproduktion" (Steiner_1998: 40). Das gedruckte Wort führte somit zu einem Verlust an "Macht und Herrschaft über das geschriebene Wort" (Wunderlich_2008: 16). Anfangs handelte es sich bei der Technologie nur um ein "elitäres und teures Medium für die gebildete Klasse" (Hartmann_2008: 14), Bücher waren "Luxusgegenstände" und die Gewinnspannen der Buchdrucker und -händler waren "enorm" (Stober_2014: 27). Die Technologie führte weder von Beginn an zum zeitlich unmittelbaren Zugang zu Wissen noch war sie sofort für die Allgemeinheit zugänglich (Hartmann_2008). Die wissenschaftliche Elite der damaligen Zeit forderte deshalb, dass Werke ohne Rücksicht auf Profitgier und "Geiz" (Luther_1876) erscheinen sollten, und appellierte an eine "obrigkeitliche Lenkung", damit der Buchhandel "seiner Aufgabe der Verbreitung von nützlichem Wissen gerecht würde" (Wittmann_1999: 102). Gutenbergs Druckinnovation sollte als sogenannte "Schlüsseltechnologie" (Jaeger_1993: 189) eine neue Dimension der Informations- und Wissensverbreitung für die Gesamtgesellschaft ermöglichen.

In der Übergangszeit von der primären Kommunikation zwischen den Gelehrten anhand von Briefen und der Verbreitung des Buchdrucks kam es zu einer Vielzahl sogenannter Prioritätsstreits (Schirmbacher_2009), denn die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse waren zuvor zwar im direkten Briefwechsel, aber noch nicht öffentlich verbreitet worden. Deshalb konnte zu dieser Zeit selten ein für alle nachvollziehbarer Bezug zum jeweiligen Entdecker hergestellt werden. Als beispielhaft für einen solchen Prioritätsstreit kann die Auseinandersetzung zwischen Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz um eine Veröffentlichung zur Fluxionsrechnung im 17. Jahrhundert genannt werden. Leibniz rezensierte eine von Newton verfasste Veröffentlichung anonym und stellte sich selbst namentlich als Erfinder dieser dar (Padova_2013) (Rommel_2011: 252), ohne auf eine öffentliche Publikation seiner deutlich länger vorhandenen Erkenntnisse hinweisen zu können (Schirmbacher_2009). Aufgrund des fehlenden öffentlichen Nachweises wurde Leibniz infolgedessen durch die Royal Society, einer der ersten Gelehrtenvereinigungen, des Plagiats für schuldig befunden und die Entdeckung Newton zugesprochen. Doch selbst wenn Newton seine Fluxionsrechnung "früher entwickelt hat, geht die algorithmische Eleganz von Differentialen und Integralen doch auf Leibniz zurück" (Kittler_1996).

Der Buchdruck, wie auch die ersten wissenschaftlichen Zeitungen, wurden für die wissenschaftlichen Autoren somit nicht nur zu einem neuen Kommunikationsinstrument, einem Instrument zur "Erlangung von Reputation" oder zu einem Instrument "zur Generierung finanzieller Erträge", sondern auch zu einem "Nachweisinstrument" (Schirmbacher_2009: 8) für die Vermeidung solcher Prioritätskonflikte. Darüber hinaus waren "gedruckte Meinungen schwerer zu widerrufen oder umzuinterpretieren als nur mündlich geäußerte oder nur wenigen zugängliche (etwa Briefe)" (Luhmann_1997: 603).

Die Verbreitung des Buchdrucks fand aber nicht ungebremst und nicht ohne umfassende Kritik in der damaligen Gesellschaft statt. Vor allem kirchliche Instanzen waren über eine "wachsende theologische Begriffsverwirrung" und die Verbreitung der Schriften in Volkssprachen besorgt (Giesecke_1991: 175). Sie stellten die größte Gruppe an Kritikern des Buchdrucks dar und versuchten, die neue "Bücherflut" zu unterbinden (Giesecke_1991: 175). Additiv führte die Einführung des Buchdrucks zu einer neuen Bedeutung der Zensur, als "prohibitives Instrument für die Überwachung der Lektüren" (Wunderlich_2008: 16) und als Mittel gegen zu viel Wissen und unerwünschte Literatur (Giesecke_1991: 178). Beispielhaft für diese Art der Zensur zitiert der Kommunikations- und Medientheoretiker Michael Giesecke aus einem Gutachten dieser Zeit: "In den Anfängen muß man Widerstand leisten (gegen das Übel des Drucks von Büchern, die aus den heiligen Schriften in die Volkssprache übersetzt sind), damit nicht durch die Vermehrung der deutschsprachigen Bücher der Funke des Irrtums endlich sich zu einem großen Feuer entwickle" (Giesecke_1991: 180).

Zusammenfassend nennt Giesecke vor allem folgende grundlegende Einwände gegen den Buchdruck als unregulierte, "freie" Kunst (Giesecke_1991) für die Verbreitung von Wissen und Informationen:

  • Die Einführung des Buchdrucks wurde von vielen Warnungen vor Missbrauch der Technologie begleitet (Lange_2008). Im Mittelpunkt der Warnungen standen der anti-religiöse Missbrauch durch die Verbreitung gefährlichen Gedankenguts (Kruse_2003), die bewusste Falschinformation und Verfälschung von Inhalten (Besch_1998), die willkürliche Informationsverbreitung über Bücher, ohne Zustimmung der geistlichen und weltlichen Regenten (Rother_2002) sowie die Angst der Traditionalisten, die ihre Herrschaft durch das Monopol auf die Interpretation der Bibel gefährdet sahen (Lange_2008).
  • Ein weiterer Einwand drückte die Befürchtung aus, dass die Qualität und Reinhaltung der besten Texterzeugnisse beim Buchdruck nicht sichergestellt werden können (Giesecke_1991).
  • Auch die Nachlässigkeit und Unachtsamkeit von Buchdruckern und Setzern wurde früh kritisiert. Sie spielten im Buchdruckprozess eine entscheidende Rolle, da sie großen Einfluss auf die Qualität der Nachdrucke hatten. Nachlässigkeit oder ungenaues Arbeiten führten zu erheblichen strukturellen und inhaltlichen Qualitätsverlusten, was von Autoren wie Martin Luther schon früh beklagt worden war (Besch_1998) (Stober_2014) (Luther_1876).
  • Die Multiplikation von Fehlern, da in den gedruckten Exemplaren auch die Fehler völlig übereinstimmen und nicht behoben werden können, schließt an die Kritik der Qualität der gedruckten Bücher an. Die Befürchtung gründete auf der Irreversibilität der Verbreitung fehlerhafter Inhalte beim Buchdruck, die bei der geringeren Anzahl handschriftlichen Kopien bisher weniger Einfluss hatte (Kittler_2004).
  • Die staatlichen und geistlichen Obrigkeiten befürchteten durch die Demokratisierung der Vervielfältigung und Verbreitung von Wissen die Verwirrung der "Laien" (der Glaubensgemeinschaft) und damit einen Kontrollverlust über die bestehende gesellschaftliche Ordnung (Giesecke_1991).
  • Demzufolge befürchtete die Obrigkeit die Auflösung der ständischen Ordnung, da der "Zugang zu den Speichern des Wissens nicht länger bestimmten Schichten vorbehalten bleibt", das "Schreiben und Lesen wird von einer ständischen zu einer gemeinen Tätigkeit". Heute mag diese Sicht aufgrund der damals sehr geringen Alphabetisierungsrate und der noch immer sehr geringen Anzahl an Büchern Ende des 15. Jahrhunderts als unbegründet erscheinen, dennoch wurden die sozialen Umwälzungen durch den Buchdruck beschleunigt und unumkehrbar gemacht (Giesecke_1991).
  • Die Auflösung des "Amts" des Bücherschreibers als eigenes Handwerk.
  • Die Angst vor dem Überfluss an Büchern und Wissen stellte einen weiteren Einwand dar. Die Kritiker der Buchdrucktechnologie befürchteten durch die massenhafte Verbreitung ein Chaos an Informationen (Giesecke_1991).
  • Sogar physische Konsequenzen wurden befürchtet: "Augen schmerzen vom Lesen, unsere Finger vom Blättern" (Giesecke_1991)
  • Auch "psychische Bedenken" wurden eingebracht. So gab es im 15. Jahrhundert bei den Menschen die Angst vor dem Anhäufen von Informationen. Sie galt im Mittelalter als "gefährliches und verwirrendes Unterfangen" und führte zu Annahmen wie "je gelehrter, je verkehrter" (Giesecke_1991).

Die genannten Einwände fußten allesamt auf den Ängsten oder Befürchtungen vor den Veränderungen und deren Auswirkungen auf die etablierten Machtstrukturen, die ihrerseits die Informationsverbreitung bis Ende des Mittelalters beeinflusst hatten, und weisen punktuell Parallelen zu den Debatten der heutigen Veränderungsprozesse auf (Hagner_2015). Vor der Einführung des Buchdrucks wurde vorab entschieden, was veröffentlicht und verbreitet wurde, und es gab klare Instanzen, die die Weitergabe von Wissen (meist Auftragsarbeiten) organisierten. Der Buchdruck kehrte dieses System um, da nun Texte erstmals verbreitet wurden und man es dem "Markt und dem nachträglichen Meinungsstreit überließ, welche Information zum Gemeingut wurden" (Giesecke_1991). Niklas Luhmann fasste diese Veränderung wie folgt zusammen: "Wer für den Druck schreibt, gibt die Situationskontrolle auf" und "produziert für das Gedächtnis des Systems", bei dem weder "Kommunikationsvorgang" noch der "Wissenszuwachs" abgeschlossen sind (Luhmann_1998: 57).

Die Etablierung und schnelle Verbreitung (Stober_2014) des Drucks führte, zunächst "unbemerkt und naturwüchsig", zu einer Veränderung der Sozialisierung von Informationen (Giesecke_1991). Das Medium der Schrift wurde demnach unter den Buchdruckbedingungen als eine Verbreitungstechnologie für Informationen genutzt, die zwar die unmittelbare Interaktion zwischen Sender und Empfänger (weiterhin) ausschloss, aber mittelbar nur mithilfe von Empfängern zu Wissen werden konnte (Luhmann_1998).

Die Einführung des Buchdrucks stellte somit einen Bestandteil des "Übergangs vom Mittelalter in die frühe Neuzeit dar" (Lange_2008: 32), da zwischen Buchdruck und demokratischen Freiheiten "sowohl faktisch als auch ideologisch" (Giesecke_1991) ein Zusammenhang hergestellt werden kann. Dieser Zusammenhang wird darin deutlich, dass im Gegensatz zum Mittelalter, in dem jede breitere Sozialisierung und Verbreitung privater Gedanken "legitimationsbedürftig" war, nun jeder Eingriff in die "Freiheit, Meinungen oder Informationen" zu drucken einer politischen Legitimation bedurfte (Giesecke_1991). Der Buchdruck kann als "Katalysator des kulturellen Wandels" (Giesecke_1991) im Rahmen der "fundamentalen Umbrüche in Politik und Verwaltung, Ökonomie und Handel, Religion, Bildung und nicht zuletzt in den Prozessen der kognitiven Welterkenntnis" (Pscheida_2010: 132) verstanden werden.

Um den Arbeitsaufwand der Drucker zu honorieren und die verlegerische Leistung zu würdigen (Szilagyi_2011), wurden mit der Entstehung des Druckerwesens auch erste Privilegien vergeben (Gieseke_1995), die es den Druckern erlaubten, die Buchdruckkunst für einen bestimmten Zeitraum allein oder in einem bestimmten Gebiet auszuüben (Martin_2008) (Kohler_1980). Diese Privilegien ermöglichten den Begünstigten Sonderberechtigungen oder -rechte gegenüber den damals üblichen allgemeinen Rechtsregeln (Jaenich_2002). Im Zuge der Verbreitung der Drucktechnologie und des steigenden Wettbewerbs kam es auch zu ersten Privilegien für Urheber, die bereits im 15. Jahrhundert damit begannen, ihre Manuskripte zu verkaufen (Hesse_2002), ebenso für Erstverleger, die damit versuchten, sich gegen das Nachdrucken und gegen Raubdrucke zu wehren. Die erfolgreiche Einforderung dieser Privilegien führte schon früh zu einer Art Monopolstellung bestimmter Druckereien und zu einem generellen Nachdruckverbot für bestimmte Werke in einem bestimmten Gebiet oder für einen bestimmten Zeitraum (Szilagyi_2011) (Hesse_2002). Später wurden auch erste Autorenprivilegien gewährt, welche als die ersten Ursprünge für das heutige Verwertungs- und Urheberrecht im Publikationssystem gelten (Kohler_1980).

Wissenschaftliche Journale als Medium der wissenschaftlichen Kommunikation

Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts stellte das Schreiben von Briefen oder Büchern die häufigste Form des wissenschaftlichen Austauschs dar (Porter_1964: 212). Der Brief, als besonders exklusive Form der Kommunikation, stand dem Buch als sehr zeitaufwendige Form gegenüber (Fecher_2014).

Erst die "drucktechnische Möglichkeit der schnellen Produktion, Vervielfältigung und Verbreitung von Texten" und "die Loslösung der Wissenschaft(en) von Religion und schöner Literatur" machten eine "Umorientierung von sporadischer individueller wissenschaftlicher Betätigung hin zu gesellschaftlich anerkannter und zur Kenntnis genommener, kollektiv bzw. arbeitsteilig betriebener Wissenschaft" möglich (Graefen_2007: 56). Die Gründung von Akademien als einer Art von nationalen Gelehrtengesellschaften im 17. und 18. Jahrhundert führte zu Veränderungen der wissenschaftlichen Literatur (Graefen_2007: 53) und Verschiebung der Darstellung wissenschaftlicher Praxis in separater Experimentierräume (Weingart_2005). Die Akademien fungierten als Vereinigungen einzelner Gelehrter und "durch sie fand eine Konzentration vereinzelter wissenschaftlicher Anstrengungen und Leistungen statt" (Graefen_2007: 53). Die "Einführung von Präzisionsmessungen als Teil der experimentellen Praxis", sowie "die Einrichtung separater Experimentierräume, um der Sensibilität der Präzisionsinstrumente gerecht zu werden", ging mit einer "Veränderung der Umgangsformen in der Akademie einher". Damit verlagerte sich "das Problem, andere zu überzeugen, von der unmittelbaren Demonstration von Evidenz auf die mittelbare Darstellung in Texten" (Weingart_2005).

Mitte des 17. Jahrhunderts kam es infolge der Gründung der "Royal Society" als eine Akademie zur Förderung naturwissenschaftlicher Experimente zu einer wissenschaftlichen Diskussion über die Etablierung einer "neuen Philosophie für die Förderung von Wissen" (Frize_2013) (Hall_1965). Die Mitglieder der Royal Society hegten den Wunsch nach einer Verbesserung bei der Verbreitung ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse und einer "wissenschaftlichen Revolution" mithilfe der Drucktechnologie (Dear_1985). Als ein Ergebnis der 1660 gegründeten Akademie erschienen 1662 die ersten beiden Bücher, John Evelyn's "Sylva" und "Micrographia" von Robert Hooke (Hall_1992). Am 6. März 1665 wurde mit "Philosophical Transactions" eine der ersten wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht (Peters_2014), "die bis ins 20. Jahrhundert hinein eine der angesehensten Fachzeitschriften blieb" (Graefen_2007: 53). Im gleichen Jahr, bereits am 5. Januar 1665, erschien das "Journal des sçavans" in Frankreich (Ball_2011), (Hollricher_2009), das zu Beginn über aktuelle Entdeckungen berichtete (Weiner_2001). Bis zum 17. Jahrhundert folgten circa 30 weitere Journalgründungen. Die Journale unterschieden sich in ihrer Struktur stark von den heutigen und wiesen bis Ende des 18. Jahrhunderts kaum eine fachliche Spezialisierung auf. Sie beinhalteten "auch anwendungs- und praxisbezogene Beiträge" (Graefen_2007). Sie enthielten im Vergleich zu den heutigen Fachzeitschriften jeweils eine nur sehr geringe Anzahl an Beiträgen und waren an wissenschaftlichen Briefe (meist in der Ich-Form) angelehnt, die Wissenschaftler vor der Entwicklung der Journale noch direkt aneinander verschickt hatten (Weiner_2001). "Oft handelte es sich gar nicht um Originalbeiträge, sondern die Herausgeber teilten der gelehrten und gebildeten Menschheit mit, was sie aus ihren Briefwechseln mit Gelehrten Interessantes entnahmen" (Graefen_2007).

Mit dieser Veränderung änderte sich auch die Rolle des Autors und es wurden, im Gegensatz zum Mittelalter, auch solche Texte als wissenschaftliche Texte akzeptiert, deren "Garantie" in der Zugehörigkeit zu einem systematischen Ganzen – der Wissenschaft – bestand und nicht mehr nur aus dem Verweis auf das Individuum (Autor) (Foucault_2000). Infolgedessen wurden Entdeckungen manchmal in Form eines Anagramms veröffentlicht, so etwa Galileis Entdeckungen der Jupitermonde (Miner_2007) und Hookes Elastizitätsgesetz (Szabo_2013). Auf diese Weise konnten Prioritätsrechte gesichert werden, ohne dass die Entdeckung selbst veröffentlicht werden musste (Miner_2007), Geheimnisse vor Diebstahl geschützt und religiöse Verfolgung vermieden werden (Resnik_2005). Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts "verlagerte sich die Produktion immer mehr auf das Hier und Jetzt" (Hagner_2015: 28).

Noch bis in das 19. Jahrhundert hinein waren Publikationen mit zwei oder mehr Autoren ausgeschlossen und Bücher wurden unter dem Eindruck einer "Unsterblichkeitsnorm geschrieben, die darauf baute, dass erst die Nachwelt das eigentliche Anliegen eines Buches verstehen würde" (Hagner_2015: 28).

Die wissenschaftliche Fachzeitschrift oder das wissenschaftliche Journal, wie wir es heute kennen, geht strukturell auf das 19. Jahrhundert zurück, in Zusammenhang mit der Konstruktion der modernen deutschen Universität (Paletschek_2002), als die Forschungsaktivitäten und das öffentliche Interesse an der Wissenschaft generell anstiegen. In dieser Zeit kam es zu den meisten Gründungen der heutigen großen Fachzeitschriften (Porter_1964: 212). Bis zur Etablierung des Peer-Review-Verfahrens als Qualitätssicherungsverfahren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es sehr unterschiedliche oder keine Verfahren zur Sicherung der Qualität von Inhalten in den Journalen. Im 20. Jahrhundert folgte auf die weltweite Intensivierung wissenschaftlicher Aktivitäten ein weiterer rasanter Anstieg der wissenschaftlichen Journale (Haustein_2012: 23). Im Jahr 1961 wurde die erste quantitative Studie anhand der Anzahl von wissenschaftlichen Journalen durchgeführt. Im Rahmen dieser Erhebung wurde von 50.000 wissenschaftlichen Zeitschriften und von einer Verdoppelung der Anzahl aller wissenschaftlichen Journale alle 15 Jahre ausgegangen (de_Solla_Price_1982).

Rolle der Verlage und die Publikationskrise

Ursprünglich wurde Wissen an Universitäten gespeichert, übertragen, verarbeitet, aufgezeichnet und später in wissenschaftlichen Journalen und Büchern gedruckt (Kittler_2004). Dieses Wissen wurde in gleicher Weise verbreitet und war Eigentum derer, die dafür schrieben oder es lasen (Weiner_2001). Journale wurden durch die wissenschaftlichen Akademien oder akademischen Fachgesellschaften, die die inhaltliche Ausrichtung verantworteten und die finanzielle Trägerschaft übernahmen (Weiner_2001), als Kommunikationsmedium organsiert. Erst im 20. Jahrhundert kam es zu einem Unterschied bei der Verbreitung verschiedener Veröffentlichungsformate innerhalb und zwischen den Fachdisziplinen (Hagner_2015).

Mit dem weltweiten Anstieg der wissenschaftlichen Forschung in der Mitte des 20. Jahrhunderts und der stetig steigenden Anzahl wissenschaftlicher Publikationen nach dem zweiten Weltkrieg stieß das universitätseigene Journalsystem an seine Grenzen und es entwickelte sich zu einem "Flaschenhals" (Weiner_2001) im Kommunikationssystem der Wissenschaft. Dem Anstieg an wissenschaftlicher Forschung und dem zunehmenden Publikationsdruck der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen konnte das System nicht mehr gerecht werden. Kommerzielle Verlage entdeckten diese Lücke und begannen den Markt mit Unterstützung der überforderten Universitäten zu absorbieren (Hirschi_2015).

Nachdem die Privatisierung und Kommerzialisierung des Systems anfangs gut funktionierte, kam es zunehmend zu einem Bruch. Die Anforderungen des Marktes entsprachen nicht mehr denen der akademischen Gemeinschaft (Weiner_2001). Dennoch verharrte die wissenschaftliche Gemeinschaft in einem "weltfremden" Zustand, in dem der Druck zu veröffentlichen dazu führte, dass sie ein System unterstützten, das sie ausnutzte (Weiner_2001). Sie sahen sprachlos mit an, wie die "Zeitschriften immer größere Anteile der Bibliotheksetats verschlangen" (Hagner_2015). Auch in Deutschland nahmen Anfang der 1990er Jahre die wissenschaftlichen Verlage eine marktbeherrschende Stellung ein und agierten als exklusive Distributoren bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Informationen (Schloegl_2005) (Offhaus_2012).

Diese Entwicklung basiert auf dem in der Welt des geistigen Eigentums ungewöhnlichen Umstand, dass seit dem Beginn des wissenschaftlichen Journals im Jahr 1665 wissenschaftliche Autoren nicht vordergründig von finanzieller Belohnung profitierten, sondern maßgeblich von der weiten Verbreitung und den Hinweisen auf ihre Arbeit sowie von den wissenschaftlichen Erkenntnissen ihrer Forschung (Albert_2006). Darüber hinaus ist es eine Besonderheit des Systems, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowohl Produzenten als auch Konsumenten der Wissenschaftskommunikation sind und damit ihre eigene Zielgruppe darstellen (Hess_2006). Die kommerziellen Verlage haben sich dieses System zu nutze gemacht.

Zunehmend erlangten die Verlage eine Vormachtstellung im wissenschaftlichen Publikations- und Distributionssystem. Diese stützt sich bis heute auf drei Säulen (Offhaus_2012) (Bargheer_2006: 177):

  1. "Urheberrecht, wonach Verlage [...] weitgehende Ansprüche an dem veröffentlichten Werk erwerben"
  2. "redaktionelle Themenbündelung (bundling)"
  3. Organisation der "Qualitätssicherung durch Begutachtung (Peer Review)"

Die marktbeherrschende Stellung der Verlage führte zu einer Situation, in der die Verlage vorerst im englischsprachigen Raum die Preise für wissenschaftliche Publikationen weitgehend diktieren und Preiserhöhungen unlimitiert durchsetzen konnten. Als Folge der ungebremsten Ausnutzung dieser Marktmacht kam es kurz vor der Jahrtausendwende zur sogenannten "Zeitschriftenkrise" (Eve_2013) (Mueller_2010) (Schirmbacher_2009) (Parks_2002). Die Zeitschriftenkrise, "die richtigerweise Zeitschriftenpreiskrise oder Zeitschriftenpreisexplosion genannt werden müsste" (Brintzinger_2010), kam als Begriff das erste Mal in den 1990er Jahren auf (Bonim_2010). Diese Krise war das Ergebnis folgender Entwicklungen auf der Angebots- und Nachfrageseite (Brintzinger_2010): Auf der Angebotsseite wurden durch einen "Konzentrationsprozess" "innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt im Bereich der Zeitschriften mittelständische Verlage nahezu vollkommen durch internationale Kapitalgesellschaften substituiert" (Brintzinger_2010). Unterstützt von der Nachfrageseite resultierte daraus eine "monopolistische Preispolitik" der Verlage (Brintzinger_2010). Ein zeitgleicher Anstieg der Titelvielfalt, bei der aus "einer mehr generalistischen Zeitschrift drei oder vier Spezialzeitschriften" entstanden, "die dann allesamt wieder von Bibliotheken abonniert werden mussten" (Brintzinger_2010), verschärfte das Problem. Eine weitere Ursache für die krisenhafte Zuspitzung der Situation besteht in der institutionellen Organisation der Literaturbeschaffung an den Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen. Bei der Arbeitsteilung von Bibliothekaren und Wissenschaftlern war und ist es für das Ansehen des einzelnen Faches durchaus rational, mit einem möglichst hohen Anteil am Gesamtetat der Literaturbeschaffung zu partizipieren. Es gibt für individuelle Einsparungen von allen Seiten nur wenig Anlass, da beide Systeme unabhängig voneinander funktionieren (Brintzinger_2010).

Die Preisexplosion konnte auch durch die Bildung von Bibliothekskonsortien, "deren Aufgabe es war, für Bibliotheken kostengünstige Rahmenbedingungen auszuhandeln", nicht gebändigt werden (Fladung_2003) (Brintzinger_2010). Gleichzeitig standen die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unter einem starken Publikationszwang, der mit "Publish or Perish" (Clapham_2005) beziehungsweise "impact factor fever" (Cherubini_2008) und "impact factor race" (Brischoux_2009) beschrieben wurde (Offhaus_2012). "Publish or Perish" beschreibt das Problem, dass im Rahmen der "wachsenden Konkurrenz um Forschungsförderung und akademische Positionen (...) kombiniert mit dem zunehmenden Einsatz bibliometrischer Parameter für Evaluation" (Fanelli_2010) junge Akademiker viel und vornehmlich mit positiven wissenschaftlichen Ergebnissen publizieren müssen, um Anerkennung und gegebenenfalls eine Anstellung im Wissenschaftsbetrieb zu erreichen (Pscheida_2010) (Beasley_2005) (Hamilton_1990). Das führte zu einer "beinahe explosionsartigen Entwicklung der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen" (Bortz_2006a) und zu der damit einhergehenden Vermutung von viel "nutzloser Forschung und Artikel" (Smith_1990), einem „leeren Größenwachstum" (BBAW_2015: 34) und vielen wissenschaftlichen Arbeiten mit "vernachlässigbaren Beiträgen zum Wissen" (Hamilton_1990). Inwieweit diese Entwicklungen allein zu einer "Lawine von niedriger Qualität der Forschung" (Bauerlein_2010) in dem beschriebenen Umfang geführt haben oder ob die neuen (digitalen) Möglichkeiten die schon immer bestehenden Qualitätsunterschiede wissenschaftlicher Publikationen einfach nur sichtbar gemacht haben, ist umstritten (Rekdal_2014).

Die genannten Entwicklungen machten dennoch mehrere der problematischen Effekte im Publikationssystem sichtbar: Erstens führte die vermehrte Einreichung von Manuskripten bei begutachteten Publikationsmedien zu einer "schädlichen und vermeidbaren zusätzlichen Belastung der Begutachtung", zweitens erhöhen das "Größenwachstum" auf Seiten des Lesers "den Aufwand für Auswahl, Beschaffung und Lektüre von Publikationen" und drittens "steigen (...) die Kosten für das Publikationssystem insgesamt" (BBAW_2015: 34).

Computer und Internet als neue Medien wissenschaftlicher Kommunikation

Mit dem Aufkommen des Computers in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Begriff "Medien" zu einem Sammelbegriff, der in der älteren Medientheorie entweder als neutrale technische Infrastrukturen oder als Kommunikations-, Wahrnehmungs- oder kulturdeterminierende Techniken betrachtet wurde (Beck_2005: 12). Bei genauerer Betrachtung des Begriffs in den unterschiedlichen Disziplinen, die sich mit Medien beschäftigen, "sind die Gebrauchsweisen und Bestimmungen des Begriffs Medium äußerst heterogen" und "es hat den Anschein, als könnte die Frage, was Medien sind, zu keiner befriedigenden Antwort führen" (Burkhardt_2015: 33).

Der Begriff "digitale Medien" hat in dieser Zeit das Denken über Medien nachhaltig beeinflusst (Burkhardt_2015: 30). Digitale Medien können als Medientechnologien bezeichnet werden, die durch Computer verarbeitet werden (Nuenning_2010). Durch die zunehmende Verbreitung des Computers und des Internets Ende der 1980er Jahre wurde dem Medienbegriff eine weitere Unbekannte hinzugefügt (Burkhardt_2015). Das Internet gilt dennoch als Paradigma für digitale Medien, da hier unterschiedliche Medien mehrfach vernetzt werden: Zum einen werden miteinander vernetzte Computer lokal und global über Telekommunikationskanäle miteinander verbunden, zum anderen konvergieren in diesem globalen Netz Schrift, Bild und Ton (Nuenning_2010).

Der Bestand der Rechenkapazitäten an Universitäten hat sich seit den 1989 konstant weiter verdichtet (Rutenfranz_1997). Ende des letzten Jahrtausends eröffnete das Internet "neue Nutzungsmöglichkeiten, durch welche die Schrift als ein Medium einsetzbar wird, das den permanenten Wechsel zwischen Sender- und Empfängerposition ähnlich flexibel zu gestalten erlaubt, wie es im gesprochenen Gespräch der Fall ist" (Sandbothe_2000). Die Vernetzung schaffte auch in der Wissenschaft eine mediale Schnittstelle zwischen Autoren und Rezipienten, die keiner menschlichen Vermittlung durch Dritte (wie zum Beispiel Verlage) mehr bedarf (Naeder_2010). Mit der Etablierung eines globalen Kommunikationsnetzes ging auch die Vermutung einher, "dass im Internet als einem frei zugänglichen Medium mit geringen Zugangsbarrieren andere (...) Zugang zur Öffentlichkeit erhalten können, der ihnen bei den alten Medien verwehrt bleibt" und "Verbreitung von und der Zugang zu Informationen dezentralisiert wird" (Gerhards_2007). Auch wenn sich im Internet bisher keine direkte demokratischere Kommunikation finden lässt, herrscht weiterhin große Euphorie bezüglich der verminderten Zugangsbarrieren, der umfassenden Möglichkeiten für die Verbreitung und Vermittlung von Inhalten sowie für die Transformation klassischer Kommunikationsmedien und -kanäle (Gerhards_2007).

Digitale Souveränität und die Nutzung des Internets wird in Deutschland strukturell durch das Bildungsniveau und die erworbene Medienkompetenz bestimmt. Bei einer repräsentativen Befragung gaben 2014 92 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen mit abgeschlossenem Hochschulstudium an "Online" zu sein (Initiative_D21_2014). Ganz pragmatisch ausgedrückt, gehören zum Einsatz digitaler Medien in den Geisteswissenschaften "die Nutzung von Textverarbeitungssoftware genauso wie die Recherche im Bibliothekskatalog mittels OPAC und die Informationsbeschaffung und Kommunikation mittels World Wide Web und E-Mail" (Naeder_2010).

Im Zusammenhang mit der zunehmenden Verbreitung von Computer und Internet entwickelte sich der Webbrowser zu einer Kreuzung aus Buch und Fernseher, bei dem das multimediale Dokument von der Buchkultur als zentrales Wahrnehmungsobjekt übernommen wurde, zugleich aber darüber hinaus greift (Warnke_2011).Als weitere Veränderung in Abgrenzung zur Technologie des Buchdrucks revidierte das Internet "die Vorstellung von einem geschlossenen Sinngehalt" (Sandbothe_2000) mit einem Anfang und Ende wie zum Beispiel in einem Buch.

Die Buchkultur wird von einer Dialogkultur abgelöst, aber nicht vollständig verdrängt. Das Gedruckte kommt demnach als eine Art Rückzugs- oder Entlastungsmedium zum Einsatz (Hagner_2015). Dabei sind "wechselseitige Steigerungen, funktionale Kopplungen und vielfältige Kombinationen" zu erwarten und der damit einhergehende Medienwandel verändert vor allem "die bereits verbreiteten Medien und damit die medialen Verhältnisse einer Gesellschaft" (Koenen_1997), er verdrängt sie aber nicht zwangsläufig.

Die Entwicklung des Internets Ende des 20. Jahrhunderts war eng mit der Idee verbunden, dass sie "Freiheit" sichert, bietet, verbessert oder verstärkt. Der Computer, als Zugangsgerät zu digitalen Informationen, ermöglicht eine neue Form der Zusammenarbeit unterschiedlicher wissenschaftlicher Richtungen an einer gemeinsamen Arbeitsstation, eröffnet die Perspektive einer methodischen Integration unterschiedlicher wissenschaftlicher Betrachtungen und bietet die Chance der Vereinigung von bisher getrennten Notationssystemen von Alphabeten und mathematischen Symbolen (Kittler_2004). Doch auch nach 25 Jahren kann nicht abschließend evaluiert werden, inwieweit die Freiheit diesen Technologien innewohnt – und mit "free" nicht nur der Preis gemeint ist (Stallman_2002) – und wie sie gestaltet werden kann (Kelty_2014).

Erste Experimente mit offenem Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen

Die Zeitschriftenkrise und der gestiegene Publikationsdruck stellen zwei fundamentale Gründe für das Aufkommen der Forderungen nach Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlicher Literatur dar (Brintzinger_2010) (Wein_2010). Als Reaktion auf die Herausforderungen und auf Basis der Digitalisierung gründete Anfang der 1990er Jahre der Physiker Paul Ginsparg mit der Internetseite arXiv.org den ersten wissenschaftlichen Pre-Print-Dienst des Internets (Willinsky_2006) (Bjoerk_2004), der es Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ermöglichen sollte, Ideen vor der gedruckten Veröffentlichung zu teilen.

Ein Ausgangspunkt dafür waren die ersten Experimente mit offenem Zugang und freien Lizenzen für Publikationen in der Wissenschaft aus den 1960er Jahren und somit schon vor der Zeit der Erfindung des Internets. Noch bevor die digitalen Nutzungsmöglichkeiten verfügbar waren und bevor an das "globale Dorf" (McLuhan_1962) zu denken war, wurde vor allem in den Technik- und Naturwissenschaften eine "Pre-Print-Kultur" entwickelt, bei der die Autoren und Autorinnen ihre zur Begutachtung eingereichten Artikel zeitgleich oder bevor diese veröffentlicht wurden unter Kollegen über den Postweg zirkulieren ließen, um den Kommunikationsprozess zu beschleunigen (Hofmann_2016: 6). Darüber hinaus gab und gibt es "informelle Wege des Zugangs" zu wissenschaftlichen Publikationen: zum Beispiel durch Kollegen an Institutionen, die auf die Publikation zugreifen können, oder durch die direkte Anfrage einer Kopie beim Autor oder bei der Autorin (Davis_2011).

Mitte der 1990er Jahre forderte Steven Harnad die wissenschaftliche Community dazu auf, sofort mit der digitalen Selbstarchivierung und öffentlichen Zurverfügungstellung ihrer Beiträge zu beginnen (Albert_2006), um "den Barrieren, die zwischen ihrer Arbeit und ihrer (kleinen) Leserschaft aufgestellt werden, zu entkommen" (Harnad_1995).

Durch die zunehmende Verbreitung und Nutzung dieser digitalen Pre-Print-Dienste gründete sich im Oktober 1999 im Rahmen der "Santa Fe Convention" die "Open Archives Initiative", die sich maßgeblich mit den technischen und organisatorischen Aspekten der Transformation der wissenschaftlichen Kommunikation beschäftigte (van_de_Sompel_2000).

2001 wurde der europäische Ableger von der Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition (SPARC), einer der späteren "major player" der Open-Access-Bewegung, (Russell_2008) (Herb_2012) gegründet. Als Konsequenz aus der Zeitschriftenkrise sollte diese 1998 in den USA gegründete Allianz zwischen Universitäten und wissenschaftlichen Bibliotheken dafür Sorge tragen, dass die Kosten für wissenschaftliche Publikationen reduziert werden und durch die Bereitstellung kostengünstiger oder freier, nicht-kommerzieller, Peer-Review-Fachzeitschriften zu ersetzen sind. Durch Weiterbildung, politische Arbeit und die Förderung alternativer Geschäftsmodelle war es das Ziel von SPARC, Initiativen für offenes wissenschaftliches Publizieren zu stimulieren (SPARC_2015).

Die Manifestierung der Forderung nach offenem Zugang

In 2001 erschien Open Access erstmals im wissenschaftlichen Diskurs als öffentlichkeitswirksames Thema (SCIENCE_Editors_2001) (Roberts_2001). Die Public Library of Science (PLoS), gegründet im Oktober 2000, forderte die gesamte wissenschaftliche Gemeinschaft in einem offenen Brief im Mai 2001 dazu auf, ab September 2001 nur noch in Zeitschriften zu veröffentlichen, nur noch die Zeitschriften zu begutachten, zu editieren und zu abonnieren, deren Beiträge spätestens sechs Monate nach ihrer Erstveröffentlichung für jedermann im Internet kostenlos und unentgeltlich einsehbar sind (PLOS_2000). Nach 2 Jahren unterzeichneten nach eigenen Angaben rund 33.000 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus über 180 Nationen das Schreiben (PLOS_2003). Auf diesen Brief folgte eine 20-monatige, sehr aktive und öffentlichkeitswirksame Phase der Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation. In diesen 20 Monaten wird neben PLoS der britische Verlag Biomed Central als weiterer "Wegbereiter" für Open Access (Hofmann_2016: 8) gegründet und es entstehen drei der bis heute wichtigsten Erklärungen im Bereich der Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlicher Kommunikation (CREATe_2014):

  1. Erklärung der Budapest Open Access Initiative (Dezember 2002 und 2012)

    Im gleichen Jahr, in dem der PLoS-Brief erschienen war, wurden im Rahmen einer Konferenz des Open Society Institutes in Budapest mit der "Budapest Open Access Initiative" (BOAI) (BOAI_2002) erstmals die Bemühungen um Open Access in einer eigenen Erklärung zusammengefasst (Yiotis_2005) (Garcia_2010) (Bernius_2009). Im Fokus dieser Erklärung steht die Forderung nach freiem Zugang (ausschließlich) zu wissenschaftlichen Zeitschriftenpublikationen, "die zuvor einen Peer-Review-Prozess durchlaufen haben und anschließend, parallel zur Veröffentlichung in der Zeitschrift, im Netz frei zur Verfügung gestellt werden sollten" (Schirmbacher_2007).In der BOAI wird erstmals manifestiert, dass wissenschaftliche Peer-Review-Fachliteratur "kostenfrei und öffentlich im Internet zugänglich sein sollte, so dass Interessenten die Volltexte lesen, herunterladen, kopieren, verteilen, drucken, in ihnen suchen, auf die Volltexte verweisen, sie indexieren, sie als Daten weiterverarbeiten und sie auch sonst auf jede denkbare legale Weise benutzen können, ohne finanzielle, gesetzliche oder technische Barrieren jenseits von denen, die mit dem Internet-Zugang selbst verbunden sind" (BOAI_2002). Die Erklärung manifestiert auch: in "allen Fragen des Wiederabdrucks und der Verteilung und in allen Fragen des Copyrights überhaupt, sollte die einzige Einschränkung darin bestehen, den Autoren Kontrolle über ihre Arbeit zu belassen und deren Recht zu sichern, dass ihre Arbeit angemessen anerkannt und zitiert wird" (BOAI_2002).

    Die Erklärung manifestierte erstmals ein Bild davon, was eine Open-Access-Publikation von einer Veröffentlichung in einer herkömmlichen Fachzeitschrift und von einer kostenlosen, aber nur sehr eingeschränkt nutzbaren Digitalversion eines Artikels unterscheidet, und eignet sich demnach als Anknüpfungspunkt für die Open-Access-Bewegung (Naeder_2010). Sie bezog sich dabei explizit erst einmal nur auf wissenschaftliche Zeitschriftenliteratur (BOAI_2002).

    Anlässlich des zehnten Jahrestages der BOAI wurde von der Open Society Foundation mit der BOAI 10 (2012) die ursprüngliche Erklärung um weitere Richtlinien und Empfehlungen für die Entwicklungen und Herausforderungen bei der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation ergänzt. Die Initiatoren kommen unverändert zu dem Schluss, dass "noch immer Zugangsbeschränkungen zu Peer-Review-Forschungsliteratur, meist eher zugunsten der Verlage, als zugunsten der Autoren, Reviewer oder Redakteure und damit auch auf Kosten der Forschung, Forscher und Forschungseinrichtungen" (BOAI_2012) bestehen. Dazu heißt es in der überarbeiteten Erklärung: "Nichts aus den letzten zehn Jahren lässt darauf schließen, dass das ursprüngliche Ziel von Open Access weniger sinnvoll oder erstrebenswert erscheint. Im Gegenteil, die Notwendigkeit, dass Wissen für jeden, der es nutzen, anwenden oder darauf aufbauen kann, offen verfügbar sein sollte, ist dringlicher als je zuvor" (BOAI_2012). Darüber hinaus erfolgte auch eine Adaption der weiterführenden Aspekte der Stellungnahme von Bethesda und der Berliner Erklärung.

  2. Die Bethesda Stellungnahme (Juni 2003)

    Ein Jahre nach Veröffentlichung der initialen Version der BOAI-Erklärung, im Juni 2003, verabschiedete eine Gruppe von Forschungsförderern, wissenschaftlicher Gesellschaften, Verlegern, Bibliothekaren, Forschungseinrichtungen und einzelner Wissenschaftler im US-Bundesstaat Maryland das "Bethesda Statement on Open Access Publishing" (Suber_2003a). Ziel der Erklärung war die Stimulation der Diskussion in der biomedizinischen Forschung, "wie man schnellstmöglich den offenen Zugang zu der primären wissenschaftlichen Literatur in der Biomedizin erreichen könnte" (Suber_2003a). Ähnlich wie in der BOAI benannten die Autoren und Autorinnen des "Bethesda Statements on Open Access Publishing" die Bedingungen für den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen (Suber_2003a):

    Erstens werden Autor(en) und Urheberrechts-Inhaber aufgefordert, für alle Benutzer ein freies, unwiderrufliches, weltweites und unbefristetes Recht auf den Zugang zu genehmigen sowie eine Lizenz zu verwenden, die das Kopieren, Nutzen, Verbreiten, Übertragen und öffentliches Darstellen der Publikation ermöglicht. Darüber hinaus soll es erlaubt sein, abgeleitete Werke zu verteilen und in jedem digitalen Medium für jeden Zweck zu veröffentlichen, vorbehaltlich einer angemessenen Zuordnung der Urheberschaft. Das beinhaltet auch das Recht auf eine kleine Anzahl gedruckter Kopien für den persönlichen Gebrauch.

    Zweitens muss eine vollständige Version der Arbeit und aller ergänzender Materialien, einschließlich einer Kopie der Genehmigung, wie oben erwähnt, in einem geeigneten elektronischen Standardformat unmittelbar bei der ersten Veröffentlichung in mindestens einem Online-Repositorium, das von einer wissenschaftlichen Einrichtung unterstützt wird, hinterlegt werden. Dieses Repositorium muss von einer wissenschaftlichen Gesellschaft, Regierungsbehörde oder einer anderen etablierten Organisation akzeptiert sein. Diese muss sich für einen offenen Zugang, uneingeschränkte Verbreitung sowie Interoperabilität und Langzeitarchivierung (für die biomedizinischen Wissenschaften ist PubMed Central ein solches Repository) verpflichtend einsetzen.

    Die Bethesda Stellungnahme ist in einigen Punkten präziser als die Budapester Erklärung, öffnet aber ihren Wirkungsraum auch auf Monografien und nicht-wissenschaftliche Publikationen. So enthält die Stellungnahme und der damit einhergehende Definitionsversuch Erweiterungen, die später in der Berliner Erklärung ebenfalls aufgegriffen werden, adressiert die Zugänglichkeit von im Rahmen der Publikationen erarbeiteten Zusatzmaterialien wie Mess- und statistische Daten, fordert das "Recht zur Erstellung und Publikation abgeleiteter Werke" (Derivate), "bindet Open Access unmittelbar an digitale Medien", schreibt sofort nach der Erstveröffentlichung die frei zugängliche Veröffentlichung vor und rückt Open Access in die Nähe offener und freier Inhalte im weiteren Sinne (Naeder_2010).

  3. Die Berliner Erklärung (Oktober 2003)

    Einen weiteren Meilenstein für die Verbreitung der Idee von Open Access auf dem europäischen Kontinent stellten die "Berlin Konferenzen" (CREATe_2014) dar. Die erste Tagung wurde 2003 von der Max-Planck-Gesellschaft und dem Projekt European Cultural Heritage Online (ECHO) organisiert, um über "Zugangsmöglichkeiten zu Forschungsergebnissen" zu diskutieren. In diesem Rahmen entstand 2003 auch die "Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen" (Berliner_Erklaerung_2003), in der die Verfasser über die Budapester und die Bethesda Erklärung hinausgehen und neben dem kostenlosen und freien Zugang zu wissenschaftlichen Endergebnissen in Form von Publikationen auch den freien und offenen Zugang zu wissenschaftlichen Daten fordern. "Open Access-Veröffentlichungen umfassen originäre wissenschaftliche Forschungsergebnisse ebenso wie Ursprungsdaten, Metadaten, Quellenmaterial, digitale Darstellungen von Bild- und Graphik-Material und wissenschaftliches Material in multimedialer Form" (Berliner_Erklaerung_2003).

    Mit dieser Ausweitung der Erklärung auf die Daten hinter den Publikationen formiert sich erstmals ein klares erweitertes Verständnis von Open Access. Damit entsteht auch die erste Grundlage für erste Ansatzpunkte zur Eingrenzung des Open-Science-Begriffs, da hier der offene Zugang als eine "umfassende Quelle menschlichen Wissens und kulturellen Erbes, die von der Wissensgemeinschaft bestätigt wurde" (Berliner_Erklaerung_2003) verstanden wird. Die Erklärung schließt damit jegliche wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Arbeiten ein, "unabhängig von Disziplin und Art der Publikation" und "jedweder Herkunft" (Naeder_2010). Die Diskussionen um die Berliner Konferenzen konzentrieren sich in diesem Stadium aber dennoch hauptsächlich auf den bereits abgeschlossenen wissenschaftlichen Prozess und die finale wissenschaftliche Publikation.

    Die Autoren und Autorinnen der Berliner Erklärung erahnten die Bedeutung und möglichen Konsequenzen ihrer umfassenden Forderungen sowie die Herausforderungen bei der Umsetzung. Nur so erklärt sich die "Diskrepanz zwischen der kompromisslosen Proklamation der Prinzipien und der durch vorsichtige Wortwahl geprägten "Unterstützung des Übergangs zum ‚Prinzip des offenen Zugangs’" in der Praxis" (Lossau_2007).

Alle drei Erklärungen, auch die "three B's" genannt (Suber_2004), gelten als die anerkanntesten Erklärungen zu Open Access und stimmen in den wesentlichsten Merkmalen überein (Albert_2006), divergieren aber in Detailfragen (Naeder_2010). Sie alle eint vor allem die Kernforderung nach der Beseitigung der preislichen und partiell der rechtlichen Barrieren bezüglich des freien Zugangs zu den wissenschaftlichen Publikationen. Sie alle haben zwar keine rechtlich bindenden Interventionen und keine Sanktionsmechanismen, nutzen aber Anreizelemente für die Durchsetzung der definierten Forderungen. Weiterhin eint sie, dass alle drei Erklärungen ihre Ursprünge in den naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fächern haben und vornehmlich auf den Erfahrungen mit der Zeitschriftenkrise in diesen Fächern basieren (Naeder_2010). Trotz der Unterschiede im Detail ähneln sich die Erklärungen auch bei der geforderten Beseitigung der Barrieren für die kommerzielle Nutzung und der Erstellung von Derivaten (CREATe_2014). Die drei Erklärungen wurden darüber hinaus "von unterschiedlicher Seite vielfach präzisiert, interpretiert, eingeschränkt und erweitert" (Naeder_2010), woraufhin sich eine "BBB- Definition (Budapest-Bethesda-Berlin) von Open Access etabliert hat" (Schirmbacher_2007). Diese wird in dieser Arbeit jedoch nur als ein weiterer grundsätzlicher Bezugsrahmen für die Annäherung an die Begrifflichkeiten von Open Access und Open Science betrachtet.

Schon ein Jahr vor der ersten Open-Access-Erklärung, in 2001, folgte die Entwicklung und 2002 die Veröffentlichung der ersten Creative Commons Lizenzen (Garcia_2010). Diese Lizenzen waren inspiriert von den Lizenzen der freien Softwarebewegung und wurden kostenlos zur Verfügung gestellt (Minjeong_2007). Sie ermöglichten das freie Lizenzieren von Werken für bestimmte Verwendungen unter bestimmten Bedingungen oder ermöglichten die gemeinfreie Nutzung ohne Einschränkungen. Die Creative-Commons-Lizenzen bilden bis heute die urheberrechtliche Grundlage für eine Vielzahl der Open-Access-Publikationen weltweit (Hofmann_2014). Ende 2004 waren 4,7 Millionen Werke unter einer CC-Lizenz verfügbar (Creative_Commons_2015a). Nach eigenen Angaben von Creative Commons (Creative_Commons_2015b) stieg die Anzahl der unter CC-lizenzierten Werke auf 50 Millionen im Jahr 2006, 400 Millionen in 2010 und 882 Millionen in 2014. Seit 2010 ist auch ein Wechsel hin zu offenen Lizenzmodellen innerhalb der CC-Lizenzen ersichtlich. Waren 2010 noch 60 Prozent der 400 Millionen Werke unter den restriktiven CC-Lizenzen veröffentlicht, sank der Anteil in 2014 auf 44 Prozent. Die modularen Lizenzen sind im Kontext von Open Access besonders wichtig, "um (Nach-)Nutzungsmöglichkeiten für Texte, Daten und andere wissenschaftliche Erzeugnisse festlegen zu können" (Hofmann_2014: 163).

Weitere Etablierung von Offenheit

Im Jahr 2003 entstand das Portal Directory of Open Access Journals (DOAJ), das bis zum Jahr 2013 von der schwedischen Universität Lund betrieben wurde (DOAJ_2015). Das Portal ist eine zentrale Anlaufstelle für Open-Access-Journale (Suber_2015) und "zielt darauf ab, Ausgangspunkt für qualitative und peer-reviewte open access Materialien zu sein" (DOAJ_2015). 2012 folgte dem DOAJ-Modell mit dem Directory of Open Access Books (DOAB) ein Portal für qualitätsgeprüfte Open-Access-Bücher und -Monografien (Adema_2013).

Anfang 2006 reagierte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) auf die Entwicklungen und verabschiedete eine Richtlinie (DFG_2006), nach der sie zwar nicht voraussetzt, aber "erwartet", dass Publikationen aus DFG-geförderten Projekten "möglichst" als Open Access veröffentlicht werden (DFG_2014a). Eine ähnliche Erklärung verabschiedete auch die größte amerikanische Förderinstitution National Institutes of Health (NIH) und "stellte mit PubMed Central (PMC) eine entsprechende Plattform bereit (Mueller_2010). Anfangs wurde die "offene" Veröffentlichung der Publikationen unter den Kriterien und Bedingungen der Erklärungen aufgrund eines Aufschreis der Verlage nur "empfohlen". Die Verlage sahen in der Richtlinie einen Untergang der wissenschaftlichen Qualitätssicherungsprozesse (Baggs_2006). In 2008 wurde die Veröffentlichung NIH-geförderter Publikationen nach einer Embargozeit dennoch verpflichtend (Hanekop_2014). Aktuell gibt es in Deutschland keine zentrale Plattform wie PMC und die Veröffentlichung der geförderten Ergebnisse als Open Access ist weiterhin nicht bindend.

Auf die Entwicklungen folgten viele weitere "anerkennende" weiche Erklärungen unterschiedlicher Gruppen, mit "Bekenntnissen", "Empfehlungen" und "Einladungen" das Ziel der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation zu fördern. Hier eine Auswahl der Dokumente:

  • 2004 erschien die "Declaration on Access to Research Data" (OECD_2004) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Regierungen "erkennen in dieser Erklärung die Forderung zum Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen aus steuerfinanzierter Forschung an" und "bekennen sich" zu der Notwendigkeit eines Zugangs zu wissenschaftlichen Daten. In der Erklärung bekennen sich die OECD-Staaten (darunter auch Deutschland) darüber hinaus, gemeinsame Regelungen für den Zugang zu digitalen Forschungsdaten aus öffentlichen Mitteln unter Berücksichtigung sozialer, wissenschaftlicher und ökonomischer Interessen zu schaffen.
  • 2007 Die "Kronberg Declaration on the Future of Knowledge Acquisition and Sharing" (Kronberg_Declaration_2007) der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) aus dem Jahr 2007 thematisiert generell das Thema Wissen, dessen Zukunft und sieht es als Schlüssel zu sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung. Zudem beschreibt sie Veränderungen bei der Erstellung, Aneignung und Verbreitung des Wissens im Rahmen neuer Informationstechnologien. Sie entstand im Rahmen eines Treffens einer Expertengruppe am 22. und 23. Juni 2007. Wie die vorherigen Erklärungen beinhaltet sie zwar weder konkrete Ziele noch Anreiz- oder Zwangsmechanismen, setzt aber konkrete Anknüpfungspunkte und kommuniziert "Empfehlungen" an die Weltgemeinschaft für den Umgang mit Wissen in den nächsten 25 Jahren. Im Gegensatz zu den "three B's" fokussiert sie dabei nicht nur wissenschaftliche Kommunikation, sondern fordert die weitere Unterstützung für Open Access und ebenfalls die Öffnung von Daten. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Arbeitsgruppe hatten mehrheitlich einen wissenschaftlichen Hintergrund (UNESCO_2007).
  • 2007 veröffentlicht der Rat der Europäischen Union die "Council Conclusions on scientific information in the digital age: access, dissemination and preservation" (EU_Council_2007) und "lädt" die Mitgliedsländer und die europäischen Institutionen ein, neue Strategien und Strukturen für die Verbesserung des Zugangs zu und die Sicherung und Verbreitung von wissenschaftlichen Informationen zu entwickeln.
  • 2012 setzt sich das "The Cost of Knowledge Manifesto" (Gowers_2012) ] im Gegensatz zu den bisher genannten Erklärungen nicht direkt für die Verbesserung des Zugangs zu wissenschaftlichen Informationen ein, sondern gegen die Praxis eines konkreten Wissenschaftsverlages: Elsevier. Dazu startete der Mathematiker Gowers einen Boykottaufruf gegen die überhöhten Subskriptionspreise des Verlages, die Form der Bündelung von wissenschaftlichen Inhalten sowie gegen die politische Arbeit von Elsevier gegen die Verbreitung von Open Access. Über 15.000 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (Stand: August 2015) haben das Manifest bisher unterzeichnet und öffentlich auf der Webseite angegeben, in welcher Weise sie in Zukunft die Zusammenarbeit mit dem Verlag einstellen wollen. Elsevier antwortete im Februar 2012 auf den Boykott (Elsevier_2012), konnte aber die Vorwürfe nicht restlos ausräumen.

Von Open Access zu Open Science

Die zunehmende Verbreitung des Internets, die zunehmende Digitalisierung wissenschaftlicher Abläufe und die Möglichkeiten des kollaborativen Arbeitens über digitale Infrastrukturen haben die "praktischen und wirtschaftlichen Bedingungen für die Verbreitung von wissenschaftlichem Wissen und kulturellem Erbe grundlegend verändert" (Berliner_Erklaerung_2003). "Publikationen" erstrecken sich bei dem Konzept der offenen Wissenschaft (Open Science) auf möglichst sämtliche Prozesse, die zum wissenschaftlichen Erkenntnisprozess beitragen.

Die 2010 veröffentlichten Panton Principles (Murray-Rust_2015) greifen einen Teil dieser Erweiterung des offenen Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen auf und ergänzen diesen um den offenen Zugang zu den (Roh-)Daten der jeweiligen Publikation. Sie folgen unter anderem der Annahme, dass andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie die Gesamtgesellschaft nur dann vollumfänglich von wissenschaftlicher Forschung profitieren können, wenn auch der Kern der Forschung, die Daten auf der sie basiert, unter den Kriterien der "Open-Definition" (Open_Definition_2014) zur Verfügung stehen.

Die Mehrzahl der bis dahin veröffentlichten Open-Access-Erklärungen bezogen sich auf die Öffnung der finalen wissenschaftlichen Publikationen (mit Ausnahme der Berliner Erklärung, die auch auf die Öffnung von Daten eingeht), mit maximal geringfügiger Änderung des Kommunikationssystems. Open Science wiederum zielt auf eine Transformation des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Die Europäische Kommission sieht in diesem Transformationsprozess vor allem in Hinblick auf die Demokratisierung von Forschung neue Disziplinen und Forschungsthemen, die Symbiose aus Wissenschaft, Gesellschaft und Leitlinien sowie transparenter, reproduzierbarer Forschung (European_Commission_2015a).

Im Jahr 2013 konsultierte die Europäische Kommission in diesem Zusammenhang über 130 Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung, Industrie, Forschungsförderung, Bibliotheken, Verlagen und Anbietern von Forschungsinfrastrukturen, um die Implikationen aus diesem raschen technologischen Wandel zusammenzufassen sowie Grundlagen für das kommende europäische Forschungsförderungsprogramm (Horizon 2020) zu definieren. Dabei stehen vor allem Forschungsdaten und die Digitalisierung wissenschaftlicher Kommunikation im Vordergrund. Aus Sicht der Forscher und Forscherinnen umfassen Forschungsdaten alle Daten aus einem Experiment, Analyse oder Messung, einschließlich Metadaten und Details über die Verarbeitung der Daten (European_Commission_2013). Für Verlage handelt es sich dabei ausschließlich um Daten, die mit der finalen Publikation verknüpft sind (European_Commission_2013).

Soziale Medien und die technologischen (Weiter-)Entwicklungen im letzten Jahrzehnt in Bezug auf Geschwindigkeit der Verbreitung von Informationen und Speicherkapazität für Daten ermöglichen erstmals die digitale Bereitstellung sämtlicher Erkenntnisse und Informationen, die in der Wissenschaft gewonnen werden. Die Berliner Erklärung (siehe Abschnitt 2.1.a.vii.) nimmt diese Gedanken schon 2003 auf und ergänzt die Forderung nach offenem Zugang zu originären wissenschaftlichen Forschungsergebnissen um "Ursprungsdaten, Metadaten, Quellenmaterial, digitale Darstellungen von Bild- und Graphik-Material und wissenschaftliches Material in multimedialer Form" (Berliner_Erklaerung_2003).

Im April 2012 wurde die Erklärung "Open Science for the 21st century" vom Zusammenschluss der Europäischen Akademien (ALLEA) verabschiedet (ALLEA_2012). Sie war nur eine von mehreren Erklärungen und Positionspapieren für die Öffnung von Wissenschaft durch international angesehene Einrichtungen, durch die verdeutlich wurde, dass die Forderung nach offenem Umgang mit Wissen und Information im wissenschaftlichen Bereich zunehmend an Relevanz gewinnt (Schulze_2013).

2013 folgte mit der "San Francisco Declaration on Research Assessment" (DORA) (DORA_2013) der öffentliche Aufruf, nicht länger auf journal-basierte Metriken als Maß für die Messung der Qualität einzelner Forschungsartikel oder bei der Einstellung, Beförderung oder bei Forschungsförderungsentscheidungen zu setzen. Die Erklärung fordert zudem Forschungsförderer auf, die gesamte Forschungsleistung und die Wirkung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zu berücksichtigen. Dazu gehören neben der Publikation auch die Datensätze und die Software sowie der Quellcode.

Beide Erklärungen beschreiben auf unterschiedliche Art und Weise eindrücklich die Notwendigkeit der Öffnung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses weit über den reinen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen hinaus. Nur durch eine Öffnung des gesamten Prozesses wissenschaftlicher Forschung, so die Annahme, könne die Wissenschaft dem gesellschaftlichen Auftrag des Wissenschaftssystems im digitalen Zeitalter vollumfänglich gerecht werden und die Herausforderungen an das wissenschaftliche Kommunikationssystem gelöst werden.

Ökonomie der wissenschaftlichen Kommunikation

Die klassische Ökonomie der wissenschaftlichen Kommunikation beruht auf der Durchsetzung von Urheberrechten. Diese beschränken den Zugang und Zugriff auf urheberrechtlich geschützte Inhalte sowie auf deren Wieder- und Weiterverwendung. Leser und Leserinnen können nur gegen die Zahlung einer Gebühr Zugang zu der Veröffentlichung erhalten (CREATe_2014). Das gilt vor allem für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Das wissenschaftliche Publizieren kann dabei als "gesellschaftlich bedingter Kreislauf" (Schirmbacher_2009) betrachtet werden. Eine Besonderheit der Ökonomie wissenschaftlicher Kommunikation, die von spezifischen Akteuren und Prozessen geprägt wird, ist die Organisation des Marktes (Hess_2006). Im Rahmen der formellen wissenschaftlichen Kommunikation und des wissenschaftlichen Verlagsgeschäfts, "ist es der Staat, der diesen Markt schafft" (Hirschi_2015: 7). Die Ökonomie der wissenschaftlichen Kommunikation, ihre Akteure und Prozesse können wie folgt unterteilt werden (Hess_2006):

  1. Erstellung von Inhalten durch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (Erstellung): Der Kreislauf beginnt mit der Anfertigung der geistigen Werke durch die Autoren und Autorinnen (Schirmbacher_2009). Nach der Entwicklung eines konkreten Forschungsvorhabens sowie einer wissenschaftlichen Fragestellung entstehen im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung oder der jeweiligen Untersuchung Daten, die im Forschungsprozess gesammelt, analysiert, ausgewertet, aufbereitet und verschriftlicht werden. Die Ergebnisse werden abschließend strukturiert zusammengefasst und niedergeschrieben (Hess_2006).
  2. Qualitätskontrolle und die Bewertung von Inhalten (Bewertung): Die Qualitätskontrolle ist wesentlicher Bestandteil der wissenschaftlichen Kommunikation. Sie sichert die gewonnenen Erkenntnisse und stellt einen klaren Abgrenzungsaspekt zu nicht-wissenschaftlichen Informationen und Erkenntnissen dar (Luhmann_1998). Sie findet im Kommunikationsprozess an zwei Stellen des Prozesses statt (siehe auch abschließende Aufnahme von Wissen). Bei der initialen Bewertung wird die Publikation der Erkenntnisse vom Verlag organisiert (Schirmbacher_2009) und von anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen überprüft und gesichert (Peer Review) (Hess_2006).
  3. Auswahl der Inhalte durch Verlage (Bündelung):Die Verlage kuratieren in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die wissenschaftlichen Inhalte für die Publikation. Bei wissenschaftlichen Journalen werden zum Beispiel die eingereichten Beiträge gebündelt und in einer Ausgabe mit anderen Beiträgen zusammengefasst.
  4. Publikation der Inhalte durch Verlage (Druck): Nach Erstellung und Erkenntnissicherung findet die "eigentliche Publikation" (Schirmbacher_2009) der Informationen statt. Bis zur Digitalisierung bestand dieser Schritt ausschließlich aus dem Druck der Inhalte auf Papier. Im Rahmen der Digitalisierung besteht der Prozess in der Aufbereitung der Beiträge für die digitale Verbreitung.
  5. Distribution der Inhalte durch die Verlage (Verbreitung): Der Vertrieb und die Verbreitung von Forschungsergebnissen an die wissenschaftliche Community ermöglicht den Zugriff auf die Informationen durch andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Dieser Schritt stellt einen essentiellen Tei der Zirkulation und Kommunikation des neu gewonnenen Wissens dar. Er sichert die Verfügbarkeit sowie die Möglichkeit des Zugriffs auf die Informationen und ist Teil des Selektionsprozesses für die Erschaffung neuen Wissens (Nosek_2015).
  6. Support und Archivierung (Archivierung): Erschließung, Aufbewahrung und Bereitstellung der Publikation durch Bibliotheken (Schirmbacher_2009). Die Bibliotheken unterstützen Wissenschaftler und Institutionen bei der Bewahrung und der Archivierung von Wissen (Koelbel_2002).
  7. Konsum und Rezeption der Inhalte (Aufnahme von Wissen): In diesem Schritt wird durch den Vergleich neuer Ergebnisse mit bereits publizierten Inhalten sowie durch die Diskussion der Ergebnisse in der Gemeinschaft erneut die wissenschaftliche Qualität gesichert (Umstaetter_2007). Die Rezeption der veröffentlichten Inhalte durch die wissenschaftliche (Fach-)Gemeinschaft ist damit der letzte Schritt des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses. Aus der Mitte der wissenschaftlichen Gemeinschaft heraus entsteht durch diese Verschriftlichung der wissenschaftlichen Kommunikation und das Aufgreifen durch die Gemeinschaft neues Wissen (Schirmbacher_2009) und der Kommunikationsprozess beginnt von vorn.

An dem System der Wissenschaftskommunikation und dem Prozess des wissenschaftlichen Publizierens sind neben Fachgesellschaften, dem Buchhandel, Zeitschriftenagenturen und der Öffentlichkeit (Seidenfaden_2005: 6) vor allem drei Gruppen beteiligt: erstens die Wissenschaftler als Produzenten und Konsumenten der Informationen, zweitens die kommerziellen Verleger, die als Intermediäre wissenschaftliche Informationen sammeln, bündeln und verkaufen, sowie drittens die Bibliotheken, die die Informationen wieder den Wissenschaftlern zur Verfügung stellen (Odlyzko_1997).

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stehen dabei an einer komfortablen Stelle des wissenschaftlichen Produktions- und Distributionssystems (Herb_2010), da sie ausschließlich mit der Verarbeitung und Neuerstellung von Wissen beschäftigt sind. Den Erwerb der Publikationen übernehmen die Bibliotheken und mit der Distribution sind die Verlage befasst. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verfügen häufig über sehr gute Zugangsmöglichkeiten zu wissenschaftlichen Informationen durch ihre Forschungsinstitutionen (Cope_2014). In dieser Position als Autoren und als Leser sind sie mit den finanziellen Herausforderungen beim Vertrieb von Wissen nicht konfrontiert. Sie werden an staatlichen, wissenschaftlichen Institutionen größtenteils durch öffentliche Gelder finanziert und erhalten durch die Bibliotheken ihrer Institution Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen. Sie schreiben Texte für die Publikation in wissenschaftlichen Verlagen und werden im Rahmen der Veröffentlichung mit Reputation "belohnt". In diesem Publikationskreislauf sind die Verlage die einzige voll-privatwirtschaftliche Gruppe, die Ressourcen aus dem System herauszieht, ohne dass diese Ressourcen vollständig dem Kreislauf der Wissenschaftskommunikation wieder zugeführt werden (Kiley_2006).

Wissenschaftliche Inhalte werden bisher vor allem über drei grundlegende Vertriebsarten zur Verfügung gestellt (Cope_2014):

  1. Wissen als Inhalt zum Verkauf: Der größte Anteil wissenschaftlicher Publikationen wird über den Verkauf vertrieben. Allein für die STM-Fächer (Science, Technology, Medicine) wird von einem Markt von 10 Milliarden Dollar für wissenschaftliche, englischsprachige Zeitschriften und weiteren 5 Milliarden Dollar für Bücher ausgegangen (Ware_2015: 6).
  2. Wissen als vollkommen "kostenlose" Ressource: Diese Art des Vertriebs folgt der Maxime, dass die Wissenschaft theoretisch die Verantwortung mit sich trägt, die größtmögliche Verbreitung zu erreichen. Damit sind in der Masse (bis auf einige Ausnahmen) meist noch gering verbreitete Vertriebsmodelle gemeint, bei denen der Leser oder die Leserin kostenlos auf Inhalte zugreifen kann und auch dem Autor oder der Autorin keine Kosten entstehen. Notwendige Erlöse für die Bereitstellung der Plattformen können hier über Werbung oder Zusatzdienste erzielt werden.
  3. Wissen als bei der Produktion bezahlte Ressource: Ein wachsendes Modell für die kostenlose und offene Bereitstellung wissenschaftlicher Inhalte, bei dem der Autor oder die Autorin (oder die Förderinstitution) die Kosten für die Veröffentlichung und Verbreitung übernimmt.

Für die Betrachtung der ökonomischen Prozesse im Rahmen dieser Arbeit steht das Dilemma im Vordergrund, dass "in der Regel wissenschaftliche Arbeiten zwar mit öffentlichen Mitteln finanziert, aber von privaten Verlagen in Fachzeitschriften herausgegeben" (Cloes_2009: 9) werden sowie die Rolle der wissenschaftlichen Akteure in diesem System. Kritisch betrachtet basiert dieses System demnach auf einer "sozial ineffizienten" Grundlage (Mueller-Langer_2010: 47), bei der durch öffentliche Gelder geförderte wissenschaftliche Arbeiten exklusiv von privatwirtschaftlichen Verlagen vertrieben werden. Diese Ökonomie der Wissenschaftsverlage ist zwar nicht neu und hat sich im Laufe der Zeit, spätestens seit den 1960er Jahren weiter ausdifferenziert, die Wahrnehmung einer Unverhältnismäßigkeit in diesem System, insbesondere bei der Preisgestaltung für wissenschaftliche Publikationen (King_2008), findet allerdings erst seit Kurzem statt (CREATe_2014) und wird als ein Grund für die Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation erachtet (Yiotis_2005) (Herb_2010).

Digitalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation

Als Digitalisierung werden folgend Fortschritte im Kommunikationssystem bezeichnet, die durch die Entwicklung elektronischer Informations- und Kommunikationstechnologien angestoßen wurden (BBAW_2015). Diese Fortschritte lassen das wissenschaftliche Publikationswesen und die wissenschaftliche Kommunikation nicht unberührt (Naeder_2010). Wie bereits in der Einleitung dieser Arbeit dargestellt, üben die Digitalisierung und die dahinterstehenden Technologien einen tiefgreifenden Einfluss auf die wissenschaftlichen Prozesse in allen Fachdisziplinen aus, die im Verlauf dieser Arbeit genauer untersucht werden.

Dieser Einfluss ergibt sich aus einer der wichtigsten Unterschiede der digitalen Kommunikation im Vergleich zur analogen Kommunikation. Digital kommunizierte Inhalte sind im Vergleich zu analogen Inhalten weder endgültig noch endlich und weder im Kern noch in der Form fixiert, denn sie können leicht geändert werden und das ohne Spur von Löschung oder Korrektur (Smith_1999a). Aus digitalen Informationen kann eine endlose Anzahl identischer Kopien erstellt werden, ohne dass ein Zerfallsprozess eintritt (Smith_1999a). Ergänzt durch die Möglichkeit, diese Informationen in einem weltumspannenden Netzwerk in nahezu Echtzeit unabhängig von Ort und Zeit zu transportieren, haben diese fundamentalen Veränderungen für die Informationsspeicherung, -kommunikation und -verbreitung auch einen direkten Einfluss auf die wissenschaftliche Kommunikation, die bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich auf dem Austausch analoger Medien und Kommunikation basierte (Seidenfaden_2005). Die weitgehende Verlagerung des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses in die digitale Welt führt dazu, dass mittlerweile über 90 Prozent der englischsprachigen Journale online verfügbar sind und es einen anhaltend ansteigenden Trend zu Journalen gibt, die nur digital abrufbar sind (Cope_2014) (Gould_2009: 233) (Willinsky_2006).

Mit diesem digitalen Wandel in der wissenschaftlichen Kommunikation ist die Chance für eine umfassende "Beschleunigung des Wissensumschlages" (Wenzel_2003) und die Möglichkeit einer im Prinzip unbegrenzten Verbreitung aller wissenschaftlichen Publikationen (BBAW_2015: 11) (Yiotis_2005) auch an nicht-wissenschaftliche Zielgruppen (Konneker_2013) verbunden. Durch die Digitalisierung und die neuen Möglichkeiten der Dissemination befindet sich bisher vor allem die externe und informelle Kommunikation im Wandel. Als Konsequenz dieses Wandels sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen heute in der Lage, ihre Arbeiten öffentlich auf diversen digitalen Plattformen darzustellen, sich so von der Kommunikation über professionelle wissenschaftliche Fachmedien zu "befreien" und direkt mit Teilen innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu interagieren (Konneker_2013).

Diese ersten Veränderungen sind mit der Hoffnung verknüpft, dass offene Innovation und offene wissenschaftliche Kommunikation, wie auch veränderte Zugriffsmöglichkeiten auf wissenschaftliches Wissen (Naeder_2010: 109) den privaten und staatlichen Forschungsbereich offener, integrativer und effizienter machen können (Harmon_2012). Für die formelle wissenschaftliche Kommunikation und das Publikationssystem fasst Johannes Näder das weitere Potenzial der Digitalisierung in folgenden vier Punkten zusammen (Naeder_2010: 66-76):

  1. Ökonomische Effizienzsteigerung und Kostenersparnis: Platzersparnis und, abgesehen von der initialen Digitalisierung analoger Bestände, fallende Kosten für die Bestandserhaltung; verbesserte Verfügbarkeit
  2. "Paradigmenwechsel bei der Archivierung": Effizienzsteigerung bei der Bestandserhaltung inklusive besserer Nutzung von Skaleneffekten und Dezentralisierung; identische Kopierbarkeit; Aufhebung der Nutzbestände und der Archivbestände; Trennung der Information von ihrem Trägermedium: nicht mehr die Langzeithaltbarkeit eines physischen Trägermediums ist ausschlaggebend, sondern die Erstellung identischer Kopien
  3. Veränderte und verbesserte Produktions- und Publikationsabläufe: neue Möglichkeiten der Textproduktion, -verarbeitung-, -überarbeitung und -transmission; Anreicherung von Inhalten; Autor und Autorin zunehmend mit Gestaltung und Schriftsatz beschäftigt
  4. Stabilisierung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems: Kosteneinsparungen bei Produktion, Distribution, Zugänglichmachung und Archivierung; Funktionsverschiebungen vom Verlag hin zum Autor und Rezipienten lockern starre Publikations- und Erkenntnisketten

Die Vernetzung im Rahmen der Digitalisierung ermöglicht erstmals eine direkte Schnittstelle zwischen Autoren und Rezipienten, die grundsätzlich keiner Vermittlung durch Dritte mehr bedarf. Als Konsequenz dieser Veränderungen obliegt es mehr denn je dem Leser und der Leserin, aus einer größeren Menge an theoretisch verfügbaren Werken die für ihn wichtigen Informationen zu identifizieren (Hagner_2015), denn "verlagliche Mittler- und Selektionsinstanzen werden dadurch aus ihrer medialen Bindung gelöst und stehen zumindest in ihrer traditionellen Rolle zur Disposition" (Naeder_2010: 109).

Als ganz konkrete Veränderung erfolgte bisher mit der Etablierung der digitalen Kommunikation eine Veränderung der Kategorisierung wissenschaftlicher Kommunikation. Während im Druckzeitalter die formelle und interne wissenschaftliche Kommunikation eng an die bibliometrischen Indikatoren geknüpft war und eindeutig von der informelle und externen Kommunikation abgegrenzt werden konnte, scheinen diese klaren Grenzen im Rahmen der Digitalisierung zu verschwimmen, auch wenn das "jedoch nur vermittelt und mit zeitlicher Verzögerung Wirkungen auf das formelle Publikationssystem zeigt" (Hanekop_2014). Hanekop definiert diesbezüglich den folgenden Zusammenhang: "Je größer die Abkopplung zwischen informellen und formellen Aspekten der wissenschaftlichen Kommunikation in einem disziplinären, thematischen oder nationalen Wissenschaftsbereich, umso geringer, vermittelter oder langwieriger kann auch die Wirkung des Internets auf diesen Teilbereich des Publikationssystems sein" (Hanekop_2014). Ben Kaden fasst diese Veränderungen im Kommunikationssystem als kanalerweiterte Wissenschaftskommunikation zusammen und erklärt diese als "Form der Wissenschaftskommunikation, die die informelle und formelle ergänzt" und die "individuell affirmativ" als "eine Art informelles offenes Post Review" verstanden werden kann (Kaden_2009).

Diese neuen Formen und Kulturen der Kommunikation führen jedoch auch zu neuen Fragen in Bezug auf mögliche Ungleichgewichte und Verzerrungen innerhalb des Wissenschaftssystems und erhöhen damit auch die Herausforderung, die Auswirkungen wissenschaftlicher Kommunikation zu standardisieren und zu messen (Gerber_2014). Mit dem Aufkommen der neuen Informationsinfrastrukturen sind diese klassischen Klassifizierungssysteme immer dicht miteinander verknüpft (Bowker_2000: 326). Die daraus resultierenden Chancen und Herausforderungen werden im weiteren Verlauf der Arbeit weiter ausgeführt und vertieft betrachtet.

Bleibt man allerdings bei der starren Einordnung, bezieht sich digitaler Wandel folglich vor allem auf die folgenden drei Bereiche der formellen, internen wissenschaftlichen Kommunikation: die digitale Erstellung von Beiträgen und Texten, das Trägermedium der wissenschaftlichen Information und die Verbreitung, Vermittlung und Rezeption des Wissens (BBAW_2015: 19).

Wissenschaftliche Reputation, das Ethos und der Diskurs

Wissenschaftliche Reputation, wissenschaftliches Kapital, das wissenschaftliche Ethos und der Diskurs sind sich bedingende Pfeiler des wissenschaftlichen Kommunikationssystems. Sie vereinen strukturelle Grundlagen, Verhaltensrichtlinien und Anreizmechanismen für die Produktion von Wissen. Die genauere Betrachtung dieser Aspekte ist eine Voraussetzung für das Verständnis von Veränderungsprozessen sowie deren Treiber und Bremser.

Wissenschaftliche Reputation

Wissenschaftliche Reputation kann als eine "Art von Kredit" (Luhmann_1970) verstanden werden, mit dessen Hilfe "Status und Ressourcen verteilt werden" (Hanekop_2006). Diese Währung basiert auf der "gegenseitigen Beurteilung und Anerkennung der jeweils neuen Ergebnisse der Fachkollegen (Peers) durch die Wissenschaftler selbst" (Hanekop_2014) (Neidhardt_2006), teils auf der "Generalisierung von Einzelleistungen", auf "gegenseitiger Ansteckung" und teils "auf der bloßen Häufigkeit der Publikationen oder der Anwesenheit an renommierten Plätzen" (Luhmann_1970). Dabei gesteht auch Luhmann die Existenz von "Nebencodes der Reputation" zu (Schmoch_2003).

Die Reputation erfordert eine Konzentration von wissenschaftlicher Aufmerksamkeit und steuert die Verteilung motivierender Effekte, die sich durch das alleinige Streben nach Erkenntnis nicht erzeugen lassen (Luhmann_1998). Die Ergebnisse aus wissenschaftlicher Forschung werden dabei als Publikationen vor allen Mitgliedern der Wissenschaft präsentiert, um diese intern von der Wissenschaftsgemeinde als wissenschaftlich beziehungsweise unwissenschaftlich zertifizieren zu lassen (Rutenfranz_1997: 47) und durch einen kontinuierlichen Prozess der Selbstprüfung wird die Korrektheit der wissenschaftlichen Erkenntnisse sichergestellt (Edsall_1976). Das Reputationssystem ist infolgedessen gleichzeitig ein ausschlaggebender Treiber und Bremser für die Verhaltensweisen der Akteure im wissenschaftlichen System.

Wissenschaftliche Reputation verteilt sich nicht nur auf einzelne Personen sondern auch auf Einrichtungen, die wissenschaftlich tätig sind (Buss_2001: 13). Die Evaluation wissenschaftlicher Einrichtungen findet dabei über "Beobachtungen und Gespräche mit den Wissenschaftlern vor Ort sowie über den Austausch über die Eindrücke innerhalb der Begehungsgruppe und die gemeinsame Verständigung" (Barloesius_2008) statt.

Publikationen bilden im Hinblick auf die Funktion der Reputationsverteilung "eine Art Telos wissenschaftlicher Kommunikation" (Hirschauer_2004). In Bezug auf die Erlangung von Reputation ist wissenschaftliche Arbeit besonders auf ein funktionierendes Peer-Review-System angewiesen (Luescher_2014). Das Verfahren hat zwei Funktionen: erstens die Selektionsfunktion, in deren Rahmen die Auswahl von Personen, Projekten und Texten stattfindet, und zweitens eine Konstruktionsfunktion, in der Gutachter "produktiv in den Wissenschaftsprozess eingreifen" (Neidhardt_2010), um die eigenen Fachstandards durchzusetzen. Der Peer-Review-Prozess sichert aber nicht nur "Vertrauen" und die Grundlage für die "Anschlusskommunikation" innerhalb der wissenschaftlichen Community, sondern "wirkt überdies auch nach außen und gewährleistet die gesellschaftliche Legitimation des wissenschaftlichen Wissens" (Pscheida_2010: 141).

Als "guter akademischer Forscher" oder gute wissenschaftliche Institution gilt nur, "wer viel und in möglichst angesehenen Journalen" (Frey_2005) oder wissenschaftlichen Buchverlagen veröffentlicht. Dabei spielt der Peer-Review-Prozess eine zentrale Rolle im wissenschaftlichen Prozess (Smith_1999b) und ist Kernelement der Selbststeuerung von Wissenschaft (Neidhardt_2010: 5). In dem Peer-Review-Prozess "werden eingereichte Beiträge von fachlich versierten Wissenschaftlern (...) beurteilt und gemäß der qualitativen Anforderungen der Forschungs-Community zur Veröffentlichung angenommen oder abgelehnt" (Hess_2006).

Die Geschichte des Peer-Review-Verfahrens geht auf das 17. Jahrhundert zurück (Kronick_1978), etablierte sich aber erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Royal Society of London ein "Committee of Papers" gründete, das die Bewertung von Artikeln in seiner Zeitschrift Philosophical Transactions beaufsichtigen sollte (Kronick_1990). Das Verfahren unterschied sich damals grundlegend von dem, was heute im Einzelfall unter "Peer Review" verstanden wird, und auch heute unterscheiden sich die Verfahren und deren Verbreitung in Abhängigkeit vom jeweiligen Fachgebiet. Drei gängige Verfahren der Peer Reviews sind heute besonders stark verbreitet (Mueller_2009):

  1. Bei der Double Blind Peer Review (DBPR) kennen sich Autoren und Gutachter eines eingereichten Manuskripts nicht.
  2. Bei der Single Blind Peer Review (SBPR) kennen die Gutachter die Autoren, die Autoren wissen jedoch nicht, wer ihr Manuskript bewertet.
  3. Beim Open Peer Commentary (OPC) wird einer vergleichsweise großen Anzahl von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Möglichkeit eingeräumt, an der Bewertung wissenschaftlicher Arbeiten teilzuhaben.
Die Verfahren unterscheiden darüber hinaus auch bei den Betrachtungsgegenständen, im Zeitraum der Betrachtung, bei den beteiligten Akteuren, der Anzahl der Peers, im Ergebnis sowie bei der öffentlichen Verfügbarkeit der Kommentare (siehe Tabelle 3).

Abbildung: Vergleich von Peer Review und Open Peer Commentary (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Obwohl die meisten Gutachter für ihre Tätigkeit nicht bezahlt werden (Yiotis_2005), steckt hinter dem Prozess ein komplexes System bestehend aus Redakteuren, Redaktionen, und der Verwaltung des Peer-Review-Prozesses, der meist von Verlagen gesteuert und bezahlt wird (Bargheer_2015) (Mueller_2009) (Baggs_2006). Als "Herzstück einer autonomen, selbstverwalteten Wissenschaft" (Neidhardt_2006: 5) beschränkt er sich nicht nur auf den Prozess der Publikation von Texten (Mueller_2009), sondern deckt ein breites Spektrum von Aktivitäten über die Fachdisziplinen hinaus ab (Lee_2012):

  • die Beobachtung der klinischen Praxis (z.B. in der Medizin)
  • Beurteilung des Lehrenden oder der Fähigkeiten der Kollegen
  • Bewertung bei der Forschungsförderung und von Stipendien bei Einreichung von Anträgen an staatliche und andere Förderorganisationen
  • Begutachtung bei Artikeleinreichungen für wissenschaftliche Zeitschriften
  • Bewertung von Papieren und Plakaten für Konferenzen
  • Bewertung von Buchvorschlägen für Universitätsverlage oder andere Verlage
  • Einschätzung der Qualität von wissenschaftlichen Organisationen sowie der Anwendbarkeit und Interpretierbarkeit von wissenschaftlichen Datensätzen

Das Peer-Review-Verfahren ist zwar innerhalb der Wissenschaft weit verbreitet, bleibt aber der Öffentlichkeit weitgehend verborgen (Konneker_2013). Obwohl dieses Verfahren den Kern der wissenschaftlichen Qualitätssicherung darstellt, werden den qualitativen Peer-Review-Systemen und quantitativen bibliometrischen Qualitätssicherungsverfahren zunehmend Mängel zugeschrieben (Peters_2014) (Lee_2012) (Bar_2009) (Osterloh_2008) (Ware_2008) (Smith_2006) (Jansen_2007) (Smith_1999b). Die Mängel lassen sich laut Osterloh und Frey wie folgt zusammenfassen: erstens die "geringe Reliabilität der Gutachter-Urteile", zweitens die "geringe prognostische Qualität von Gutachten" und drittens das "opportunistische Verhalten der Gutachter und Editoren", sowie das "opportunistische Verhalten der Autoren". Zusammenfassend kommen die Autoren und Autorinnen zu dem Schluss, dass "die Annahme eines Manuskriptes einem Zufallsprozess gleicht" und das "System der qualitativen Peer Reviews (...) auf einer erstaunlich fragwürdigen wissenschaftlichen Grundlage" beruht (Osterloh_2008). Viele der Kritikpunkte am Peer-Review-Verfahren erscheinen berechtigt und lassen sich zum Teil auch empirisch bestätigen (Mueller_2009). Ein genereller Verzicht auf dieses Verfahren zur Qualitätssicherung stellt jedoch keine ernsthafte Alternative dar (Smith_2006).

Abbildung: Kritik am Peer-Review-Verfahren und mögliche Lösungen im Rahmen der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Das Belohnungssystem für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bietet in der Theorie folglich Anreize für die, die als erstes neues Wissen entdecken und veröffentlichen. Das System der wissenschaftlichen Reputation baut demnach auf der Verbreitung dieser Ergebnisse in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf (Fabrizio_2008). Die Reputation einzelner Wissenschaftler befindet sich damit in enger Abhängigkeit vom bestehenden wissenschaftlichen Kommunikationssystem. Anstatt finanzieller Entlohnung wird in der Wissenschaft primär mit Aufmerksamkeit bezahlt. Vereinfacht lässt sich das System der Wechselbeziehungen der Reputationsverteilung im Rahmen von Publikationen wie folgt darstellen (Bernius_2009):

Abbildung: Vereinfachte Illustration der Akteure und zentralen Koordinierungsmechanismen im traditionellen wissenschaftlichen Publikationsmarkt nach (Bernius_2009) (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Bernius et al. unterscheiden drei aufeinandertreffende koordinierende Marktmechanismen: die Reputation, die Nutzung wissenschaftlicher Publikationen und den Preis für den Erwerb der Publikation (Bernius_2009). Während die Reputation ein non-monetärer Aushandlungsmechanismus zwischen wissenschaftlichen Verlagen und wissenschaftlichen Autoren ist, findet die monetäre Preisdefinition direkt zwischen Bibliotheken und Verlagen statt (European_Commission_2006). Der monetäre Aushandlungsprozess zwischen Wissenschaftlern und Bibliotheken wird durch die Bedeutung und Nutzung der jeweiligen Publikation bestimmt (Bernius_2009). Nicht jede Publikation hat diesbezüglich die gleiche Wertigkeit (Humbold_Stiftung_2009) und damit den gleichen Einfluss auf die Reputation eines Autors beziehungsweise einer Autorin.

Zusammenfassend lassen die neuen Möglichkeiten der Verbreitung von Informationen einen vergleichbaren Veränderungsprozess der wissenschaftlichen Reputation und damit auch Anerkennung vermuten, wie er durch die Entwicklung des Buchdrucks ausgelöst worden war (Hanekop_2006).

Messbarkeit wissenschaftlicher Qualität und Publikationsquantität

Wissenschaft ist ein Prozess, bei dem aus "unterschiedlichen Inputfaktoren, mittels verschiedener Transformationen Beiträge zur Schaffung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse als Output entstehen” (Jansen_2007: 125). Die Messung und Bewertung des jeweiligen Outputs führt zur Aussage über die Performanz des jeweiligen Forschungsprozesses. Neben den Indikatoren für den Output wissenschaftlicher Performanz müssen aber auch intermediäre Aspekte berücksichtigt werden (Schmoch_2009: 38).

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in der Wissenschaftsforschung Indikatoren überwiegend zur Beschreibung der exponentiellen Wachstumsverläufe von Wissenschaft entwickelt und eingesetzt (Hornbostel_1997: 182) (Rescher_1978). In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten sich erstmals Indikatoren für die Effizienzmessung wissenschaftlicher Wissensproduktion und -verbreitung, die aber "ebenso wie Sozial- und Wirtschaftsindikatoren keine neutralen Realitätsbeschreibungen" (Hornbostel_1997: 181) darstellten. Spätestens seit den 1970er Jahren werden diese Messungen, die die Forschungsleistung quantifizieren sollen, flächendeckend durchgeführt (Hornbostel_1997), um Forschungsqualität und Quantität quantifizierbar zu machen.

Seit den 1990er Jahren ist diese Bewertung von Wissenschaft in Gestalt von Zahlen als unkontrolliertes Nebenprodukt digitaler Wissenskommunikation erweitert worden (Angermueller_2010: 175). Heute zählen in der Wissenschaft vor allem die wissenschaftliche Reputation und die als "Impact" bezeichnete Wirkung wissenschaftlicher Publikationen (Herb_2013) (Hornbostel_1997). Die Wirkung der wissenschaftlichen Kommunikation wird, wie im Kapitel "Wissenschaftliche Kommunikation" ausgeführt, anhand der quantitativen Betrachtung der Zitationen der jeweiligen Publikation ermittelt (Brembs_2013) (Haustein_2012: 16) (Weller_2011). Diese rein quantitative Betrachtung muss allerdings auch als Proxy für die Bewertung von Wirkung in der "publish or perish" community verstanden werden (Peters_2015).

Diese Art der Betrachtung basiert auf der Grundannahme, dass Kommunikation die "Essenz der Wissenschaft" (Bonitz_1998) ist und "Zitierungen in ihrer Gesamtheit so etwas, wie die Grundelemente eines weltweiten Expertensystems" (Bonitz_1990) sind. Nach dieser Sichtweise stellt eine häufige Zitation einen wesentlichen Indikator für die Wirkung der wissenschaftlichen Arbeit dar (Hamilton_1990). Ein generalisierter und überzeitlicher Begriff von Qualität wissenschaftlicher Arbeit scheint schwer möglich, weil für die Bewertung als Datengrundlage "Handlungen von Wissenschaftlern" dienen, die zwar "als Urteile interpretiert werden" und "auf die Abbildung eines Konstruktes" abzielen, allerdings "ohne daß eine derartige Bewertung intendiert gewesen sein muß" (Hornbostel_1997: 186).

In den letzten Jahren haben sich neue Möglichkeiten für die Qualitätssicherung und -bewertung herausgebildet (Rekdal_2014). Die "Anforderungen an Verfügbarkeit von Dokumenten und Transparenz der Begutachtungen" der Open-Access-Bewegung haben die Frage aufgebracht, "ob möglicherweise Veränderungen der Review-Praktiken notwendig sind, um exzellente Wissenschaft zu identifizieren und vor allem zu fördern" (Neidhardt_2006: 5). Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die Berücksichtigung neuer Metriken für die Bewertung wissenschaftlicher Qualität eine Antwort auf die Herausforderungen in dem etablierten Messsystem von wissenschaftlicher Qualität und Publikationsquantität sein können.

Bestand die klassische Wirkungsmessung von Wissenschaft in der Ermittlung der Anzahl von Zitationen, ermöglichen die veränderten Bedingungen von wissenschaftlicher Kommunikation im Rahmen der Digitalisierung alternative Erhebungsmöglichkeiten der Wirkung formeller wissenschaftlicher Kommunikation und damit auch für die Erlangung wissenschaftlicher Qualität und Reputation. In den letzten Jahren wurde es viel einfacher, Fälle von Plagiaten und wissenschaftlichem Fehlverhalten zu identifizieren und auch andere Arten akademischer Abkürzungen zu entdecken und zu sehen, wie erschreckend häufig sie auftreten (Rekdal_2014).

Ergänzend zu den etablierten zitationsbasierten Metriken spielen zunehmend detailliertere Analysen von nutzungsbasierten Metriken und Metriken auf Basis von Social-Media-Indikatoren (Peters_2015) bei der Bewertung von wissenschaftlicher Kommunikation eine Rolle. Die Befürworter solcher alternativer Metriken erhoffen sich von diesen neuen Verfahren eine unmittelbare, umfassendere und detailliertere Wirkungsmessung wissenschaftlicher Kommunikation und eine gerechtere Verteilung von wissenschaftlicher Reputation (Peters_2015) (Herb_2012a) (DORA_2013).

Wissenschaftliches Kapital

Die Wissenschaft ist ein soziales Feld, dessen Strukturen und Praktiken das bestimmen, was in dem Kommunikations- und Publikationssystem als Wissenschaft und als wissenschaftliches Ergebnis gilt (Mikl_2010). Im Rahmen der Betrachtung von Steuerungs- und Reputationsmethoden für die Wissenschaft ist der Begriff "wissenschaftliches Kapital" von herausragender Bedeutung (Barloesius_2008). Wissenschaftliches Kapital kann als eine Ausprägung des kulturellen Kapitals und als symbolisches beziehungsweise non-monetäres Kapital (Irmer_2011) (Hagner_2015) (Bourdieu_1988) verstanden werden.

Pierre Bourdieu sieht in der Wissenschaft ein soziales Feld und beschreibt es als angetrieben von dem ständigen Machtkampf um die Erlangung und Erhaltung von symbolischem Kapital (Bourdieu_1988). Dieser von Bourdieu beschriebene Homo academicus ist durch Selbstdisziplin, eine sehr ausgeprägte Neugier und die Fähigkeit, Forschung und Lehre zu betreiben, charakterisiert (Bourdieu_1988). Das symbolische Kapital als Triebkraft seines Handelns wird in diesem Zusammenhang von der Soziologin Mikl-Horke als Besitz an symbolischen Gütern beschrieben, "der besonders in einer Gesellschaft, die auf die Kooperation aller angewiesen ist, sehr kostbar ist" (Mikl_2010). Eine genauere Betrachtung dieses wissenschaftlichen Kapitals ist für das Verständnis der Motivation von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zu publizieren und zu kommunizieren und es ist für die Herausarbeitung der Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation demnach unabdingbar.

Die Gewährung wissenschaftlichen Kapitals basiert heute auf der Kooperation zwischen publizierenden Wissenschaftlern und Verlagen (Herb_2006). Die Wissenschaftler befinden sich in einer Abhängigkeit von den Verlagen. Diese Abhängigkeit wird auch als "Faustischer Pakt" bezeichnet und hinterfragt (Hagner_2015) (Parks_2002). Den Pakt sind Wissenschaftler notgedrungen eingegangen, "um den Preis, dass Barrieren zwischen Autoren und Lesern aufgebaut wurden" (Hagner_2015). "Wissenschaftliches Kapital" kann in diesem Zusammenhang als "Ergebnis einer Investition (...), die sich auszahlen muss" (Herb_2006) definiert werden. "Diejenigen, die diese Berechtigungsscheine in der Hand halten, verteidigen ihr 'Kapital' und ihre 'Profite', indem sie diejenigen Institutionen verteidigen, die ihnen dieses 'Kapital' garantieren. (Bourdieu_1992)

Der Soziologe Bourdieu unterscheidet zwei Typen wissenschaftlichen Kapitals (Bourdieu_1998). Das Kapital, das auf der politischen und institutionellen Macht beruht und das andere, das andere, das aus der rein wissenschaftlichen Anerkennung resultiert (Mikl_2010). Das institutionelle wissenschaftliche Kapital weist die "Macht und die Erwartung zu, auf Institutionen und Organisationen der Wissenschaft einzuwirken und über die Produktionsmittel der Wissenschaft zu disponieren" (Barloesius_2008: 257). Es ist disziplinunabhängig und fachübergreifend. Das reine wissenschaftliche Kapital muss disziplinspezifisch erarbeitet werden und wird durch die Publikation von Inhalten in den in der jeweiligen Fachdisziplin hoch angesehenen Zeitschriften, bei besonderen Verlagen oder durch die Arbeit in reputierlichen wissenschaftlichen Einrichtungen erlangt (Barloesius_2008: 257).

Zitationsindexe sind Indikatoren für das wissenschaftliche Kapital, das durch Anerkennung entsteht (Bourdieu_1998). Die wissenschaftliche Reputation, die aus dem wissenschaftlichen Kapital resultiert, basiert auf der Liste der Publikationen in hoch gerankten Journalen und angesehenen Verlagen (Herb_2010). Diese Bewertung ist klar symbolischer Natur und basiert "auf der Anerkennung und dem Kredit (...), den die Gesamtheit der Wettbewerber innerhalb des wissenschaftlichen Feldes gewähren" (Bourdieu_1998) (Barloesius_2008) (Herb_2010).

Das wissenschaftliche Kapital ist dabei zunehmend der Kapitalisierung von Wissenschaft ausgesetzt, bei der um den Einfluss der Ökonomie und den "wissenschaftswidrigen Verwertungsdruck" (Neidhardt_2006: 12) gerungen wird. Als ein Indikator dafür ist die Kopplung des wissenschaftlichen Kapitals an die output-orientierten Anreizsysteme zu verstehen. Diese Fokussierung auf die "Kenngrößen führt dazu, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Anreiz haben, sich weniger als Homo academicus, sondern eher als Homo strategicus zu verhalten und sich auf die gut messbaren Aufgabenbestandteile zu konzentrieren" (Frost_2014). Ein Beispiel ist die zunehmende Relevanz des Performanzindikators "Drittmittel" (Fabrizio_2008) (Jansen_2007), bei dem neben der Sicherung der Qualität von Forschung und Lehre zunehmend direkte finanzielle und administrative Kontrolle eine Rolle spielt (Barloesius_2008). Dem Drittmitteleinkommen wird als Indikator für Forschungsleistung eine hohe Bedeutung zugemessen (Jansen_2007). Daraus entsteht die Tendenz, dass nicht nur die Erwartungen an die Bewertung von Wissenschaft sehr ambitioniert sind, sondern auch, dass die Interessen privater und öffentlicher Drittmittel-Auftraggeber in den Vordergrund rücken und die Unabhängigkeit von Wissenschaft und Forschung gefährden.

Ähnliches ist im Rahmen der stetigen Ökonomisierung des internationalen Universitätsbetriebes (Brembs_2015) und bei den leistungsbezogenen Mittelzuweisungen an die Universitäten zu beobachten (Neidhardt_2006: 12). Vor allem die Verknüpfung von wissenschaftlicher Reputation mit der damit einhergehenden Verteilung von Mitteln und Stellen stellt eine neuartige Herausforderung an das Wissenschaftssystem dar, dessen Währung ursprünglich nicht Geld war (Hanekop_2006) (Buss_2001: 15).

Die Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Kapital im Rahmen der Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation kann auch deshalb als wichtig erachtet werden, weil diese bisher nur begrenzt der wissenschaftlichen Logik folgt und eher auf einer "feldunabhängigen Logik der Akkumulation von Kapital" basiert (Herb_2006). Mit der Zunahme an output-orientierten Anreizsystemen im deutschen Wissenschaftssystem (Osterloh_2008) und einem Ungleichgewicht in der Kooperation zwischen wissenschaftlicher Kommunikation und wissenschaftlichem Kapital wird diese Entwicklung bei der weiteren Betrachtung der Motivationsfaktoren für Veränderungsprozesse in der wissenschaftlichen Kommunikation eine wichtige Rolle spielen.

Wissenschaftliches Ethos

Das wissenschaftliche Ethos hat die Funktion der Wissenschaft, "eine soziale und politische Legitimationsbasis zu verschaffen" (Descher_2012). Generell stellt die Verfügbarmachung von Forschungsergebnissen einen integralen Bestandteil des wissenschaftlichen Ethos dar (Fangerau_2014) (Winterhager_2014: 67). Um die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an das wissenschaftliche Ethos zu binden, ist dieses durch "den sozialen Prozess der gegenseitigen Kontrolle bzw. der wechselseitigen Beobachtung geprägt" (Winterhager_2014: 68). Dabei wird "die moderne Wissenschaft als Methode und Praxis der Wissensbildung […] durch ein Ethos epistemischer Rationalität geleitet" (Oezmen_2015: 67). Als "selbstregulatives und nach eigenen Regeln operierendes System muss sie ihren Ethos jeder neuen Generation vermitteln" und "Verantwortungsstrukturen und Rahmenbedingungen" schaffen, "die langfristig eine verlässliche Kultur wissenschaftlicher Integrität stärken" (Wissenschaftsrat_2015: 7).

Der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton stellte diesen und weitere Grundprinzipien als normative Grundstruktur des Ethos von Wissenschaft vor (Merton_1985). Diesem Ethos liegen auch die Annahmen zugrunde, dass es Vorteile für die wissenschaftliche Gemeinschaft bringt, wenn Daten zweitverwertet werden und dass Daten ein wirtschaftliches Gemeingut sind, deren Wert durch breitere Nutzung verbessert wird (RIN_2010). Darüber hinaus sind "systematische Widerspruchsfreiheit, interne Kohärenz, Klarheit, aber auch Sparsamkeit und Eleganz, Genauigkeit und Überprüfbarkeit" weitere integrale Bestandteile des Ethos (Oezmen_2015: 67). Dabei gilt es auch dem Umstand Rechnung zu tragen, dass Wahrheit relativ ist und sich die Richtigkeit einer wahren Aussage nur mithilfe der genauen Bedingungen beschreiben lässt, unter denen sie wahr ist. Karl Raimund Popper attestiert der Wissenschaft demnach eine grundsätzliche "Fehlbarkeit" und leitet daraus ab, dass jedwede wissenschaftliche Erkenntnis möglichst offen für Kritik sein muss (Popper_2005).

"Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit" sind weitere Grundtugenden des modernen Wissenschaftlers (Hagner_2015). Das Ethos wird in diesem Zusammenhang als "Komplex von Werten und Normen" (Weingart_1998) beziehungsweise Verhaltensmaßregeln verstanden. Merton unterteilt die Kriterien in die Kategorien, die alle auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem anwendbar sind (Merton_1973) (Froehlich_2009):

  • Universalismus: Die Geltungsansprüche der Wissenschaft sind allgemein und objektiv (Oezmen_2015: 67). Die sozialen Merkmale eines Wissenschaftlers beziehungsweise einer Wissenschaftlerin, wie zum Beispiel Nationalität, Geschlecht, Religion, Klasse usw., dürfen nicht in die Evaluation wissenschaftlicher Ergebnisse einfließen (Weingart_1998).
  • Kommunismus (Kommunalität): Es gibt eine Pflicht zur Veröffentlichung der Ergebnisse von Wissenschaft und Forschung und sie sind als Allgemeingut zu betrachten. Die wissenschaftliche Anerkennung und das Ansehen sind das einzige damit verbundenes "Besitzrecht" (Merton_1973).
  • Uneigennützigkeit: Selbstloses Eintreten für das Wohl der Menschheit und der Wissensdurst müssen die vornehmlichen Motivatoren für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen darstellen (Weingart_1998). Wissenschaft erfordert Objektivität und Desinteresse an den Ergebnissen der eigenen Forschung (Merton_1973) unabhängig von finanziellem Erfolg und Prestige (Weingart_1998). Wissenschaft ist nicht durch persönliche Präferenzen oder eigennützige Motive und subjektive Meinungen geleitet, sondern durch reines Erkenntnisinteresse und durch Wahrheit (Oezmen_2015: 67).
  • Organisierter Skeptizismus: Zweifel muss ein grundsätzliches Denkprinzip der Wissenschaft (Merton_1973) und die "von Glaubenshaltungen und Überzeugungen aufgrund empirischer und logischer Kriterien" (Weingart_1998) als Kernbestandteil des Systems verstanden werden. Zum Beispiel gilt es den "Matthew Effect" zu vermeiden. Der Matthäus-Effekt ("Wer hat, dem wird gegeben" Mt. 25,29) ist ein Phänomen auf der Makroebene der Wissenschaft (Bonitz_1998) und beschreibt den Umstand, dass Autoren oder Publikationen, die bereits eine hohe Zitationsrate vorweisen können, meist noch häufiger zitiert werden als die Autoren oder Beiträge mit einer geringeren Zitationsrate. Überproportional profitieren in diesem System also die, die besonders häufig zitiert wurden (Merton_1968) (Meier_2009).

Als Folge dieser Kriterien erkannte Merton das Urheberrecht an wissenschaftlichen Ideen und Beiträgen an, allerdings nur insofern, als dass das Urheberrecht allein auf die Ermöglichung der Anerkennung durch Kollegen und die Achtung der Priorität beschränkt bleibt (Fangerau_2014). Damit kritisiert er implizit das System der wissenschaftlichen Kommunikation.

In Folgeschriften kritisierte er darüber hinaus die neueren Konzepte und Praktiken, die "die Werte des klassischen Wissenschaftsethos korrumpieren" (Froehlich_2009). Inwieweit die aktuelle Wissenschaftspraxis von Mertons formulierten Werten abweicht, welche neuen oder anderen Werte die wissenschaftliche Praxis mittlerweile beeinflussen und welchen Einfluss die neuen Medientechnologien darauf haben, wird an anderer Stelle der Arbeit noch einmal thematisiert.

Neben der internen wissenschaftlichen Verantwortung, die eng mit der Regel guter wissenschaftlicher Praxis und offener wissenschaftlicher Kommunikation zusammenhängt, kann eine Ergänzung dieses Zusammenhangs um eine externe Verantwortung "im Sinne der Rechenschaftspflicht für die möglichen Anwendungen und Folgen seiner Forschung" (Oezmen_2015: 69). In Verbindung mit der Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation ist aber dennoch zu berücksichtigen, dass die Verteidigung der Autonomie und Freiheit der Wissenschaft "nicht mit der ganz anders gelagerten These der Autarkie der Wissenschaft verwechselt" werden darf und mit "ethischen Zwecksetzungen eine Verletzung des epistemischen Ethos sowie eine Gefährdung der Autonomie der Wissenschaft befürchtet werden" kann (Oezmen_2015: 69).

Der Umstand, dass die zunehmende Berücksichtigung bibliometrischer Indikatoren anstatt der tatsächlichen Qualität der Wissenschaft im Rahmen der Steuerung von Wissenschaft zu negativen Auswirkungen auf die normative Grundstruktur des Ethos der Wissenschaft führen kann, stellt einen weiteren Anknüpfungspunkt für die Herausforderungen im aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystem dar.

Wissenschaftlicher Diskurs

"Wissenschaftliche Kommunikation vollzieht sich in Behauptungen, Erklärungen, Prognosen; sie ist nicht nur ein Informationsaustausch. Vielmehr vollzieht sich im wissenschaftlichen Diskurs der kollektive Prozess des wissenschaftlichen Begreifens. Deshalb ist die wissenschaftliche Sprache als Diskurs nicht bloß ein Medium der Kommunikation, sondern der Ort, an dem sich ein wesentlicher Teil der wissenschaftlichen Arbeit vollzieht, der kollektive Darstellungsraum der Wissenschaft." (Boehme_1978: 95)

Neben der Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit kann auch die Erforschung wissenschaftlicher Fragestellungen als ein Teil des wissenschaftlichen Diskurses betrachtet werden. Die Verarbeitung von Forschungsergebnissen, die Anwendung und Neuinterpretation von Ergebnissen sowie das Verfassen von Gegenentwürfen und synthetischer Gesamtdarstellungen stellen Faktoren für den wissenschaftlichen Diskurs dar (Gruber_2005). Jürgen Habermas unterscheidet hier das kommunikative Handeln vom strategischen Handeln. Im dem "rationalen Diskurs" findet dabei vor allem eine Verständigung über problematische Geltungsansprüche statt (Habermas_1981). Der Beobachter entwickelt Methoden und Verfahren, um zu einer Verständigung mit seiner Zielgruppe zu kommen (Luhmann_2015: 221). Der wissenschaftliche Diskurs operiert in diesem Verständigungsprozess funktional eigenständig und alles, was in diesem Zusammenhang durch Wissenschaft kommuniziert wird, ist "entweder wahr oder unwahr" (Luhmann_1998: 73).

Michel Foucault versteht unter einem Diskurs "eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören" (Foucault_1981). Der wissenschaftliche Diskurs gründet sich demnach nur zum Teil auf die Forschung und kann auch nicht nur als "Kontaktglied zwischen dem Denken und dem Sprechen" (Foucault_2003) definiert werden. Er wird getrieben vom Willen zur Wahrheit, der sich durch "die Pädagogik, dem System der Bücher, der Verlage und Bibliotheken, den gelehrten Gesellschaften einstmals und den Laboratorien heute" ständig erneuert (Foucault_2003). Abgesichert wird der Diskurs "durch die Art und Weise, in der das Wissen in einer Gesellschaft eingesetzt wird, in der es gewertet und sortiert, verteilt und zugewiesen wird" (Foucault_2003). In der Foucault'schen Diskursanalyse wird der Diskurs als die Fähigkeit definiert, die "Beziehungen" zwischen "Institutionen, ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen, Verhaltensformen, Normsystemen, Techniken, Klassifikationstypen und Charakterisierungsweisen herzustellen" (Foucault_1981).

Im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses versuchen Menschen mit diversen "Machtprozeduren", die "ungeordnete und wuchernde Masse aller Äußerungen" zu reglementieren und zu kontrollieren (Neymeyer_2010). Resultierend daraus entstehen Diskurse, die sich über einen gemeinsamen Gegenstand definieren. Sie gehorchen "impliziten wie expliziten Regeln", unterliegen "spezifischen Funktionen", nehmen bestimmte Formen an und sind von "Machtmechanismen gekennzeichnet" (Neymeyer_2010). Diese grundlegende Definition des Diskurses ist für die weitere Betrachtung der Veränderungsprozesse und die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation unabdingbar.

Die Forderungen um die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation beruhen auf der Annahme, dass sie die Grundlage dafür schaffen können, dass wissenschaftliche Diskurse besser und umfassender geführt werden als im aktuell bestehenden System. Nach der klassischen Einordnung ist damit aber nicht eine Öffnung des Diskurses außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeint, sondern nur die Senkung der Zugangsbarrieren zu wissenschaftlicher Kommunikation. Das Ziel des Ausschlusses der Öffentlichkeit aus den wissenschaftlichen Diskursen liegt darin, die Macht sowie Auswüchse des Diskurses einzugrenzen, seine Ergebnisse zu bändigen und das Wissen durch den "Willen zur Wahrheit" (Foucault_1991: 15) zu kanalisieren.

Die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation

Wie dargestellt, steht das wissenschaftliche Kommunikationssystem vor mannigfaltigen Herausforderungen. Infolge der zunehmenden Privatisierung wesentlicher Bestandteile des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses haben sich die akademischen Ziele und die Marktinteressen der privatwirtschaftlichen Anbieter immer weiter voneinander entfernt. Zum Beispiel sind im Zeitraum von 1986 bis 2012 die Ausgaben für Bibliotheksbestände in den Vereinigten Staaten um 322 Prozent gestiegen (Lewis_2011). Den Verlegern werden Betriebsgewinnmargen von über 35 Prozent (Russell_2008) (Cope_2014) sowie hohe jährliche Wachstumsraten (Eve_2013) (Wellcome_Trust_2003) bescheinigt. Die drei größten Wissenschaftsverlage vereinen bereits 42 Prozent aller Journale unter sich und trotz der internationalen Finanzkrise stiegen die Umsätze ungebremst weiter. In den Jahren zwischen 2008 und 2011 stiegen die Umsätze um 11,7 Prozent und die Gewinne von 1,6 Milliarden auf 1,9 Milliarden Dollar (17 Prozent) (Cope_2014). Das entspricht einer Umsatzrendite von 35,8 Prozent. Im Vergleich dazu lagen die durchschnittlichen Umsatzrenditen im Wirtschaftszweig "Verlagswesen" bei deutschen Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern laut der Bundesbank im Jahr 2011 bei 11,6 Prozent (Bundesbank_2014). Es sind nur wenige Beispiele bekannt, "in denen das symbolische Kapital in so außerordentlichem Maße zu ökonomischem Kapital verdinglicht worden ist" wie bei dem Geschäftsmodell des wissenschaftlichen Publizierens (Hagner_2015).

Als möglicher Ausweg aus dieser Krise wird immer wieder die Digitalisierung und Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation durch Konzepte wie Open Access und Open Science genannt (Lewis_2011). Beide Begriffe umfassen eine Vielzahl an Möglichkeiten für die Zukunft der Wissensbildung und Wissensverbreitung. Sie funktionieren als Sammelbegriffe für unterschiedliche Auffassungen, wie weit und in welcher Form Wissenschaft offener werden kann. Sie sind Bestandteil eines notwendigen Diskurses in der wissenschaftlichen Gemeinschaft (Schulze_2013). Kleinster gemeinsamer Nenner in diesem Diskurs um die unterschiedlichen Konzepte ist, "dass wissenschaftliche Forschung sich irgendwie mehr öffnen muss" (Fecher_2013).

Rainer Kuhlen definierte diesbezüglich schon 2002 drei Szenarien, wie der Zugriff auf Wissen in Zukunft organisiert werden könnte (Kuhlen_2002):

  1. Elektronische Informationen sind frei zugänglich und die Konzepte der individuellen Autorenschaft und des geistigen Eigentums werden zu Relikten aus bürgerlichen Vorinformationsgesellschaften.
  2. Wissen und Informationen sind kontrolliert und dem Markt ohne politische Gegensteuerung überlassen: Die Kommerzialisierung und Zonierung von Wissen und Information wird umfassend sein und den Alltag bestimmen.
  3. Wissen und Information werden über koexistente oder Paralleluniversen organisiert: Das Wissens als Produkt ist frei, öffentlich zugänglich und nutzbar. Es bleibt aber genug Spielraum bei der Adaption, Beratung, Veredlung oder anderen Mehrwertleistungen einer kommerziellen Informations- und Wissenswirtschaft.

Aktuell stehen die etablierten Prozesse wissenschaftlicher Kommunikation vor umfangreichen Herausforderungen. Die Zeitschriften- und Monografienkrise, der zunehmende finanzielle Druck im Rahmen der öffentlichen Finanzierung von Wissenschaft, die Veränderungen im wissenschaftlichen Kommunikationsprozess durch neue Arten und Möglichkeiten der Distribution, die steigenden Beschaffungskosten für wissenschaftliche Literatur (Herb_2012a) (Mueller_2010) sowie die Veränderungen in der Rezeption von Inhalten (Holub_2013) zwingen zum Umdenken in der wissenschaftlichen Kommunikationspraxis. Die anhaltende Forderung nach mehr Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationsprozess entwickelte sich zu einem konkreten Lösungsansatz für die Herausforderungen an das etablierte System.

Die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation ist eine große Chance, Veränderungen im wissenschaftlichen Qualitäts- und Reputationssystem zu erwirken. Bisher werden wissenschaftliche Erkenntnisse häufig erst nach langen intransparenten Verfahren bewertet, publiziert und nur an einen beschränkten Kreis von Rezipienten vermittelt. Diese intransparente Praxis hat einen signifikant-negativen Einfluss für Allokation von Ressourcen durch die öffentliche Hand und die Kosten, die im Rahmen öffentlich-finanzierter Forschung entstehen. Die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation würde demnach entgegen der bisherigen Praxis eine stärkere Berücksichtigung der Aspekte Aktivität der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und Qualität der Forschungsergebnisse ermöglichen (Heise_2012b).

Als Auslöser für die Entwicklung von Open Access werden auch die infrastrukturellen Veränderungen angeführt, die "seit spätestens Mitte der 1990er-Jahre entscheidend Einfluss auch auf die Wissenschaftskommunikation und das wissenschaftliche Arbeiten genommen haben" (Schulze_2013). Open Access entwickelte sich vorerst primär in den naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Fächern, in denen viel Aufmerksamkeit auf der Selbstarchivierung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vor der finalen Publikation (Pre-Print) in privaten, zentralen oder institutionellen Repositorien lag (Adema_2013) und bei denen die Auswirkungen der Zeitschriftenkrise am stärksten zum Tragen kam (Naeder_2010). Wissenschaftliche Informationen werden seither nicht nur in "digitaler Form konsumiert, sondern auch kollaborativ und kooperativ, zeitlich versetzt, durch teilweise räumlich weit verstreute Arbeitsgruppen und Forschungsverbünde, genutzt und weiterverarbeitet" (Schulze_2013). Die Verbreitung und Akzeptanz von Open Access variiert dabei zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen erheblich (Bernius_2009).

In der Debatte über die Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens und Kommunizierens besteht die Tendenz, Konzepte der offenen Wissenschaft als einen bisher beispiellosen und noch nie dagewesenen Wandel darzustellen (Naeder_2010) (Bjoerk_2010). Diese Haltung basiert auf "verschiedenen Gründungsmythen", die auf "unterschiedliche Zielsetzungen und Lösungspfade" verweisen (Hofmann_2016: 7). Die Geschichte von Open Access ist eine Entwicklung, die unter anderem eng mit der Digitalisierung von Kommunikationsprozessen auf der einen sowie mit der Zeitschriftenkrise auf der anderen Seite verknüpft ist (Hofmann_2016: 6) (Yiotis_2005) (Wein_2010: 286). Open Access ist kein Selbstzweck, sondern ein Attribut tiefergehender Prozesse, die mit der wachsenden Bedeutung der Digitalisierung in unserer Zivilisation und den damit einhergehenden Wandlungsprozessen im Machtgefüge zusammenhängen (Hofmann_2014). Es bleibt jedoch hervorzuheben, dass es trotz vereinzelter Versuche, wissenschaftliche Informationen und Publikationen offen und frei zu kommunizieren, es schwer möglich war, Open Access im Print-Zeitalter physisch und ökonomisch über lokale Grenzen hinaus zu etablieren.

Die Forderung nach der Öffnung von Wissenschaft und Forschung ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine "politische Reaktion" oder "technische Alternative", sondern eine "alternative Formatierungen einer wissenschaftlichen Infrastruktur im technischen, rechtlichen und zeitlichen Sinne" (Kelty_2004). Diese Infrastruktur ist schwer zu erfassen (Bowker_2000: 319) und dennoch betreffen sie "Wissenschaftler, politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit" (Scheliga_2014).

Bei der genauen Betrachtung dieser Forderungen nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation ist es deshalb zwingend erforderlich, die Konzepte von Open Access und Open Science abzugrenzen. Open Access bezieht sich auf einen möglichst uneingeschränkten Zugang zu finalen wissenschaftlichen Ergebnispublikationen für die Gesamtgesellschaft. Open Science beschreibt hingegen den umfassenden Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess inklusive aller Daten und Informationen, die bereits bei der Erstellung, Bewertung und Kommunikation der wissenschaftlichen Erkenntnisse entstanden sind.

Wissenschaftliche Kommunikation als Open-Source-Prozess

Wenn es im aktuellen öffentlichen Diskurs um die Öffnung wissenschaftlicher Informationen, Infrastruktur und Arbeiten geht, werden immer öfter Schlagworte mit dem Attribut "Open", wie Open Access, Open Research und Open Science, verwendet (Bunz_2014) (Schulze_2013). "Offen" ist dabei nicht mit "kostenlos" gleichzusetzen (Grand_2012) und bezieht sich üblicherweise auf zwei Kernaspekte: zum einen die Offenheit des Zugangs zu Zugangs zu wissenschaftlichen Texten, Daten, Quellcodes oder Ergebnissen und zum anderen auf das Gebot der Transparenz, also die Offenlegung beziehungsweise der Zugriff auf Verfahren, Methoden und Ziele (Schulze_2013). "Offenheit" (Openness) wird im Rahmen dieser Arbeit multidimensional verwendet. Sie hat eine rechtliche, wirtschaftliche, technische, politische und kulturelle Dimension.

Im Rahmen der Forderung nach der Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation und wissenschaftlicher Publikationen werden in der Literatur immer wieder Vergleiche zur Open Source-Bewegung gezogen (Fecher_2013) (Peters_2014) (RIN_2010) (Mantz_2007: 423) (Kittler_1999). Diese Vergleiche dienen dabei beispielhaft dem Verständnis theoretischer Grundlagen im Rahmen der Öffnung von Wissenschaft und Forschung.

Open Source ist ein Begriff aus der Softwareentwicklung, der als Gegensatz zum Verfahren der Wissenssicherung (Stallman_2002) eine quelloffene Handhabe von Programmcodes beschreibt und in den 1990iger Jahren erstmals eingeführt wurde (Hippel_2003: 5). Dieser Begriff wird praktisch, auch wenn es philosophisch enorme Meinungsunterschiede gibt (Hippel_2003: 5) (Stallman_2002: 169), synonym mit "freier Software" (nicht Freeware) verwendet (Naeder_2010) (Mantz_2007: 414). Dabei folgt die Open-Source-Entwicklung der Maxime, dass die Kernsteuerungsinformationen und -befehle (Quelltext) von Software öffentlich einsehbar und zugänglich sind sowie je nach gewähltem Lizenzmodell modifiziert, kopiert oder weitergegeben werden können. Der Unterschied zu Stallmans "Free Software" besteht hauptsächlich darin, dass die Open-Source-Software-Produktion nicht zwangsläufig ausschließt, das Produkt kommerziell gegen Bezahlung mit proprietären Erweiterungen zu vertreiben, während Free Software prinzipiell immer frei verbreitet werden muss (Stallman_2002).

Bei der Open-Source-Entwicklung veröffentlichen Programmierer den Code einer Software offen im Internet. Andere Programmierer haben jeweils die Möglichkeit, diesen Code so weiterzuentwickeln und anzupassen, wie es ihnen beliebt. Dadurch entsteht ein offenes Ökosystem an Software – womit nicht zwangsläufig ein fertiges Programm gemeint sein muss –, bei dem nicht mehr der Zugriff die Hürde darstellt, sondern die Adaption oder der Einsatz der vorhandenen Lösungen. Diese Entwicklungsmethode unterscheidet sich zum traditionellen Modell der Entwicklung von Software vor allem mit der Feststellung, dass Open-Source-Software das Prinzip der Exklusivität und das Prinzip des Ausschlusses des geistigen Eigentums auf den Kopf stellt. Auch wenn noch immer nicht vollständig geklärt ist, ob Open-Source-Software wirklich "schneller, besser oder günstiger" ist, hat sich Open Source in den letzten Jahren stark verbreitet (Lerner_2001) und an Bedeutung gewonnen.

Die Definition von Open Source beinhaltet festgelegte Kriterien für die Klassifizierung (OSD_2003): Freie Weitergabe ohne zusätzliche Kosten, das Programm muss den Quellcode beinhalten und den Code offen zur Verfügung stellen, die verwendete Lizenz muss Derivate zulassen, die Unversehrtheit des Quellcodes des Autors muss garantiert werden, die Diskriminierung von Personen oder Gruppen muss ausgeschlossen sein, es darf keine Einschränkung des Einsatzfeldes geben, die Lizenz muss weitergegeben werden können und auf das Produktpaket anwendbar sein und die Lizenz darf die Weitergabe des Programmcodes zusammen mit anderer Software nicht einschränken.

Im Vergleich zum klassischen Softwareentwicklungsprozess definiert der Hamburger Wirtschaftsinformatiker Markus Nüttgens folgende charakteristische Merkmale (Nuettgens_2014):

  1. Anzahl der beteiligten Entwickler und Entwicklerinnen: Im Vergleich zu traditioneller Softwareentwicklung ist eine weitaus größere Anzahl von Entwicklern beteiligt. Es gibt keine klare Grenze zwischen Entwicklern und Anwendern, da die Hürden für eine Partizipation im Entwicklungsprozess sehr gering sind. Auch wenn ein großer Teil der Entwicklungsarbeit von Freiwilligen übernommen wird, gibt es dennoch den Trend zum Einsatz bezahlter Entwickler.
  2. Zuteilung der Arbeit: Im Open Source Programming (OSP) wird die Entwicklungsarbeit nicht länger von einer definierten Instanz zugeteilt, sondern die Teilnehmer wählen ihre Arbeitspakete selbst aus.
  3. Architektur: In der Regel orientierten sich die Teilnehmer eines OSP nicht an einer vorgegebenen System-Architektur. Die Gestaltung der Architektur geschieht dezentral und ist oftmals häufigen Richtungswechseln unterworfen.
  4. Koordination: Es gibt wenig oder keine institutionalisierten traditionellen Koordinationsmechanismen, wie z.B. Projekt- und Zeitpläne, Lasten- und Pflichtenhefte und Ähnliches.

Um die Logik, Sprache, Begriffe, Kategorien und Operationen der (neuen) Medien charakterisieren zu können, bedarf es einer Verknüpfung und tieferen Auseinandersetzung mit Informationstechnologie (Manovich_2001: 65). Die Verknüpfung der Open-Source-Entwicklungsmethode mit der Forderung nach Öffnung von Technologie, Bildung und wissenschaftlicher Kommunikation wurde unter anderem von dem Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker Friedrich Kittler manifestiert (Kittler_1999), der darin eine Chance für den anhaltenden Überlebenskampf der Universität sieht (Chun_2006: 7).

Open-Source-Entwicklungsprozesse weisen auch insofern Konvergenzen mit der Forderung nach der umfassenden Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation auf, als dass es in beiden Fällen nicht nur um den freien und offenen Zugang zum finalen Ergebnis geht, sondern um die Möglichkeit des Zugriffs im gesamten Verlauf des Erstellungsprozesses (Kelty_2004). Die Open-Source-Entwicklungsprozesse unterscheiden sich von den klassisch-traditionellen (closed-source) Softwareentwicklungsprozessen insbesondere durch die transparente Präsenz und permanente öffentliche Einsehbarkeit. Adaptiert man diese Open-Source-Prozesse auf wissenschaftliche Erkenntnisprozesse und definiert in diesem Zusammenhang wissenschaftliche Publikationen als Quellcode, ist das Konzept auf den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess mindestens teilweise übertragbar (Garcia_2010) (Singh_2008) (Bradley_2008) (Mantz_2007) (Dorschel_2006) (Bradley_2007) (Willinsky_2005). Dass das System der offenen Softwareentwicklung dem System der Erkenntnisgewinnung in der Wissenschaft ähnelt, beruht auch auf der Parallele, dass in der Wissenschaft neues Wissen auf der Grundlage von bereits vorhandenem und verfügbarem Wissen entsteht. Das gilt ebenso für Open-Source-Entwicklungen, bei denen Entwickler und Entwicklerinnen häufig auf Softwareteile anderer zurückgreifen.

Ähnlichkeiten bestehen ebenso bei der Motivation für die Erstellung offener Software und für den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn. Zusammenfassend sind beide Prozesse in nachfolgend aufgelisteten Aspekten einander ähnlich:

  1. Wie bei der wissenschaftlichen Kommunikation baut die Entwicklung vieler Open-Source-Projekte auf den Inhalten, Steuerungsinformationen und Erfahrungen anderer Projekte auf. Die Projekte profitieren dabei von einem ständigen Austausch von Informationen, gegenseitiger Optimierung und Verbesserung. Wie bei Open-Source-Software streben auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach der größtmöglichen Verbreitung ihrer Inhalte
  2. "Free Software (im Sinne von Open Source), Open Access und Creative Commons sind alles Rechts- und Infrastrukturexperimente"(Kelty_2004). Open-Source-Software sollte dabei nicht mit "Shareware" verglichen werden, die zwar kostenlos verbreitet wird, aber deren Quellcode proprietär bleibt (Lerner_2001).
  3. Die Kontributoren von Open-Source-Projekten versprechen sich neue "Karrieremöglichkeiten oder eine Ego-Genugtuung" (Lerner_2001), Selbstverwirklichung oder Befriedigung der intellektuellen Neugier (Willinsky_2005), sowie gegenseitige Beurteilung und Anerkennung (non-monetäres Kapital). Das wissenschaftliche System basiert auf ähnlichen Mechanismen beim Karriere- und Reputationssystem.
  4. Parallelen ergeben sich auch auf der Nutzerseite: "Denn hier wie dort gilt es, das Spannungsfeld zwischen dem Prinzip des „offenen Zugangs“ [...] und dem Wunsch mancher Urheber, die Nutzung seines Werkes – teils aus ideellen, teils aus ökonomischen Motiven – auf bestimmte „gewünschte“ Nutzungsformen zu beschränken" (Dorschel_2006).
  5. Wie bei der wissenschaftlichen Kommunikation geht es bei der Mitarbeit an Open-Source-Projekten nicht ausschließlich um altruistische Motive (Lerner_2001) und um kollektive beziehungsweise arbeitsteilige Prozesse zur Wissensproduktion.
  6. Die Debatte um die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation kann aus technologisch-entwicklungsmethodischer Sicht mit der Debatte um kostenloser Software (Freeware) versus Open-Source-Software verglichen werden. Der Vergleich: Freeware und Open-Access-Publikationen sind zwar kostenlos verfügbar, ihr Erstellungsprozess wird jedoch nicht offen und transparent kommuniziert. Bei Open Science geht es wie bei Open Source um die Offenlegung des gesamten Erstellungsprozesses inklusive der Daten (Grand_2012) sowie auch der benutzten wissenschaftlichen Codes (Hey_2015).
  7. Auch die häufig genutzten Lizenzmodelle und Definitionen von Offenheit im Rahmen wissenschaftlicher Kommunikation haben ihren Ursprung in der Open-Source-Bewegung.

Der Vergleich der Öffnung von Wissenschaft mit der Open-Source-Bewegung wird im Rahmen dieser Arbeit als ein Ansatzpunkt erachtet, um ein mögliches Szenario aufzuzeigen, wie in Zukunft die Wissensproduktion frei und öffentlich gestaltet werden kann. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass bei der Nutzung Open Access publizierter Werke und Publikationen die Erfahrungen aus dem Bereich der Open-Source-Software dienlich sein können, wobei sich die rechtlichen Fragestellungen und Lösungsansätze auf Anbieterseite doch zum Teil erheblich unterscheiden (Dorschel_2006). Diese Einschränkung resultiert aus einer partiell differenten Interessenlage: Open-Source-Software basiert in hohem Maße auf dem Community-Gedanken und ist letztlich von altruistischen Motiven geprägt, während bei Open Access zum Teil die Ressourcenknappheit der öffentlichen Hand sowie die individuellen Renommeeinteressen des Wissenschaftlers im Vordergrund stehen (Dorschel_2006). Im Rahmen der Veränderungsprozesse und Ausweitung der Öffnung auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess muss diese Einschränkung der Vergleichbarkeit allerdings hinterfragt werden, was im weiteren Verlauf dieser Arbeit dargestellt wird.

Die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation

Während "Openness" bisher vielfach mit den Entwicklungen im Zusammenhang mit offener Software assoziiert wird, gibt es Anknüpfungspunkte von "Offenheit" als Begriff in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die schon zeitlich früher anzusetzen sind (Tkacz_2014). So sieht Christopher Kelty die ersten Anfänge bereits in den 1980er Jahren (Kelty_2008). Andrew Russell sieht die ideologischen Ursprünge von "Offenheit" als Standard schon in der Entwicklung des Telegraphs und weiteren Ingenieurleistungen seit 1860 (Russell_2014). Könneker und Lugger sehen erste Beispiele einer offenen Wissenschaft bereits im 17. Jahrhundert (Konneker_2013). Zu dieser Zeit herrschte noch keine strikte Trennung zwischen Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern und die "öffentliche[n] Demonstrationen von Experimenten mit großem Überraschungs- und Unterhaltungswert beziehen das Publikum ein" (Weingart_2005).

Das aktuell vorherrschende System der wissenschaftlichen Kommunikation hat sich seit den 1960er Jahren etabliert und funktionierte am besten, als die akademischen Ziele mit den Marktinteressen vereinbar waren. Doch die Rahmenbedingungen wissenschaftlicher Kommunikation haben sich seitdem fundamental verändert (Weiner_2001). Infolge des weltweit steigenden Haushaltsdrucks der Bibliotheken und wissenschaftlichen Institutionen, des "ungewöhnlichen Geschäftsmodells" (Peek_1996) der Wissenschaftsverlage mit immer höheren Margen (Albert_2006), der Massifizierung der Universität (Binswanger_2014), des konstanten Anstiegs des wissenschaftlichen Outputs (Haustein_2012: 23) und des Umstandes, dass private Wissenschaftsverlage durch das wissenschaftliche Reputationssystem über öffentlich finanzierte Wissenschaftlerkarrieren entscheiden (Heise_2012b), befindet sich das wissenschaftliche Kommunikationssystem in einer Krise (BBAW_2015: 11).

Im Rahmen der technologischen Entwicklungen bei der Digitalisierung des wissenschaftlichen Arbeitens und elektronischen Publizierens kann die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation als eine mögliche Antwort auf diese Krise verstanden werden, setzt bei der Öffnung (Open) und dem freien Zugang (Access) zu wissenschaftlichen Publikationen an und könnte perspektivisch zu einer Öffnung (Open) des Zugriffs auf den Prozess des Forschens (Science) führen. Darüber hinaus werden wissenschaftliche Ergebnisse zunehmend zum Thema massenmedialer Berichterstattung, wodurch sich der ursprüngliche "Publikumsbezug der wissenschaftlichen Kommunikation zur jeweiligen Fachgemeinschaft um den Bezug zur allgemeinen Öffentlichkeit ergänzt" (BBAW_2015: 20).

Dieser Wandel im "Zeitalter der Informatik" birgt aber auch Herausforderungen, die der Philosoph Jean-François Lyotard als "Ökonomisierung des Wissens" (Lyotard_1979: 14) auch im Rahmen der zunehmenden Quantifizierbarkeit von Wissen bezeichnet. Wissen ist performativ geworden und die Produktion von Wissen erfolgt nicht mehr (nur) zum Zweck der Erweiterung des Wissens, sondern mit dem Ziel, es zu verkaufen (Troy_2012: 156). Wissenschaft wird demnach zunehmend als ein Wachstumsfaktor zu einem Funktionsbereich in die Marktwirtschaft integriert (Mikl_2011: 178). Wie im Kapitel "Wissenschaftliches Kapital" beschrieben, beruht die Produktion von wissenschaftlichem Wissen aber eben ursprünglich nicht auf den Marktmechanismen, sondern auf einem nicht-kommerziellen Anreizsystem, und wird durch symbolisches Kapital angetrieben (Troy_2012: 157).

Aus der Öffnung der Kommunikation, so wird befürchtet, entsteht die Gefahr, dass wissenschaftliches "Wissen immer weniger der Bildung dient, sondern für den Verkauf geschaffen und konsumiert wird" (Hagner_2015). Diese Gefahr beschreibt das Spannungsverhältnis, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf der einen Seite zunehmend angehalten sind, die Forschung gemeinsam mit der Industrie schnell in Produkte zu übersetzen, und auf der anderen Seite das Wissen so schnell wie möglich in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verbreitet werden soll, um den wissenschaftlichen Fortschritt zu fördern sowie um die gesellschaftlichen und humanitären Ziele von Wissenschaft zu erfüllen (Harmon_2012) (Woelfle_2011). Diese Gefahr wird auch in der Debatte um die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation genannt (Kansa_2014) (Bunz_2013) (Tkacz_2012) (Mirowski_2005) und im weiteren Verlauf der Arbeit aufgegriffen. Eine weitere Herausforderung stellt die Frage dar, ob und inwieweit durch die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation massenmediale Selektionskriterien als Steuerungsmechanismen für Wissenschaft wirksam gemacht werden (BBAW_2015: 20).

Diese Veränderungen in der Kommunikation von Forschung und Wissenschaft sind keine völlig neuen Phänomene, denn in gewisser Weise ist die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikationsprozesse eine Rückkehr zu der ursprünglichen Beziehung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit (Konneker_2013) (Weingart_2005).

In der gegenwärtigen Literatur kommen die Begriffe um "Offenheit" in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung auf unterschiedlichste Art und Weise zur Anwendung (Fecher_2013). Die Unterscheidung von "Zugang" und "Zugriff" erscheint dabei wesentlich und stellt eine der zentralen Grundlagen für die Abgrenzung der hier verwendeten unterschiedlichen "Open"-Begriffe dar:

  • Offener "Zugang" bezieht sich auf einen unbeschränkten Zugang zur finalen wissenschaftlichen Publikation. Zugang meint "das freie, unwiderrufliche und weltweite Zugangsrecht" (Berliner_Erklaerung_2003). "Unbeschränkt" meint hier vor allem das ausschließliche Lesen der finalen Ergebnispublikation, aber auch die Erstellung von Kopien sowie die Verarbeitung und Benutzung dieser (Lossau_2007) bei Nennung der Urheberschaft. Dieser Open-Access-Ansatz bezieht sich zunächst lediglich auf die Zugangsbedingungen zu den wissenschaftlichen Arbeiten (Mueller_2010). Dabei bezieht sich dieser Zugang auf einen Zeitpunkt nach der Entwicklung und Veröffentlichung des bereits abgeschlossenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, zu dem die Publikation bereits eingereicht oder veröffentlicht wurde.
  • Offener "Zugriff" soll als erweiterte Nutzung der jeweiligen Wissensressourcen verstanden werden und schließt neben dem "Zugang" zur Publikation sämtliche Informationen, Daten und Quellcodes sowie die Kommunikation hinter und vor der finalen Veröffentlichung (Hey_2015) ein. Dieser Zugriff bezieht sich als Erweiterung zu den ersten Forderungen nach "Open Access" auch auf "Daten" als "Gesamtheit der binär codierten, maschinenlesbaren Inskriptionen" und "all das, was auf digitalen Datenträgern gespeichert vorliegt" (Burkhardt_2015). "Zugriff" beschränkt sich hier also nicht nur auf den reinen Zugang zu wissenschaftlicher Information im Rahmen des Publikationsprozesses, sondern schließt auch den Zugriff auf sämtliche Forschungsdaten, Methoden und wissenschaftliche Begleitinformationen, die während der wissenschaftlichen Arbeit auf dem Weg zur finalen Publikation entstehen, ein und ermöglicht die Weiternutzung, Weiterverarbeitung sowie die Erstellung von Derivaten durch Dritte. Im Unterschied zum "Zugang" geht es dabei auch um einen "Zugriff" auf die Informationen, der weit vor dem Zeitpunkt der finalen Einreichung oder Publikation liegt und unmittelbar mit Beginn des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses beginnt.

Offener Zugang zur wissenschaftlichen Kommunikation: Open Access

Der offene Zugang zu wissenschaftlicher Kommunikation ist seit der Entwicklung des gedruckten Wortes eng mit der Frage nach Urheberrechten für wissenschaftliche Informationen verknüpft (Case_2000). Open Access beschreibt ein wissenschaftliches Kommunikationssystem, in dem der Zugang zu den unterschiedlichsten Formen wissenschaftlicher Publikationen, im Gegensatz zum bestehenden System, unter freien, kostenlosen Bedingungen und ohne finanzielle, gesetzliche oder technische Hürden möglich ist (Cloes_2009). Dieses System ermöglicht darüber hinaus ein "alternatives Geschäftsmodell"(Lewis_2012) für wissenschaftliche Publikationen. Das beruht auf der Maßgabe, dass die "Eigentumsrechte an den Artikeln, die bisher für die Publikation in wissenschaftlichen Journals an die jeweiligen Fachverlage abgetreten wurden, (...) nun bei den Autoren der Artikel selbst verbleiben" (Hess_2006).

"Geringere Kostenbarrieren und damit eine einfachere Verbreitung ihrer eigenen Werke" (Cloes_2009) stellen dabei die Wünsche der wissenschaftlichen Autoren und Urheber an Open Access dar. Der Einsatz (offener) Lizenzen ist dafür ein Haupteinflussfaktor. Open Access hat damit den Zweck, die durch Copyright generierten Barrieren zu überwinden und möglichst schnell und umfassend Zugriff auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu ermöglichen.

Open Access wird von Peter Suber als "digital, online, kostenlos und frei von den meisten Urheber- und Lizenzbeschränkungen" (Suber_2012: 4) eingegrenzt (Adema_2014). Open Access bedeutet den "Verzicht auf finanzielle, technische und rechtliche Hindernisse, die dazu bestimmt sind, den Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsartikeln für zahlende Kunden zu begrenzen" und dass "im Interesse der Beschleunigung der Forschung und des Austauschs von Wissen, Verlage ihre Kosten aus anderen Quellen schöpfen" (Suber_2002). Die meisten programmatischen Erklärungsversuche sehen Open Access demnach "als adäquate Selbsthilfe wissenschaftlicher Autoren und Institutionen gegen die diskurshemmenden Auswirkungen der 'Zeitschriftenkrise'” (Naeder_2010: 105). In der Literatur werden unterschiedliche Auffassungen über die Bestimmung von Open Access, wie es erreicht werden kann und welchen genauen Bezugsrahmen das Attribut "Open" beschreibt genannt (Adema_2014) (Herb_2012a). Dies ist darauf zurückzuführen, dass es keine formelle Struktur, keine offizielle Organisation und keine ernannte Führungsperson innerhalb der Open-Access-Bewegung gibt (Poynder_2011). Darüber hinaus sind die existierenden "Definitionen" meist interessengeleitet und führen dazu, "Kriterien, Methoden, Ziele und Folgenabschätzungen ineinander zu verflechten" (Naeder_2010: 105). Diese reichen von der bloßen „Verbesserung von Zungang zur wissenschaftlichen Journalliteratur durch die Verwendung des Internets“ (Willinsky_2006: 64) über den „freien, unmittelbaren und uneingechränkten Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen und Forschungsergebnissen in elektronischer Form“ (Mueller_2010) bis hin zur generellen „Möglichkeit, wissenschaftliche Dokumente entgeltfrei nutzen zu können“ (Herb_2012a: 33).

Einigkeit besteht darin, dass es der Forderung nach Open Access nicht um die Abschaffung oder die Entwertung materiellen geistigen Eigentums, aber um eine weitestmögliche Beseitigung der technischen und rechtlichen Zugangshürden zu wissenschaftlichen Erkenntnissen geht. Kaum jemand bestreitet, dass Open Access mit dem Urheberrecht, mit dem Peer-Review-System, mit Einnahmen (auch Gewinn), dem Drucken, der Erhaltung, Reputation, Qualität, mit dem wissenschaftlichen Karriere-Fortschritt, der Indexierung und anderen Merkmalen und unterstützenden Aspekten, die mit dem herkömmlichen wissenschaftlichen Publikationssystems assoziiert werden kann (Suber_2015). Die Unterstützer dieser Idee vereint das gemeinsame Ziel, "die Bedingungen zu verbessern, unter denen wissenschaftliche Arbeiten zirkulieren können" (Adema_2014). Die Propagierung der Öffnung der wissenschaftlichen Ergebnisse erstreckt sich dabei vor allem auf "Publikationen, die nicht darauf angelegt sind, Einnahmen aus Verkaufserlösen für ihre Urheber zu generieren" (Mueller_2010).

Im Unterschied zu den verschiedenen Interpretationen und Wegen von "Open Access" bietet das Attribut "Open" einen vielleicht eindeutigeren Bezugsrahmen für die Beschreibung des offenen Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen. Eine der Definitionen der Bedingungen von "Open" ist die Open-Definition der Open Knowledge Foundation. Sie erhebt den Anspruch, die Prinzipien und Bedingungen für die Offenheit von Daten und Inhalten zu definieren. Diese Definition von Offenheit setzt voraus, dass Daten und Publikationen als Ganzes und für nicht mehr als angemessene Wiederherstellungskosten (vorzugsweise als Download) und in einer bequemen und modifizierbaren Form verfügbar sein sollten (Molloy_2011).

Gemäß der Open-Definition gilt der Inhalt als "Open", der "für jeden Zweck von jedem kostenlos genutzt, modifiziert und geteilt werden" (Open_Definition_2014) kann. Ziel dieser Definition ist es, "die Bedeutung von offen in Bezug auf Wissen" zu präzisieren. Wissen erstreckt sich in diesem Zusammenhang auf Inhalte wie Musik, Filme, Bücher, jegliche Art von Daten, ob wissenschaftlicher, historischer, geographischer oder anderer Art, sowie Regierungs- und andere Verwaltungsinformationen (Open_Definition_2014).

Die Open-Definition wurde von der Open–Source-Definition abgeleitet und ist als synonym für "frei" oder "libre" im Rahmen der Definition für "freie kulturelle Werke" zu verstehen. Ein Werk oder Inhalt gilt nach dieser Definition als "offen", wenn es bei der Verbreitung folgende Kriterien erfüllt (Open_Definition_2014):

  1. Einhaltung der Prinzipien von Zugang, Verteilung, Wiederverwendung und dem Fernbleiben von technologischen Restriktionen
  2. Attribuierung, Integrität als maximale Einschränkung
  3. Unterbindung der Diskriminierung von Personen, Gruppen oder bestimmten Bereichen/Gebieten
  4. Einhaltung genannter Kriterien im Rahmen der Lizenzierung

Die Definition setzt eindeutige Kriterien, deren Erfüllung notwendig ist, um das Attribut "Open" zu verwenden. Wie bei den "three B's" kann ein Verstoß gegen diese Kriterien nicht sanktioniert werden, aber die öffentliche Verwendung von "Open" erschweren. Kommt es zu einem Verstoß gegen diese Kriterien, wird von "Open Washing" gesprochen. Die Definition dient damit vor allem den zivilgesellschaftlichen Akteuren zur Bloßstellung von Bestrebungen ohne die gewünschte ideelle Wirkung.

Wege des Open-Access-Publizierens

In der Literatur wird Open Access in unterschiedliche Formen unterteilt (CREATe_2014) (Albert_2006) und es bestehen unterschiedliche Auffassungen über die verschiedenen Erklärungsversuche von Open Access (CREATe_2014) (Guedon_2004) (Lewis_2012). Die meisten Begriffsbestimmungen von Open Access, wie auch die Modelle, orientieren sich an den "three Bs", den derzeit meist verwendeten Erklärungsversuchen von Open Access (Adema_2014). Am Beispiel der Budapest Open Access Initiative werden zwei Wege für Open Access dargestellt (Albert_2006):

  1. Die Etablierung "einer neuen Generation von Fachzeitschriften", die einen kostenfreien und unmittelbaren Zugang zu den Beiträgen ermöglichen ("goldener" Weg)
  2. Die öffentlich zugängliche (Selbst-)Archivierung durch die Urheber ("grüner" Weg) (Adema_2013) (Hall_2008)

Der "grüne Weg" beschreibt ein Modell, bei dem der Autor oder die Autorin im Rahmen einer (Selbst-)Archivierung von Beiträgen in Repositorien (teilweise öffentliche Dokumentenserver) die Verfügbarkeit seiner Publikation anstrebt (Brembs_2015) (Mueller_2010) (Grand_2012). Das vom Autor oder von der Autorin initial eingereichte Dokument (Manuskriptfassung) steht dabei als Pre-Print- oder Post-Print-Version auf institutionellen oder disziplinären Dokumentenservern oder privaten Homepages jedem zur Verfügung. Im Unterschied zu Post-Prints, hat bei einem Pre-Print keine Peer Review stattgefunden und der Beitrag hat somit keine externe wissenschaftliche Qualitätssicherungsmaßnahme durchlaufen. Beim "grünen Weg" hat der publizierende Verlag darüber hinaus die Möglichkeit, innerhalb einer Sperrfrist von üblicherweise 6 bis 12 Monaten den lektorierten und fertigpublizierten Beitrag unter einer eigenen Lizenz zu verkaufen. Erst nach Ablauf dieser Frist wird die finale und lektorierte Fassung des Beitrags frei und offen zur Verfügung gestellt. Es existieren je nach Verlag und Publikationsform verschiedene Möglichkeiten der Ausgestaltung dieses Publikationsweges. Diese unterschiedlichen Ausgestaltungen eint die Möglichkeit für den Autor oder die Autorin, seinen eingereichten Beitrag unmittelbar, frei und kostenlos zu veröffentlichen, und die freie und kostenlose Veröffentlichung der finalen Publikation durch den Verlag nach einer Sperrfrist (Dorschel_2006). Die vertragsrechtliche Ausgestaltung des grünen Weges ist vielfältig und reicht von einer tatsächlichen Beschränkung der Rechtseinräumung auf das für den Vertragszweck erforderliche Maß bis zu einer für Autoren und Archivaren ungünstigen "vollständigen Übertragung, gepaart mit einer schuldrechtlichen Gestattung einzelner Nutzungshandlungen nach Ablauf einer gewissen Schutzfrist" (Dorschel_2006). Der grüne Weg ist demnach als Kompromiss für einen Open Access auf Grundlage der Interessen der Verlage anzusehen (Mussell_2013).

Beim "goldene Weg" stellt der Autor oder die Autorin unmittelbar nach der Fertigstellung die finale und lektorierte Publikation über einen Verlag frei und offen zur Verfügung. Auch die Verlagsversion muss ohne Sperrfrist in einem Repositorium unmittelbar zur Verfügung gestellt werden. Der Verlag hat allerdings zusätzlich die Möglichkeit, den Beitrag kommerziell zu vertreiben und zu verkaufen, muss jedoch parallel eine freie und offene Version der Publikation zur Verfügung stellen.

Alternativ ermöglicht es der verzögerte goldene Open-Access-Weg dem Verlag, zeitverzögert für die Öffentlichkeit die finale Version der Publikation unter einer offenen Lizenz zur Verfügung zu stellen (Lewis_2012). Der Verlag hat bei diesem verzögerten Modell den Vorteil, über einen bestimmten Zeitraum die Publikation vertreiben zu können, ohne zeitgleich eine offene und freie Version anbieten zu müssen. Der Autor oder die Autorin hat im Gegensatz zum "grünen Modell" aber dennoch die Möglichkeit, diese finale Publikation vollumfassend sofort kostenfrei anzubieten.

Im Rahmen anderer Modelle, meist gemischter Modelle, wird den Autoren im Nachhinein die Möglichkeit eingeräumt, durch zusätzliche finanzielle Zahlung die Publikation offen und frei zur Verfügung zu stellen(Lewis_2012). Das hat für den Autor oder die Autorin den Nutzen, dass er von den Vorteilen bei der offenen Verbreitung von Publikationen unter den Bedingungen von Open Access profitiert. Macht der Autor oder die Autorin davon erst nach einem gewissen Zeitraum Gebrauch, generiert der Verlag neben den initialen Verkaufserlösen über diesen Weg zusätzliche Einnahmen. Diese alternativen Modelle ermöglichen es, dass parallel zu den kostenlosen und offenen elektronischen Veröffentlichungen weitere kostenpflichtige Publikationen in gedruckter oder digitaler Form erscheinen können. Eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass neben der kostenpflichtigen Version auch eine kostenfreie Version der Publikation unter den in der Open-Definition erklärten Bedingungen existiert.

Darüber hinaus findet in der Literatur die Segmentierung in gratis und libre Open Access statt (Eve_2013) (Naeder_2010) (Mounce_2015). Mit gratis Open Access wird dabei die Möglichkeit bezeichnet, den Zugang zu Publikationen und Forschungsergebnissen zu erleichtern und die Kostenpflichtigkeit zu beenden. Libre Open Access bedeutet, dass weitere Barrieren, wie Urheber- und Lizenzbeschränkungen, aufgehoben werden (Adema_2014). Diese Unterteilung wird von einigen Autoren kritisiert, da durch das Hinzufügen eines weiteren Attributs die eigentlich scharfe Abgrenzung von "Close" und "Open" geschwächt wird, was sich auch auf andere Bereiche der Open-Bewegung (Open Government Data, Open Hardware, Open Educational Resources‎ u.v.m.) auswirken könnte. Diese Kritik kann auch auf die Modelle von Green und Golden Open Access ausgeweitet werden und die Differenzierung der Begriffe steht unter dem Verdacht, grundsätzlich wenig oder falsch verstanden zu werden (Mounce_2015).

Neben den dargestellten Modellen existieren weitere Veröffentlichungsmodelle für Open-Access-Publikationen. Die Einteilung in hybride, radikale und sonstige Formen von Open Access stellt dabei eine weitere entwertete Ebene der Unterteilung dar (Mounce_2015). Weitere, aber im Vergleich wenig genutzte Modelle sind hybride Modelle. Als hybrid werden diese deshalb bezeichnet, weil der Autor oder die Autorin wählen kann, ob er den Verlag für den kostenlosen Zugriff auf seine Publikation finanziert oder der Leser über das Subskriptionsmodell zahlt (Mueller_2010). Dieses Modell steht aber in der Kritik, da die rechtlichen Bedingungen nur selten eine Nachnutzung oder Weiterverbreitung erlauben und die Verlage nur selten auf das exklusive Verwertungsrecht verzichten (Mueller_2010). Die Publikationsformen werden als Open Access bezeichnet, genügen aber nicht den gängigen Deklarationen (BOAI_2012) oder verstoßen gegen die Open-Definition. Entspricht eine Veröffentlichung nicht der Open-Definition, wird aber vom Verlag oder der herausgebenden Institution als "Open" bezeichnet, so wird auch umgangssprachlich von "Open Washing" gesprochen. Von einer weiteren Unterteilung der Open-Access-Modelle wird deshalb und aufgrund ihrer geringen Verbreitung und Praktikabilität in dieser Arbeit abgesehen.

Der verzögerte goldene Weg und der grüne Weg beeinträchtigen das klassische Geschäftsmodell der Verlage vorerst nicht direkt. Publikationen werden wie bisher angeboten und erst nach einer bestimmten Zeit auch kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Gegensatz dazu kommt der goldene Weg, auf Grundlage unmittelbarer, freier und offener Veröffentlichungspflicht, ohne das tradierte Geschäftsmodell der Verlage aus (Lewis_2012).

Allerdings werden für Publikationen, die unter den Bedingungen von Open Access veröffentlicht werden, durch die Verlage meist vorab Veröffentlichungsgebühren oder Speicherkosten von den Autoren und Autorinnen erhoben (Jubb_2011). Diese sogenannten Article Processing Charges (APC) oder Deposit Rates werden damit gerechtfertigt, dass bei dieser Publikationsform weder auf den Peer-Review-Prozess noch auf die Möglichkeiten, über Vertriebsmaßnahmen zusätzlichen Umsatz zu generieren, Urheber zu schützen oder andere Stärken der traditionellen Publikationsformen verzichtet wird (Albert_2006) (Bargheer_2009) und das Kosten für Ablage und Langzeitarchivierung entstehen (Jubb_2011).

Somit ändert das Open-Access-Geschäftsmodell die Erlösstruktur der Verlage von nachgelagerten, verkaufsorientierten Einnahmen hin zu Vorabeinnahmen für die Erstellung und den Vertrieb der Publikationen. Strukturell steht Open Access für Verlage damit vorerst in keinem Widerspruch zur Bewahrung der wissenschaftlichen Qualität oder den Vorteilen des klassischen Publikationssystems (Suber_2002). Verlage nutzen zwar Open-Access-Optionen, wollen damit aber die etablierten Verhältnisse möglichst fortschreiben und halten am Subskriptionsmodell weiter fest (Schmidt_2007).

Open-Access-Kanäle und Publikationsformate

In diesem Abschnitt wird auf unterschiedliche Open-Access-Kanäle und -Publikationsformate eingegangen. Es wird unterschieden in: Open-Access-Aggregatoren, Open-Access-Repositorien, Open-Access-Journale, Open-Access-Bücher und -Monografien. Diese Kanäle und Formate verkörpern die unterschiedlichen Publikationsformen der wissenschaftlichen Kommunikation oder konkrete Herausforderungen in Bezug auf die Distribution und Archivierung im Rahmen der neuen Möglichkeiten offenen und freien Publizierens.

Da es eine enge Verknüpfung zwischen Repositorien und der Entwicklung der Open-Access-Bewegung gibt (Adema_2013) (Offhaus_2012), soll in diesem Kapitel auf die Rolle der Repositorien als spezifischer Kanal für die Verbreitung von Publikationen eingegangen werden. Repositorien sind verwaltete Orte zur Aufbewahrung geordneter Dokumente. Institutionelle Repositorien gelten als ein Instrument für wissenschaftliche Einrichtungen oder eine Gruppe von Einrichtungen, um Publikationen für einen institutionell meist abgegrenzten Bereich frei zugänglich zu machen (Dobratz_2007) (Baggs_2006). Über die Hälfte der forschungsorientierten deutschen Universitäten betreiben ein solches institutionelles Repositorium (Schmidt_2009).

Institutionelle Repositorien haben erhebliche Vorteile für die Institutionen, wenn sie in die ganzheitlichen Rahmenbedingungen der Universität integriert sind (Steele_2006). Repositorien können neben der Kernaufgabe der Archivierung und Verbreitung von Publikationen auch für die Lernumgebungen, den Forschungsservice und die Marketingaktivitäten einer Universität eine wichtige Rolle spielen. Sie ermöglichen zum Beispiel die Dokumentation des universitären Outputs und verbessern den institutionellen Austausch (Steele_2006). Ökonomisch rentieren sie sich vor allem dann, wenn Skaleneffekte eintreten und Forschungseinrichtungen in Verbünden agieren (Blythe_2005). Neben den institutionellen sind auch fachliche oder andere Arten von Repositorien eng mit der Open-Access-Bewegung verknüpft. Repositorien stehen für die digitale Speicherung von Dokumenten und zunehmend auch von Daten zur Verfügung. Sie entwickeln sich von "bloßen Repositorien für Literatur in Richtung digitaler Forschungsportale und -umgebungen", die "verschiedenste Materialien integrieren und damit nutzbar und zitierfähig machen" (Schmidt_2009: 10). Digitale Repositorien bieten Mehrwertdienste, insbesondere die Erhebung von Nutzungsstatistiken, Zitationsanalysen und webometrischen Daten (Jahn_2011) (Mayr_2005). Über diese Repositorien wird der Zugang zu den unterschiedlichen Modellen und Publikationswegen von Open-Access-Publikationen ermöglicht (Suber_2015).

Kritische Betrachtungen von Open Access

Open Access ist nicht unumstritten. Kritik an Open Access kommt vor allem von den "etablierten Wissenschaftsverlagen, aber auch von Autoren, die um Einnahmen aus Autorenverträgen" (Schirmbacher_2007: 24) und die Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit fürchten. Neben der Kritik am ökonomischen Modell sowie der Angst vor dem Verlust vom Recht am geistigen Eigentum (Heidelbeger_Appell_2009) der Angst vor Einschränkung von Freiheit in Forschung, Lehre und Forschungsheterogenität (Szczesny_2014) wird sogar befürchtet, dass Open Access es "tatsächlich in den Händen" hat, ganze Publikationsformen wie "dem geisteswissenschaftlichen Buch ein Ende zu bereiten" (Hirschi_2015: 6).

Aus der Perspektive der Leser und Leserinnen gibt es demgegenüber wenig Kritik am Konzept von Open Access (Wein_2010: 287) (Weishaupt_2009). Sie bezieht sich, wenn überhaupt, vorwiegend auf die Befürchtungen aus den Konsequenzen der Öffnung für die Wissenschaft und Forschung sowie der Verknüpfung der Öffnung mit der Digitalisierung. Dabei werden vor allem die sinkende Forschungsheterogenität (Hirschi_2015), die eventuell steigende Einflussnahme durch die "Steuerzahler", die Gefahr der Medialisierung der Wissenschaft (Weingart_2005) sowie die Konsequenzen einer Unterwanderung der Steuerungsmechanismen von Wissenschaft und Forschung genannt. Als theoretische Gefahr wird diesbezüglich beispielhaft die Gefahr der Außerkraftsetzung des Wahrheitsmonopols der Wissenschaft durch das Aufmerksamkeitsmonopol der Medien genannt (Weingart_2005) sowie die Angst des Verlustes der Möglichkeit der analogen Informationsversorgung durch "konzentriertes Lesen in einem Lesesaal" (Winkler_2011: 4).

Seitens der Autoren und Autorinnen besteht bisher eine vergleichsweise geringe Akzeptanz für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und wenig Interesse an Open-Access-Publikationen. Es existieren noch immer "viele Vorbehalte und Missverständnisse" (Suber_2002). Diese fehlende Akzeptanz für Open Access in der wissenschaftlichen Gemeinschaft stellt die größten Herausforderungen für die Etablierung offener Kommunikation in der Wissenschaft und Forschung dar (Weishaupt_2009). Die Vorurteile betreffen insbesondere die Verschiebung des Leser/Bibliotheken-Bezahl-Systems zum Autoren-Bezahl-System zur Refinanzierung des Publikationsprozesses (European_Commission_2006) (Chibnik_2015). Die meisten Autoren und Autorinnen vermuten, dass sie selbst im Rahmen des Systemwandels zukünftig für die Veröffentlichung der Texte zahlen müssen, um die freie und offene Zugänglichkeit zu gewährleisten (Mussell_2013), und das, obwohl schon bei konventionellen (nicht Open Access) Veröffentlichungen oft genug die Druckkosten selbst aufgebracht werden müssen (Weishaupt_2009). Darüber hinaus ermöglicht dieses Modell im Rahmen der Verschiebung der Erlösquelle von der Bibliothek zum Autor oder der Autorin die zunehmende Entwicklung von "falschen" Open-Access-Journalen und -Publikationen durch betrügerische Verleger (Predatory Publishers) (Beall_2015), die eine ernsthafte Bedrohung für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation im Rahmen der Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation darstellen (Beall_2012).

Eine weitere Hürde für die Akzeptanz bilden Herausforderungen bei der Sicherung der "Authentizität und Integrität der Texte" (Weishaupt_2009) (Fehling_2014: 191), bei der Langzeitarchivierung (Hagner_2015) (Eve_2013) und der Einbettung offener Kommunikation in das wissenschaftliche Reputationssystem (Weishaupt_2009) (Suber_2002) (Adema_2014). Darüber hinaus gerät das bisher von den Verlagen organisierte Bewertungssystem zunehmend ins Wanken, wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen anfangen, einfach ihre Publikationen frei und offen im Internet zu veröffentlichen und "die Auszeichnung, eine Veröffentlichung in einem sogenannten renommierten wissenschaftlichen Journal zu platzieren, nichts mehr gelten soll" (Schirmbacher_2007: 24).

Die Vertriebsarten, die auf einem Modell beruhen, bei dem der Autor beziehungsweise die Autorin die Kosten für die Publikation trägt, wird auch als "Sozialismus für die Reichen" (Cope_2014) bezeichnet. Denn das Modell nährt die Befürchtung, dass zum einen der beim tradierten Publikationssystem kritisierte Matthäus-Effekt wieder in Kraft tritt und nur gut ausgestattete und damit meist bereits renommierte Universitäten, Institutionen oder Lehrstühle in der Lage sind, die Ressourcen aufzubringen, um Publikationen zu veröffentlichen. Dieser Effekt verstärkt die Vermutung, dass in sozial schwächeren Umgebungen auch unter Open Access die Wissensproduktion und -verbreitung weiter behindert und die erhoffte Schaffung gleicher Bedingungen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem ausbleiben werden.

Zusammenfassend bezieht sich die Kritik vornehmlich auf die Gefahren in einem System, in dem die Öffnung erzwungen wird oder die wissenschaftliche Gemeinschaft ohne Einbeziehung in die Ausgestaltung dazu verpflichtet wird. Der Umstand, dass die wissenschaftlichen Akteure selbst entscheiden können, welchen Weg sie wählen, wird dabei bisher nur unzureichend berücksichtigt und kommuniziert. In diesem Zusammenhang werden im Folgenden exemplarisch zwei Bereiche der Kritik genauer dargestellt, um einen tieferen Einblick in die Themen und Akteure der Debatten um die Kritik an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation zu ermöglichen: erstens die Kritik am ökonomischen Modell und zweitens die Kritik an der Einschränkung von Freiheit in Forschung, Lehre sowie von Forschungsdiversität.

1. Kritik am ökonomischen Modell

Ein Kritikpunkt am Open-Access-Modell bezieht sich vor allem auf das Kostenargument und die ursprüngliche Hoffnung, dass die technologischen Treiber gesteuert und organisiert von der Forschungs-Community selbst, anstatt durch Fachverlage, die durchschnittlichen Kosten für einen publizierten Artikel signifikant senken könnten. So stellte sich die Frage, ob "aus der Sicht des individuellen Nutzenkalküls von Wissenschaftlern, Verlagen und weiteren Einrichtungen wie Bibliotheken als auch aus Sicht gesamtwirtschaftlicher Wohlfahrtsüberlegungen (...) der Markt der Wissenschaftskommunikation nicht effizienter organisiert werden könnte" (Hess_2006). In einigen Beiträgen wurden schon sehr früh Kostensenkungen zwischen 50 und bis zu 90 Prozent (Hilf_2004) (Willinsky_2006: 64) prognostiziert.

Folgende Punkte weckten zunächst die Hoffnung, das System leistungsfähiger zu machen und "von seinen durch den Papierdruck auferlegten Fesseln" zu befreien (Hilf_2004):

  • langer Zeitverzug vom Einreichen eines Manuskriptes bis zum finalen Bereitstellen des Wissens,
  • komplizierter Vertriebsweg vom Verlag über Grossisten zu Bibliotheken,
  • hohe Kosten (über 3.000 Euro für die gesamte Verlagsarbeit je Artikel) mit den daraus folgenden horrenden Zeitschriftenpreisen,
  • und daraus folgend wenige, ungleich in der Welt verteilte Leser und Leserinnen (digital divide),
  • unvollständige Information (aus Platzmangel), was Nachnutzungen und das Nachprüfen erschwert und somit auch Fälschungen erleichtert,
  • nur anonymes Referieren vor der Veröffentlichung, was den Missbrauch erleichtert.

Verlage, die Open Access publizieren, stehen dabei allerdings unter einer besonderen und neuen Herausforderung, mit diesem Modell nachhaltig zu operieren, und passen deshalb ihre Preise von Zeit zu Zeit an. "Auffällig ist jedoch, dass gerade die großen erfolgreichen Projekte wie BioMed Central und Public Library of Science nach ihrer Einführung am Markt deutlichen Gebrauch von Preissteigerungen gemacht haben" (Schmidt_2007: 181). Diese Entwicklung hält, wenn auch verlangsamt, weiter an. Unter diesem Kostenaspekt wird befürchtet, dass sich subskriptionsbasierte und Open-Access-Verlage nicht fundamental unterscheiden (Schmidt_2007: 182). Diese Betrachtung basiert auf der Annahme, dass die Gesamtpublikationskosten unter den Forderungen von Open Access für Institutionen mit relativ hohem Publikationsoutput höher sein könnten als die eingesparten Gebühren für die Subskriptionen von Publikationen nach dem aktuellen Modell (Mueller-Langer_2010).

Neben der Refinanzierung über Modelle, im Rahmen derer die Autoren vorab die Kosten für die Veröffentlichung übernehmen, werden in der Literatur auch andere Möglichkeiten genannt. Erstens die Refinanzierung über Werbung, die sich allerdings nur für einige Disziplinen (Bjoerk_2004) eignet und die Gefahr der Medialisierung von Wissenschaft birgt. Zweitens die Finanzierung über hybride Modelle, bei denen Open-Access-Texte mit Texten nach dem klassischen Erlösmodell gemixt werden und die Autoren gegen zusätzliche Zahlung den Text unter den Bedingungen von Open Access "freikaufen" können (Bjoerk_2012). Oder drittens Modelle basierend auf dem Wirtschaftsmodell von Versicherungen, bei dem wissenschaftliche Institutionen ex ante für die Publikation aller mit ihr assoziierten Autoren bezahlen (Mueller-Langer_2010: 63).

Auch wenn die ersten Open-Access-Verlage wie PLOS ONE seit 2010 ohne Verlust operieren (Jerram_2010), sind die meisten Modelle (vor allem im Vergleich zu den Non-Open-Verlagen) bisher nur mäßig erfolgreich (Bjoerk_2012). Nach der ersten Dekade von Experimenten rund um die Refinanzierung von Open Access bleibt die Kritik an der Nachhaltigkeit von Open Access in Bezug auf das ökonomische Modell bestehen. Somit bleibt die Frage nach der Refinanzierung weiterhin von zentraler Bedeutung für die weitere Verbreitung von Open Access.

2. Gefahr der Einschränkung von Freiheit in Forschung, Lehre und Forschungsdiversität

Würden Forschungsförderer eine Erstveröffentlichung als Open Access (goldener Weg) verlangen, so wäre zweifelsohne der Schutzbereich der positiven Publikationsfreiheit und damit ein integraler Bestandteil der Wissenschaftsfreiheit berührt (Fehling_2014: 191) (Peukert_2013). Eine generelle Veröffentlichungspflicht nach den Bedingungen von Open Access würde allerdings auch klar der negativen Publikationsfreiheit im Sinne der Freiheit, Forschungsergebnisse nicht zu publizieren, widersprechen (Fehling_2014: 192), wobei die Schutzwürdigkeit dieser Freiheit sowie die verfassungsrechtlich Zulässigkeit einer Open-Access-Erstveröffentlichungspflicht auch hinterfragt werden können (Fehling_2014: 192) (Peukert_2013).

Darüber hinaus wird vermutet, dass die umfassende Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation weitreichende Konsequenzen auf das wie und was geforscht wird hat (Szczesny_2014) (Weingart_2005). Ein Großteil der Wissenschaft wird durch Steuergelder finanziert. Trotz der Autonomie kann nicht gänzlich ausgeschlossen kann, dass politische Interessen die Steuerungsmechanismen von Wissenschaft und Forschungsförderung trotz unabhängiger Forschungsförderungsstrukturen beeinflussen können. In Deutschland wird die Trennung von politischen und forscherischen Interessen bei der öffentlichen Finanzierung von Forschung durch die Unabhängigkeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sichergestellt. Ziel dieser Trennung ist es, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unabhängig von unmittelbaren politischen Interessen und Verwertungskriterien forschen können. Als privatrechtlicher Verein sieht sich die DFG als "wissenschaftliche Selbstverwaltung" und steht für "Autonomie gegenüber der Politik" (DFG_2011). Dennoch kann, so die Befürchtung, nicht sichergestellt werden, dass eine umfassende Einbeziehung und Information der Gesamtöffentlichkeit keinen Einfluss auf die Mittelvergabe hätte (Weingart_2005).

Der Mediziner und Wissenschaftshistoriker Michael Hagner formuliert diesbezüglich seine Befürchtung in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung wie folgt: "Open Access als Traum der Verwaltungen". Er wie auch andere beschreiben die Befürchtung, dass die Wissenschaft bei der generellen Verpflichtung zur offenen elektronischen Veröffentlichung von Forschungsergebnissen für Wissenschaftler durch Universitäten auf eine vollends verwaltete Forschung hinauslaufen würde (Hagner_2009). Andere antizipieren einen weiteren Aspekt der Gefährdung von Wissenschaft und Forschung, weil Grundlagenforschung sowie andere komplexe oder explorative Forschungsbereiche in Zukunft weniger Berücksichtigung finden würden, wenn die Öffnung der wissenschaftlichen Forschungsprozesse unter rein kommerziellen Aspekten weiter vorangetrieben würde (Szczesny_2014). Folglich sind die Normen von Offenheit schon immer von entscheidender Bedeutung bei der Aufrechterhaltung der systemischen Wirksamkeit der modernen wissenschaftlichen Forschung, andererseits sind sie auch sehr anfällig für die Legitimation des Rückzugs der staatlichen Unterstützung, Finanzierung und den öffentlichen Schutz zur Sicherung der freien Rahmenbedingungen (David_1998).

Um Debatten, Aspekte und Prognosen bezüglich der Implikationen und Konsequenzen von Open Access zu evaluieren, wird in diesem Teil der Arbeit auf Grundlage von konkreten Beispielen die Kritik an der Öffnung von Wissenschaft und der (forschungs-)politischen, rechtlichen und freiheitlichen Entwicklungen ergänzend dargestellt.

Als ein konkretes Beispiel für die "Kontroversen um die Zukunft des Buches, um Autorenschaft und geistiges Eigentum, die Rolle von Verlagen und die für Leser und Leserinnen kostenlose Bereitstellung aller wissenschaftlichen Literatur" (Hagner_2015), die Einschränkung der Wissenschafts- und Publikationsfreiheit soll der "Heidelberger Appell" für Publikationsfreiheit und die Wahrung von Urheberrechten dienen. Am 22. März 2009 wurde auf der Webseite der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" der Artikel "Geistiges Eigentum: Autor darf Freiheit über sein Werk nicht verlieren" (Heidelberger_Appell_2009) veröffentlicht. Vorangegangen war eine öffentlich ausgetragene Diskussion zwischen dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Roland Reuß und weiteren Wissenschaftlern in einem Spezial der Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Die Debatte über Open Access". Im Anhang zu diesem Artikel fand sich ein öffentlicher Aufruf, auch "Heidelberger Appell" genannt.

Der Appell richtete sich vor allem an "die Bundesregierung und die Regierungen der Länder, das bestehende Urheberrecht, die Publikationsfreiheit und die Freiheit von Forschung und Lehre entschlossen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verteidigen" (ITK_2009). Die Autoren und Autorinnen forderten, unter anderem in Bezug auf die Google Buchsuche (Google Books), die Politik, Öffentlichkeit und Kreative auf, sich für die "Wahrung der Urheberrechte" und "gegen eine angebliche „Enteignung“ der Autoren durch das Vorgehen von Google einerseits, wie auch durch das Publikationsmodell Open Access andererseits" (Cloes_2009) zu engagieren.

Die Autoren und Autorinnen des Appells unterscheiden zwei Ebenen: International kritisieren sie "die nach deutschem Recht illegale Veröffentlichung urheberrechtlich geschützter Werke geistigen Eigentums auf Plattformen wie Google Books und YouTube" sowie die Entwendung dieser "ohne strafrechtliche Konsequenzen". Im nationalen Rahmen, so prangern die Autoren weiter an, werden diese "Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären" durch die "Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen (Mitglieder: Wissenschaftsrat, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Leibniz-Gesellschaft, Max-Planck-Institute u.a.)" sogar unterstützt (ITK_2009).

Die Kritik der Autoren und Autorinnen des Heidelberger Apells an Open Access bezieht sich, laut einer Untersuchung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, im Wesentlichen auf die folgenden Aspekte (Cloes_2009):

  1. 1. Erzwungene Vertriebswege: "Eine Forschung, der man diktieren könnte, wo ihre Ergebnisse publiziert werden sollen, sei nicht mehr frei." Die Verpflichtung auf eine "bestimmte Publikationsform (...) dient nicht der Verbesserung der wissenschaftlichen Information" (ITK_2009).
  2. Subventionierung von Vertriebswegen, Gefährdung von Fachzeitschriftenverlagen (ITK_2009)

Der Appell "hat eine außergewöhnlich heftige Diskussion über die urheberrechtliche Problematik im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen im Internet ausgelöst. Viele Parlamentarier und Politiker sind für das Thema sensibilisiert" worden (Cloes_2009). In Bezug auf Open Access widerlegt der Wissenschaftliche Dienst die Befürchtungen der Autoren des Heidelberger Apells. Dem Kritikpunkt der "Erzwungenen Vertriebswege" widerspricht der Wissenschaftliche Dienst mit einem Verweis auf Gudrun Gersmann, weil "auch (Anmerkung: unter Open Access) eine Veröffentlichung bei einem Verlag mit einfachem Nutzungsrecht weiterhin möglich sei". In Bezug auf das Modell und das Abhängigkeitsverhältnis halten die wissenschaftlichen Autoren des Bundestags Reuß entgegen, dass es im bisherigen System "zwischen Autor und Fachzeitschriftverlag oft ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zu Lasten des Autors gibt" und Wissenschaftler "oftmals alle Rechte an ihren Beiträgen abtreten" (Cloes_2009) müssen. "Der Befürchtung im Heidelberger Appell, das Publikationsmodell Open Access gefährde Fachzeitschriftenverlage wird entgegengehalten, dass die digitale Plattform auf lange Sicht auch ein Ausweg aus der Zeitschriftenkrise sein könnte" (Cloes_2009). Abschließend konstatiert der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags, dass die "Kritik an Open Access kaum nachvollzogen werden" kann und "die hier gemachten Vorwürfe" "eher auf die traditionellen Vertriebswege zu treffen, als auf das neue Publikationsmodell" (Cloes_2009).

Obwohl der Heidelberger Apell unter dem Verdacht stand, eine "eine an Informationsdefiziten und Fehlinterpretationen reiche Kampagne" (Schmidt_2009) darzustellen, scheint ein Teil der Kritik in mindestens zwei Punkten berechtigt zu sein: erstens, dass man seitens der Forschungsförderer nicht besonders bemüht war (Heidelberger_Appell_2009), sich "ein genaues Bild von den Nebenwirkungen (Anmerkung: von Open Access)" (Reuss_2009) zu verschaffen, und zweitens, dass die Sicherung von Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Anpassung der Steuerungsmechanismen bei den Bestrebungen zur Öffnung von Wissenschaft und Forschung nur ungenügend berücksichtigt wurde (Hagner_2015).

Die Kritik am urheberrechtlichen Aspekt der Google Buchsuche (auch Google Books), einem privatwirtschaftlichen Dienst der Firma Google, der retrospektiv Bücher digitalisiert und deren Inhalt öffentlich im Internet zur Verfügung stellt, soll in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden, da es sich dabei zwar um einen Aspekt der Digitalisierung von Büchern, nicht aber um die Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation nach den Kriterien der in dieser Arbeit gewählten Deklarationen handelt und die Google Buchsuche keinen Bezug zur Open-Access-Bewegung aufweist (Hagner_2015). Dennoch sei auf den Umstand verwiesen, dass die Fixierung auf das Urheberrecht einem idealisierten Verständnis des wissenschaftlichen Verlagswesens entspringt und von den wirklichen Gefahren für die Buchkultur ablenkt (Hirschi_2015: 6).

Offener Zugriff auf wissenschaftliche Kommunikation: Open Science

Trotz aufsehenerregender öffentlicher Debatten und der Kritik an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation führten die Digitalisierung des wissenschaftlichen Alltags und die zunehmende digitale Vernetzung der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu Weiterentwicklungen der Idee von der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und zur Inanspruchnahme der schnellen und digitalen Informationsversorgung durch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (Winkler_2011). Mit dem Anstieg der Übertragungsgeschwindigkeiten im Internet, neuen Speichertechniken und dem Aufkommen neuer kollaborativer Arbeitsweisen und Handlungsoptionen in der Wissenschaft entwickelten sich neue Gegebenheiten für den Austausch wissenschaftlicher Informationen. Die flächendeckende Verfügbarkeit von Breitbandzugängen an Universitäten Anfang der 2000er Jahre, und später auch in Privathaushalten, machte es möglich, nicht nur die formelle wissenschaftliche Kommunikation, sondern auch die informelle Kommunikation und wissenschaftliche Daten zu teilen. Das führte zu einer theoretischen Ausweitung des möglichen Umfangs digital verfügbarer wissenschaftlicher Kommunikation, die Möglichkeit diese über das Internet anderen Forschern und Forscherinnen zur Verfügung zu stellen und ist konsekutiv zu der Forderung nach einer weiteren Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems.

Open Science knüpft an die Entwicklung der Ideen der Open-Access-Bewegung an (Garcia_2010). Beschränkte sich die Idee von Open Access vorerst auf den offenen Zugang zur finalen wissenschaftlichen Publikation, wird das Ziel von Open Science im Folgenden darüber definiert, wie der gesamte wissenschaftliche Erkenntnisprozess der Allgemeinheit offen zur Verfügung gestellt werden kann (Grand_2012). Open Science kann folglich zum einen als Folge der neuen Möglichkeiten für kollaboratives Arbeiten im Rahmen der Digitalisierung und neuer Kommunikationstechniken und zum anderen als Schritt hin zu einer "geistigen Allmende" (Naeder_2010) verstanden werden.

Unter dem Begriff "Open Science" oder "Offene Wissenschaft" verbirgt sich die Forderung, die technischen Entwicklungen zu nutzen, um wissenschaftliche Erkenntnisse aller Art im Rahmen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses schnellstmöglich offen zu verbreiten und für andere nutzbar zu machen (Stafford_2010). Open Science beschränkt sich nicht nur auf den Zugang zur wissenschaftlichen Publikation am Ende des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses (Open Access) und auf die daraus resultierenden Veränderungen wissenschaftlicher Kommunikationsprozesse im Rahmen von Publikationen, sondern auf den möglichst umfassenden Zugriff auf sämtliche Daten und Informationen, die während des gesamten Prozesses anfallen. Aus technischer Sicht ist damit jeder Aspekt der wissenschaftlichen Arbeit gemeint, der digital auf einem Desktop-Computer stattfindet und somit auch öffentlich über das Web potenziell verfügbar gemacht werden kann (Mietchen_2012).

Offene Wissenschaft kann demnach als Sammelbegriff einer Vielzahl an Aktivitäten und Mechanismen der kumulativen Wissensproduktion verstanden werden (Mukherjee_2009) und erstreckt sich dabei über den gesamten wissenschaftlichen Forschungsprozess (Scheliga_2014): vom offenen Zugang zu Publikationen wissenschaftlicher Forschung (Open Access) bis zu dem ganzheitlichen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess. Die diesbezügliche Evolution des Konzepts von Open Access führt zu einem direkten und breiten Weg, Wissenschaft an möglichst jedem Schritt des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses zu kommunizieren und zu transferieren. Unter diesem Gesichtspunkt kann Open Science als eine Weiterentwicklung von Open Access bezeichnet werden. Diese Partikularaktivitäten sollen in der Theorie dazu beitragen, dass sämtliche Inhalte mit Beginn, während und nach der Wissensproduktion durch andere innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft bei Beibehaltung des Datenschutzes und der Privatsphäre möglichst uneingeschränkt weiterverwendet werden können. Das Konzept von Open Science resultiert aus der zunehmenden Anwendung von digitalen Diensten und Applikationen sowie des sozialen Webs auf die Arbeit von Wissenschaftlern und umfasst die "Zugänglichkeit des gesamten Forschungsprozesses, vom Sammeln der Daten an, über die Begutachtung hin zur fertigen Publikation" (Brembs_2015).

Wie Open Access hat die Bewegung für Open Science ihre Dynamik der zunehmenden Verbreitung des Internets Anfang der 1990er Jahren zu verdanken (Lievrouw_2010) sowie der neuen Möglichkeiten des kollaborativen Arbeitens sowie des Teilens von Daten und Informationen über das globale Netzwerk (Meyer_2013). Diese technologischen Entwicklungen ermöglichen jedoch nicht nur das kollaborative Arbeiten zwischen Wissenschaftlern in aller Welt, sondern schaffen auch die Möglichkeit, die ausgetauschten Informationen nicht nur unter Wissenschaftlern zu teilen, sondern auch die Verbreitung wissenschaftlicher Informationen in der Gesamtgesellschaft. Befürworter von Open Science sehen hier eine Möglichkeit, die gesamten wissenschaftlichen Prozesse von der Idee bis zur Abschlusspublikation transparenter, effizienter, nachvollziehbarer und offener zu gestalten (Woelfle_2011) und diese weltweit auch in unterentwickelten Regionen zu verbreiten (Yiotis_2005). Die Vision einer offenen Wissenschaft steht dabei der Verschlüsselungs- und Patentwut zur Wahrung der Geschlossenheit der wissenschaftlichen Informationen und eines möglichen kommerziellen Vorteils durch Wissenschaft im Rahmen öffentlich finanzierter Forschung entgegen und führte zu einer Debatte über die Verfügbarkeit der wissenschaftlichen Arbeit und die Entlohnung der "Erfinder" im wissenschaftlichen System.

Diese Entwicklung kann als Reaktion auf die Forderung nach offenem Zugriff auf Wissenschaft und Forschung dazu führen, "dass sich die Bedeutung von Forschungsergebnissen zukünftig nicht mehr auf sogenannte klassische wissenschaftliche Publikationen (im Format von Einleitung – Methoden – Ergebnisse – Diskussion), sondern die globale Echtzeitpublikation von Originaldaten stützen wird" (Stengel_2013). Open Science basiert folglich auf der ureigenen wissenschaftlichen Anforderung, dass die Ausübung von wissenschaftlichen Tätigkeiten auf eine Art und Weise erfolgt, die es anderen ermöglicht zu den Forschungsbemühungen beizutragen, zusammenzuarbeiten und auf alle Daten, Ergebnisse und Protokolle in allen Phasen des Forschungsprozesses frei zuzugreifen (RIN_2010). Der gesamte Forschungsprozess sollte demnach so transparent und so zugänglich wie möglich gestaltet werden (Scheliga_2014).

Anhand der folgenden Einteilung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses werden die Charakteristika erläutert und dargestellt, um darzulegen, was die Öffnung von Wissenschaft im Sinne von Open Science beinhaltet. Zur Verdeutlichung des Prozesses der Wissensschaffung wird in der vorliegenden Arbeit eine Einteilung in fünf Phasen vorgenommen:

  1. Fragestellung und Planung
  2. Ausführung
  3. Verarbeitung und Analyse
  4. Auswertungsverfahren
  5. Verwendung und Kommunikation der Ergebnisse

Die Forderung nach Öffnung des gesamten Prozesses der Wissensschaffung begründet sich dabei nicht (nur) durch die technologische Entwicklung und die Herausforderungen im bestehenden wissenschaftlichen Kommunikationssystem, sondern basiert auf den folgenden weiterführenden Annahmen:

  1. Der offene Zugang zum gesamten Wissenschaftsprozess erhöht die Möglichkeiten der Validierung und Reproduzierbarkeit der gesamten Forschung(-skette) (Nosek_2015) (Aleksic_2014) (Krumholz_2014) (Hey_2015) und die Entwicklung neuer Qualitätskriterien. (Enhanced-Validation/Reputation-Argument)
  2. Im Rahmen des Teilens (z.B. von Rohdaten) erhöht sich die Effizienz und Verwendbarkeit durch die in der Forschung und Wissenschaft entstandenen Informationen (Fecher_2015). (Shared-Science-Argument)
  3. Im klassischen wissenschaftlichen Kommunikationssystem gibt es keine Anreize negative, widerlegende oder nicht-erfolgreiche wissenschaftliche Ergebnisse zu veröffentlichen. Eine vollumfängliche Öffnung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses könnte dazu beitragen, dass Wissenschaft ihrem Anspruch an Falsifizierbarkeit gerecht wird und auch diese Daten offen zur Verfügung stellt. (Negative-Science/Falsifiability-Argument)
  4. In Ergänzung zu den bestehenden Mechanismen, bei denen Vertrauen unter Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit gegenüber der Wissenschaft besteht (Weingart_2005), bietet die vollständige Veröffentlichung der Informationen, die von offener Wissenschaft ausgeht, Ersatz für oder Ergänzung zu älteren Vertrauenssystemen, zum Nutzen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und der Gesamtgesellschaft (Grand_2012). (Trust-Technology-Argument)

Besonders deutlich werden diese Herausforderungen im Bereich der medizinischen Forschung. Es gibt viele Beispiele in denen nachgewiesen wurde, dass maximal die Hälfte von klinischen Forschungsstudien veröffentlicht werden (Chalmers_2009: 86) und die Möglichkeiten für Reproduzierbarkeit der veröffentlichten Studien durch den unvollständigen oder fehlerhaften Umgang mit Methoden und Daten stark begrenzt sind (Dechartres_2015) (Chan_2014). Diese selektive Veröffentlichung verzerrt den medizinischen Fortschritt und mögliche Erkenntnisse und hemmt den Fluss von Informationen, der wichtig ist, um die Entscheidungsfindung durch die Patienten und ihre Ärzte zu unterstützen (Ross_2013). Werden Ergebnisse nicht veröffentlicht, beeinträchtigt das auch andere Forschung, da auch negative Ergebnisse einen Beitrag zum Falsifikationsprozess liefern. Die Möglichkeit zur Replikation stellt einen wesentlichen Teil der wissenschaftlichen Arbeit, Qualitätskontrolle, Selbstkorrektur und Methode dar (Nosek_2015). Im bestehenden System ist Reproduzierbarkeit jedoch ein häufig vernachlässigter Faktor, da die Neuheit einer Erkenntnis im wissenschaftlichen Kommunikationssystem bisher höher bewertet wird als deren Reproduzierbarkeit (Nosek_2015).

Die Kultur der Forschung braucht diesen Grad an Offenheit in der wissenschaftlichen Kommunikation sowie den Zugang zu Daten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, um im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess erfolgreich zu sein (Fecher_2015) (Krumholz_2014) (Patlak_2010).

Bestrebung der Öffnung des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses sollte es dementsprechend sein, erfolgreiche Wege zu finden, um Informationen, Daten und benutzte Programmcodes unter Berücksichtigung der Interessen aller Beteiligten möglichst umfangreich im besten Interesse der Gesellschaft zu teilen (Naeder_2010) (Ross_2013) (Hey_2015). Offene Wissenschaft hat das Potenzial, durch Transparenz und die Möglichkeit zur Öffnung des Zugriffs auf wissenschaftliche Informationen und Daten einen notwendigen Beitrag zum Vertrauen der Menschen in Wissenschaft und das Vertrauen von Wissenschaft in Menschen zu leisten (Grand_2012).

Open Science: Modelle, Formate und Kanäle

Open Science vereint als Sammelbegriff viele Modelle, Formate und Kanäle. Ein maßgeblicher Katalysator für Open Science waren die technologische Entwicklung und die neuen Möglichkeiten für Wissenschaft aus methodologischer Sicht und für die Dissemination von Forschungsinformationen (Garcia_2010). Ermöglichte das Internet zunächst die einfache Darstellung von Inhalten in einem globalen Netzwerk, führte die Entwicklung des sozialen Webs zu der Möglichkeit eines umfassenden Austauschs in nahezu Echtzeit und zu einer offenen Kommunikation in Wissenschaft und Forschung. Weder die einfache Darstellung von Inhalten in einem globalen Netzwerk noch die Möglichkeit des direkten und offenen Austauschs zwischen Wissenschaftlern waren im analogen Zeitalter realisierbar. Die Frage nach einem freien und umfassenden Zugriff auf wissenschaftliche Information stellte sich infolgedessen erst gar nicht (Schirmbacher_2007).

Open Science umfasst alle Charakteristika des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Exemplarisch werden nachfolgend Möglichkeiten und Perspektiven der Öffnung dieses Prozesses dargestellt:

  • Veröffentlichung von Daten in Repositorien: Diese Repositorien ermöglichen die Ablage und die Verbreitung wissenschaftlicher Daten, die im Rahmen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses anfallen. Dabei können hier nicht nur die Daten abgelegt werden, die im Rahmen der endgültigen Publikation genutzt wurden, sondern auch die, die im Vorfeld erhoben worden sind, oder auch die, die negative Ergebnisse beinhalten. Diese Repositorien können in begutachtete und nicht-begutachtete Repositorien unterteilt werden.
  • Offene Erstellung von Forschungsanträgen: Forschungsförderung ermöglicht die Einwerbung und Allokation von Ressourcen für ein wissenschaftliches Vorhaben. Die öffentliche Erstellung eines solchen Antrags birgt zwar die Gefahr der Kopie durch andere, ermöglicht aber die Einbeziehung externen Wissens und dadurch auch die Möglichkeit einer erfolgversprechenderen Antragsgestaltung. Eventuelle Herausforderungen können so früh erkannt werden und die Möglichkeit der positiven Begutachtung steigt. Zudem schafft diese Art der Beantragung mehr Transparenz bei der Mittelvergabe sowie möglicherweise ein größeres (fach-)öffentliches Interesse an dem Projekt.
  • Arbeit mit offenen Laborbüchern: Dies ist eine Möglichkeit für die offene Ablage von Informationen und die Dokumentation rund um die wissenschaftliche Arbeit. Ziel ist es, ein möglichst umfassendes Bild von der Materie und den eingesetzten Methoden, Applikationen und Zwischenergebnissen frühestmöglich und so umfangreich wie ausführbar zu dokumentieren. Das verbessert die Voraussetzungen für die Replizierbarkeit des Vorhabens (Mayring_1999: 119) und ermöglicht es gegebenenfalls auch, Fehler früh zu erkennen.
  • Erweitertes offenes Publizieren: Neben dem offenen Publizieren von fertigen Texten (Open Access) ist es grundsätzlich realisierbar, die digitalen Publikationen auch mit den Daten anzureichern. Leser und Leserinnen der Literatur haben in dem Fall nicht nur die Möglichkeit eines Zugangs zum wissenschaftlichen Text, sondern könnten beim Lesen auch auf die Daten der Ergebnisse der Publikation zugreifen. Diese Transparenz erhöht das Vertrauen in die wissenschaftlichen Erkenntnisse der jeweiligen Arbeit (Nosek_2015).
  • Offene Überprüfung und Qualitätssicherung: Die technischen Entwicklungen sowie die daraus resultierenden Möglichkeiten des globalen Austauschs und der Verfügbarkeit von Informationen ermöglichen neue Verfahren der Qualitätssicherung sowie neue Mechanismen zur Überprüfung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Durch die möglichst umfassende Verfügbarkeit der Daten und Informationen, die im Rahmen des jeweiligen Erkenntnisprozesses erarbeitet wurden, sind auch neue Formen der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse durch Dritte möglich. Andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen hätten somit die Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Erkenntnisse umfassend zu prüfen und in ihren eigenen Forschungsvorhaben auf umfassende Erkenntnisse zurückzugreifen oder darauf aufzubauen.

Kritik an Open Science

Während viele Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Offenheit in der Forschung als wertvoll erachten, sind nur wenige tatsächlich bereit, die zusätzliche Zeit und Mühe dafür zu investieren und potenzielle nicht abgrenzbare Risiken einzugehen, Forschung offen und uneingeschränkt zugänglich zu machen (Scheliga_2014) (Tenopir_2011) (Procter_2010). In vorhergehenden Studien waren es vor allem jüngere Forscher und Forscherinnen, die kein spezielles Interesse hatten, ihre Daten umfassend zu veröffentlichen (Tenopir_2011). Forscher und Forscherinnen, die offene Wissenschaft praktizieren wollen, werden mit einer Reihe von Hindernissen konfrontiert (Scheliga_2014):

  1. Individuelle Hindernisse: Angst vor Trittbrettfahrern, gefürchteter Mehraufwand an Zeit und Mühe, die Herausforderungen bei der Nutzung der digitalen Dienste, fehlender Anstoß, die Angst, negative Ergebnisse zu veröffentlichen, die Herausforderung, den Datenschutz sicherzustellen und die Abneigung den Code zu teilen
  2. Systemische Hindernisse: Evaluationskriterien behindern Offenheit, kulturelle und institutionelle Einschränkungen, ineffektive (politische) Richtlinien, Mangel an Standards für das Teilen von Forschungsmaterialien, Mangel an rechtlicher Klarheit, finanzielle Aspekte der Offenheit

Betrachtet man wie Scheliga und Friesike das Phänomen Open Science anhand des Konzepts des sozialen Dilemmas, wird deutlich, dass das, was im kollektiven Interesse der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist, nicht unbedingt im Interesse des einzelnen Wissenschaftlers steht. In der wissenschaftlichen Gemeinschaft besteht dabei ein Spannungsverhältnis zwischen dem zu tun, was das Beste für die Gemeinschaft ist, gegenüber dem, was am besten für den einzelnen Wissenschaftler ist (Ekins_2014) (Patlak_2010) (Wein_2010). "Wenn alle Wissenschaftler ihr Wissen nur in den Situationen teilen, in denen sie erwarten, dass sie selbst davon profitieren, ist der gemeinsame Wissenspool fragmentiert und alle Wissenschaftler stehen schlechter da" (Scheliga_2014).

Kritisch wird auch angemerkt, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die vorläufige Ergebnisse veröffentlichen, ein unkalkulierbares Risiko eingehen, dass andere die Arbeit kopieren und die Anerkennung dafür erlangen oder die Ergebnisse sogar patentieren lassen (Peters_2014). In einigen Disziplinen wäre eine an die Echtzeit angelehnte Veröffentlichung der Laborbücher oder Ergebnisse gar kontraproduktiv für den Erkenntnisprozess, in anderen Disziplinen sogar technisch oder rechtlich überhaupt nicht möglich.

Neben diesen ganz pragmatischen Aspekten gibt es auch ein institutionelles Dilemma der Balance zwischen dem prinzipiell offenen Zugang zu Wissen und der Einschränkung des Zugangs. Die Trennung von Nicht-Wissenschaft und Wissenschaft wird als wichtig erachtet, um die systemische Distanz zu wahren, die Spezialisten vorab von Laien trennt und die eine Grenze darstellt, "die nicht beliebig überschreitbar ist" (Weingart_2005). Würde diese Grenze aufgehoben werden, so die Befürchtung, müsste die Wissenschaft das mit dem "Preis des Verlusts ihrer besonderen Leistungsfähigkeit" und mit einer Medialisierung der Wissenschaft bezahlen (Weingart_2005). Weitere Forschungsvorhaben müssten sich mit der Frage beschäftigen, ob und inwieweit diese Befürchtung gerechtfertigt ist oder gar widerlegt werden kann.

Kapitel: Herausforderungen

Im Folgenden werden wesentliche Herausforderungen im bestehenden System wissenschaftlicher Kommunikation in Ergänzung zu den Grundlagen dargestellt. In einem weiteren Schritt werden die Erkenntnisse zusammengefasst sowie die Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung von Wissenschaft identifiziert, extrapoliert und in der Gesamtbetrachtung der Arbeit zusammengeführt und strukturiert dargestellt. Zur Analyse und Darstellung der Herausforderungen wird aus ausgewählten Texten das Spektrum der unterschiedlichen Debatten rund um den Themenkomplex der Kommunikation in Wissenschaft und Forschung herausgearbeitet, die Debatten verdichtet und für die Befragung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Fachbereiche zusammengefasst.

Herausforderungen im bestehenden System wissenschaftlicher Kommunikation

Diese Kanalisierung des Wissens im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation und die Wirksamkeit, wie auch Zweckmäßigkeit dieses wissenschaftlichen Kommunikationssystems sind seit Jahrzehnten Bestandteil von Debatten in der Literatur (Simon_2010) in denen diese immer wieder hinterfragt und als begrenzt geeignet bezeichnet werden (Hornbostel_1997) (Hicks_1996) (Havemann_2002) (Warnke_2012) (Brembs_2013a). Wie im Grundlagenkapitel dargestellt, sind die Debatten zwischen den Akteuren und ihre Fließrichtungen sehr vielfältig. Die folgende stukturierte Einteilung in verschiedene Bereiche der Kritik und Darstellung dieser dient der Einordung der Herausforderungen und zur Eingrenzung der Debatten um das aktuelle System der wissenschaftlichen Kommunikation. Sie werden im Verlauf der Arbeit bei der Betrachtung von Hindernissen und Katalysatoren sowie im Rahmen der Befragung an späterer Stelle erneut aufgegriffen.

Die Herausforderungen im bestehenden System formeller wissenschaftlicher Kommunikation beziehen sich vor allem auf neun Bereiche:

  1. Leistungsbewertung wissenschaftlicher Arbeit
  2. Geschwindigkeit im Kommunikationsprozess
  3. Wahrung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung
  4. Effizienz
  5. Fehlerresistenz und Qualitätssicherung
  6. Verbreitung und Zugänglichkeit
  7. Digitalisierung
  8. Möglichkeiten der Überprüfbarkeit des Wissens/der wissenschaftlichen Güte
  9. Verhinderung von Missbrauch und wissenschaftliches Fehlverhalten

Leistungsbewertung wissenschaftlicher Arbeit

Die Verlage haben in den letzten Dekaden mit den wissenschaftlichen Journalen und Monografien ein zentrales Steuerungs- und Bewertungssystem in der Wissenschaft etablieren können. In diesem System werden die Grundprinzipien der Wissenschaft für die verlegerischen Verwertungsinteressen (aus)genutzt und das, obwohl diese "wissenschaftlichen Grundprinzipien und Normen eigentlich ökonomischen Verwertungsinteressen zu widersprechen scheinen" (Hanekop_2006). Darüber agieren die Forscherinnen und Forscher in einem Umfeld, in dem sie in vielen Fällen wenig oder keine Verantwortung für den Einkauf der wissenschaftlichen Informationen haben, die er oder sie im Rahmen der Veröffentlichung "verschenkt" (Steele_2006).

Die Einführung der quantitativer Bewertungsindikatoren wie das Zitationsregister und die Impact Faktoren, sowie die Definition der Kernzeitschriften, führte zu einer weitgehenden Erstarrung des wissenschaftliche Zeitschriftenmarktes und gleichzeitig zu einem Anstieg der Kapazität der kommerziellen Verlagen, sowie deren Gewinnmargen (CREATe_2014). Die Steuerungsmechanismen werden über die Messbarkeit mittels Methoden direkt oder indirekt ausgeübt. Dabei stehen insbesondere die Methoden, die auf der quantitativen Grundlage der Zitationsraten wissenschaftlicher Publikationen gemessen werden in der Kritik (Brembs_2013) (Dong_2005) und auch andere Indikatoren für die Messung von Forschungsleistungen sind hoch umstritten (Hornbostel_1997) (Hicks_1996) (Havemann_2002) (Warnke_2012). Die Verfahren, um die Wirkung von Wissenschaft und damit auch die Reputation von Wissenschaftlern zu messen, beruhen auf einer "fragwürdigen wissenschaftlichen Grundlage" (Osterloh_2008: 10). Darüber hinaus sind weder "importance noch impact noch quality (...) direkt messbar" und man kann sich ihnen nur "nähern" (Hornbostel_1997: 188). Das führt unter anderem dazu, dass der jährlich aus der "Zahl der Zitationen auf die Beiträge einer Zeitschrift ermittelte" (Weishaupt_2009: 26) Impact Factor nicht als perfektes Werkzeug betrachtet werden kann, um die Qualität der Artikel zu messen (Garfield_1999) und "selbst die grundlegendsten wissenschaftlichen Standards verletzt" (Brembs_2013). Trotzdem wird er zur Bewertung von Wissenschaft genutzt, denn es gibt nichts Besseres und er hat den Vorteil, dass er allein durch seine lange Existenz eine gute Technik für die wissenschaftliche Bewertung darstellt (Garfield_1999) (Weishaupt_2009).

Die Kritik am Impact Factor lässt sich laut der Bibliotheks- und Informationswissenschaftlerin Karin Weishaupt am Beispiel des "Thomson Reuters Journal Citation Factors" in sechs Punkten zusammenfassen (Weishaupt_2009):

  1. Der Impact Factor bezieht sich immer auf die gesamte Zeitschrift und hat somit keine Aussagekraft über die "Rezeption oder Qualität des einzelnen Artikels" (Weishaupt_2009).
  2. Der Impact Factor berücksichtigt nur die Zeitschriften, die im eigenen Index gelistet sind und enthält weder Monografien, Tagungsbeiträge, sonstige Beiträge oder Internetquellen.
  3. Durch Selbstzitierungen sind Manipulationen möglich.
  4. Es werden nur Zitate aus den letzten beiden Jahren berücksichtigt und je nach Fachgebiet ist es von Vorteil wenn im eigenen Gebiet die Verwertungszyklen kürzer sind.
  5. Publikationen, die nicht in englischer Sprache verfasst sind, weisen überwiegend eine geringere Sichtbarkeit und Popularität auf, da englische Journale überproportional vertreten sind.
  6. Spezialisierte Zeitschriften sind ebenfalls systematisch benachteiligt gegenüber Journalen großer Fach-Communities oder Journalen mit Übersichtsartikeln.

Der neue Managerialismus an Universitäten setzt dabei auf die quantitative Leistungsmessung und die wissenschaftlichen Kommunikation wird zunehmend anhand quantitativer bibliometrischer Methoden evaluiert (Frost_2014: 40). Seit der Entwicklung des Science Citation Index (SCI) sowie des Aufkommens systematischer Wissenschaftsevaluation in Form von Rankings wird das zunehmend von Autoren, Wissenschaftlern, Lesern, Verlagen und Herausgebern für die Evaluation der Wirkung der Kommunikation akzeptiert und adoptiert (Haustein_2012: 2). Diese rein quantitative Betrachtungen können eine Tendenz zu Fehlanreizen darstellen (Wissenschaftsrat_2015) die dazu führt, dass zunehmend messbarer Output ein wichtigeres Ziel für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen darstellt, als die eigentliche Kreation und Produktion von originellen und innovativen Wissen nach den Kriterien der guten wissenschaftlichen Praxis (Frost_2014: 41).

Hier offenbart sich ein "Generaldilemma wettbewerblicher Wissenschaft" (Wissenschaftsrat_2015: 37). Die Idee, dass Wettbewerb in der Wissenschaft zu mehr Qualität führt steht dem Überdruck und der Beschleunigung im System gegenüber, "was Qualitätsverluste und eine Gefährdung wissenschaftlicher Integrität zufolge haben kann" (Wissenschaftsrat_2015: 37). In der praktischen Auslegung der Entwicklungen von Universitäten wird in diesem Zusammenhang auch von der Entmythologisierung der Humboldt’schen "Einheit von Forschung und Lehre" gesprochen (Binswanger_2014) (Schimank_2001: 299) (Kruecken_2001: 343) und es ist nicht zu verleugnen, dass in der Wissenschaft zunehmend ein Zusammenhang zwischen ökonomischer Effizienz, Kontrollmechanismen und Öffentlichkeit herrscht (Reinhart_2006: 27) (Foucault_1977) (Meier_2009). Diese hat jedoch nicht erst mit dem steigenden Kosten- und Effizienzdruck, der Frage nach der Verwertbarkeit von Wissenschaft und Forschung sowie der Modernisierung der Steuerungsmechanismen stattgefunden, sondern schon viel früher wurde die Ausrichtung der Universität auf die Verwertbarkeit wissenschaftlichen Wissens kritisiert (Huber_2005). Die Idee der Einheit von Forschung und Lehre auf Grundlage eines völligen Verzichts auf Differenzierung (Kittler_2004), lässt sich somit grundsätzlich nur in Ausnahmefällen realisieren (Schimank_2001). Als realistische Lesart kann im vorherrschenden System nur eine situative Differenzierung stattfinden, bei der die Mittel der Grundausstattung nicht nach beiden Aufgaben separiert sind (Schimank_2001).

Dennoch ist die Lesart der Humboldt’schen Idee noch immer hegemonialer Rahmen der aktuellen Hochschulreformen (Huber_2005). Das Recht auf Freiheit von Lehre und Forschung und die Humboldt’sche Idee der Universität wird und wurde immer für die Erhaltung des "organisationellen Status Quo", die Absicherung der "Institution Universität" und die Wahrung der "Staatsunabhängigkeit" angebracht (Huber_2005). Diese Autonomie der Wissenschaft und Forschung gilt auch heute als "hohes Gut, das es gegen externe Anforderungen zu verteidigen gilt" (Kaldewey_2010). Auch im Zusammenhang mit den Veränderungen der wissenschaftlichen Kommunikation sowie die Konsequenzen der Veränderung auf die Steuerung von Wissenschaft ist auf diese Ausprägungen zu achten, "will man diese Entkopplung entweder befördern oder verhindern" (Meier_2009: 57).

Bisher bleibt festzuhalten, dass die im aktuellen wissenschaftlichen System genutzten Indikatoren die komplexe Realität der Leistungsbewertung in der Wissenschaft nicht abbilden können und sie eine eigene Realität konstruieren (Hornbostel_1997: 188). Versteht man Wissenschaft als soziales System, so stellen Reputation sowie "die Stabilisierung eines guten Rufes" und nicht die Wahrheit der Beobachtungen und Erklärungen "nicht selten auch eingestandenes vorrangiges Ziel wissenschaftlicher Tätigkeit" dar (Luhmann_1970: 237). Wie gering der Wirkungsgrad und die Methoden zur Messung "zur Reproduktion des traditionellen wissenschaftlichen Diskurses ausfallen, wird von dem Moment an klar, an dem ein neues Kommunikationsmedium wie das Internet als Alternative zur Verfügung steht" (Rost_1998).

Geschwindigkeit im Kommunikationsprozess

Einen weiterer Aspekt der Debatte betrifft die Kritik an der Geschwindigkeit zwischen der Fertigstellung einer wissenschaftlichen Arbeit durch den Autoren, der Einreichung zur Veröffentlichung und der finalen Veröffentlichung der Ergebnisse. Trotz der Beschleunigung der Prozesse bei der Qualitätssicherung und Bewertung wissenschaftlicher Arbeiten durch die Digitalisierung der Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, Gutachtern und Verlagen kann es mehrere Jahre dauern, bevor ein Text veröffentlicht wird (Curry_2015) (Nosek_2012) (Smith_2006). Diese Verzögerung beruht unter anderem auf folgenden Umständen:

  1. Gutachter/innen können aufgrund der Ausführung dieser Funktion als Nebentätigkeit meist Termine nicht einhalten (Bar_2009).
  2. Es gibt weder Anreiz- noch Sanktionsmöglichkeiten für Gutachter und Gutachterinnen.
  3. Die wissenschaftlichen Zeitschriften erscheinen größtenteils noch immer als Periodika und wissenschaftlichen Bücher orientieren sich am Druck. Sie sind damit für einen bestimmten Zeitraum der Veröffentlichung terminiert.

Eine Möglichkeit, die wissenschaftlichen Inhalte schneller zugänglich zu machen, ohne den sehr zeitaufwändigen Begutachtungsprozess strukturell oder inhaltlich zu verändern, ist die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Arbeit als digitalen Pre-Print, sowie eine umfangreichere Kommunikation des Erkenntnisprozesses vor der finalen Veröffentlichung. Von dieser Möglichkeit machen immer mehr Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gebrauch (Curry_2015). Eine weitere Möglichkeit stellt die offene Begutachtung (Open Peer Commentary) dar, bei der ein Text anonymisiert (vorab) veröffentlicht und kommuniziert, sowie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft kollaborativ bewertet wird (Mueller_2009) (Smith_2006). Dabei darf der Wunsch nach einer erhöhten Geschwindigkeit nicht über den Wunsch nach einem ausgewogenen Qualitätssicherungsprozess gestellt werden (Beall_2012).

Abbildung: Eigenschaften und Ausprägungen von OPC-Verfahren mit entsprechenden Beispielen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Insgesamt behindert die Trägheit des tradierten Systems der wissenschaftlichen Kommunikation den wissenschaftlichen Fortschritt und wird den Möglichkeiten für die digitale Informationsversorgung nicht gerecht. Dabei ist die schnelle und umfassende Verbreitung von wissenschaftlichen Informationen und Daten im Rahmen des kumulativ orientieren wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses von grundlegender Bedeutung. Forscher und Forscherinnen würden in vielfacher Hinsicht davon profitieren, wenn sie gegenseitig schneller auf die Ergebnisse ihrer Arbeit zugreifen könnten (Nosek_2012) (Winkler_2011).

Wahrung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung

Die freie Verbreitung von Informationen und offene Diskussion ist ein wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Prozesses (Edsall_1976). Das Recht auf Wissenschaftsfreiheit ist ein "Erbe der deutschen Achtundvierzigerrevolution (Kempny_2013). Neben der Freiheit der Lehre bildet die Freiheit der Forschung den zweiten Pfeiler der Wissenschaftsfreiheit (Thurnherr_2014: 46) (Meier_2009). Die Forschungsfreiheit ist in Deutschland grundrechtlich nach Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz (GG) geschützt und ist auch europäisches Verfassungsgut (Kempny_2013). Sie ist eine "Freiheit schlechthin, nicht Freiheit zu bestimmten Zielen oder Zwecken" (Boeckenfoerde_1974: 1530) und ihr Schutzbereich umfasst auch die Bewertung der Forschungsergebnisse sowie ihre Verbreitung (Pfeiffer_2013: 429).

Die Wissenschaft unterliegt mannigfaltigen externen Einflüssen, operiert aber dennoch autonom (Luhmann_1998). So greifen "andere Funktionssysteme [...] in die Wissenschaft zwar ein, wenn sie in Erfüllung ihrer eigenen Funktionen operieren und ihren eigenen Codes folgen. Aber sie können, jedenfalls unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft, nicht selbst festlegen, was wahr und was unwahr ist" (Luhmann_1998: 293). Dabei ist die vorgabenfreie Erarbeitung und Veröffentlichung neuer Erkenntnisse die Grundlage für wissenschaftlichen Fortschritt. "Die Autonomie der Wissenschaft wird nach außen durch die Abhängigkeit der Universität vom Staat und universitätsintern durch die Einheit von Wissenschaft und Forschung gesichert" (Huber_2005). Diese Wahrung ist im Artikel 5 Absatz 3 GG als garantiertes Grundrecht wie folgt festgehalten: "Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei" (Grundgesetz_2015).

Dieses Recht ist nicht nur ein Grundrecht auf wissenschaftliche Meinungsfreiheit, sondern auch eine rechtliche Garantie. "Jeder, der in Wissenschaft, Forschung und Lehre tätig ist, hat – vorbehaltlich der Treuepflicht gemäß Art. 5 Absatz 3 Satz 2 GG – ein Recht auf Abwehr jeder staatlichen Einwirkung auf den Prozess der Gewinnung und Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse" (BVerfGE_1973). Das garantiert einerseits die Einrichtung wissenschaftlicher Hochschulen mit Anspruch auf Selbstverwaltung, die staatliche Finanzierung und die Absicherung ihrer Arbeit, andererseits richtet es sich als "Abwehrrecht auf die Abwehr von Eingriffen in die wissenschaftliche Betätigung" gegen staatliche Eingriffe (Mayen_1992) (Spindler_2006). Jede Form der wissenschaftlichen Betätigung ist durch dieses Abwehrrecht geschützt. Dazu zählen laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts "vor allem die auf wissenschaftlichen Eigengesetzlichkeiten beruhenden Prozesse, Verhaltensweisen und Entscheidungen bei dem Auffinden von Erkenntnissen, ihrer Deutung und Weitergabe" (BVerfGE_1973).

Christopher Kelty bedient sich bei der grundlegenden Einordnung von Freiheit des Konzepts der positiven und negativen Freiheit (Kelty_2014). Die positive Freiheit definiert dabei die Freiheit, die es aktiv erlaubt etwas zu tun. Die negative Freiheit beschreibt demgegenüber die Freiheit von bestimmten (meist unerwünschten) Einflüssen. Damit eignet sich dieses Konzept von Freiheit als ein analytisches Werkzeug für die Erforschung der Auswirkungen von neuen Technologien (Kelty_2014). Das betrifft auch die freie Entscheidung über die Art und Weise der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen (positive Publikationsfreiheit) (Fangerau_2014) (Fehling_2014: 190) oder eben die Freiheit der Nicht-Veröffentlichung von Inhalten (negative Publikationsfreiheit).

Somit steht es allen an öffentlichen Forschungseinrichtungen tätigen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen frei, "zu entscheiden, ob und in welcher Form sie ihre dort erbrachten wissenschaftlichen Leistungen veröffentlichen" (Schmidt_2009). Auch die Wahl zwischen einer Veröffentlichung in einem kostenpflichtigen Journal oder in einem Open-Access-Journal fällt damit unter die positive Publikationsfreiheit (Fehling_2014: 190). Diese Publikationsfreiheit im Rahmen der individuellen Wissenschaftsfreiheit ist zwar im aktuellen System des wissenschaftlichen Austauschs nicht direkt gefährdet, wird aber durch indirekte Faktoren und Anreize stark eingeschränkt (Binswanger_2014). So fördert das System insbesondere die Publikationsformen und -kanäle, die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft der jeweiligen Fachdisziplin als etabliert und als förderungsfähig betrachtet werden. Neue Formen und Kanäle hingegen werden nur selten im Rahmen der formellen Kommunikation berücksichtigt. Für sie ist es besonders schwer im bestehenden Reputationssystem Fuß zu fassen.

Wissenschaftliche Freiheit bezieht sich demnach auf der einen Seite auf die selbstbestimmte und unabhängige Wahl der Themen, Methodik, die freie Wahl Verbreitungs- und Publikationskanal sowie des Zeitpunkts und betrifft die Selbstorganisation bei der Durchführung und Steuerung der wissenschaftlichen Arbeit (Fehling_2014: 190). Auf der anderen Seite beschreibt sie die Freiheit von inhaltlichen und methodischen Richtlinien und Vorgaben (Goetting_2015: 140). Diese beiden Garantien beziehen sich in abgeleiteter Form auch auf die unterschiedlichen Organisationen und Institutionen von Wissenschaft. Wer "diese Freiheit der Wissenschaft beschneidet, behindert das Bemühen um Wahrheit und damit den Zweck der Wissenschaft selbst" (Oezmen_2015: 69).

In Hinblick auf die wissenschaftliche Publikation kann festgehalten werden, dass Hochschullehrer nicht von der Hochschule oder anderen staatlichen Institutionen gezwungen werden können, über einen bestimmten Weg oder Kanal zu veröffentlichen (Spindler_2006) (Dorschel_2006). Eine Ausnahme stellen nur die privatfinanzierten Drittmittelprojekte dar, da sich der Hochschullehrer hier nicht auf die Wissenschaftsfreiheit als Abwehrrecht gegen den Staat berufen kann (Spindler_2006). Wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen "müssen ihrer Hochschule die Nutzungsrechte an ihrer Publikation einräumen", es sein denn, sie haben sie nicht nach Weisung des Lehrstuhl- oder Institutsleiters erarbeitet oder es handelt sich um eine Dissertation oder Habilitation (Spindler_2006). Ein direkter staatlicher Eingriff im Rahmen einer Richtlinie zum Publikationszwang über einen bestimmten Weg scheint demnach mit der Wissenschafts- und Publikationsfreiheit nicht vereinbar.

Dennoch kann der Staat Anreizsysteme oder Rahmenbedingungen schaffen, die die Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikations- und Publikationssystems befördern. In der rechtlichen Auseinandersetzung mit dem Thema zielen die diskutierten Ansätze meist darauf ab, "den Autor eines öffentlich finanzierten wissenschaftlichen Werkes zu zwingen, die Allgemeinheit in gewissem Umfang an diesem partizipieren zu lassen und den Verlagen die Möglichkeit zu nehmen, durch einseitige Vertragsgestaltungen eine solche (kostenlose) Partizipation zu verhindern" (Dorschel_2006).

Im bestehenden System kann auch eine Art Nötigung zur Veröffentlichung auf dem tradierten Weg vermutet werden, die den Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin indirekt in seiner/ihrer Freiheit einschränken, den Publikationsweg, den er oder sie für richtig halten, frei zu wählen. Die Forderung der International Association of STM Publishers, "Autoren sollten in einem gesunden, unverzerrten freien Markt frei wählen können, wo sie publizieren" (Brussels_Declaration_2007), zeigt deutlich diesen Bias in der Argumentation im Rahmen des bestehenden Systems.

Diese grundsätzliche Darstellung, dass die Wissenschaft als Prozess der Wissensbildung und Wissensvermittlung in Deutschland durch das Grundgesetz abgesichert ist, zeigt, dass Freiheit von Wissenschaft und Forschung eine Bedingung für die Wahrheitssuche der Wissenschaft ist (Oezmen_2015). Neben diesem rechtlichen Schutz sichern das wissenschaftliche Ethos und die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses, auf die im Verlauf der Arbeit eingegangen wurde, die Autonomie und die Unabhängigkeit der Wissenschaft von politischen und gesellschaftlichen Interessenslagen (Oezmen_2015: 67): "Politik gehört nicht in den Hörsaal" (Weber_2002: 494). Weitere Anknüpfungspunkte zur Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation im Spannungsfeld der Freiheit von Wissenschaft und Forschung stellen in diesem Zusammenhang die Dual-Use-Problematik und der Umgang mit Datenschutz dar (Fritsch_2015).

Kosten und Effizienz

An dem Kosten-Nutzen-Verhältnis des aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystems und auch an dem praktizierten Peer-Review-Prozess (Smith_2006) gibt es seit Jahren detaillierte und grundsätzliche Zweifel (Brembs_2013a). Für die Veröffentlichungen einzelner Texte ergeben sich je nach Schätzungen unterschiedlich hohe Kosten. Berechnungen des Wissenschaftsjournalisten Richard Van Noorden ergaben Kosten von 4.871 Dollar pro veröffentlichtem Text im tradierten Print- und Online-Subskriptionsmodell ohne freien Zugang, von 3.509 Dollar bei der reinen Online-Veröffentlichung im Subskriptionsmodell ohne freien Zugang und von 2.289 Dollar unter den Bedingungen von Open Access (Van_Noorden_2013). Wissenschaftliches Wissen kann für das wissenschaftliche System allerdings nur dann als umfassend effizient betrachtet werden, wenn das neue Wissen frei und offen für andere Forscher und Forscherinnen zur Verfügung steht. Im analogen System war dies aufgrund der Bindung des Wissens an das Speichermedium Druckerzeugnis nur durch hohe Kosten für die Erstellung, den Vertrieb, die Sicherung und Verbreitung möglich.

Mit Beginn der Verbreitung elektronischer Publikationen kam es zu einer Umkehr des Bring- zum Holprinzip bei der Verbreitung wissenschaftlicher Publikationen. Die Erwartungen an die neuen Kanäle richten sich vor allem darauf, mit elektronischen Publikationen die Publikations- und Vertriebszyklen kostengünstiger und effizienter zu machen (Brueggemann-Klein_1995). Die Vermutung Ende der 1990er Jahre: "Einsparungen in Zeit, Raum und Kosten werden erheblich sein, wenn zunehmend Schreib- und Publikationstätigkeiten in den elektronischen Raum verlegt werden" (Roberts_1999). Doch nach mehreren Dekaden der Verfügbarkeit dieser "elektronischen Räume" hat sich herausgestellt, dass es sich beim wissenschaftlichen Kommunikationssystem um ein "sozial ineffizientes" System (Mueller-Langer_2010: 47) handelt, bei dem die Publikations- und Vertriebszyklen weder kostengünstiger noch merklich effizienter geworden sind.

Obwohl die zunehmende Verbreitung digitaler Systeme im wissenschaftlichen Alltag die Möglichkeit eröffnet hat, nicht nur Publikationen schnell und umfassend zu veröffentlichen, sondern auch Daten und Informationen hinter Publikationen zu veröffentlichen, stehen Publikationen und Daten selten für die digitale Informationsversorgung offen für die Gesamtgesellschaft zur Verfügung. Dennoch wird eine Effizienzsteigerung durch die Möglichkeit der Zweitnutzung und Weiterverwendung von Daten, die während des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses entstehen, vermutet (RIN_2010).

Der restriktive und geschlossene Umgang mit Publikationen, Daten und wissenschaftlichen Informationen im aktuelle System verhindert nicht nur die wissenschaftsinterne, sonder auch die gesamtgesellschaftliche Nutzung der neuen Möglichkeiten für kollaborative Arbeit und den umfassenden Zugriff auf zusätzliche Forschungsergebnisse, bessere Bildung, neue Möglichkeiten und Nutzungsszenarien und eine umfassendere Aufzeichnung, Evaluation und Darstellung von Wissen.

Weder die Kosten für das System der wissenschaftlichen Kommunikation noch die Effizienz im Rahmen der Produktion von neuem Wissen aus bestehendem Wissen werden im gegenwärtigen Kommunikationspraktiken optimal genutzt. Die Auswirkungen dieser Ineffizienz führen zu einem erhöhtem (Zeit)Aufwand seitens der am Kommunikationssystem beteiligten Akteure und zur Verschwendung von Ressourcen (Nosek_2012).

Fehlerresistenz und Qualitätssicherung

Damit der Erkenntnisfortschritt im Kommunikationsprozess gelingt braucht es Verlässlichkeit bei der Vermeidung von Fehlern im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (Bargheer_2015). Trotz des aufwändigen wissenschaftlichen Qualitätssicherungssystems kommt es immer wieder zu Fehlern und falschen Aussagen bei der Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse (Brembs_2015) (Luescher_2014) (Smith_2006). Die Gründe für diese Fehler sind vielfältig und erstrecken sich von Nachlässigkeit über Fahrlässigkeit bis hin zu Vorsatz.

In der Literatur werden unter anderem folgende Faktoren als Herausforderungen für die Absicherung der Fehlerresistenz genannt:

  1. Geschlossene Begutachtungsverfahren ermöglichen nur eine kleinen Anzahl an Gutachtern wissenschaftliche Inhalte auf Fehler zu prüfen (Smith_2006)
  2. Nichtverfügbare Methoden und Daten hinter den Publikationen behindern die Qualitätssicherung und Reproduzierbarkeit von Wissen (Nosek_2015) (Gruber_2005: 9) (Mayring_1999: 119)
  3. Nicht dokumentierte und veröffentlichte Kommunikation während des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, macht es unmöglich Fehler bereits bei der Erstellung der Publikation sichtbar und transparent nachvollziehbar zu machen (Nosek_2015)

Die Fehlerresistenz des wissenschaftlichen Kommunikationssystems ist demnach durch seine Geschlossenheit beeinträchtigt. Hier gibt es einen weiteren Anknüpfungspunkt zu Open-Source-Bewegung im Rahmen der Softwareentwicklung, bei der die Öffnung des Quellcodes von Software eine Möglichkeit der Sicherung der gewünschten Funktionstüchtigkeit und Sicherheit darstellt (Hoepman_2007: 7). Darüber hinaus werden durch die Öffnung auch langfristig die Fehler einseh-, reproduzier- und nachverfolgbar (Nosek_2015), die durch Nachlässigkeit oder Fahrlässigkeit aber auch durch Vorsatz entstanden sind. Das ermöglicht eine bisher nicht mögliche Berücksichtigung durch andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im kummulativen Prozess der Generierung von neuem Wissen und stellt einen neuen Ansatz zum Erkenntnisgewinnung dar, der im geschlossenen Kommunikationssystem nicht möglich ist.

Wenn die Quelldokumente und Daten auch zum Zeitpunkt der Erstellung offengelegt sind, können interessierten Akteure die Informationen auf Fehler testen und gegebenenfalls Fehler schnell und umfassend bereinigen (Gruber_2005: 10) (Curry_2015). Dadurch ist nicht nur eine Erhöhung der Qualität von wissenschaftlichen Inhalten sondern auch eine Erhöhung der Fehlerresistenz bei Abschluss des jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses zu erwarten.

Verbreitung und Zugänglichkeit

Ebenso, wie die Frage nach der optimalen Geschwindigkeit des aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystems, stellt sich die Frage nach der optimalen Verbreitung und der möglichst freien Zugänglichkeit (Gruber_2005: 10) wissenschaftlicher Informationen. Während die Geschwindigkeit auf die zeitliche Komponente von der Herstellung bis zum Vertrieb des Wissens abzielt, geht es bei der Frage nach der Verbreitung um die Verfügbarkeit des Wissens für eine möglichst große Rezipientengruppe. Es gibt erhebliche Zweifel daran, dass es sich bei dem aktuellen System um ein System mit optimalen Voraussetzungen für eine möglichst hohe Verbreitung von neuem Wissen an die Gesamtgesellschaft (Curry_2015) oder nur innerhalb einer bestimmten Gruppe handelt.

Noch heute ist das gedruckte Werk neben dem persönlichen Austausch auf Konferenzen oder Kongressen (Winkler_2011) für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen eine der maßgeblichen Informationsquellen. Analoge Publikationen und Verbreitungswege sind allerdings beim ortsübergreifenden Austausch stark beschränkt. Und selbst bei der Verbreitung der Informationen die bereits digitalisiert worden sind, oder bereits bei Erstellung digital vorlagen werden sie im aktuellen System noch immer häufig durch Zugangsbarrieren wie Bezahlschranken gehemmt und damit die Zirkulation von Wissen eingeschränkt.

Die Herausforderung im aktuellen System besteht zum Einen aus der Bereitstellung der wissenschaftlichen Informationen über die unterschiedlichen Kommunikationskanäle hinweg und zum anderen in der langfristigen Sicherung und Bereitstellung dieser Informationen. Der digitale Transformationsprozess stellt in diesem Zusammenhang eine weitere Herausforderung und einen Ausweg zugleich dar, denn obwohl die Verarbeitung digitaler Daten heute ein wesentlicher Bestandteil der allermeisten wissenschaftlichen Vorhaben ist (Winkler_2011), müssen die Informationen meist auf dem gedruckten und digitalen Speichermedium vorgehalten werden. Auch die vornehmlich durch Verlage praktizierte reine Digitalisierung des analogen Subskriptionsmodells für den Zugriff auf wissenschaftliche Inhalte (Hanekop_2014) (BOAI_2012) stellt eine Barriere für den Zugang zu den Informationen auch außerhalb der wissenschaftlichen Institutionen dar, da digitalisiertes Wissen weiterhin auf den Ort des analogen Wissens beschränkt bleibt.

Digitalisierung

Wie im Kapitel "Wissenschaftliche Kommunikation" beschrieben, ist die Verarbeitung digitaler Daten heute ein wesentlicher Bestandteil der meisten wissenschaftlichen Vorhaben. Obwohl die wissenschaftliche Arbeit und die wissenschaftliche Kommunikation überwiegend an digitalen Geräten stattfinden, wird noch immer für den Druck produziert. Während Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen schon seit dem Ende des letzten Jahrhunderts überwiegend mit Hilfe von Textsystemen schreiben (Brueggemann-Klein_1995) (Bjoerk_2004) haben Verlage erst mit großer Verzögerung auf die elektronische Produktion von Wissen reagiert.

Auch die wissenschaftlichen Rohdaten und Informationen werden bei Abschluss des Erkenntnisprozesses (Publikation der Ergebnisse) umkodiert um analog publiziert zu werden und auch die rein digitalen Versionen der Publikationen entstehen überwiegend noch immer aus Informationen die für die analoge Publikation kodiert worden sind. In diesem Prozess kann ein Großteil der erzeugten Daten nicht weiter genutzt werden und viele der Informationen gehen verloren, beziehungsweise stehen nur selten für die Nachnutzung zur Verfügung.

Auch im Rahmen des Vertriebs beschränkt sich die Digitalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation bisher in vielen Fällen noch immer darauf, dass die analog gedruckten und bewährten Journale, sowie andere Publikationsformen der großen wissenschaftlichen Verlage mit nahezu unverändertem Geschäftsmodell digital verbreitet werden (Hanekop_2014) (Fehling_2014: 179). Die digitale Distribution wird in diesem Zusammenhang als weiterer Kanal nach dem Drucken der Informationen verstanden.

Die Möglichkeiten, die die Digitalisierung für die wissenschaftliche Informationsversorgung bietet, sind damit bei Weitem nicht ausgeschöpft. Es stehen zwar zunehmend nicht nur digitalisierte Informationen ehemals analoger Veröffentlichungen orts- und zeitunabhängig zur Verfügung, sondern auch wissenschaftliche Sammlungen. Ebenso wird den Metadaten oder Digitalisaten relevanter Objekte ein großes Potenzial für die Wissenschaft zugesprochen (Winkler_2011). Die Anzahl dieser Daten ist aktuell jedoch noch stark begrenzt.

Die Herausforderungen im bestehenden System formeller wissenschaftlicher Kommunikation bezieht sich bei der Digitalisierung vor allem auf die ungenutzten Potenziale einer umfassenderen Verbreitung und Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Diese werden im aktuellen System bei der Veröffentlichung nur selten genutzt und das derzeitige System der wissenschaftlichen Veröffentlichungen arbeitet noch immer gegen die maximale Verbreitung der wissenschaftlicher Informationen und Daten hinter den eigentlichen Publikationen (Molloy_2011).

Überprüfbarkeit der wissenschaftlichen Güte: Objektivität, Reliabilität und Validität

Wissenschaftliches Wissen zeichnet sich gegenüber anderen Formen des Wissens dadurch aus dass es Prüfprozeduren gibt, mit denen das spezifisch wissenschaftliche Wissen geprüft wird (Luhmann_1998). Bisher wurde durch die formelle Publikation festgeschrieben, was nach den Kriterien des jeweiligen Fachs beziehungsweise der jeweiligen Disziplin als geprüftes Wissen gelten kann (BBAW_2015: 11). Hier werden beispielhaft die Herausforderungen an die Prüfbarkeit der Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität im wissenschaftlichen Kommunikationssystem dargestellt.

Unabhängigkeit (Objektivität) in der Wissenschaft gilt für die Sammlung, Aufzeichnung, Analyse, Interpretation, gemeinsame Nutzung und Speicherung von Daten, sowie andere wichtige Verfahren in der Wissenschaft, wie zum Beispiel die Veröffentlichungspraxis und Peer-Review (Resnik_2005). "Ohne Zorn und auch ohne persönliche Präferenzen sind die wissenschaftlichen Gegenstände sachlich und neutral zu behandeln" (Gruber_2005: 9). Die Kenntnis von Eigenschaften der Autoren durch die Gutachter stellt eine der größten Herausforderungen für die Wahrung der Objektivität und Unabhängigkeit im wissenschaftlichen Qualitätssicherungsprozess dar. Aber auch bei anderen Formen der wissenschaftlichen Bewertung können Unabhängigkeit und Objektivität nicht immer uneingeschränkt gewährleistet werden. In der Literatur finden sich Beiträge, die mehrheitlich zu dem Ergebnis kommen, dass die Objektivität und Unabhängigkeit im bestehenden System nur schwer bis nicht gesichert werden können (Binswanger_2014).

Resnik beschreibt diesbezüglich folgende Herausforderungen an das bestehende geschlossenen System der wissenschaftlichen Kommunikation und an die Wahrung der Objektivität und an das selbstkorrigierende System der Wissenschaft (Resnik_2005):

  1. Präzision der wissenschaftlichen Arbeit
  2. Ehrlichkeit bei der Datenerhebung und Darstellung der Ergebnisse
  3. Vermeidung von Fehlverhalten
  4. Vermeidung von Fehlern und Selbsttäuschung
  5. Offenlegung Interessenskonflikte
  6. Offenheit bezüglich Daten, Ideen, Theorien und Ergebnissen
  7. bewusstes Datenmanagement und Dokumentation

Die Zuverlässigkeit (Reliabilität) des Kommunikationssystems kann anhand dessen geprüft werden, ob die Einreichung einer Arbeit über unterschiedliche Wege den selben Erfolg hat beziehungsweise, wie stark Zufallsfaktoren den Erfolg der Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse beeinflussen. Hier bestehen im aktuellen System wenig Möglichkeiten der Überprüfung. Die Verbreitung der Informationstechnologien ermöglicht zwar ein umfassenderes Monitoring der Aktivitäten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, eindeutige Sicherheit kann jedoch nicht gewährleistet werden.

Im Gegenteil, die umfassende Replizierbarkeit und Zuverlässigkeit von Ergebnissen kann aktuell kritisiert und angezweifelt werden (Luescher_2014). Das liegt zum einen an den Herausforderungen im Zusammenhang mit der meist nicht praktizierten Veröffentlichung von (Roh-)Daten, zum anderen an der Verwendung von geschlossenen Systemen und Formaten sowie fehlender Transparenz im Rahmen der genutzten Methoden und Verfahren. Die Transparenz muss dabei nicht zwangsläufig ein Widerspruch zur Notwendigkeit von Unabhängigkeit und Objektivität verstanden werden, da offene Verfahren auch anonym stattfinden können. Als weitere kritische Faktoren für die Wahrung der Zuverlässigkeit im Kommunikationssystem werden in der Literatur unter anderem Lücken im Qualitätssicherungsprozess (siehe auch "Fehlerresistenz") (Bar_2009) und der zunehmende zeitliche Druck im Rahmen der Qualitätssicherung (Luescher_2014) genannt.

Die Herausforderungen an die Überprüfbarkeit der Gültigkeit (Validität) der für den Druck bestimmten wissenschaftlichen Arbeiten und deren Ergebnisse schließen nahtlos an die anderen genannten Kriterien der Güte an. Im Unterschied zur Zuverlässigkeit ermöglicht die Überprüfung der Validität die Eignung der eingesetzten Meßverfahren zur Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellungen und Zielsetzungen. Auch hier sind die Möglichkeiten bei gedruckten Publikationen durch den fehlenden Zugang zu Daten und Informationen, die während des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses entstehen bisher eingeschränkt.

Verhinderung von Missbrauch und wissenschaftliches Fehlverhalten

Neben der Notwendigkeit für eine umfassenden Überprüfbarkeit des Wissens, stellen die ethischen Grundsätze in der wissenschaftlichen Debatte von Beginn an eine Besonderheit dar. Vertrauen, das Interesse aller Akteure an optimaler Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern, Ehrlichkeit und der Ausschluss von Interessenskonflikten sind Grundpfeiler im wissenschaftlichen Forschungs- und Kommunikationsprozess (Bargheer_2015) (Wissenschaftsrat_2015). "Betrug ist dabei zwingend an die Absicht zu täuschen gebunden" (Luescher_2014).

Es muss das Anliegen jedes Forschers sein, "die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu suchen und zu berichten" (Luescher_2014). Drüber hinaus gilt: "Ohne Vertrauen in die Ehrlichkeit von Forschern gäbe es keine Wissenschaft mehr" (Hagner_2015: 18). Vertrauen und Redlichkeit bilden die Grundlage der Wissenschaft (Bargheer_2015) auch wenn diese auf einer "delikaten Struktur weitgehend ungeschriebenen Regeln" (Grand_2012) beruhen.

Auch wenn die Wissenschaft "eine besondere ethische Verantwortung" hat, sind Formen von "Fehlverhalten, Betrugsfälle und Nachlässigkeiten, die in anderen Lebensbereichen geschehen können, auch in der Wissenschaft möglich" (Wissenschaftsrat_2015). Diesem wissenschaftlichem Ethos stehen die Beispiele gegenüber, bei denen bewusster Missbrauch durch Akteure des Kommunikationssystems zu Verwirklichung partikularer Interessen oder konkreten Einfluss auf wirtschaftliche Aspekte geführt haben (Luescher_2014) (Binswanger_2014) (Beall_2012).

Margo Bargheer und Birgit Schmidt klassifizieren wissenschaftliches Fehlverhalten wie folgt (Bargheer_2015):

  1. Unlauterer Umgang mit Ergebnissen (z.B. erfundene Ergebnisse)
  2. Unlauteres Forschungsverhalten (z.B. Unzulässige Forschungsmethoden)
  3. Fehlverhalten im Datenmanagement (z.B. Zurückhalten von Daten wider besseres Wissen )
  4. Fehlverhalten im Publikationsprozess (z.B. unangemessene Partitionierung von Ergebnissen, "Salamitaktik" (Binswanger_2014))
  5. Soziales Fehlverhalten (z.B. Sabotage oder Behinderung der Arbeit anderer)
  6. Administratives Fehlverhalten (z.B. Verstoß gegen Verwendungsrichtlinien)

Gegen ein solches Fehlverhalten im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation wurden die internationalen Leitlinien "Principles of Transparency and Best Practice in Scholarly Publishing" (Redhead_2013) veröffentlicht, "sie sollen die Qualitätsstandards im Publikationswesen und zugleich die Filterfunktion der initiierenden Mitgliedsorganisationen stärken" (Bargheer_2015). Bisher kommen die wenigen vorhandenen Studien zu dem Ergebnis, dass abgelehnte Manuskripte, sofern sie andernorts veröffentlicht wurden, deutlich weniger zitiert wurden (Hornbostel_1997: 208). Mit Blick auf die neuen Möglichkeiten der ergänzenden Veröffentlichung von Meta-Informationen und Daten zusätzlich zur finalen Publikation ist zu vermuten, dass die Möglichkeiten zur Sicherung der Qualität im bestehenden System optimiert werden können, so zum Beispiel im Bereich der Replizierbarkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen. Hier bestünde durch eine offene, möglichst umfassende Bereitstellung der wissenschaftlichen Kommunikation viel Potenzial für die Verbesserung der Mechanismen zur Selbstkorrektur (Nosek_2015) sowie für die Verhinderung von Missbrauch und wissenschaftlichem Fehlverhalten.

Auch wenn noch nie zuvor über Betrug in der Wissenschaft so intensiv berichtet worden ist (Brembs_2015) wie in den letzten Jahren, ist es "keineswegs ausgemacht, dass die Intensität der Berichterstattung allein auf die tatsächlich gestiegene Inzidenz von Betrug" (Weingart_2005), sondern eher auf den Anstieg medialer Beobachtung zurückzuführen ist. Dennoch stehen die intransparenten Verfahren und die bisher mangelhafte Veröffentlichung von Supplementen und (Roh-)Daten der Verhinderung von Missbrauch und wissenschaftlichem Fehlverhalten entgegen. Demnach ist zu vermuten, dass die Bereitschaft der Forschenden, positive wie negative Daten zu teilen, zurückgezogene Artikel sichtbar zu machen und den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess zu öffnen, helfen können, die notwendigen effektiven Mechanismen zur Verfolgung wissenschaftlichen Fehlverhaltens (Wissenschaftsrat_2015: 14) (Chan_2014) (Chalmers_2009: 86) zu installieren und die bestehenden Mechanismen zur Selbstkorrektur zu stärken.

Ableitungen: Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

Viele der unterschiedlichen Erklärungsansätze für die Forderung nach einem Wandel der wissenschaftlichen Kommunikation hin zur Öffnung der Wissenschaft gehen von Annahmen aus, nach denen ein direkter Zusammenhang von technischen Entwicklungen und (wissenschafts-)politischen und kulturellen Bewegungen angenommen wird. Diese Perspektive ist in ihren Wegen und Kanälen sehr fragmentiert und beschränkt sich in ihrer Klarheit bisher ausschließlich auf das gemeinsame Ziel, den Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen offener zu gestalten und weniger auf die Öffnung des gesamten Prozesses sowie den daraus resultierenden Konsequenzen für das gesamte Wissenschaftssystem zu achten.

Die theoretische Auseinandersetzung zwischen der Geschlossenheit des wissenschaftlichen Diskurses auf der einen und den Treibern und Bremsern im realen wissenschaftlichen Prozess auf der anderen Seite wird in der Literatur bisher nur ungenügend berücksichtigt. Insbesondere wird die Verbindung zwischen wissenschaftlicher Reputation, der Motivation, das etablierte System zu unterstützen, und der Geschlossenheit des Wissensproduktionsprozesses nur selten erörtert. Die Debatten über die Veränderungen des wissenschaftlichen Publikationswesens werden von beiden Seiten mit teilweise "heftiger Polemik" (Naeder_2010: 12) geführt und bedienen sich bei den unterschiedlichsten Ansätzen von Stevan Harnad (Harnad_1995) über die von Richard Stallman (Stallman_2002) bis hin zu denen von Roland Reuß (Reuss_2009). Eine weitere Unzugänglichkeit besteht darin, dass "die Deliberation und die Verbreitung von Wissen ein stabiles Set von Infrastrukturen braucht" (Kelty_2004), nach denen man heute noch immer vergeblich sucht. Das Potenzial bei der Verwendung digitaler Technologien und der Wille, Wissenschaft offen zu teilen, ist nicht annährend ausgeschöpft und es "besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Idee der offenen Wissenschaft und wissenschaftliche Realität" (Scheliga_2014). Dabei ist die (geistes-)wissenschaftliche Alltagspraxis "längst von digitalen Recherche- und Kommunikationsformen durchsetzt" (Hagner_2015).

Openness kann als "schwimmender Signifikant (...) ohne eindeutige Definition, adaptierbar von unterschiedlichen politischen Ideologien" verstanden werden (Adema_2014). Der Begriff Open Access wird in der neoliberalen Rhetorik als effizientes Wettbewerbsmodell, verbunden mit den Ideen von Transparenz und Effizienz von Unternehmen und Regierung, eingesetzt (Tkacz_2012). Darüber hinaus muss die Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation auch im Rahmen des Versuchs betrachtet werden, einen Marktkmodus als dominante Governanceform der Gesellschaft auch in der Wissenschaft zu verankern (Troy_2012: 152). Über diesen Ansatz wird mittels Openness der wissenschaftlichen Prozess outputorientierter und seine Ergebnisse effektiver zu Gunsten des Marktes gestaltet, überwacht und gesteuert (Adema_2010). Dabei stehen diese neoliberalen Ansätze den Idealen der Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Prozesses gegenüber, "denn die Position funktioniert nur dann ökonomisch effizient, wenn innovatives technisches Wissen nicht nur patentrechtlich sondern auch marktmäßig gehandelt wird" (Troy_2012: 179).

Diese Entwicklung bedroht zudem das System der Universität als Produzent, Archivar und bei der Distribution von Wissen. Die Öffnung von Wissenschaft und Forschung kann demnach als Möglichkeit dafür genutzt werden, dass die Universität selbst wieder zu dem (primären) Ort der Wissensproduktion, -speicherung und -vermittlung wird, der sie einmal gewesen ist (Kittler_2004). Um diese Veränderungen voranzutreiben, werden in der Literatur zwei Herangehensweisen für die Etablierung von Offenheit in Wissenschaft und Forschung unterschieden (Schulze_2013): Bei dem „Top-down“-Ansatz werden durch „Förderstrategien, Vorgaben und Empfehlungen“ (Schulze_2013: 34) oder durch die Bereitstellung zusätzlicher Mittel im Rahmen der Forschungsförderung konkrete Anreize für die offene Veröffentlichung und die Publikation von Forschungsergebnissen geschaffen. Eine weitere Möglichkeit der "Top-Down"-Etablierung von Offenheit in Wissenschaft und Forschung stellen Empfehlungen dar, bei denen Institutionen, Organisationen oder Gruppen nicht bindende Empfehlungen aussprechen, anhand derer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen überzeugt werden sollen, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse offen zu veröffentlichen. Sind weder Anreize noch Empfehlungen als Top-Down-Ansatz erfolgreich, können bindende Vorgaben etabliert werden, um eine Verhaltensänderung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu erzwingen. Im Gegensatz zur Strategie von „oben“ gibt es auch Bestrebungen, die von einzelnen Wissenschaftlern, Wissenschaftlerinnen, Gruppen ausgehen oder „durch Graswurzelprojekte und den Einsatz von Evangelisten“ (Schulze_2013: 34) initiiert werden. Sie sind überwiegend informell und zielen auf die Verbreitung von Verhaltensänderungen oder die Etablierung von Richtlinien ab. Bottum-up-Projekte kommen aus dem wissenschaftlichen Alltag und erfahren überwiegend keine politische oder monetäre Incentivierung für die Öffnung von Wissenschaft und Forschung. Der Einsatz von Evangelisten basiert auf der Idee einer konkreten Stelle oder Position, um eine Änderung zu begleiten oder einen Multiplikator innerhalb und außerhalb von Institutionen oder Organisationen zu etablieren, der das gewünschte Ziel pro aktiv kommuniziert und verbreitet. Evangelisten können helfen, die Befindlichkeiten und Vorbehalte auszutarieren und die teils diffusen, teils realen Ängste bezüglich der Entwicklung von Offenheit und Transparenz der Wissenschaft innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu beseitigen.

Ergänzend dazu sehen die Rechtwissenschaftler Götting und Lauber-Rönsberg vier konkrete, rechtliche und faktische Maßnahmen zur Förderung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation (Goetting_2015: 138):

  1. Verpflichtungen durch das Hochschulrecht, zum Beispiel eine rechtliche Verpflichtung steuerfinanzierte wissenschaftliche Werke unter einer offenen Lizenz zu veröffentlichen
  2. Maßnahmen der Hochschulen, zum Beispiel durch institutionelle Selbstverpflichtungen oder finanzielle und andere faktische Anreizsysteme
  3. Maßnahmen der öffentlichen Forschungsförderung, zum Beispiel Verpflichtung im Rahmen der Drittmittelfinanzierung von Forschungsvorhaben oder direkte Förderungsinstrumente für den Aufbau oder die Refinanzierung offener Publikationen
  4. Urheberrechtliche Maßnahmen, zum Beispiel Vorhaben steuerfinanzierte wissenschaftliche Werke vom urheberrechtlichen Schutz auszunehmen oder Schrankenregelungen beziehungsweise Zwangslizenzen für öffentlich-finanzierte Werke einzuführen

Im Folgenden werden die Katalysatoren und die Hindernisse für die Etablierung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation den Indikatoren für die Reputationsverteilung im aktuellen wissenschaftlichen System gegenübergestellt. Diese Ausarbeitung zielt auf die Beantwortung der Forschungsfragen ab und stellt eine Grundlage für eine Befragung der wissenschaftlichen Akteure im Publikations- und Kommunikationssystem dar.

Katalysatoren für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

In den analysierten wissenschaftlichen Beiträgen zu Open Access und Open Science wurden die mehrheitlich positiven Auswirkungen der Forderungen nach Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationssystem, aber auch antizipierte negative Effekte der Öffnung auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem dargestellt. Grundlage für die Darstellung der Vorteile war die umfassende Erarbeitung der Herausforderungen und Unzulänglichkeiten im bestehenden wissenschaftlichen Kommunikationssystem (Herb_2012a).

Grundsätzlich steht und fällt der Erfolg bei der Etablierung von Verhaltensänderungen damit, ob sich der jeweiligen Zielgruppe ein unmittelbarer Mehrwert und Nutzen erschließen wird (Schulze_2013). Bisher scheint dieser eher gering zu sein, denn rechtlich steht es bereits nach der heutigen Rechtslage Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern frei, "sich für eine Erstveröffentlichung ihrer Werke im Wege des Open Access zu entscheiden" (Goetting_2015: 146), auch wenn konkrete Möglichkeiten und Grenzen von Open-Access-Publikationsverpflichtungen noch immer wesentlich durch die urheberrechtlichen Rahmenbedingungen beeinflusst werden (Fehling_2014: 211).

Für die weiterführende Gruppierung der Argumente für die Öffnung von Wissen wurde die folgende Kategorisierung vorgenommen. Sie beschreibt die grundlegenden Katalysatoren und Argumente für die Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems:

  1. Transition: Die Nutzung der neuen Möglichkeiten für eine offene Wissensverbreitung neben den konventionellen Wegen der nicht-elektronischen Publikationen (Hall_2008) (Berliner_Erklaerung_2003). Voraussetzung ist die Aufbereitung des Wissens als strukturierte Daten zur Wissensweiterverwendung und -verarbeitung über alle Kanäle.
  2. Speed and Circulation: Offene Publikationsverfahren bieten die Chance wissenschaftliche Inhalte schneller und umfassender der wissenschaftlichen Community zur Verfügung zu stellen (Mueller_2010) (RIN_2010) (Hall_2008) (European_Commission_2006). Wenn das Wissen schneller zur Verfügung steht, kann es auch schneller zirkulieren und effizienter genutzt werden (Woelfle_2011). In den tradierten Verfahren wird die Wissensverbreitung künstlich durch Embargos und ineffiziente Validierungs- und Qualitätssicherungssysteme zurückgehalten. Die Digitalisierung und Verbreitung über elektronische Kanäle stellt einen Vorteil für die Wissensverbreitung und -verwertung dar. Eine offene Veröffentlichung erreicht potenziell eine größere Leserschaft als es bei Subskriptionsmodellen der Fall ist (Cope_2014).
  3. Higher Impact and Citation: Die uneingeschränkte und globale Verfügbarkeit der offenen wissenschaftlichen Informationen führt zu einem wesentlich höheren Verbreitungsgrad und Einfluss von Wissenschaft (Davis_2011) (Mueller_2010) (Baggs_2006) (Willinsky_2006) (Kurtz_2005). Der Verbreitungsgrad kann einen positiven Einfluss auf die Zitierhäufigkeit haben (Mueller_2010) (European_Commission_2006) (Hajjem_2005). Die Zitationsrate wissenschaftlicher Publikationen, die nach den Kriterien von Offenheit veröffentlicht werden ist damit potenziell höher (Bernius_2009). Diese Kausalität wird "access-citation effect"(Davis_2011) genannt und ist durch bedeutsame Untersuchungen bestätigt worden (Lawrence_2001) (MacKie-Mason_2008) (Hajjem_2005) (Eysenbach_2006) (Antelman_2004). Dennoch gibt es Gründe diesen Effekt genau zu hinterfragen und im Detail mögliche Abschwächungseffekte zu berücksichtigen (Davis_2011).
  4. Tax-Payer: Die Kosten des traditionellen Publikationsverfahrens werden im Wesentlichen durch die öffentliche Hand getragen (Mueller_2010). Dem Steuerzahler ist die konventionelle wissenschaftliche Kommunikation jedoch nur selten unentgeltlich zugänglich, obwohl er de facto im Rahmen öffentlich geförderter Forschungsprogramme die Forschung bereits (mit-)finanziert hat (Suber_2003b) (Resnik_2005) (Baggs_2006) (Woelfle_2011) (Beverungen_2012) (Adema_2014). Da die Mittel nach intransparenten Kriterien verteilt werden ist im aktuellen Kommunikationssystem unklar, ob wissenschaftliche Kommunikation nach dem bestmöglichen Einsatz der monetären Ressourcen für Wissenschaft und Forschung abläuft (Glasziou_2014) (Altman_1994). Die Europäische Union und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommen in diesem Zusammenhang zu dem Ergebnis, dass der volkswirtschaftliche Nutzen von Open Access die Kosten signifikant übersteigen wird (Cloes_2009) (OECD_2015) (EU_Council_2007).
  5. Economic Promotion: Bisher profitieren Wirtschaftsunternehmen nur unzureichend von staatlich finanzierter wissenschaftlicher Kommunikation. Eine schnellere, kommerziell verwertbare und umfassendere Bereitstellung wissenschaftlicher Inhalte kann einen Beitrag zur non-monetären Wirtschaftsförderung und Innovation leisten (European_Commission_2015a) (OECD_2015) (Heise_2012b) (OECD_2004). Im Rahmen der offenen und schnelleren Verbreitung wissenschaftlicher Informationen sind darüberhinaus auch neue Geschäftsmodelle denkbar.
  6. Digital Divide: Der offene Zugang zu Wissenschaft eröffnet neue Chancen sowohl für die Überwindung sozialer, nationaler und globaler Wissenskluften, als auch zwischen bildungsferneren und -affineren Bevölkerungsteilen und -schichten der Welt (BOAI_2012). Darüber hinaus ist der Mehrwert und die Chance von wissenschaftlichen Informationen für die schulische Bildung und für die Bewegung der offenen Bildungsmaterialien bisher ebenfalls noch nicht vollumfänglich ausgeschöpft (Heise_2013b).
  7. Validation, Quality and Reputation: Offenheit in Wissenschaft und Forschung ermöglicht die Entwicklung neuer Verfahren, die die Aktivität und Qualität eines Forschers oder einer Forscherin umfassender, transparenter und demokratischer messbar und kommunizierbar machen, als es im bestehenden Reputations- und Förderungssystem möglich ist (Grand_2012). (Chalmers_2009). Da Wissenschaft "per Definition die Bemühung um integre Information ist" (Umstaetter_2007) wird vermutet dass Wissenschaftsevaluation durch den offenen Zugang und die daraus resultierenden Möglichkeiten der Verifizierung von Wissen effizienter wird (Nosek_2015). Die Falsifikation ist nur dann umfassend und einfach möglich, wenn der Aufwand für die Falsifikation gering beziehungsweise der Zugriff auf die wissenschaftlichen Informationen überhaupt gegeben (Umstaetter_2007) und offen ist (Peters_2014). "Offenheit verhindert, dass Wissenschaft dogmatisch, unkritisch und voreingenommen wird" (Resnik_2005).
  8. Information Paradox: Überwindung des bestehenden Informationsparadoxons bei der Verbreitung und Vermarktung wissenschaftlicher Inhalte. Hierbei handelt es sich um die Herausforderung im Rahmen kommerzieller Be- und Verwertung wissenschaftlicher Informationen, ohne zu viel über Inhalt und Qualität auszusagen. Eine im Rahmen von Offenheit angestrebte Entkommerzialisierung des Zugangs zu Wissen würde dieses Informationsparadoxon aufheben.
  9. Science Communication Crisis: Durch die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikations- und Reputationsprozesse entsteht die Möglichkeit, der vorherrschenden Zeitschriften- und Monografienkrise durch neue Geschäftsmodelle zu begegnen (Mueller_2010) (Naeder_2010).
  10. Interdiscipline and International Exchange/Collaboration: Die Globalisierung führt auch in der Wissenschaft zunehmend zu internationalem Austausch und zur transnationalen Zusammenarbeit von Wissenschaftlern (Waltman_2011). Das gilt nicht nur für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Bezug auf die lokale Verortung, sondern auch für die Interdisziplinarität der Forschungsvorhaben. Die Öffnung der Wissenschaft ermöglicht auch fachfremden Wissenschaftlern Zugriff auf Publikationen und damit auf Wissensressourcen für die eigenen Arbeiten.
  11. Sustainable Access and Archiving: Nur Offenheit im Sinne von Verwertbarkeit ermöglicht es, in dezentralen Strukturen wie der des Internets alle Informationen nachhaltig und unabhängig voneinander zu speichern. Im Falle von Natur- oder anderen Katastrophen ermöglicht die digitale Ablage auf mehreren Kontinenten eine Präservierung von Wissen unabhängig von lokalen Gegebenheiten oder Bedingungen.
  12. Dataquality: Die Veröffentlichung und das offene Teilen der Daten hinter den wissenschaftlichen Publikationen kann zu einer umfassenden Erhöhung der Datenqualität und -integrität von wissenschaftlichen Erkenntnissen führen. Es wird vermutet, dass bei der Weiterverwendung durch Dritte mögliche Fehler schneller identifiziert werden und die offene Bereitstellung zu mehr Disziplin bei der Dokumentation der Datenbereitsteller führt. Ähnliche Erfahrungen wurden bereits im Bereich der Veröffentlichung von Daten der Verwaltung und bei der Entwicklungszusammenarbeit gemacht (Heise_2014).

Hindernisse für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

Differenzierte Ansätze für den Umgang mit den Fragestellungen rund um die Öffnungsprozesse von Wissenschaft und Forschung sind wichtig, um einen "weniger ideologisch-aufgeregten Umgang mit dem Sujet" (Naeder_2010: 13) bei der Ausarbeitung der Arbeit zu erreichen. Im Folgenden werden die Prozesse dargestellt, die entweder zu einer Verlangsamung der Entwicklung führen oder sie in einigen Teilbereichen sogar ganz zum Erliegen bringen können. Dabei soll explizit keine Position für oder gegen die Veränderung des bestehenden Publikationssystems bezogen werden.

Grundsätzlich lassen sich bei der Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation strukturelle Hindernisse und individuelle Hindernisse unterscheiden (Scheliga_2014). Strukturelle Hindernisse beziehen sich dabei auf generelle Herausforderungen bei der Etablierung einer Verhaltensänderung im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Fehlende Anreizsysteme für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene
  • Führungs- und Planlosigkeit der Bewegung für Offenheit in Wissenschaft und Forschung
  • Mangelhafte Infrastrukturen und nicht-disponible Applikationen für die Durchführung offener wissenschaftlicher Kommunikation

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den wissenschaftlichen Akteuren des Kommunikationssystems. Im Folgenden werden, auch wenn es sich lohnt das Augenmerk auf "diejenigen Vorteile zu legen, von denen Wissenschaftler selbst profitieren können" (Mueller_2010), die individuellen Hindernisse für die Öffnung von Wissenschaft und Forschung betrachtet. Folgende individuelle Hindernisse bei und Argumente gegen die Öffnung der wissenschaftlichen Prozesse und Publikationen wurden identifiziert:

  1. Quality: Der erste Hindernisbereich umschreibt die Befürchtung, dass die Qualität von offener wissenschaftlicher Kommunikation unter schlechter oder nicht vorhandener wissenschaftlicher Überprüfungsmechanismen leidet (Chibnik_2015) (Beall_2012). Dabei wird argumentiert, dass ein durch Autorengebühren finanziertes Publikationsmodell keinen klaren Anreiz für Ablehnung bieten könnte (Jubb_2011: 257).
  2. Renommee: Die Möglichkeit zur Erlangung von wissenschaftlicher Reputation ist ein grundlegender Motivationsfaktor für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die Ergebnisse ihrer Arbeit zu veröffentlichen. Eine Veröffentlichung hat nur dann Einfluss auf die Reputation, wenn sie im Rahmen von renommierten Publikationskanälen stattfindet. Offene Publikationsplattformen und Journale können aufgrund des kurzen Zeitraums ihres Bestehens und aufgrund von Vorbehalten dieses Renommee nur selten vorweisen. Die Renommeefrage stellt eine der größten Hürden für die offene wissenschaftliche Kommunikation dar (Weishaupt_2009) (Woelfle_2011).
  3. Archiving- and Sustainability: Den grundsätzlichen Vorteilen des elektronischen Publizierens stehen Probleme und Zweifel an der langfristigen Verfügbarkeit und Langzeitarchivierung (Weishaupt_2009) gegenüber. Einige Autoren und Autorinnen kritisieren, dass die Sicherstellung der Langzeitarchivierung und die langfristige Auffindbarkeit sowie die Bereitstellung der Dokumente bisher nicht vollumfänglich durch digitale Strukturen gewährleistet werden kann (Umstaetter_2007) (Gersmann_2007).
  4. Authenticity- or Integrity: Ein weiteres Problem stellt die Sicherung der Authentizität der offen publizierten wissenschaftlichen Informationen dar (Umstaetter_2007) (Weishaupt_2009) (Grand_2012). Weil elektronische Dokumente oft innerhalb weniger Tage oder Wochen in mehreren Versionen zugänglich sind, wird befürchtet, dass Texte und Arbeiten im Zeitablauf inhaltlich nicht mehr unverändert ihrem Autor beziehungsweise ihrer Autorin zuzuordnen sind. Das gilt, "solange sie nicht in Digitalen Bibliotheken mit gesicherter Authentizität abgeliefert" werden (Umstaetter_2007).
  5. Rightsmanagement: Eine generelle Verpflichtung für Mitarbeiter staatlich finanzierter Forschungsinstitutionen, alle Texte und Daten elektronisch frei und offen zu publizieren, wird von einigen Autoren und Autorinnen kritisch hinterfragt (Peukert_2013). In dem 2009 veröffentlichten "Heidelberger Appell" (Heidelberger_Appell_2009) kritisieren zahlreiche Autoren, Wissenschaftler, Verleger und Publizisten, dass das "verfassungsmäßig verbürgte Grundrecht von Urhebern auf freie und selbstbestimmte Publikation" ... "derzeit massiven Angriffen ausgesetzt und nachhaltig bedroht" ist. Weiter sehen die Unterzeichner "weitreichende Eingriffe in die Presse- und Publikationsfreiheit, deren Folgen grundgesetzwidrig wären" (ITK_2009). Rechtliche Bedenken und die Befürchtung vor kostspieligen juristischen Fehltritten stellen einen weiteren Vorbehalt gegen die offene Veröffentlichung von Forschung und Forschungsergebnissen dar (Weishaupt_2009).
  6. (Re-)Financing: Die unklare Refinanzierung der Kosten, die im Rahmen der offenen wissenschaftlichen Kommunikation vermutet wird, wird als weiteres Kernargument gegen das offene Publizieren von Arbeiten und Daten angeführt (Chibnik_2015). Die Befürchtung ist, dass die umfassende Öffnung des wissenschaftlichen Systems überhaupt nicht finanziert werden kann, konnte bisher nicht ganz ausgeräumt werden (Weishaupt_2009).
  7. Ressource Allocation: Von der fachlichen Anerkennung hängen auch der Zugang zu Forschungsressourcen ab (Buss_2001: 14). Dieses Hindernis bezieht sich demnach auf die Annahme, dass den Herausforderungen bei der Vergabe von Fördermitteln und bei den reputationsbildenden Maßnahmen im offenen System nicht ausreichend Rechnung getragen werden kann. Das Argument beruht auf der Befürchtung, dass die Öffnung des wissenschaftlichen Prozesses einen einseitig-negativen Einfluss auf Mittel- und Reputationsvergabe hat (Grand_2012), sie ausschließlich zugunsten populärer Forschung stattfindet und sie zu einer Aushöhlung der wissenschaftlichen Fächer- und Facettenvielfalt führt.
  8. Open-Caring: Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen befürchten durch den Zwang zur umfassenden Bereitstellung ihrer Publikationen und gegebenenfalls sogar der Quelldaten sowie des genutzten Softwarecodes einen nicht unwesentlichen zeitlichen und finanziellen Mehraufwand (BBAW_2015: 27) (Mennes_2013) (Grand_2012). Der nötige Aufwand, den die umfassende Öffnung der wissenschaftlichen Daten im Alltag des Wissenschaftlers mit sich bringen würde, ist bisher kaum evaluiert (Osterloh_2008).
  9. Scientific-Freedom/Loss of Idea-Diversity: Dieses Argument betrifft zwei Ebenen: Die Sorge, dass durch Offenheit und Transparenz sowie Forschungsförderung und Öffentlichkeit die bestehenden Steuerungsmechanismen der Wissenschaft ausgehebelt werden und infolgedessen nur die wissenschaftlichen Projekte gefördert und unterstützt werden, die von der Allgemeinheit verstanden werden. Diese Befürchtung ruht auf der Annahme, dass die Gewinnung von Wissen in der Grundlagenforschung ein "öffentliches Gut" darstellt, "dessen Wert von der Öffentlichkeit nur schwer beurteilt werden kann" (Osterloh_2008). Darüber hinaus wird in der Literatur die Befürchtung geäußert, dass durch die Öffnung die Freiheit von Forschung und Lehre im Sinne der Publikations- und Veröffentlichungsfreiheit gefährdet sein wird (Jochum_2009). Damit ist die Wahl des Publikationsmediums gemeint, die bei den Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen liegen sollte (BBAW_2015). Infolgedessen wird an vielen Stellen die Befürchtung geäußert, dass im Rahmen zunehmender Kollaboration über digitale Kanäle sowie durch die Effizienz der elektronischen Suche die Diversität von wissenschaftlichen Meinungen und Projekten zu einem gleichen oder ähnlichen Thema eingeschränkt werden könnte (Evans_2008). Diese Betrachtung ist wiederum nicht unumstritten (Lariviere_2009).
  10. Misinterpretation: Eine weitere Sorge, die den Öffnungsprozess bremst, ist die Angst der wissenschaftlichen Community vor Fehlinterpretationen (Grand_2012) sowie vor dem Verlust der Kontrolle über die Informationssteuerung (Gibbons_1994). Dabei steht vor allem die Befürchtung im Vordergrund, dass die frei verfügbaren veröffentlichten Arbeiten genutzt werden, um die Arbeit der Wissenschaft zu diskreditieren oder sie gezielt zur Falschinformation der Öffentlichkeit zu nutzen.
  11. Transparent-Research-Intentions: Die Forderung nach Offenlegung des gesamten Forschungsprozesses beinhaltet auch die Forderung nach "Transparenz der Interaktion zwischen Sponsoren (insbesondere kommerzielle Förderer wie die Pharma- und Medizinprodukteindustrie) und Auftragnehmern" (Stengel_2013)

Die erarbeiteten Hindernisse für die Verbreitung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation werden im Verlauf der Arbeit im experimentellen Teil im Rahmen der Befragung aufgegriffen. Die möglichen Irritationspotenziale durch die Ausweitung des Zugangs zu oder Zugriffs auf wissenschaftliche Kommunikation sowie die Kritik an digitalen Medien werden nur in Zusammenhang mit den Forschungsfragen berücksichtigt.

Indikatoren für die Reputationsverteilung im wissenschaftlichen Kommunikationssystem

Um die Anreize für das Verhalten der wissenschaftlichen Akteure im Kommunikationssystem besser zu verstehen werden im Folgenden die Indikatoren für die Reputationsverteilung herausgearbeitet. Die Publikation von Erkenntnissen ist in diesem Rahmen nur einer von vielen Indikatoren für die Reputationsverteilung ist (Hirschauer_2004). Im Gegensatz zu den Modellen, die eine Verpflichtung von oben für ein bestimmtes Verhalten beinhalten und die wissenschaftliche Selbstständigkeit beeinflussen könnten, werden hier vor allem die Indikatoren betrachtet, die Anreize für ein bestimmtes Verhalten darstellen.

Aus der Literatur wurden folgender Indikatoren für die Verteilung von Reputation herausgearbeitet. Die vorgenommene Kategorisierung ist dabei an Heidemarie Hanekop (Hanekop_2008) und die Befragung durch das SOFI 2007 (SOFI_2007) angelehnt:

  1. Anzahl der wissenschaftlichen Aufsätze / Beiträge: Die Anzahl der Texte, die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im Rahmen ihrer Tätigkeit publizieren ist ein wesentlicher Faktor der Bewertung wissenschaftlicher Reputation (Warnke_2012) (Clapham_2005) (Luhmann_1970). Zum Beispiel erhöht die Anzahl an Texten die Chance, durch die andere Mitglieder der wissenschaftlichen Community zitiert zu werden und damit die Möglichkeit auf die Erlangung von Reputation. Durch den zunehmenden Wettbewerb in der Wissenschaft muss sich der einzelne Wissenschaftler entscheiden, "zu publizieren oder im wissenschaftlichen System zu scheitern" (Suess_2006). Dadurch entsteht im wissenschaftlichen Kommunikationssystem ein konstanter Publikationsdruck, bei dem die Relevanz der publizierten Ergebnisse nicht immer im Vordergrund steht (Hamilton_1990). Die Anzahl der veröffentlichten Artikel hat einen Einfluss auf die Vergabe von Ressourcen und finanzieller Mittel für weitere Forschung an Institutionen und Individuen (Warnke_2012) (Hamilton_1990).
  2. Relevanz der publizierten Ergebnisse: Die Relevanz der publizierten Ergebnisse ist für das Wissenschaftssystem ein wesentlicher Katalysator für den Prozess der Wissensgewinnung. Relevante Erkenntnisse sind die Grundlage für die Produktion von neuem Wissen und damit Grundlage für den gesellschaftlichen Auftrag des Wissenschaftssystems (Hanekop_2008). Die Relevanz der publizierten Ergebnisse, so wird postuliert, übt einen direkten Einfluss auf die wissenschaftliche Reputation aus.
  3. Anzahl Monografien: Die Anzahl der veröffentlichten Monografien ist ein wesentlicher Reputationsfaktor. Das gilt für die Disziplinen, in denen diese Publikationsform wichtig ist, die Geistes- und Sozialwissenschaften. In den anderen wissenschaftlichen Fachrichtungen spielt die Anzahl der Veröffentlichungen von Artikeln in wissenschaftlichen Journalen eine wichtige Rolle.
  4. Drittmittelprojekte: Drittmittel sind, so der deutsche Wissenschaftsrat, "solche Mittel, die zur Förderung der Forschung und Entwicklung sowie des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Lehre zusätzlich zum regulären Hochschulhaushalt (Grundausstattung) von öffentlichen oder privaten Stellen eingeworben werden" (Wissenschaftsrat_2014). Die Drittmitteleinwerbung hat sich in Deutschland als "meist gebrauchter Maßstab der Messung von Forschungsqualität durchgesetzt" (Muench_2006). Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Finanzierung der Forschung über Drittmittel einher (Neidhardt_2010) (Jansen_2007) (Simon_2010). Durch die zunehmende Knappheit öffentlicher Ressourcen für Wissenschaft und Forschung, ist die Akquise von Drittmitteln zu einem kritisch zu betrachtenden Kernziel geworden (Jansen_2007). Das führt zu der Vermutung, dass zunehmend direkte finanzielle und administrative Kontrolle der Forschung eine Rolle spielen (Barloesius_2008). Dabei ist die Frage relevant, ob die Publikationen, die im Rahmen der Drittmittelfinanzierung als wissenschaftliche Erkenntnisse veröffentlicht werden und ob der Antrag um Drittmitteleinwerbung selbst, "zum Erkenntnisfortschritt in der wissenschaftlichen Gemeinschaft beiträgt" (Muench_2006). Die wissenschaftliche Community befürchtet durch die zunehmende Relevanz der Anzahl von Drittmittelprojekten bei der Erlangung von wissenschaftlicher Reputation eine Einschränkung der Freiheit von Wissenschaft und Forschung.
  5. Patente: Im Gegensatz zu Urheberrechten, werden Patente nur auf Antrag und nach Prüfung staatlich erteilt (Troy_2012: 152). Es handelt sich dabei um ein "vom Staat verliehene Schutzrecht für eine technische Erfindung, welches dem Patentinhaber für eine bestimmte Zeit die ausschließliche wirtschaftliche Nutzung der Erfindung vorbehält" (Greif_2003). Diese Kommodifizierung von Wissen in Form von Patenten ist dabei exemplarisch für die Privatisierung von Wissen (Troy_2012: 152). Die Anzahl dieser Schutzrechte im Hochschulbereich nimmt seit den 1970er konstant zu (Troy_2012: 168). (Schmoch_2003) (Fabrizio_2008). Vor allem in den technischen Fachdisziplinen wird eine Patentschrift "als funktionales Äquivalent zur wissenschaftlichen Publikation begriffen" und bewertet (Mersch_2014). Die deutsche Hochschulrektorenkonferenz hält fasst die Rolle des Patentwesen an den Hochschulen wie folgt zusammen: "Patente leisten einen Beitrag zur Förderung der Wissenschaft, die Grundlagen des Patentwesens sind daher dem wissenschaftlichen Nachwuchs über entsprechende Lehrangebote zu vermitteln" (Greif_2003). Die Befürchtung, dass Patente einen negativen Effekt auf die Erstellung und Veröffentlichung fundamentaler Forschungsergebnisse haben, konnte nicht abschließend bestätigt werden (Fabrizio_2008).
  6. Vorträge: Vorträge dienen der Verbreitung der Forschungserkenntnisse, sowie Zwischenständen und ermöglichen das Vermitteln des Wissens an andere (Rassenhoevel_2010). Vorträge stellen eine informelle und schnelle Form für die Verbreitung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und Ergebnisse dar. Die in einem Vortrag vermittelten Inhalten müssen nicht immer genauer belegt werden und die kommunizierten Inhalte lassen sich gegebenenfalls später schriftlich konkretisieren oder korrigieren (Haberle_2002). Vorträge bieten die Möglichkeit bereits vor der eigentlichen Publikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen Anregungen und Reaktionen einzuholen.
  7. Anwendungsrelevanz bzw. Verwertbarkeit: Ein vergleichsweise neuer Indikator für die Reputation von Hochschulen und außeruniversitärer Forschungsinstitute ist die Anwendungsrelevanz der Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung (Simon_2010). Sie tritt neben die akademischen Mechanismen der Qualitäts- und Leistungskontrolle (Buss_2001: 8) und bezieht sich auf einen Outputfaktor, der primär auf den konkreten Einsatz der gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und auf die Verwertbarkeit wirtschaftlicher Produkte oder Patente und weniger auf die eigentliche wissenschaftliche Veröffentlichung abzielt.
  8. Netzwerke und Kontakte: Netzwerke beschreiben formelle und informelle Verbundsysteme zwischen Wissenschaftlern. Sie erlauben den schnellen Austausch und können Grundlage für Aktivitäten zur Steigerung der wissenschaftlichen Reputation darstellen. Diese Aktivitäten umfassen zum Beispiel gemeinsame Publikationsvorhaben und den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse. Kontakte und Netzwerke schaffen soziale Beziehungen, die für eine erfolgreiche Integration an der Hochschule und der Fachcommunity sorgen, Zugang zu wissenschaftlicher Kommunikation ermöglichen und somit einen Einfluss auf die Anerkennung eines Wissenschaftler oder einer Wissenschaftlerin haben können.
  9. Öffentliche Aufmerksamkeit: Die öffentliche Aufmerksamkeit stellt zum einen eine Möglichkeit des Wissenstransfers außerhalb der wissenschaftlichen (Fach-)Community dar, zum anderen ermöglicht sie die Einflussnahme auf die politische Relevanz wissenschaftlicher Forschungsthemen. Die Veröffentlichung wissenschaftlicher Informationen zu einem bestimmten Thema des öffentlichen Interesses stellt eine Möglichkeit dar, dieses Thema öffentlichkeitswirksam zu katalysieren. Öffentliche Aufmerksamkeit im Rahmen wissenschaftlicher Tätigkeit stellt eine kritisch zu hinterfragende Möglichkeit für die alternative Ressourcengewinnung dar.
  10. Politische Relevanz: Die wissenschaftliche Tätigkeit mit politischer Relevanz stellt eine weitere Möglichkeit dar, wissenschaftliche Inhalte außerhalb der Wissenschaft anwendbar zu machen und führt zu Anerkennung der wissenschaftlichen Arbeit. Daraus ergeben sich allerdings grundsätzliche "Verständigungsprobleme und Interessenkonflikte", da "Wissenschaft und Politik aufgrund unterschiedlicher Rationalitäten handeln, einander aber zugleich brauchen" (Mayntz_1996). Während es im Wissenschaftssystem "um Erwerb und Erhalt von Wissen" geht, zielt die Politik auf "Erwerb und Erhalt von Macht" (Mayntz_1996) ab. Dennoch wirkt Wissenschaft durch wissenschaftliche Beratung auf Politik und Politik beeinflusst Wissenschaft durch Wissenschaftspolitik (Brown_2014: 10). Die daraus resultierenden Interessenkonflikte können jedoch die Legitimität der Wissenschaft beeinträchtigen (Weingart_2005) (Weber_2002: 494) und gegebenenfalls zu "gegenseitigen Enttäuschungen" führen, vor allem in der "forschungspolitischen Beziehung" (Mayntz_1996).
  11. Renommee der Forschungseinrichtung: Das Renommee einer Forschungseinrichtung ist die Wahrnehmung der Einrichtung innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen (Fach-)Community. Sie hat für Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin eine besondere Bedeutung (Mayntz_2008). Sie basiert auf dem Konzept der "Ansteckung" (Luhmann_1970). Diese Ansteckung kann dazu führen, dass renommierte Professoren den Ruf einer Fakultät und eine renommierte Fakultät auch den Ruf von Professoren aufbessern können. Übertragen auf das wissenschaftliche Publizieren profitiert ein Autor oder eine Autorin bei der "Ansteckung" von dem Renommee einer Einrichtung, wenn er durch die Publikationsorgane der renommierten Institution veröffentlicht (Lutz_2012) (Buss_2001).
  12. Renommee von Herausgebern oder Mitautoren: Der Herausgeber organisiert den Begutachtungsprozess und sichert bestimmte Qualitätskriterien mit seiner Reputation und seinem Namen (Mueller_2009). Auch hier kommt es im Rahmen des symbolischen wissenschaftlichen Kapitals zu einer Übertragung der Reputation der Herausgeber oder Mitautoren auf die anderen veröffentlichenden Autoren.
  13. Personelle und materielle Ausstattung: Die materielle Ausstattung beschreibt die Rahmenbedingungen, in der ein Wissenschaftler arbeitet. Diese Rahmenbedingungen haben eine herausragende Bedeutung bei der Entscheidung über einen Wirkungsort von Wissenschaftlern (Mayntz_2008). Insbesondere die materielle und personelle Ausstattung sind bei traditionellen Berufungsverfahren deutscher Professorinnen und Professoren von besonderem Belang (Himpele_2011), da sie die Arbeitsfähigkeit und die Anerkennung beeinflussen (Buss_2001). Wie die materielle Ausstattung gilt auch die personelle Ausstattung als ein reputationsstiftendes Merkmal für Wissenschaftler und die Institution, an denen sie arbeiten (Mayntz_2008). Bei der Ausstattung handelt es sich um einen bilateralen Indikator, der zum einen aus der Bewertung der wissenschaftlichen Arbeit (im Rahmen der Forschungsförderung) resultiert (Herb_2008) und zum anderen Reputation innerhalb der Community schafft (Mayntz_2008).
  14. Gutachtertätigkeit und Herausgeberschaft: Gutachter werden zum Beispiel in Peer-Review-Verfahren Autoren des entsprechenden Fachgebietes zugeordnet und entscheiden über die Veröffentlichung des Textes (Frey_2005). Bei manchen Publikationen wird ein Text mehrmals abgelehnt und eine weitere Überarbeitung durch den Autoren oder die Autorin eingefordert, bevor der Artikel final akzeptiert und daraufhin publiziert wird (Frey_2005). In diesem Zusammenhang wirkt sich die Reputation der mit diesem Verfahren betrauten Gutachter auch auf das Image des Verlages aus und umgekehrt. Die Gutachtertätigkeit ist aber nicht nur Kernbestandteil des wissenschaftlichen Qualitätssicherungs- und interdependenten Reputationssystems, sondern stellt auch einen informellen Weg der Kommunikation dar. Er ermöglicht den Gutachtern die Vorabsichtung neuester wissenschaftlicher Informationen und Erkenntnisse. Ähnlich wie die Gutachtertätigkeit ist auch die Herausgeberschaft fester Bestandteil des interdependenten wissenschaftlichen Reputationssystems (Frey_2005): Herausgeber profitieren von den publizierten Inhalten und Erkenntnissen der Autoren, Autoren von der Reputation Herausgebern und der Verlag von beiden.
  15. Funktion: Die jeweilige Funktion oder die (universitäre) Stellenbezeichnung ist ein weiterer Faktor für wissenschaftliche Reputation. Zum wissenschaftlichen Personal zählen Professoren, Juniorprofessoren, wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter, sowie Lehrkräfte (Erhardt_2011). Eine Weiterentwicklung und der "Aufstieg" in der wissenschaftlichen Hierarchie zielt auf das akademische Streben nach einer Professur (Klecha_2008).
  16. Awards und Preise: Preise sind ein weitere Indikator für das wissenschaftliche Belohnungs- und Bewertungssystem. "Die Praxis der Award-Verleihung beruht auf dem Konzept, dass Ressourcen von unabhängigen Dritten auf Qualität geprüft und (...) zertifiziert werden" (Bargheer_2002). Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die Preise oder Awards gewinnen, erfahren Anerkennung. Diese Anerkennungen können jedoch nicht automatisch als "Garant für wissenschaftsrelevante Qualität" (Bargheer_2002) verstanden werden. Die Ehrung mit einem Preis weckt andererseits gegebenenfalls Erwartungen und führt zu dem Anspruch eines stetigen Nachschubs an Anerkennung für den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin.

Kapitel: Methode

Die Verortung der Fragestellungen dieser Arbeit von den Kulturwissenschaften über die Wirtschaftswissenschaften, die Politikwissenschaften bis hin zu den Medienwissenschaften, erfordert einen transdisziplinären Zugang zur wissenschaftlichen Bearbeitung. Da die Herangehensweise an die Science and Technology Studies (STS) angelehnt ist, wird neben dem transdisziplinären Zugang auch ein Methodenmix gewählt um das Themenfeld nicht nur zu entdecken, sondern aktiv an der Entwicklung des Themenfelds teilzunehmen (MacKenzie_1999) und die empirischen Realitäten zu verstehen (Kelty_2014).

Auch wenn die Themenbereiche kollaboratives Arbeiten, Social Media in Wissenschaft und Forschung, Citizen Science sowie Diskurse zu Tools und Diensten eng mit der Digitalisierung und Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation verbunden sind (European_Commission_2015a), werden diese in dieser Arbeit bewusst nur am Rande und beiläufig erwähnt beziehungsweise nur eingeschlossen, wenn sie der Beantwortung der Forschungsfragen dienen oder diese tangieren. Bevor die Debatten und die in den Grundlagen herausgearbeiteten Herausforderungen für die Empirie und Ethnographie verdichtet und zusammengefasst werden, sollen Methoden und Vorgehen bei Empirie und Ethnographie dieser Arbeit dargestellt werden.

Vorüberlegungen zur Methodenwahl

Es werden folgende wissenschaftliche Erhebungsmethoden angewendet: die umfassende Literaturrecherche mit analytischen Elementen für die Begriffsbestimmung und für die weitere Ausarbeitung der Fragestellungen und Debatten sowie die quantitative Befragung zur Identifikation der Treiber und Bremser für die Öffnung wissenschaftlicher Informationen und Prozesse. Darüber hinaus wird die (auto-)ethnographische Methode angewendet, um im Rahmen der Betrachtung der offenen Erstellung der eigenen Doktorarbeit das Zusammenspiel von Wissen und Technologie in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen näher zu bestimmen und Handlungsempfehlungen im Sinne einer Beschreibung der Auswirkungen auf die Kommunikation von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zu erarbeiten.

Gegenstand dieser Literaturrecherche sind vor allem Beiträge, die das Thema "wissenschaftliche Kommunikation", "Open Access" und "Open Science" im Wortlaut verwenden. Neben der genauen Betrachtung der Begriffe und der dort genannten Hindernisse oder Katalysatoren für Veränderungsprozesse bei der wissenschaftlichen Kommunikation in den jeweiligen Texten wird der Suchprozess nach Diskurs- und Debattenfragmenten offen durchgeführt, um in der Diskussion möglichst alle Aspekte miteinzubeziehen. Die quantitative Befragung ermöglicht es, diese identifizierten Aussagen bei den wissenschaftlichen Akteuren und die eigenen Grundannahmen zu überprüfen. Das Experiment der offenen Erstellung der eigenen Arbeit ergänzt diese Perspektiven um die Arbeitsperspektive und dient der Beantwortung der Forschungsfragen und der abschließenden Diskussion der Ergebnisse.

Ziel dieser Abfolge ist es, in der theoretischen Phase "Fähigkeiten, Merkmale und Eigenschaften" (Raab-Steiner_2012) zu definieren und zu strukturieren, diese in der empirischen Phase zu testen und abschließend mithilfe der ethnographischen Phase zu überprüfen und zu ergänzen. Dazu eignet sich die methodische Herangehensweise der Science and Technology Studies, mit der die Verschränkung von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft im Alltag untersucht und damit auch die Rolle von Wissen und Technologie in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen näher bestimmt werden soll (Beck_2014).

Generelle Forschungsfragen

Wie zuvor ausgeführt, liegen trotz hoher Relevanz bisher nur wenige konkrete Untersuchungen und Experimente zur Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation, vor allem aus den Geisteswissenschaften, vor. Um mit dieser Arbeit einen Beitrag zum Fortschritt für die Wissenschafts- und Technikforschung zu erzielen, werden folgende zentrale Forschungsfragen aus der einleitenden Betrachtung des Forschungsthemas abgeleitet:

  • Welche der genannten Herausforderungen bestehen im aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystem und wie kam es zu der Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation?
  • Welche Aspekte von Open Access und Open Science sind am häufigsten verbreitet?
  • Wie hoch ist das Interesse in der wissenschaftlichen Gemeinschaft an dem Zugang zu, Zugriff auf und Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation?
  • Wie stark ist die Öffnung der Kommunikation verbreitet?
  • Welche Argumente spielen in der Debatte für und wider die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation eine Rolle?
  • Welche Haupteinflussfaktoren für die Entwicklung von Forderungen nach Open Access und Open Science gibt es?
  • Welche Bedeutung haben die Konzepte um Offenheit und freien Zugang im Rahmen des wissenschaftlichen Reputationsbegriffs?
  • Welcher Aufwand entsteht bei der Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses?
  • Welche Handlungsempfehlungen können für das Verfassen einer offenen wissenschaftlichen Arbeit gegeben werden?
  • Befindet sich die Öffnung des Zugangs zu publizierten wissenschaftlichen Erkenntnissen (Open Access) in einer andauernden Übergangsphase zur Öffnung des Zugriffs auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (Open Science)?

Diese Forschungsfragen basieren auf folgenden Vorannahmen, die über die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation im Rahmen der Digitalisierung und unter der Differenzierung zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sowie vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Reputation vorliegen:

  • Die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation entstand aus unterschiedliche Interessen und Zielsetzungen (Hofmann_2016).
  • Die Herausforderungen im aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystem resultieren aus sozialen, technischen, rechtlichen und politischen Fehlentwicklungen.
  • Open Access und Open Science lassen sich nicht klar und einheitlich definieren (Naeder_2010).
  • Die Motivation der wissenschaftlichen Gemeinschaft für Veränderungen am System der wissenschaftlichen Kommunikation ist gering (Hagner_2015).
  • Es besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem Interesse an den Ideen der offenen Wissenschaft und der wissenschaftlichen Realität (Scheliga_2014).
  • Rechtliche Rahmenbedingungen beeinflussen maßgeblich die Etablierung der Öffnung von Wissenschaft und Forschung (Fehling_2014: 211).
  • Trotz Initiativen und effizienterer Technologien, die die Öffnung der Kommunikation begünstigen, werden die wissenschaftlichen Akteure am bestehenden Publikationssystem festhalten und die Monografien- und Zeitschriftenkrise wird auf absehbare Zeit bestehen bleiben (Parks_2002) (Goetting_2015: 146).
  • Die Bereitschaft zur Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation ist in den unterschiedlichen Disziplinen unterschiedlich stark verbreitet (Hofmann_2016) (European_Commission_2006) (Pansegrau_2011).
  • Die Bedrohung der Publikations- und Forschungsfreiheit wird aus Sicht der wissenschaftlichen Gemeinschaft als ein Kernargument gegen die politische Forderung nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation im Rahmen der Digitalisierung angeführt (Cloes_2009).
  • Das Konzept der Offenheit wird in der neoliberalen Rhetorik als effizientes Wettbewerbsmodell im Rahmen der politischen Steuerung eingesetzt (Tkacz_2012).
  • Die Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses im Rahmen einer wissenschaftlichen (Qualifikations-)Arbeit ist möglich.
  • Die Öffnung des Zugangs zu finalen wissenschaftlichen Publikationen (Open Access) wird langfristig in einer Öffnung des Zugriffs auf den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess (Open Science) münden.

Methodenwahl

Methoden sind die Verfahren und Strategien für die Informationsbeschaffung, die sich bestimmter wissenschaftliche Erhebungsinstrumente bedienen (Kromrey_2013: 309). Die Wahl der Methoden ist für die wissenschaftliche Arbeit von großer Bedeutung und muss an die Fragestellungen, die Vorannahmen sowie das Forschungsvorhaben angepasst sein. Dennoch kann die Wahl der Methoden auch ganz pragmatische Gründe haben.

Die Darstellung der Methoden macht es möglich transparent zu beschreiben, wie, wann, wo, welche Daten und Informationen im Rahmen bestimmter Fragestellungen erhoben und analysiert wurden. Diese verschiedenen Verfahrensweisen und Techniken geben dem wissenschaftlichen Erkenntnisprozess einen strukturellen und systematischen Rahmen.

Quantitative teilstandardisierte Datenerhebung (Online-Befragung)

Nach der Ausarbeitung der Grundlagen und Definitionen sowie der Literaturstudie soll durch die Erforschung von Tatbeständen (Exploration), durch die Überprüfung von Hypothesen (Überprüfung) (Raab-Steiner_2012) und die Erklärung von menschlichem Handeln (Atteslander_2008) der Bestand an gesichertem Wissen in dem Untersuchungsbereich erweitert werden (Bortz_2006a). Um der Entwicklung der Öffnung von Wissenschaft sowie deren Treiber und Bremser nachgehen zu können, wird als zweite Methode eine explorative, schriftliche Online-Befragung unter den wissenschaftlichen Akteuren des akademischen Publizierens an deutschsprachigen wissenschaftlichen Institutionen durchgeführt.

Fragebögen eignen sich dabei besonders für große homogene Gruppen, wie die der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (Bortz_2006). Da es sich bei der eingesetzten Online-Befragung um einen teilweise gestaltbaren Ablauf handelt, wird die Art der Befragung als teilstandardisiert bezeichnet (Raab-Steiner_2012). Die hohe praktische Relevanz und vielfältige Einsatzmöglichkeiten machen den Fragebogen zu der am häufigsten eingesetzten Methode zur Datenerhebung in den empirischen Sozialwissenschaften (Raab-Steiner_2012). Diese Methode soll es dem Forscher oder der Forscherin ermöglichen, Ausschnitte der Realität abzubilden (Raab-Steiner_2012).

Die bestehenden Grundannahmen werden mithilfe der Befragung überprüft und gegebenenfalls neue Hypothesen generiert. Durch den Vergleich mit der Studie "Neue Formen des Wissenschaftlichen Publizierens" aus dem Jahr 2007 vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) ist eine Betrachtung der historischen Entwicklung der Thematik im deutschsprachigen Raum möglich. Die Befragung aus Göttingen bildet eine Grundlage für die Fragebogenkonstruktion der vorliegenden Arbeit und unterstreicht die Bemühungen zur Absicherung der wissenschaftlichen Güte.

Die umfangreiche Befragung aus dem Jahr 2007 entstand im Rahmen eines durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojekts zwischen dem SOFI Göttingen und der Universitätsbibliothek Göttingen. Sie basierte auf einer "Vollerhebung der Wissenschaftler an den Instituten und Einrichtungen an fünf deutschen Standorten, die differenziert nach Fächern, Alters- und Statusgruppen (n=1800) erfasst wurden" (Hanekop_2014). Ziel der Befragung war es, die "Veränderungen beim Zugang zur Literatur wie auch bei den Veröffentlichungsstrategien" (SOFI_2007) zu untersuchen. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Studie wurden anhand von Webseiten der Forschungseinrichtungen identifiziert und per E-Mail um Teilnahme gebeten.

Durch den Vergleich mit der Vorbefragung im Jahr 2007 sowie durch die Überprüfung der Hypothesen in der empirischen Arbeit soll das bestehende Wissen im Untersuchungsfeld erweitert werden, die Qualität der Arbeit verbessert und der "Neuigkeitswert" sichergestellt werden (Raab-Steiner_2012). Um diese Vergleichbarkeit zu ermöglichen und zu gewährleisten, wurde die Befragung dieser Arbeit an den Kriterien der Befragung aus dem Jahr 2007 angelegt. Ein Unterschied bei der Durchführung besteht in der ausschließlichen Online-Befragung der Zielgruppen. Diese Arbeit folgt der Annahme, dass bei Validität und Reliabilität von Online-Befragungen im Vergleich zu "Papier-Bleistift-Befragungen" keine Unterschiede bestehen (Batinic_2001).

Das Experiment als wissenschaftliche Methode: Offenes Schreiben dieser Arbeit

Um Handlungsempfehlungen für das offene Schreiben von Dissertationen erstellen zu können sowie die Kriterien und Argumente für oder wider das offene Publizieren prüfen zu können, wurde für diese Arbeit eine offene Schreibweise gewählt. "Offen" bedeutet in diesem Fall, dass diese Arbeit und alle erhobenen Daten sowie Begleitinformationen direkt und möglichst unmittelbar im Zeitraum der Erstellung für jeden jederzeit frei zugänglich auf einer Webseite im Internet unter einer freien Lizenz (Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 (Creative_Commons_2009)) veröffentlicht wurde. Der Stand der Arbeit auf der Webseite entsprach zu jedem Zeitpunkt dem tatsächlichen Stand der Arbeit.

Das im Rahmen dieser Arbeit durchgeführte Experiment unterscheidet sich vom klassischen wissenschaftlichen Experiment als "Idealtypus kontrollierten Experimentierens", aber auch von der Feldbeobachtung, "die nicht vorsieht, dass im laufenden Betrieb eingegriffen und experimentiert wird" (Westermayer_2006). Die Form des hiesigen Experiments fügt sich in das Konzept des Realexperiments ein und passt somit in die Technik- und Wissenschaftsforschung (Westermayer_2006). Diese Form des Experiments geht davon aus, "dass man relativ viel über das, was man nicht weiß, wissen kann, und dass das Ausprobieren der effektivste Weg ist, sich selbst zu korrigieren und weiterzukommen" (Krohn_2005). Realexperimente "sind experimentell orientiert, stehen unter situativ vorgegebenen Randbedingungen und verknüpfen Wissensanwendung und Wissensgenerierung" (Westermayer_2006). Bei dieser Art der qualitativ orientierten Forschung ist das Vorgehen sehr spezifisch und auf den jeweiligen Gegenstand bezogen (Krohn_2005). Sie ermöglicht eine speziell für diesen Gegenstand entwickelte oder differenzierte Herangehensweise (Mayring_1999: 119). Die Anerkennung der Selbstbeobachtung als wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit dadurch gewährleistet, dass die präzise und offene Dokumentation sowie der offene Prozess der Anfertigung sicherstellt, wie das Wissen erzeugt wird und wodurch sich dieses gewonnene Wissen als wissenschaftliches Wissen auszeichnet (Solhdju_2011)

Für die Auswertung wird auf einen autoethnographischen Ansatz zurückgegriffen. Bei diesem Ansatz wird der Forscher oder die Forscherin zum "teilnehmenden Beobachter"(Ellis_2010). Er ermöglicht es, "persönliche Erfahrung (auto) zu beschreiben und systematisch zu analysieren (graphie), um kulturelle Erfahrung (ethno) zu verstehen" (Ellis_2010). Als Forschungsmethode ermöglicht sie eine Reflexion darüber, wie die eigenen Erfahrungen den Forschungszusammenhang beeinflussen (Ellis_2011). Angelehnt an die sozialwissenschaftliche Methode folgt diese Arbeit einem Verständnis einer "Ethnographie über Menschen, die Medien nutzen, konsumieren, distribuieren oder produzieren"(Bachmann_2011).

Das Ziel der autoethnographischen Untersuchungsmethode ist das Bestreben zu einem vertieften Verständnis der empirischen Ergebnisse zu gelangen, den Aufwand, der durch die Öffnung der formellen Kommunikation für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen entsteht, zu beschreiben und zu analysieren sowie möglichst viele Verallgemeinerungsmodelle im Rahmen der definierten Fragestellungen theoretisch zu entwickeln und praktisch zu prüfen. Diese Zielsetzungen machen es erforderlich, einen methodischen Ansatz zu wählen, der es am Beispiel der eigenen Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit ermöglicht, die kulturelle Praxis des offenen wissenschaftlichen Kommunizierens besser zu verstehen (Maso_2001).

Die autoethnographische Herangehensweise der Beschreibung und Analyse ist auch deshalb notwendig, da bisher kein dokumentiertes, offen verfasstes wissenschaftliches Publikations- oder Promotionsvorhaben im deutschsprachigen Raum durchgeführt wurde. Die Erfahrungen der offenen Schreibweise bilden darüber hinaus einen wesentlichen Anknüpfungspunkt für die Beantwortung der Forschungsfragen und stellen die Grundlage für weitere Forschung in diesem Feld sowie für die Erbringung eines Beitrags zum Fortschritt für die Wissenschafts- und Technikforschung dar.

Begründung der Methodenwahl

Die Methodenwahl begründet sich zunächst auf den theoretischen Vorannahmen im Rahmen der Literaturrecherche. Wesentlich bei der Wahl der Untersuchungsmethoden sind Herangehensweise, Thema und das zu untersuchende Feld. Das Thema der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation in Deutschland befindet sich noch im Anfangsstadium eines Entwicklungsprozesses. Zwar haben sich seit der wissenschaftlichen Revolution im 17. Jahrhundert die methodischen Standards immer wieder gewandelt, doch sind "Sprache, Autorenschaft und Struktur bzw. Beurteilung wissenschaftlicher Artikel (...) Parameter, die jetzt mit der Verschiebung vom Buchdruck zur digitalen Publikation [stattfinden,] einmal mehr in Bewegung geraten" (Hagner_2015). Das zu untersuchende Feld, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des wissenschaftlichen Kommunikationssystems, sehen sich bisher allerdings gar nicht oder erst seit kurzer Zeit mit dem hier behandelten Thema konfrontiert (Hagner_2015).

Für eine Bearbeitung wenig erforschter Felder bietet sich die Methodik der qualitativen Sozialforschung an. Allerdings begünstigt das Vorhandensein einer Vorbefragung vom SOFI in Göttingen aus dem Jahr 2007 auch die quantitative Methode der (Online-)Befragung. Die quantitative Herangehensweise hat den Vorteil eines methodisch erklärenden Ansatzes mit einem hohen Messniveau, der für diese Arbeit als erkenntnisgewinnbringend eingeschätzt wird. Als hypothesenprüfende Methode beruht sie auf der Quantifizierung der Beobachtungsrealität (Bortz_2006b), mit der die dargestellten Vorannahmen geprüft und neue Ansatzpunkte evaluiert werden können. Sie ermöglicht darüber hinaus die differenzierte Erforschung und Bearbeitung sowie die unvoreingenommene und differenzierte Identifikation von Vorurteilen und Angeboten, aber auch von Problemen, Herausforderungen und Alternativen.

Anders als bei der quantitativen Sozialforschung mit sehr elaborierten Methoden, lässt die qualitative Forschung mit dem klaren Bekenntnis zur Offenheit viel Freiheit und wird im weiteren Verlauf der Arbeit den Forschungsprozess bereichern. Das Experiment als Element der qualitativen Forschung hilft auf Grundlage der Erkenntnisse aus der Befragung beim "Verstehen" der Materie. Hier werden die Herausforderungen und die Praxistauglichkeit der Forderungen für die Öffnung des wissenschaftlichen Prozesses subjektiv induktiv analysiert. Das hilft beim Aufbau einer Distanz zu den Forderungen von Offenheit und Transparenz im Forschungsprozess und ermöglicht eine praktisch-fundierte Diskussion der Ergebnisse.

Zusammenfassend werden mithilfe der Literaturrecherche und der quantitativen Methode der Befragung allgemeine Muster identifiziert und durch die qualitative Methode des Experiments beispielhaft an den Mechanismen der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit herausgearbeitet. Ziel dieser Methodenwahl ist es, einen wissenschaftlich fundierten Beitrag zu der Debatte über den Wandel wissenschaftlicher Kommunikation im Rahmen der Digitalisierung in der Wissenschafts- und Technikforschung (STS) zu liefern.

Kritische Betrachtung der Vorgehensweise

Die Themen Digitalisierung und wissenschaftliche Kommunikation sind auch bei Eingrenzung auf den deutschsprachigen Raum und unter konkreten Fragestellungen weite Felder. Im Fokus dieser Arbeit steht die Gruppe der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Sie stellen aber nur eine, wenn auch eine wesentliche, von mindestens drei Gruppen des wissenschaftlichen Kommunikationssystems dar. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Verlagen und Bibliotheken wurden zwar bewusst nur am Rande berücksichtigt beziehungsweise nur dann mit eingeschlossen, wenn dies der Beantwortung der Forschungsfragen dient oder diese tangieren, dennoch sind sie ebenfalls wichtige Akteure des wissenschaftlichen Kommunikationssystems.

Kritisch betrachtet können die Fächervielfalt und die Unterschiede in den einzelnen anderen Disziplinen im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation hier nur begrenzt abgebildet werden. Das gilt insbesondere für die autoethnographische Betrachtung der offenen Anfertigung dieser Arbeit, die klar in den Geisteswissenschaften verortet ist. Die Erfahrungen und Beobachtungen können somit nur bedingt übertragen werden und weichen gegebenenfalls von anderen Disziplinen ab. Sie bieten jedoch eine wesentliche Grundlage für Anknüpfungspunkte bei der Beantwortung der Forschungsfragen sowie für weitere Forschung auf diesem Gebiet.

Durch die große Auswahl der Stichproben, die umfassende Literaturrecherche vorab und die gewählte quantitative Vorgehensweise ist die Erhebung zwar im erforderlichen Umfang vergleichbar und statistisch relevant, gibt aber nur begrenzt Raum für die Erforschung neuer Herangehensweisen an die Thematik. Um dem entgegenzuwirken, komplettiert der offene Forschungsprozess im Rahmen des Experiments das methodische Vorgehen und ermöglicht die Ergänzung der quantitativen Erhebung um eigene Beobachtungen und Erfahrungen.

Kritisch kann auch die Vermengung und parallele Anwendung eines qualitativen Vorgehens mit dem quantitativen Ansatz hinterfragt werden. Diese Kombination ist im Forschungsalltag allerdings dennoch nicht unüblich (Bortz_2006b). Zwar ist die Gefahr eines Qualitätsverlusts der Aussagekraft der Ergebnisse durch diese Vorgehensweise nicht ganz auszuschließen (Lamnek_1993: 198). Dennoch eignet sich dieser Methodenmix bevorzugt im Zusammenhang mit der Herangehensweise der Technik- und Wissenschaftsforschung (Brown_2014: 8).

Die Position des Autors als aktiver Teilnehmer der Debatte um die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation ist ebenfalls kritisch zu berücksichtigen. Durch die Fokussierung auf die Literatur bei der Extrahierung der Annäherungen an die Begriffe sowie die Darstellung der Debatten um Open Access und Open Science sowie die Übernahme der Fragen aus der Vorbefragung vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen wird sichergestellt, dass die langjährige Auseinandersetzung des Autors oder der Autorin mit dem Thema nicht zu einer suggestiven Herangehensweise bei der Bearbeitung der Forschungsfragen führt. Die aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Position und das Realexperiment können als effektiver Weg betrachtet werden, sich selbst zu korrigieren und das Thema kritisch zu bearbeiten (Krohn_2005).

Kapitel: Befragung

Ein weiteres Bestreben dieser Arbeit ist es, die herausgearbeiteten theoretischen Grundlagen, die Ausprägungen von Open Access und Open Science sowie die im vorherigen Kapitel erarbeiteten Herausforderungen im aktuellen System wissenschaftlicher Kommunikation sowie Katalysatoren und Hindernisse für die Verbreitung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Reputation im Rahmen einer Umfrage zu überprüfen.

Besondere Berücksichtigung finden dabei die Identifikation weiterer Treiber und Bremser sowie Anreize für die Öffnung wissenschaftlicher Informationen und Prozesse. Dafür werden die aus der theoretischen Betrachtung analysierten Konzepte von Open Access und Open Science einer Befragung von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zugeordnet. Abschließend werden die Ergebnisse der Befragung mit der im Jahr 2007 zwischen Juli und November durchgeführten Erhebung "Wissenschaftliche Publikationen im Internet: Wissenschaftler als Leser und Autoren" durch das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) (Hanekop_2008) verglichen.

Um die genannten Aspekte mit einer möglichst großen Stichprobe zu konsolidieren, wurde die Online-Befragung als Methode gewählt. Die Befragung richtete sich dabei ausschließlich an deutschsprachige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Karrierestufen und Fachdisziplinen sowie an Personen im wissenschaftlichen Umfeld, die mit den Eigenheiten des wissenschaftlichen Kommunikationssystems vertraut sind.

Der Fragebogen wurde für die Erfassung konkreter Verhaltensweisen und allgemeine Zustände und Sachverhalte (Raab-Steiner_2012) konstruiert, und die zentralen Forschungsfragen dieser Arbeit stellten die Grundlage für die Entwicklung des Fragepools dar. Die Formulierung der Fragen basierte, sofern nicht aus der Studie des SOFI unverändert übernommen, auf den in den vorhergehenden Kapiteln erarbeiteten Handlungsmustern, Definitionsversuchen, Intentionen, Meinungen und Einstellungen zu folgenden detaillierten Fragestellungen:

  • Wie verändert der Einfluss der Digitalisierung das wissenschaftliche Kommunikationssystem?
  • In welchem Umfang besteht Interesse an der Öffnung von Wissenschaft und Wissen über Open Access unter den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen?
  • Welches Verständnis von Open Access besteht bei den Befragten?
  • Wie stark ist das Interesse an Forschungsdaten (anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen) ausgeprägt?
  • Wie stehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den theoretischen Konzepten über die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation in der Praxis gegenüber?
  • Spiegelt sich das in der Literatur herausgearbeitete, stark divergierende Spektrum an Meinungen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft wider?
  • Welche Faktoren und Argumente begünstigen die Öffnung von Wissenschaft in der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin, welche Argumente sprechen dagegen?
  • Wie wird der Aufwand für die Öffnung von Wissenschaft in einer wissenschaftlichen Disziplin eingeschätzt?
  • Welche unterschiedlichen Auffassungen bezüglich wissenschaftlicher Kommunikation bestehen zwischen den unterschiedlichen Fachdisziplinen, Alters- und Statusgruppen?
  • In welchem Umfang wird bereits heute im wissenschaftlichen Umfeld offen kommuniziert?
  • Welche Veränderungen beim Zugang zur Literatur wie auch bei den Veröffentlichungsstrategien sind im Vergleich zur der 2007 durchgeführten Befragung des SOFI Göttingen zu erkennen?

Erhebungsmethode und Messinstrumente

Die Auswahl der Erhebungsmethode basierte auf folgenden Überlegungen: Persönliche Interviews und ein rein qualitatives Vorgehen erschienen wenig geeignet, da der damit verbundene personelle, zeitliche und finanzielle Aufwand als zu hoch eingestuft wurde. Gegen eine postalische Befragung sprachen die hohen Kosten (unter anderem Porto), der hohe zeitliche Aufwand sowie die häufig geringen Rücklaufquoten (Petermann_2005). Darüber hinaus haben "digitale Aufzeichnungen eine deutlich höhere Qualität", "digitale Daten lassen sich komfortabler und effizienter bearbeiten" und die "Darstellungsmöglichkeiten ermöglichen eine vertiefte Wahrnehmung sozialer Interaktionen" (Hartung_2011).

Ausschlaggebend für die Auswahl der Online-Befragung als Befragungsform war auch, dass das Forschungsinstrument "Fragebogen" zu den am häufigsten eingesetzten Methoden in der Sozialforschung gehört (Raab-Steiner_2012) und durch die zunehmende Verbreitung und Nutzung des Internets die elektronische Online-Befragung längst Eingang in die empirische Sozialforschung gefunden hat (Pannewitz_2002). Darüber hinaus begründete sich die Auswahl mit ökonomischen Aspekten. Die Online-Befragung auf Grundlage einer E-Mail-Stichprobe und einem passiven Stichprobenverfahren ist besonders geeignet, um "große Stichproben in kurzer Zeit" (Thielsch_2009: 70) mit geringem Streuverlust, kostengünstig und schnell zu erheben (Eichhorn_2004: 35). Darüber hinaus ermöglicht diese Erhebungsmethode eine Beantwortung der Fragen durch die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu jeder Zeit. Auch dass die Vergleichsstudie durch das SOFI Göttingen ebenfalls auf das Internet als primäre Quelle für die Identifikation von Teilnehmern und Teilnehmerinnen zurückgegriffen hat, spielte eine Rolle bei der Wahl der Erhebungsmethode. Hilfreich war weiterhin, dass diese Form der Befragung die einfache Verbreitung am Zentrum für digitale Kulturen (Centre for Digital Cultures) der Leuphana Universität und unter Kollegen und Kolleginnen ermöglichte.

Ein weiterer Vorteil bei der Methode der Online-Datenerhebung ist die unabhängige und einfache Teilnahme der Befragten. Die Unabhängigkeit wurde vor allem dadurch gewährleistet, dass die Befragungssituation für alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen gleich war. Es wurde auch davon ausgegangen, dass die notwendigen technischen Voraussetzungen zur Teilnahme an einer Internetbefragung (Internetzugang und internetfähiges Endgerät) bei allen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen an deutschsprachigen Wissenschaftseinrichtungen gegeben sind. Es kam nur zu drei expliziten Verweigerungen der Teilnahme an der Befragung: In einem Fall gab es einen Institutsbeschluss, nicht mehr an Befragungen teilzunehmen, in einem weiteren Fall wurde die Methode der sozialwissenschaftlichen Befragung grundsätzlich abgelehnt und im dritten Fall wurde die Teilnahme abgesagt mit dem Verweis auf den zu hohen Aufwand für das Ausfüllen des Fragebogens.

Die Anonymität der Befragten wurde jederzeit gewahrt und es wurden keine eindeutigen persönlichen Daten erhoben, die einen Nutzer oder eine Nutzerin direkt identifizierbar gemacht hätten. Aufgrund der geplanten Veröffentlichung der Rohdaten und Ergebnisse unmittelbar nach Abschluss der Befragung wurde von Beginn an darauf geachtet, dass zu keinem Zeitpunkt Rückschlüsse auf individuelle Teilnehmer oder Teilnehmerinnen an der Befragung möglich sind. So sollte der Aufwand für die Anonymisierung so gering wie möglich gehalten werden.

Untersuchungsobjekte

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Umfrage waren primär deutschsprachige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Fachdisziplinen oder Mitarbeiter des wissenschaftlichen Betriebs aus dem deutschsprachigen Raum. Sie wurden im Zeitraum vom 18. August 2014 bis 18. Januar 2015 online befragt. Bibliothekare und Bibliothekarinnen (1 Prozent der Befragten) und Studierende (4 Prozent der Befragten) wurden zwar nicht direkt angesprochen, waren aber dennoch willkommen, an der Umfrage teilzunehmen. Im Rahmen der Befragung sind insgesamt 4.002 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen per E-Mail im genannten Zeitraum angeschrieben worden.

Die Auswahl der jeweiligen Fachdisziplinen beruht auf der aktuellen Auflistung der Fachsystematik der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) (DFG_2014b). Da die Erhebung fächerübergreifend angelegt war, um die Unterschiede zwischen den Disziplinen zu evaluieren, wurden Vertreter und Vertreterinnen aus allen gelisteten Fachdisziplinen für die Teilnahme angefragt. Nach dem Zufallsprinzip wurden dazu von den Institutswebseiten im deutschsprachigen Raum pro Fach 150 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen per E-Mail angeschrieben und um Teilnahme an der Befragung gebeten. 1.768 der Angefragten haben an der Umfrage teilgenommen und den Fragebogen gestartet, 1.467 Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben mindestens eine Frage beantwortet und somit teilweise an der Befragung teilgenommen. 301 Personen haben vor Beantwortung der ersten Fragegruppe abgebrochen. Die Rücklaufquote der ausgewählten Personen, die den Fragebogen komplett beantwortet haben, liegt somit bei 37 Prozent. 1.112 von den 1.768 Teilnehmer und Teilnehmerinnen (63 Prozent), die die Befragung gestartet haben, haben den Online-Fragebogen vollständig beendet. Die übrigen 656 Personen (37 Prozent) haben den Online-Fragebogen vor der Beantwortung aller Fragen abgebrochen.

Die hohe Resonanz ist vermutlich auf die persönliche Ansprache sowie die konkrete Zuordnung zur Fachdisziplin im Anschreiben zurückzuführen. Dabei handelt es sich zwar um ein aufwendiges, aber effizientes Vorgehen. Die angefangenen Fragebögen, die vor Beantwortung aller Fragen abgebrochen worden sind, bleiben in der weiteren Betrachtung unberücksichtigt.

Untersuchungsmaterial

Für die Durchführung der Online-Befragung wurde die Open-Source-Software LimeSurvey Version 2.05+ verwendet, die auf einem Webserver (Apache 2.2, PHP 5.5, MySQL 5.5) des Centre for Digital Cultures durch den Autor installiert worden war. Diese Software ist weit verbreitet und ermöglicht umfassende Einstellungs- und Anpassungsmöglichkeiten. So konnte zum Beispiel ein Teil der Fragen in Abhängigkeit von den Antworten auf vorherige Fragen kontextsensitiv definiert werden. Die Software ermöglichte es, die beantworteten Fragebögen aus der Verwaltungsoberfläche einzeln oder zusammengefasst einzusehen und für die Auswertung zu exportieren. Neben den üblichen Möglichkeiten zur Durchführung von Befragungen an internetfähigen Endgeräten wurde die Darstellung der Befragung darüber hinaus so angepasst, dass die Darstellung und die Beantwortung des Fragebogens auch auf internetfähigen Mobiltelefonen möglich waren. Bei dem Design des Fragebogens und der Anpassung der Darstellung der Software wurde explizit darauf geachtet, dass alle Texte einfach und angenehm lesbar waren, damit die Beantwortung der Fragen einfach und strukturiert ablaufen konnte.

Die Ergebnisse wurden in der Datenbank des Servers des Centre for Digital Cultures zwischengespeichert und am 10.08.2015 gelöscht. Nach Abschluss der Befragung wurden die Datensätze anonymisiert. Dazu wurden sämtliche persönliche Daten, wie zum Beispiel in Freitextfeldern genannte E-Mail-Adressen, entfernt und die freiwilligen personenbezogenen Angaben von dem Rest der Daten getrennt und neu sortiert. Folgende Felder wurden getrennt, neu angeordnet und unabhängig von den anderen Erhebungen veröffentlicht: Geschlecht, Alter, weitere Aspekte zum Thema, Anmerkungen und Kritik, Funktion im Rahmen eines Open-Access-Engagements, Antwort ID und Zeitpunkt der Beantwortung. Die anonymisierten Datensätze wurden nach Abschluss der Befragung im Januar 2015 auf dem datorium-Datenrepositorium des GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften veröffentlicht (Heise_2015a). Die Forschungsdaten durchliefen vor der Veröffentlichung ein durch GESIS durchgeführtes Review. Eine weitere Veröffentlichung der Daten erfolgte auf dem Datenrepositorium Zenodo (Heise_2015b).

Aufbau des Fragebogens

Für die Befragung durch das SOFI im Jahr 2007 sind 6.500 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen angefragt worden, von denen 1.803 mindestens teilweise geantwortet haben. Der 2007 verwendete Fragebogen bestand aus 51 Fragen (SOFI_2007). Im ersten Teil des Fragebogens wurden den Befragten Fragen zu Fachgebiet und Tätigkeitsbereich aus der Perspektive des Lesers beziehungsweise der Leserin wissenschaftlicher Publikationen gestellt. Im zweiten Teil wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus der Perspektive des Autors beziehungsweise der Autorin wissenschaftlicher Beiträge befragt. Abschließend wurden noch einige personenbezogene Angaben erhoben (SOFI_2007).

Zu Beginn der Fragebogenkonstruktion für die Befragung im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurden der Fragebogen und das Datenmaterial der Befragung durch das SOFI im Jahr 2007 einer Itemanalyse zum Ausschluss unpassender Fragen (Items) unterzogen und Fragen in Zusammenhang mit den Fragestellungen dieser Arbeit hinzugefügt. Dafür wurden die veröffentlichten Antworten der Befragung durch das SOFI analysiert (SOFI_2007) und Fragen, die stark ungleich verteilt waren, wurden, wenn sie nicht inhaltlich interessant erschienen, ausgeschlossen oder mit anderen Fragen zusammengelegt. Dadurch wurden auf der Basis der Analyse der Fragen der Fragepool auf 40 Fragen reduziert beziehungsweise modifiziert. Acht der insgesamt 40 Fragen standen in Abhängigkeit von der Beantwortung vorhergehender Fragen und wurden deshalb nicht allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen gestellt. Die Reihenfolge der Fragen und der Fragengruppen wurde so gewählt, dass sie strukturiert abgebildet werden konnten, der Reihenfolge-Effekt minimiert wurde und die Beantwortung bis zum Ende interessant blieb. Beim Aufbau des Fragebogens wurde die Aufzählung der Richtlinien zur Formulierung der Items nach Bortz und Döring (Bortz_2006a) berücksichtigt.

Die Qualität und Brauchbarkeit des Fragebogens wurde in einem Pre-Test (Probedurchlauf) mit wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus dem Arbeitsumfeld des Autors überprüft. Die Einleitung für den Fragebogen, die Instruktionen und die Anrede wurden ebenfalls im Pre-Test evaluiert und optimiert, da sie sehr viel "zur Motivation der Bearbeitung beitragen kann" (Raab-Steiner_2012). Dazu wurde der Fragebogen an 15 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im Testmodus übermittelt und unter der Instruktion des "lauten Denkens" um Bearbeitung des Fragebogens gebeten (Raab-Steiner_2012). Nach dem Pre-Test ist der Fragenpool um weitere Fragen, die sich auch auf die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Informationen und Daten beziehen, ergänzt worden.

Im finalen Fragebogen kommen die Antwortformate offene Fragen, geschlossene Fragen und Mischformen mit offenen und vorgegebenen Kategorien sowie freie (offene) Antwortformate zum Einsatz. Es wurde versucht, weitestgehend auf Ratingskalen zu verzichten. Insgesamt wurden in dem Fragebogen drei fünfstufige Ratingskalen mit verbaler Skalenbezeichnung eingesetzt. Die Charakterisierungen der Abstufungen wurden aus Gründen der Vergleichbarkeit aus der SOFI-Befragung von 2007 übernommen.

Die Gliederung des Fragebogens war ebenfalls an die Befragung aus dem Jahr 2007 angelehnt und lediglich durch die Besonderheiten in Bezug auf die Veröffentlichung und Nutzung von Forschungsdaten ergänzt. Insgesamt wurden die 40 Fragen in 5 Fragegruppen und eine abschließende Fragegruppe für persönliche Angaben sowie Anmerkungen und Kritik unterteilt.

  1. In der ersten Fragegruppe wurde auf die Rahmenbedingungen der Teilnehmenden sowie auf deren wissenschaftliche Tätigkeit eingegangen. Es wurden Fachdisziplinen, Position und Arbeitsbereiche sowie Forschungsrichtung abgefragt.
  2. In der zweiten Fragegruppe wurden Aspekte aus der wissenschaftlichen Leserperspektive evaluiert, wie etwa Publikationsformen in der jeweiligen Fachdisziplin, Informationsverhalten, Suchmöglichkeiten und Zugriffmöglichkeiten auf wissenschaftliche Publikationen.
  3. Die dritte Fragegruppe beschäftigte sich mit dem Zugang zu wissenschaftlichen Informationen. In dieser Fragegruppe konnten die Befragten ihre Zugangsmöglichkeiten zu wissenschaftlichen Informationen beurteilen, ihr Interesse an Zugang zu Forschungsdaten angeben und die Barrieren beim Zugriff nennen. Darüber hinaus wurde nach der Nutzung der Möglichkeiten zur Auflistung der eigenen Publikation und nach Hürden beim Veröffentlichen der eigenen Volltexte gefragt.
  4. Die vierte Fragegruppe bestand aus Fragen zum Zugang zu wissenschaftlichen Informationen und zum Zugriff auf wissenschaftliche Kommunikation, insbesondere wurde die Einstellung zu Open Access, eine Beispieldefinition, das Interesse an der Veröffentlichung der eigenen Forschungsdaten sowie die aus der Literatur erarbeitete Liste von Argumenten für und gegen die Öffnung der eigenen wissenschaftlichen Kommunikation abgefragt.
  5. In der fünften Fragegruppe wurden Fragen aus der Perspektive des Autors oder der Autorin von wissenschaftlichen Inhalten gestellt, wie die Kriterien für die Auswahl des Veröffentlichungsortes, der wissenschaftlichen Reputation, zum Publikationsdruck, zur Publikationsaktivität und zum Aufwand der freien Veröffentlichung von Texten und Daten.
  6. Abschließend folgte die Erhebung weiterer freiwilliger personenbezogener Daten, wie Alter, Zeitraum der Forschungstätigkeit und Anmerkungen zum Fragebogen sowie zum Thema der Befragung, als Grundlage für die Möglichkeit der späteren Segmentierung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

Die Befragten wurden vor Beginn der Befragung auf die Gliederung des Fragebogens und die Reihenfolge der Fragegruppen sowie die Bedingungen des Fragebogens, wie die anonyme Behandlung der Daten, hingewiesen. Dass 75 Prozent der Befragten, die mindestens eine Frage beantwortet haben, auch den gesamten Fragebogen vollständig beantwortet haben, verdeutlicht den Erfolg der Vorbereitung.

Untersuchungsdurchführung

Nach der Auswertung und Einarbeitung der Anmerkungen der Pre-Tester wurde der Fragebogen "Wissenschaftliche Kommunikation im Rahmen der Digitalisierung" am 18. August 2014 unter der Internetadresse http://umfrage.offene-doktorarbeit.de veröffentlicht. Nach der Veröffentlichung wurden nach dem Zufallsprinzip jeweils im Durchschnitt 150 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen jeder Fachdisziplin der DFG-Fachkollegien (DFG_2014b) identifiziert. Die Namen und E-Mail-Adressen zu den Personen waren über die Internetseiten der Hochschulen und wissenschaftlichen Organisationen öffentlich zugänglich.

Die Kontaktaufnahme zu den ausgewählten Personen erfolgte über eine personalisierte E-Mail mit einem Hinweistext, Instruktionen und einem direkten Link auf die Internetadresse des Fragebogens als klickbarer Link in der E-Mail. Vereinzelt wurden auch Sekretariatsadressen von Forschungsinstitutionen verwendet mit der Bitte um Weiterleitung der Einladung zur Befragung an die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen innerhalb der jeweiligen Organisation. Alle identifizierten Kontakte wurden ausschließlich einmal kontaktiert. Eine Liste der kontaktierten Adressen wurde aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht veröffentlicht.

Zusätzlich wurde der Umfrage-Link mit einer kurzen Information zur Umfrage auf http://offene-doktorarbeit.de veröffentlicht, über die privaten Social-Media-Kanäle des Autors verbreitet und an persönliche Kontakte des Autors verschickt. Des Weiteren wurde eine generalisierte Version der Einladung zur Umfrage über wissenschaftliche Mailinglisten sowie den Newsletter des Centre for Digital Cultures verbreitet. Um eine möglichst große Streuung der Umfrage zu erzielen, hatten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen nach Abschluss des Fragebogens zusätzlich die Möglichkeit, den Link zu der Befragung über soziale Kanäle und per E-Mail selbst weiterzuverbreiten.

Kritische Betrachtung der Vorgehensweise

Bei der gewählten Vorgehensweise ist kritisch hervorzuheben, dass bei dem genutzten Stichprobenverfahren die Rahmenbedingungen, die letztlich zu der Teilnahme an der Befragung führen, nur eingeschränkt kontrollierbar sind (Eichhorn_2004: 36). Dennoch eignen sich diese Verfahren, um Faktoren auszuschließen oder zu kontrollieren. Da es in diesem Zusammenhang und bei dem Prozess der Erstellung von Fragebögen oder bei der Beurteilung der erhobenen Daten immer wieder zu Störungen, den sogenannten Beurteilungsfehlern kommen kann, wurde die Güte der Befragung durch die Gütekriterien Objektivität, Reliabilität, Validität und Repräsentativität geprüft.

Objektivität

Die Unabhängigkeit beschreibt das Ausmaß, in dem das Ergebnis der Untersuchung frei und unabhängig von Einflüssen außerhalb der befragten Person ist (Rost_2004). Die Interpretationen und Schlüsse müssen auf "Fakten und Daten beruhen sowie einer Prüfung standhalten" und "die Sammlung, Analyse und Interpretation der Daten ist transparent und nachvollziehbar hinsichtlich der wissenschaftlichen Argumentation zu gestalten" (Bargheer_2015).

Die Objektivität der durchgeführten Befragung ist gegeben, da durch die elektronische Online-Befragung eine zeitliche und räumliche Unabhängigkeit bei der Beantwortung gewährleistet ist. Die Befragung wurde für alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen nach identischer Anrede, Einladung und Instruktion und ohne Untersuchungsleiter durchgeführt und war somit nicht von besonderen Situationsvariablen abhängig. Die Sammlung und Analyse wurde transparent und offen gestaltet, da die Auswertung sowie die Daten unmittelbar nach Abschluss der Erhebung veröffentlicht wurden. Unter den Bedingungen der eingesetzten Stichprobenverfahren, konnte somit eine größtmögliche Objektivität gewährleistet werden (Eichhorn_2004: 40).

Reliabilität

Die Reliabilität gibt den Grad der Genauigkeit an, mit der durch die empirische Datenerhebung ein Merkmal erfasst wird (Rost_2004), unabhängig davon was er erfasst. Schelten definiert einen Test als reliabel, "wenn er das, was er misst, genau misst" (Schelten_1997). Die Reliabilität spiegelt die Replizierbarkeit von Messergebnissen und die Zuverlässigkeit einer Datenerhebung wider. Von einer hohen Reliabilität der durchgeführten Befragung kann ausgegangen werden, da bei den übernommenen Fragen aus der Messung des SOFI im Jahr 2007 dieselben oder ähnliche Ergebnisse erzielt werden konnten und die Reliabilität der Online-Befragung mit der schriftlichen Befragung als vergleichbar eingestuft werden kann (Batinic_2001). Weitere Reliabilitätstests konnten vernachlässigt werden, weil die Befragung größtenteils aus statistischen Abfragen und Bewertungsfragen bestand.

Validität

In der Literatur werden zwei Typen von Validität unterschieden (Rost_2004): die interne und die externe Validität. Von einer hohen internen Validität wird ausgegangen, wenn die erzielten Ergebnisse klar und eindeutig interpretierbar sind (Raab-Steiner_2012). Von einer hohen externen Validität wird ausgegangen, wenn die Ergebnisse des Experiments auf die Realität übertragbar sind (Bortz_2006b).

Im Rahmen der durchgeführten Befragung zeigt die Validität, ob das Messinstrument Fragebogen wirklich das misst was dazu beiträgt, die Fragestellungen der Arbeit zu beantworten. Die Validität wurde durch die Übernahme der Grundstruktur und von Items der Studie "Wissenschaftliche Publikationen im Internet: Wissenschaftler als Leser und Autoren" des SOFI in Göttingen gewährleistet (Hanekop_2008). Wie bei der Reliabilität wird auch die Validität einer schriftlichen Befragung mit der einer Online-Befragung als vergleichbar eingestuft. Die Validität der neu erstellten, angepassten und zusammengelegten Items wurde durch die Auswertung des Pre-Tests sowie durch die Einbeziehung der Inhaltsanalyse in die Erstellung der Fragen sichergestellt.

Repräsentativität

Um die Repräsentativität der Studie sicherzustellen, wurden die Rückläufer der Befragung auf vorhandene Informationen zur fachlichen Zuordnung, den beruflichen Status und das Alter ausgewertet und mit vergleichbaren Studien wie der Science 2.0-Survey 2014 (Pscheida_2015) und der Befragung "Neue Formen des Wissenschaftlichen Publizierens" durch das SOFI Göttingen (Hanekop_2008), sowie den Daten über das Personal an Hochschulen des Statistischen Bundesamts (Destatis_2014) verglichen. Die Stichprobe lässt sich anhand dieser Daten zur Grundgesamtheit einordnen. Verschiedene Verzerrungen sind nur zu vermuten, da die kontaktierten Menschen ausschließlich online angeschrieben wurden. Da die Umfrage jedoch ohne Zugangsbeschränkung öffentlich online ausgefüllt werden konnte, war es jedem Interessenten möglich, teilzunehmen. Darüber hinaus können die Ergebnisse der Erhebung insofern als repräsentativ gelten, als dass sie auf einer sehr großen Stichprobe (n=1.112) beruhen.

Abbildung: Vergleich Geschlecht der Teilnehmerinnen & Teilnehmer mit anderen Studien und Daten des Statistischen Bundesamts (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Abbildung: Vergleich Position der Teilnehmerinnen & Teilnehmer mit anderen Studien (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Abbildung: Vergleich Fachkolleg der Teilnehmerinnen & Teilnehmer von deutschen Universitäten im Vergleich mit anderen Studien und Daten des Statistischen Bundesamts (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Auswertung der Befragung

Im Zeitraum vom 18. August 2014 bis zum 18. Januar 2015 haben 1.768 Personen die Befragung zur wissenschaftlichen Kommunikation im Rahmen des Promotionsvorhabens gestartet. 1.467 Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben die Umfrage teilweise und 1.112 komplett abgeschlossen. Die erhobenen Daten der 1.112 Teilnehmer des Online-Fragebogens werden mithilfe der computerunterstützten Datenaufbereitung statistisch ausgewertet und hier dargestellt. Die Darstellung der Ergebnisse orientiert sich dabei an den definierten Fragestellungen dieser Arbeit und wird wie folgt verteilt.

Zu Beginn wird die Einordnung der Befragten und eine Darstellung der soziodemographischen Daten vorgenommen. Im darauffolgenden Abschnitt werden die Erhebungsergebnisse in Bezug auf die Veränderungen in der wissenschaftlichen Kommunikation durch die Digitalisierung geschildert, gefolgt von der Darstellung der Ergebnissen über das Verständnis von Offenheit und Interesse an Offenheit bei der wissenschaftlichen Kommunikation unter den Befragten, sowie die Umsetzung der Idee der Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation und der wissenschaftlichen Realität. Eine weiteres Forschungsziel war die Herausarbeitung und Erforschung der Katalysatoren und Hindernisse bei der Etablierung der Öffnung von Wissenschaft und Forschung, die im nächsten Abschnitt anhand der Umfrageergebnisse dargestellt werden. Im folgenden Abschnitt werden die Fragen ausgewertet, bei denen die Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation in den Kontext von wissenschaftlicher Reputation und der jeweiligen Fachdisziplin gestellt wurden. Nachfolgend werden die Ergebnisse der Befragung in Bezug auf die Auffassungen zu verschiedenen Fragen in den unterschiedlichen Alters- und Statusgruppen dargestellt. Abschließend erfolgte die Elaborierung der Veränderungen im Vergleich zur SOFI-Studie sowie die Darstellung des Interesses in der wissenschaftlichen Gemeinschaft an dem Zugang zu, Zugriff auf wissenschaftliche Kommunikation und Verbreitung der Öffnung der wissenschaftlicher Kommunikation.

Soziodemographische Daten

Alle Angaben der 1.112 Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Online-Fragebogens, die die Umfrage komplett abgeschlossen haben, sind in die folgende Auswertung der Befragung eingeschlossen worden. Die Auswertung ergab dabei folgende soziodemographische Daten der Befragten:

  • Geschlecht: 444 aller Befragten waren weiblich (40 Prozent), 606 und 55 Prozent männlich. 62 Personen oder 6 Prozent machten keine Angabe zu ihrem Geschlecht.

Abbildung: Geschlecht der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

  • Alter: Die prozentuale Verteilung des Alters gestaltete sich wie folgt: 4,4 Prozent (46) waren zum Zeitpunkt der Befragung jünger als 31 Jahre, die größte Altersgruppe mit 31 Prozent stellten die 31- bis 40-Jährigen dar. 17 Prozent der Befragten waren zwischen 41 und 50 Jahre alt, während 15 Prozent angab, älter als 50 Jahre zu sein. 1 Prozent machten bei der Frage nach ihrem Alter keine Angaben.

Abbildung: Alter der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

  • Berufsstatus: Unter den Befragten gaben 25 Prozent an, Privatdozenten, Juniorprofessoren oder Professoren zu sein. 56 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen waren wissenschaftliche Mitarbeiter, 20 Prozent wissenschaftliche Mitarbeiter mit Promotionsvorhaben, 23 Prozent bereits fertig promovierte wissenschaftliche Mitarbeiter und 13 Prozent Mitarbeiter ohne Promotionsvorhaben oder abgeschlossene Promotion. 10 Teilnehmer (1 Prozent) gaben an Wissenschaftler in der Privatwirtschaft zu sein. 35 Befragte (3 Prozent) wurden unter "Sonstiges" subsummiert.

Abbildung: Position der Teilnehmer und Teilnehmerinnen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

  • Tätigkeitsdauer in der Wissenschaft: Nur 6 Prozent der Befragten gaben an "weniger als 1 Jahr" in der Wissenschaft tätig zu sein. 20 Prozent waren seit mehr als einem aber weniger als drei Jahren in der Wissenschaft tätig. 24 Prozent gaben an, zwischen drei und sechs Jahren wissenschaftlich tätig zu sein. 15 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen waren mehr als sechs, aber weniger als zehn Jahre in der Wissenschaft beschäftigt. Die größte Gruppe gab an, "mehr als 10 Jahre" wissenschaftlich tätig zu sein (32 Prozent). 2 Prozent gaben an, "nicht in der Wissenschaft tätig" zu und 1 Prozent enthielten sich einer Angabe.

Abbildung: Tätigkeitsdauer der Befragten in der Wissenschaft nach Jahren (für Vergrößerung auf Bild klicken)

  • Forschungseinrichtung: Die große Mehrzahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen (78 Prozent) gab an, an einer deutschen Universität/Hochschule beschäftigt zu sein. Mit 5 Prozent waren 59 Befragte an einem Institut der Leibniz-Gemeinschaft und 5 Prozent an einer "sonstigen" Einrichtung tätig. Nur 1 Prozent der Befragten wirkte an einem Max-Planck-Institut und 0,4 Prozent an einem Institut der Fraunhofer-Gesellschaft. An einer Universität/Hochschule im deutschsprachigen Ausland waren 4 Prozent und im nicht-deutschsprachigen Ausland 1 Prozent tätig. 1 Prozent arbeitete an einer deutschen Fachhochschule. 11 Befragte (1 Prozent) gaben an einem "An"-Institut (eigenständige Forschungseinrichtung, angegliedert an einer deutsche Hochschule) anzugehören.

Abbildung: Tätigkeitsort der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die größte Gruppe (38 Prozent) bildeten die Befragten der Fachgruppe der Geistes- und Sozialwissenschaften. 29 Prozent gaben an, in den Naturwissenschaften verortet zu sein. Aus den Lebenswissenschaften kamen 18 Prozent der Befragten. Die kleinste Gruppe unter den Teilnehmern und Teilnehmerinnen stellten mit 13 Prozent Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus der Fachgruppe der Ingenieurwissenschaften dar. 34 der Befragten (3 Prozent) konnten nicht eindeutig einer der vier Fachgruppen zugeordnet werden oder machten keine konkrete Angabe.

Abbildung: Fachkolleg der befragten Wissenschaftler (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die überwiegende Mehrheit der Befragten (96 Prozent) gab an, in der Forschung tätig zu sein. Mehr als die Hälfte aller gab an, "überwiegend" (53 Prozent) forschend zu arbeiten. Demgegenüber gaben 2 Prozent beziehungsweise 19 Personen an "gar nicht" zu forschen und 3 Prozent machten keine Angabe. Insgesamt gaben 84 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen in der Umfrage an, lehrend tätig zu sein, davon 10 Prozent sogar "überwiegend". Demgegenüber waren nur 51 Personen (5 Prozent) in der klinischen Versorgung tätig. Administrativen Tätigkeiten gingen 4 Prozent "überwiegend", 13 Prozent "gleichgewichtig" und 31 Prozent "weniger" nach. 4 Prozent gaben an, in "sonstigen" Bereichen tätig zu sein.

Abbildung: Tatigkeitsbereich der Befragten (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Veränderungen wissenschaftlicher Kommunikation durch die Digitalisierung

Der Einfluss der Digitalisierung auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem lässt sich durch die beobachtbare Entwicklung der Nutzung von Such- und Rezeptionsmöglichkeiten nach Literatur untersuchen (Hanekop_2014). Dabei spielt die Schnittstelle zwischen informeller und formeller Kommunikation eine zentrale Rolle (Hanekop_2014).

Diese Annahme konnte auch im Rahmen der aktuellen Befragung gestützt werden. "Um sich im eigenen Fach auf dem Laufenden zu halten", nutzten laut der Befragung im Jahr 2007 80 Prozent häufig oder sehr häufig Online-Publikationen. 2014/2015 stieg dieser Wert auf 88 Prozent. Im Gegenzug nutzen nur noch 32 Prozent die analogen Print-Ausgaben von Zeitschriften, 2007 waren es noch 51 Prozent der Befragten die auch auf die analoge Version der Publikationen zurückgriffen.

Auch bei der Beantwortung der Frage, welche der Suchmöglichkeiten häufig genutzt werden, um gezielt nach Literatur zu suchen, lässt sich eine klare Veränderung hin zu den digitalen Medien feststellen. Ähnlich wie in der Befragung 2007 durch das SOFI gab auch 2014/2015 weniger als ein Viertel der Befragten an, über die "konventionelle Suche" (in Bibliotheksregalen, Archiven etc.) nach Literatur zu suchen. Demgegenüber stieg der Anteil von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, der angab, den Dienst Google Scholar für die Literatursuche zu verwenden, von 31 Prozent in 2007 auf 52 Prozent in 2014/2015.

Wie schon in der SOFI-Studie (Hanekop_2014), belegen diese aktuellen Ergebnisse erneut, dass sich die webbasierten Such- und Rezeptionsmöglichkeiten in der wissenschaftlichen Kommunikation durchgesetzt haben. Sie können darüber hinaus auch als Argument für die These nach der generell fortgeschrittenen Nutzung digitaler Medien bei der wissenschaftlichen Kommunikation gewertet werden.

Verständnis von Offenheit im Rahmen wissenschaftlicher Kommunikation

16 Prozent der Befragten gaben an, sich häufig über Open-Access-Repositorien (z.B. arxiv.org) auf dem Laufenden zu halten, 17 Prozent beziehungsweise 190 der 1.112 Befragten nutzen Open-Access-Portale (z.B. Directory of Open Access Journals), um sich über den aktuellen Stand der Forschung zu informieren. Für die Suche nach Literatur nutzten 4 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen häufig "Suchmaschinen für Open Access", aber mehr als 50 Prozent die jeweils "fachspezifischen Suchportale", die ebenfalls Open-Access-Publikationen enthalten.

55 Prozent bewerteten "die Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser (Open Access)" als "sehr gut". Knapp unter einem Viertel (22 Prozent) erachtete die Forderung als "gut". 19 Prozent waren sich bei der Frage unsicher und antworteten mit "teils/teils" und 38 der Befragten lehnten die Forderung nach Open Access ab, 9 davon sogar "entschieden". Nur 7 Teilnehmer und Teilnehmerinnen oder 1 Prozent gaben an, Open Access nicht zu kennen.

Bei der Betrachtung der Meinung zu Open Access, differenziert nach beruflichem Status, war die Gruppe der Doktoranden am homogensten (89 Prozent). Unter den promovierten wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bewerteten 80 Prozent die Forderung nach Open Access als "gut" oder "sehr gut". Bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern ohne Promotion (75 Prozent), bei Doktoranden mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle (73 Prozent), bei Privatdozenten (73 Prozent) sowie bei Professoren (72 Prozent) ist die Forderung nach freiem und offenem Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen ebenfalls mehrheitlich stark ausgeprägt. Mit 65 Prozent war die Befürwortung unter Juniorprofessoren am geringsten ausgeprägt.

Während 15 Prozent angaben, in der Open-Access-Bewegung engagiert zu sein, verneinten 72 Prozent ein Engagement in der Open-Access-Bewegung. 13 Prozent enthielten sich der Angabe zu ihrem Engagement. Die relativ größte Gruppe der Engagierten ist die Altersgruppe zwischen 51 und 55 Jahren (33 Prozent der Befragten in der Altersgruppe). Sie kommt aus dem Fachbereich der Lebenswissenschaften (21 Prozent der befragten Lebenswissenschaftler) und gehört zu Gruppe der Professoren (25 Prozent aller befragten Professoren).

43 Prozent oder 483 Personen kommentierten ihre Meinung zu Open Access im optionalen Freitextfeld, wobei 73 Prozent der abgegebenen Kommentare von Befragten stammten, die Open Access gut oder sehr gut finden. Unter den Befragten, die Open Access ablehnen, kommentierten 76 Prozent ihre Haltung zur Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen. Von den Personen, die "teils/teils" angaben, machten fast die Hälfte (48 Prozent) ihre unsichere Haltung in den Kommentaren deutlich. In den 130 Kommentaren derer, die die Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen entschieden ablehnen (7 von 9 der Befragten machten Angaben), ablehnen (21 von 28) oder mit "teils/teils" (102 von 214 Befragten) der Forderung zustimmten, begründeten 62 Prozent der Befragten ihre Meinung mit (Re-)Finanzierungs Aspekten, 29 Prozent mit Aspekten der Qualitätssicherung, 27 Prozent nannten strukturelle Aspekte, 10 Prozent rechtliche Bedenken, 8 Prozent Herausforderungen bei der Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen und 3 Prozent Einschränkungen bei der Publikationsfreiheit.

159 der 854 Befragten (19 Prozent), die Open Access gut oder sehr gut finden, gaben an, selbst aktiv in der Open-Access-Bewegung zu sein. Überraschend sind an dieser Stelle 12 Personen (6 Prozent) die "teils/teils" bezüglich ihrer Meinung zu der Forderung nach Open Access angegeben haben, aber sich dennoch zum Teil der Bewegung zählen. Die 483 in dem Freitextfeld abgegebenen Kommentare zu der Meinung der Befragten bezüglich der Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen können in folgende Kategorien eingeordnet werden: Aspekte der Refinanzierung, Aspekte der Qualitässicherung, rechtliche Aspekte, strukturelle Aspekte, Aspekte der Anerkennung, Aspekte der Publikationsfreiheit.

Abbildung: Gründe für die Meinung zu Open Access (bei "teils/teils", "lehne ich ab" und "lehne ich entschieden ab") im Freitextfeld (für Vergrößerung auf Bild klicken)

In einer weiteren Frage wurde das Verständnis von Open Access am Beispiel der Definition der Budapest Open Access Initiative (BOAI_2012) abgefragt. Knapp drei Viertel der Teilnehmer und Teilnehmerinnen (75 Prozent) stimmten dieser Definition uneingeschränkt zu, 19 Prozent stimmten dieser Definition nur "teils/teils" zu und 2 Prozent lehnten die Definition ab. 3 Prozent der Befragten beantworteten die Frage mit "weiß nicht" und 5 Teilnehmer (1 Prozent) enthielten sich der Beantwortung der Frage.

Wurde "teils/teils" oder "weiß nicht" als Antwort ausgewählt, konnte in einer optionalen Freitextfrage genau beantwortet werden, welche Aspekte der Definition keine Zustimmung und welche Zustimmung fanden. Davon machten 38 Prozent der möglichen 247 Befragten gebrauch. Die 93 Antworten in den Freitextfeldern konnten in fünf Kategorien eingeordnet werden: rechtliche Aspekte, technische Aspekte, ökonomische Aspekte, Aspekte bzgl. des Umfangs von Offenheit, Aspekte der Anerkennung, Aspekte der Qualitätssicherung, zeitliche Aspekte sowie definitorische und sonstige Aspekte.

Abbildung: Welche Aspekten der Definition von Open Access (BOAI) finden nicht Ihre Zustimmung? (Freitextfeld) (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Interesse an Offenheit bei der wissenschaftlichen Kommunikation

Die Mehrheit der Befragten gab an, Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu haben (71 Prozent). Über ein Drittel dieser interessierten Teilnehmer und Teilnehmerinnen (36 Prozent) erklärte ihr genaues Interesse durch die Beantwortung der optionalen Frage. Die 286 Antworten in den Freitextfeldern konnten in die Interessenskategorien: neue Ansätze/Fortschritt, Aufbau/Methoden/Code, Qualitätssicherung/Transparenz, weiteren Details, Austausch/Kooperation, Vergleich mit eigenen/anderen Daten, (Weiter-)Verwendung, negativ-/(noch) nicht-publizierte Daten, und generelles Interesse an Forschungsdaten eingeordnet werden. 29 Prozent (319 der Befragten) hatte kein Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Abbildung: Genaues Interesse am Zugang zu Forschungsdaten? (Freitextfeld) (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die Frage, ob sich die befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vorstellen können, ihre "Forschungsdaten und alle weiteren Informationen, die während der wissenschaftlichen Arbeit anfallen (z.B. Laborbücher, Entwürfe oder andere Dokumente und Daten), unter Berücksichtigung von Datenschutz öffentlich zur Verfügung zu stellen", beantworteten 28 Prozent uneingeschränkt mit "ja". 36 Prozent der Befragten schränkten ein, dass sie das "nur unter bestimmten Bedingungen" tun würden und 29 Prozent lehnten die Veröffentlichung von Forschungsdaten und weiteren Informationen komplett ab. 7 Prozent wussten darauf keine Antwort. Die bedingte Freitextfrage nach der Erläuterung der "bestimmten Bedingungen", unter denen die Befragten Forschungsdaten und weitere Informationen veröffentlichen würden, beantworteten 214 Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Die Antworten in den Freitextfeldern konnten in folgende Kategorien des Interesses an Forschungsdaten eingeordnet werden: Reproduktion von Ergebnissen, nicht publizierte Daten, Darstellung der Methodik, Vergleiche, wissenschaftlicher Austausch und Synergie, Überprüfung der Validität, Konsistenz und Qualität der Daten, Weiterverwendung der Daten, Analyse des aktuellen Forschungsstands und sonstige Interessen.

Auf die Frage, was die befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen davon abhält, alle von Ihnen erstellten wissenschaftlichen Inhalte ohne finanzielle, rechtliche oder technische Barrieren öffentlich zur Verfügung zu stellen, antworteten 39 Prozent aller Befragten mit "rechtlichen Bedenken" und weitere 29 Prozent waren sich grundsätzlich unsicher, ob sie das dürfen. 20 Prozent nannten sonstige Gründe.

Abbildung: Gründe für Zurückhaltung bei der Veröffentlichung aller wissenschaftlicher Inhalte (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Diskrepanz zwischen der Idee der Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation und der wissenschaftlichen Realität

Bei der Auswertung der Erhebung konnte ein mehrheitlich stark verbreitetes Verständnis von Open Access und die mehrheitliche Unterstützung der Forderung nach Öffnung von Wissenschaft sowie Interesse an Forschungsdaten anderer dargestellt werden. Demgegenüber steht die Frage, wie wichtig den befragten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen das Kriterium "freier Zugang zum Volltext" bei den eigenen Veröffentlichungen ist. Der größere Teil der Befragten (50 Prozent) schätzen dies als "weniger wichtig" oder "nicht wichtig" ein. Demgegenüber erachteten 45 Prozent das Kriterium "freier Zugang zum Volltext im Internet" als wichtig oder sehr wichtig bei der eigenen Veröffentlichung. 5 Prozent der 1.112 Befragten enthielten sich der Beantwortung der Frage.

Diese negative Bewertung des Kriteriums "freier Zugang" wird durch die Betrachtung weiterer Merkmale, die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bei den eigenen Veröffentlichungen als "wichtig" oder "sehr wichtig" erachten, ergänzt. Während der fachlich einschlägige Schwerpunkt (91 Prozent), das Renommee der Zeitschrift/des Verlags (82 Prozent) und akzeptable oder keine Veröffentlichungskosten für Autoren (79 Prozent) häufig als "wichtig" oder "sehr wichtig" erachtet werden, stellt die Veröffentlichung unter einer Open-Access-Lizenz nur für 33 Prozent ein wichtiges Kriterium bei der Publikation eigener Inhalte dar. Die Mehrheit der Befragten (56 Prozent) findet dieses Kriterium sogar "weniger wichtig" oder "nicht wichtig". Der akzeptable Preis für den Erwerb der Publikation spielt ebenfalls nur für 43 Prozent eine wichtige Rolle, für die Mehrheit 50 Prozent der Befragten ist er "weniger wichtig" oder "nicht wichtig", 7 Prozent machten keine Angabe.

Weitere Kriterien für die wissenschaftliche Veröffentlichung von Beiträgen oder Büchern aus Sicht der Befragten:

  • 78 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Erhebung sehen die internationale Verbreitung als mindestens wichtiges, wenn nicht sogar sehr wichtiges Kriterium im Rahmen der eigenen Veröffentlichungen an, die übrigen 19 Prozent finden dieses "weniger wichtig" oder "unwichtig".
  • Das Peer-Review-Verfahren wird von 75 Prozent der Befragten als wichtiges Kriterium erachtet nur 19 Prozent sind diesbezüglich gegensätzlicher Meinung.
  • 75 Prozent der befragten Personen sehen die Transparenz des Review-Prozesses als wichtig an, während 18 Prozent dieses Kriterium als "weniger wichtig" oder "unwichtig" erachten.
  • Eine leichte Auffindbarkeit der eigenen Publikation im Internet ist 71 Prozent der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mindestens wichtig, für 25 Prozent der Befragten ist das "weniger" bis "nicht wichtig".
  • Die rasche Veröffentlichung der eigenen Publikation ist für 68 Prozent von Bedeutung. Für 29 Prozent hat dieses Kriterium keine besondere Bedeutung.
  • Das Ranking, wie der Impact Factor einer wissenschaftlichen Zeitschrift, wurden von 58 Prozent der befragten Personen als "wichtig" und von 35 Prozent als "weniger wichtig" oder "unwichtig" bewertet.
  • Die Reputation der Herausgeber war für die Mehrheit der Befragten eher "unwichtig" bis "nicht wichtig" (48 Prozent). Demgegenüber erachteten 47 Prozent dieses Kriterium als "sehr wichtig" bis "wichtig".

Abbildung: Kriterien bei der Veröffentlichung von Beiträgen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Eine weitere Frage im Fragebogen betraf die Einschätzung der Befragten, ob ihre eigenen Veröffentlichungen in Zeitschriften oder Büchern für Leser und Leserinnen potenziell gut zugänglich sind. 32 Prozent der Befragten beantworteten die Frage mit der Option "ja, gut zugänglich". Mit "teils/teils" antworteten 47 Prozent und 12 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen wählte die Option "nein, nicht so gut zugänglich" (9 Prozent) oder "nein, sehr schlecht"(2 Prozent). 107 oder 10 Prozent wussten die Frage nicht zu beantworten.

Bei der Frage, ob Aufsätze, Texte oder Bücher publiziert wurden, die vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurden, antworteten 140 Teilnehmer und Teilnehmerinnen (13 Prozent) mit "ja, einen Beitrag" und 23 Prozent mit "ja, mehrere Beiträge". 54 Prozent oder 605 der Befragten, hatten zum Zeitpunkt der Befragung noch keine Aufsätze, Texte oder Bücher publiziert, die vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurden. 19 Prozent derer, die bisher noch nicht bei einem Verlag Open Access veröffentlicht hatten, gaben an, dies zu planen. 10 Prozent der Befragten beantworteten die Frage nicht.

Die 397 (36 Prozent) der 1.112 Befragten, die angaben, bereits Inhalte frei publiziert zu haben, wurden gebeten, auszusagen, wie viele Aufsätze, Texte oder Bücher sie bisher frei veröffentlicht haben:

  • Bücher: 63 Befragte (16 Prozent) beantworteten die optionale Frage. Davon gaben 26 an, bisher kein Buch veröffentlicht zu haben, das frei zugänglich gemacht wurde. Bezieht man die Antworten nicht mit ein, die 0 Bücher angaben, hatten die 37 Befragten jeweils circa 2 Bücher veröffentlicht, die vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurden.
  • Texte: 192 der 397 Befragten (48 Prozent) gaben an, mindestens 1 Text frei veröffentlicht zu haben. Im Durchschnitt hatten die Befragten jeweils rund 3 Texte "frei zugänglich" veröffentlicht.
  • Daten: 3 Prozent (10 Personen) gaben an, mindestens einen Datensatz frei veröffentlicht zu haben.
  • Sonstiges: Keiner der Teilnehmer und Teilnehmerinnen gab an, "sonstige Beiträge" frei veröffentlicht zu haben.

Den Aufwand, die eigenen Publikationen im Internet frei zur Verfügung zu stellen, schätzte der größte Teil der Befragten (31 Prozent) als gering ein. 255 der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen (28 Prozent) schätzten den Aufwand, ihre Publikationen im Internet frei zur Verfügung zu stellen, als "mittelgroß" oder "groß" ein. 23 Prozent waren sich unsicher und wählten "teils/teils" und 19 Prozent wussten den Aufwand nicht einzuschätzen.

Während die Mehrheit der Befragten den Aufwand für die freie Veröffentlichung von Publikationen als "nicht groß" einschätzte, zeigte sich bei der Auswertung der Frage nach dem geschätzten Aufwand für die Veröffentlichung von Forschungsdaten im Internet ein anderes Bild. 55 Prozent der Befragten schätzten den Aufwand die Forschungsdaten zu veröffentlichen als "groß" ein. Die kleinste Gruppe der Befragten (10 Prozent) vermutete dabei einen "geringen Aufwand", 15 Prozent schätzten den Aufwand "teils/teils" ein und ein Fünftel (20 Prozent) wusste die Frage nicht zu beantworten.

Abbildung: Geschätzter Aufwand, um Ihre wissenschaftliche Informationen im Internet frei zur Verfügung zu stellen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Treiber und Bremser bei der Etablierung der Öffnung von Wissenschaft und Forschung

Im vorherigen Kapitel wurden Katalysatoren und Hindernisse für die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation in der Literatur identifiziert und herausgearbeitet. Diese wurden anhand der empirischen Ergebnisse überprüft. Im Rahmen der Befragung sollte darüber hinaus auch evaluiert werden, welche Faktoren und Argumente aus der Sicht von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Öffnung von Wissenschaft und Forschung in der jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin begünstigen und welche sie behindern.

Die Auswertung nach Häufigkeit der ausgewählten Antwortoptionen für die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation aus Sicht der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ergab folgende Reihenfolge:

  1. 721 mal (65 Prozent) wurde das Argument "Beschleunigung der Wissensverbreitung und -verwertung" von den Befragten ausgewählt.
  2. Das Argument der "Eröffnung neuer Möglichkeiten für die Wissensverbreitung" wurde von 64 Prozent der 1.112 Befragten unter den Antwortmöglichkeiten, d.h. am zweithäufigsten ausgewählt.
  3. Die umfassendere Verfügbarkeit von bereits finanzierter Forschung stellte für 55 Prozent ein Argument für die offene und freie Veröffentlichung der eigenen wissenschaftlichen Kommunikation dar.
  4. Eine generelle Erleichterung der wissenschaftlichen Kommunikation sahen 49 Prozent der Befragten als Argument für die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation an.
  5. Die Förderung des interdisziplinären Austauschs von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen erachteten 45 Prozent als Argument an.
  6. 44 Prozent oder 489 der Befragten sahen in der Überwindung sozialer, nationaler und globaler Wissenskluften ein Argument.
  7. Dem Argument, dass die Öffnung von Wissenschaft eine Chance für eine umfassendere und transparentere Qualitätsmessung ist, stimmten 34 Prozent der befragten Wissenschaftler zu.
  8. 250 oder 23 Prozent der Befragten sahen in der nachhaltigen und unabhängigen Archivierung der Informationen ein Argument für die Öffnung von Wissenschaft und Forschung.
  9. 20 Prozent betrachteten die Möglichkeit indirekter Wirtschaftsförderung durch freien und offenen Wissenstransfer als Argument.
  10. Die Möglichkeit der Beilegung der vorherrschenden Zeitschriften- und Monografienkrise akzeptierten 16 Prozent der Befragten als Argument für die Öffnung der eigenen wissenschaftlichen Kommunikation.

8 Prozent der 1.112 Befragten gaben an, dass ihrer Meinung nach keines der genannten Argumente für die eigene Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation und aller Informationen aus dem Forschungs-/Arbeitsprozess sprechen. Weitere 47 oder 4 Prozent machen weitere Angaben unter "Sonstiges".

Bei dem Item "Argumente gegen die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation" zeigte sich kein eindeutiges Bild:

  1. Überwiegend (43 Prozent) wurden von den Befragten die fehlenden Reputationskriterien für die Bewertung von offener Wissenschaft gewählt.
  2. Von 40 Prozent wurde die "Gefahr der Fehlinterpretation und Falschinformation durch Wissenschaft" ausgewählt.
  3. Der erhöhte zeitliche Mehraufwand für die Bereitstellung der wissenschaftlichen Publikationen und/oder Forschungsdaten führten 379 beziehungsweise 34 Prozent als Argument an.
  4. 30 Prozent erachteten die Erschwerung der eindeutigen Zuordnung von Texten, Arbeiten und Daten zu den Urhebern als ein Argument gegen die eigene Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation.
  5. An fünfter Stelle wurde dem Argument zugestimmt, dass die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit leidet (27 Prozent).
  6. Dem Argument, dass die Langzeitarchivierung und langfristige Auffindbarkeit nicht (dezentral) gewährleistet werden kann, stimmten 26 Prozent der Befragten zu.
  7. Dem Argument, dass die freie und offene Verfügbarkeit wissenschaftlicher Informationen zu hohen Kosten führt und keine Refinanzierung absehbar ist, stimmten 274 der 1.112 Befragten (25 Prozent) zu.
  8. 9 Prozent der Befragten akzeptierten das Argument, dass die Öffnung der Kommunikation eine Bedrohung für die Publikations- und Pressefreiheit in der Wissenschaft darstellt.
  9. Dass die offene Bereitstellung von Daten keinen nachhaltigen Mehrwert bietet, dem stimmten 8 Prozent zu und sahen darin ein Argument gegen eine Öffnung des Systems.
  10. Dass "Offenheit und Transparenz bei Forschungsförderung die Freiheit von Wissenschaft und Forschung gefährden", sahen 5 Prozent als Argument gegen die eigene Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation an.

154 Teilnehmer und Teilnehmerinnen nannten sonstige Argumente (14 Prozent) gegen Open Access und Open Science. 8 Prozent aller Befragten gab an, dass kein Argument gegen die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation und aller Informationen aus dem Forschungs-/Arbeitsprozess spricht.

Wissenschaftliche Reputation und die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen hatten unter mehreren Antwortoptionen die Möglichkeit auszuwählen, welche Faktoren für wissenschaftliche Reputation in ihrer Disziplin wichtig sind. Am häufigsten wurde dabei die "Anzahl der Beiträge" ausgewählt, 80 Prozent aller Befragten wählten diese Option. Die "Relevanz der publizierten Ergebnisse" wurde von 74 Prozent und "Vorträge auf wichtigen Konferenzen" von 68 Prozent der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen als wichtiger Faktor für wissenschaftliche Reputation in der jeweiligen Disziplin ausgewählt.

Folgende weitere Möglichkeiten wurden von den Befragten, der Häufigkeit nach sortiert, ausgewählt:

  • Die Bezugnahme und Zitation durch Kollegen wurde von 65 Prozent am vierthäufigsten genannt.
  • 65 Prozent nannten den Indikator "Drittmittelprojekte" wichtig für die Reputation.
  • 675 oder 61 Prozent der Befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nannten "Ranking- oder Impactfaktoren" als wichtigen Faktor für Reputation in ihrer Disziplin.
  • Das Renommee der Forschungseinrichtung war für weniger als die Hälfte der Befragten (48 Prozent) relevant.
  • Auch das Renommee von Herausgebern oder Mitautoren stellte nur für 36 Prozent einen wichtigen Faktor für die Reputation in der eigenen Disziplin dar.
  • "Netzwerke, Kontakte und ob man dazu gehört" erachteten 35 Prozent als wesentlichen Reputationsfaktor.
  • Die Gutachtertätigkeit, Herausgeberschaft oder andere Funktionen sehen 28 Prozent als wichtig für die Reputation an.
  • Knapp ein Viertel der Befragten (24 Prozent) gab an, dass die "Anzahl Monografien" wichtig für die Reputation in der jeweiligen Disziplin ist.
  • "Anwendungsrelevanz und Verwertbarkeit" waren für 13 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen ein wichtiges Kriterium für wissenschaftliche Reputation.
  • "Materielle Ausstattung, Großgeräte etc." wählten 13 Prozent der Befragten.
  • 143 der Befragten (13 Prozent) gaben an, dass öffentliche Aufmerksamkeit wichtig für Reputation in ihrer Fachdisziplin ist.
  • Die "personelle Ausstattung" zählte mit 13 Prozent eher selten zu den wichtigen Faktoren für wissenschaftliche Reputation in allen Disziplinen.
  • Für 8 Prozent der Befragten stellten "Patente" ein Kriterium für Anerkennung dar.
  • Unter den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten stellte die "politische Relevanz" mit 3 Prozent der Befragten den unwichtigsten Faktor für Reputation dar.
  • 12 Teilnehmer und Teilnehmerinnen (1 Prozent) gaben in einem Freitextfeld "sonstige" Faktoren an.

Abbildung: Faktoren für wissenschaftlichen Reputation (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Auffassungen zwischen den unterschiedlichen Fachgruppen

Die weitläufige Annahme (Naeder_2010), dass in unterschiedlichen Fachgruppen unterschiedliche Publikationsformen wichtig sind, konnte auch bei dieser Befragung bestätigt werden. Abgefragt wurden Monografien, Sammelbände, Tagungsbände und Proceedings, Handbücher und Lehrbücher, internationale Zeitschriften, deutschsprachige Zeitschriften, Arbeitsberichte etc. und sonstige Veröffentlichungsformen.

  • In den Geistes- und Sozialwissenschaften war die Verbreitung der Monografie mit 77 Prozent am stärksten ausgeprägt, gefolgt von den Ingenieurwissenschaften mit 35 Prozent, den Naturwissenschaften mit 29 Prozent und den Lebenswissenschaften mit 17 Prozent.
  • Sammelbände waren ebenfalls am stärksten bei den Geistes- und Sozialwissenschaften verbreitet (65 Prozent), wieder gefolgt von den Ingenieurwissenschaften mit 23 Prozent, den Naturwissenschaften mit 14 Prozent und den Lebenswissenschaften mit 8 Prozent.
  • Tagungsbände und Proceedings stellten bei 73 Prozent der Ingenieurwissenschaftler eine wichtige Publikationsform dar. In den Geistes- und Sozialwissenschaften wurde diese Publikationsform bei 47 Prozent, in den Naturwissenschaften bei 40 Prozent der Befragten als wichtig erachtet, in den Lebenswissenschaften bei nur 22 Prozent.
  • Handbücher und Lehrbücher wurden von den Befragten der Geistes- und Sozialwissenschaften mit 44 Prozent als wichtig bewertet, bei den Ingenieurwissenschaften mit 42 Prozent, in den Lebenswissenschaften mit 29 Prozent und in den Naturwissenschaften mit 27 Prozent.
  • Mit jeweils 98 Prozent gaben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den Lebenswissenschaften und Naturwissenschaften in der Befragung an, dass internationale Zeitschriften in ihrer Fachdisziplin wichtig sind. In den Ingenieurwissenschaften waren es 90 Prozent und in den Geistes- und Sozialwissenschaften immerhin 77 Prozent.
  • Deutschsprachige Zeitschriften spielten dabei nur bei den Geistes- und Sozialwissenschaften eine signifikante Rolle (65 Prozent). Nur knapp über ein Drittel der befragten Ingenieurwissenschaftler erachteten deutschsprachige Zeitschriften als wichtig an. In den Lebenswissenschaften waren es nur noch 24 Prozent und in den Naturwissenschaften ein Fünftel der Befragten.
  • Arbeitsberichte spielten weder in den Naturwissenschaften (12 Prozent), den Ingenieurwissenschaften (11 Prozent), in den Geistes- und Sozialwissenschaften (6 Prozent) noch in den Lebenswissenschaften (5 Prozent) eine signifikante Rolle.
  • Alle übrigen Formen ("Sonstige") spielten nur bei 4 Prozent aller Befragten eine Rolle.

Abbildung: Publikationsformen in den Fachgruppen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die Frage, ob die Befragten ihre Veröffentlichungen in Zeitschriften oder Büchern für potenzielle Leser und Leserinnen gut zugänglich erachten, wurde in den Naturwissenschaften mit 39 Prozent, in den Lebenswissenschaften mit 36 Prozent, in den Ingenieurwissenschaften mit 32 Prozent und in den Geistes- und Sozialwissenschaften mit 25 Prozent bejaht.

Laut der Erhebung gaben in der Fachgruppe der Ingenieurwissenschaften mehr als zwei Drittel der Befragten an (75 Prozent), Interesse an den Forschungsdaten anderer zu haben. In den Lebenswissenschaften bestand mit 75 Prozent der Befragten das zweitgrößte Interesse an bereits erhobenen wissenschaftlichen Daten. Unter den 418 teilnehmenden Sozial- und Geisteswissenschaftlern bekundeten 70 Prozent und unter den Naturwissenschaftlern 69 Prozent ein Interesse an den Forschungsdaten ihrer wissenschaftlichen Kollegen und Kolleginnen.

Die Unterstützung für die Forderung nach Open Access ist in den befragten Fachgruppen unterschiedlich stark ausgeprägt. 88 Prozent der teilnehmenden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Lebenswissenschaften bewerteten die Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser (Open Access) mit "sehr gut" oder "gut". In den Naturwissenschaften befürworteten 82 Prozent den kostenfreien Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser und Leserinnen, in den Ingenieurwissenschaften hatten 71,6 Prozent und in den Geisteswissenschaften hatten 68 Prozent der Befragten eine befürwortende Meinung zu Open Access.

Während 29 Prozent der befragten Naturwissenschaftler angab Open-Access-Repositorien zu nutzen, um auf dem Laufenden zu bleiben, gaben in den Ingenieurwissenschaften 20 Prozent an, diese Verzeichnisse zu verwenden, sowie 10 Prozent der 418 befragten Geistes- und Sozialwissenschaftler und 9 Prozent der Lebenswissenschaftler. Institutionelle Repositorien werden von den Geisteswissenschaftlern am häufigsten genutzt (24 Prozent), gefolgt von den Lebenswissenschaftlern mit 17 Prozent, den Ingenieurwissenschaften mit 13 Prozent und den Naturwissenschaften mit 12 Prozent.

Open-Access-Portale werden von den Befragten ebenfalls nur verhalten genutzt. 21 Prozent der Lebenswissenschaftler, 17 Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler, 16 Prozent der Ingenieurwissenschaftler und 14 Prozent der Naturwissenschaftler gaben an Open-Access-Portale wie das Directory of Open Access Journals zu nutzen, um sich in ihrem Fachgebiet auf dem Laufenden zu halten. Diese Zahlen decken sich auch mit der geringen Verbreitung von Open-Access-Suchmaschinen bei der Literaturrecherche, durchschnittlich 4 Prozent der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nutzen solche Angebote.

22 Prozent der befragten Lebenswissenschaftler, 18 Prozent der Naturwissenschaftler, 15 Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler und 9 Prozent der Ingenieurwissenschaftler gaben an, sich über akademische Social-Media-Plattformen über aktuelle Themen aus dem eigenen Fachgebiet auf dem Laufenden zu halten. Von 14 Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler und jeweils 5 Prozent der befragten Ingenieur- und Naturwissenschaftler sowie 4 Prozent der Lebenswissenschaftler wurden für diese Aufgabe auch generelle Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Twitter genutzt. Eine ähnliche Verteilung ergab sich bei der Nutzung von Blogs (Geisteswissenschaften 14 Prozent, Naturwissenschaften 4 Prozent, Lebenswissenschaften und Ingenieurwissenschaften jeweils 3 Prozent).

Bei der Frage nach der Berurteilung der Zugangsmöglichkeiten zu den einzelnen Publikationsformen in den unterschiedlichen Fachgruppen ergab sich folgendes Bild:

  • 6 Prozent der Befragten aus der Geistes- und Sozialwissenschaft bewerteten die Zugangsmöglichkeiten zu Print-Büchern als "schlecht" oder "sehr schlecht", bei elektronischen Büchern (eBooks/Online-Bücher) waren es 12 Prozent. Print-Zeitschriften sind laut 12 Prozent der Befragten schlecht zugänglich. Laut 3 Prozent der Befragten mangelt es an der Zugänglichkeit zu Online-Zeitschriften. Insgesamt bewerten die Befragten dieser Fachgruppe die Zugänglichkeit mit 57 Prozent "gut" oder "sehr gut".
  • 9 Prozent der Ingenieurwissenschaftler bewerteten die Zugänglichkeit zu analogen Büchern als "schlecht". Für 11 Prozent der Befragten war die Zugänglichkeit zu eBooks ebenfalls "schlecht" oder "sehr schlecht". Den Zugang zu Print-Zeitschriften bemängelten 19 Prozent, zu Online-Zeitschriften 6 Prozent. In dieser Fachgruppe bewerteten die Befragten die Zugänglichkeit mit 60 Prozent als "gut" oder "sehr gut".
  • In den Lebenswissenschaften gaben 27 Prozent der Befragten an, nur über schlechte Zugangsmöglichkeiten zu gedruckten Büchern zu verfügen, bei Online-Büchern sind es 26 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Befragung. Bei Print-Zeitschriften waren es 29 Prozent, bei Online-Zeitschriften 3 Prozent. 46 Prozent bewerteten die Zugänglichkeit mit "teils/teils", 31 Prozent mit "gut" oder "sehr gut".
  • Wie in den Ingenieurwissenschaften gaben auch 9 Prozent der Befragten aus den Naturwissenschaften an, schlechten oder sehr schlechten Zugang zu gedruckten Büchern zu haben. 15 Prozent bewerteten die Zugänglichkeit zu Online-Büchern als "schlecht". 17 Prozent hatten zudem nur schlechten Zugang zu Print-Zeitschriften, 4 Prozent zu Online-Zeitschriften. 70 Prozent aus dieser Fachgruppe bewerteten die allgemeine Zugänglichkeit zu Publikationen als "gut" oder "sehr gut".

Abbildung: Zugangsmöglichkeiten zu Literatur nach Fachgruppe (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Signifikante Unterschiede zwischen den verschiedenen Fachgruppen ergab die Auswertung der Erhebung bei der Frage nach der Wichtigkeit von Offenheit bei den eigenen wissenschaftlichen Publikationsvorhaben. In den Geistes- und Sozialwissenschaften erachten 38 Prozent die "freie Verfügbarkeit des Volltextes im Internet" und 30 Prozent die "Veröffentlichung unter einer Open-Access-Lizenz" als "sehr wichtig" oder "wichtig" an. Für die überwiegende Anzahl der befragten Geistes- und Sozialwissenschaftler sind beide Faktoren eher "unwichtig" oder "weniger wichtig". Auch in den Ingenieurwissenschaften antworteten die Befragten auf die Frage nach der Wichtigkeit der freien und offenen Verfügbarkeit ihrer Beiträge im Internet (58 Prozent) und die "Veröffentlichung unter einer Open-Access-Lizenz" (48 Prozent) mehrheitlich mit "weniger wichtig" oder "nicht wichtig". Demgegenüber gaben die Befragten der Fachgruppe der Lebenswissenschaften mehrheitlich an, dass ihnen die freie Verfügbarkeit der Texte im Internet "wichtig", oder "sehr wichtig" ist (61 Prozent). Auch die Veröffentlichung unter einer Open-Access-Lizenz war für 54 Prozent der befragten Lebenswissenschaftler mindestens "wichtig". Für die Mehrheit der Befragten, die sich den Naturwissenschaften zugeordnet hatten, war die Verfügbarkeit des eigenen Volltextes im Internet mehrheitlich "wichtig" oder "sehr wichtig" (52 Prozent). Die Veröffentlichung unter einer Open-Access-Lizenz war den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Naturwissenschaften allerdings mehrheitlich "weniger" oder "nicht wichtig" (64 Prozent).

Neben dem theoretischen Interesse an Offenheit und der unterschiedlichen Bewertung der Wichtigkeit von Offenheit wurde auch abgefragt, ob und in welchem Umfang (Voll-)Texte der Befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der verschiedenen Fachgruppen praktisch im Internet zur Verfügung gestellt werden. Relativ gesehen gaben 14 Prozent der Befragten aus den Lebenswissenschaften an, auf den eigenen Webseiten auch so viele Volltexte wie möglich zur Verfügung zu stellen, gefolgt von den Geistes- und Sozialwissenschaftlern, von denen 18 Prozent alle möglichen Volltexte auf den eigenen Internetauftritten oder denen der Institution veröffentlichen, den Naturwissenschaftlern mit 19 Prozent und den Ingenieurwissenschaften mit 16 Prozent.

Abbildung: Stehen Volltexte der veröffentlichten Publikationen auf Webseiten zur Verfügung (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Auf die Frage, ob sie sich vorstellen können, die "Forschungsdaten und alle weiteren Informationen, die während ihrer wissenschaftlichen Arbeit anfallen (z.B. Laborbücher, Entwürfe oder andere Dokumente und Daten), unter Berücksichtigung des Datenschutzes öffentlich zur Verfügung zu stellen", antworteten 67 Prozent der Befragten Geisteswissenschaftler "ja" oder "ja, aber nur unter bestimmten Bedingungen". Unter den Ingenieurwissenschaftlern bejahten 65 Prozent die Frage grundsätzlich und bei den Befragten der Lebenswissenschaften stimmten 63 Prozent der Veröffentlichung von Forschungsdaten und allen weiteren Informationen unter bestimmten Bedingungen zu. Immer noch mehrheitlich, aber am wenigsten vorstellen konnten sich das die Naturwissenschaftler (59 Prozent). Unvorstellbar war die Veröffentlichung der Forschungsdaten für 35 Prozent der befragten Naturwissenschaftler, 31 Prozent der Lebenswissenschaftler, 28 Prozent der Ingenieurwissenschaftler und 26 Prozent der Geisteswissenschaftler. Die Option "weiß nicht" klickten durchschnittlich 7 Prozent der Befragten an.

Die "Anzahl der Publikationen" wurde im Rahmen der durchgeführten Umfrage von den Befragten aller Fachgruppen als überdurchschnittlich wichtiger Faktor für die wissenschaftliche Reputation angesehen. So gaben 83 Prozent der Befragten aus den Geistes- und Sozialwissenschaften, 81 Prozent der Befragten aus den Naturwissenschaften, 78 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den Lebenswissenschaften und 73 Prozent der Ingenieurwissenschaftler an, dass dieses Kriterium mindestens "wichtig" wenn nicht sogar "sehr wichtig" für die Reputation im jeweiligen Fach ist.

Abbildung: Publikationsdruck nach Fachgruppe (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Damit einhergehend hat der gefühlte Publikationsdruck laut der Auswertung der Erhebung in fast allen Fachgruppen mehrheitlich zugenommen. Nur in den Ingenieurwissenschaften gaben weniger als die Hälfte der Befragten (49 Prozent) an, dass der Druck zu publizieren gestiegen ist. Demgegenüber zeigte die Auswertung der Angaben in den weiteren Fachgruppen für eine Mehrheit einen deutlichen Anstieg des Publikationsdrucks in den vergangenen fünf Jahren. In den Lebenswissenschaften wird dieser mit 71 Prozent am stärksten wahrgenommen. In den Naturwissenschaften gaben 62 Prozent und in den Geistes- und Sozialwissenschaften 61 Prozent der Befragten an, dass der Druck für die Veröffentlichung von wissenschaftlichen Erkenntnissen gestiegen sei. Unter den Befragten der Lebenswissenschaften gab mehr als ein Viertel (26 Prozent) an, dass in den letzten fünf Jahren der Druck zu veröffentlichen "sehr stark" angestiegen sei.

Das Kriterium "Relevanz der publizierten Ergebnisse" wurde in den verschiedenen Fachgruppen als überwiegend wichtig bewertet. In den Naturwissenschaften gaben 81 Prozent der Befragten an, dass die Relevanz ein wichtiger Faktor für Reputation in ihrer Disziplin ist. In den Lebenswissenschaften 78 Prozent, in den Geistes- und Sozialwissenschaften 70 Prozent und in den Ingenieurwissenschaften 68 Prozent. Die durchschnittliche Häufigkeit über alle Fachgruppen, bei denen der Faktor als "wichtig" für wissenschaftlichen Reputation in der jeweiligen Disziplin ausgewählt wurde, lag bei 74 Prozent.

Die Relevanz von Rankings und des Impact Factors auf die Reputation variierte stark in Abhängigkeit von der jeweiligen wissenschaftlichen Fachgruppe. In den Lebenswissenschaften stellte dieser Faktor für 85 Prozent der Befragten ein wichtiges Kriterium für die Erlangung von wissenschaftlicher Reputation in der Disziplin dar. Auch in den Naturwissenschaften gaben 72 Prozent der Befragten an, das diese Rankings ein wichtiger Faktor sind. Demgegenüber gaben 56 Prozent der Ingenieurwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen und nur 44 Prozent der Sozial- und Geisteswissenschaftler an, dass Rankings wichtig für die Erlangung von wissenschaftlicher Reputation in ihrer Disziplin seien.

Diese Zahlen decken sich auch mit dem Faktor "Anzahl der Monografien" und spiegeln die unterschiedlich starke Verbreitung von Publikationsformen in den unterschiedlichen Fachdisziplinen wider. Da die Publikationsform der Monografie nur in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine signifikante Rolle spielt (77 Prozent), gaben auch nur in dieser Fachgruppe mehr als die Hälfte der Befragten (50 Prozent) an, dass es sich bei der Anzahl der Monografien um einen wichtigen Faktor für die wissenschaftliche Reputation in ihrer Disziplin handelt. In den Ingenieurwissenschaften gaben 13 Prozent, in den Lebenswissenschaften nur 6 Prozent und in den Naturwissenschaften 4 Prozent der Befragten an, dass es sich bei der "Anzahl der Monografien" um einen wichtigen Faktor für wissenschaftliche Anerkennung in ihrer Disziplin handelt. Unter allen Befragten nannten durchschnittlich 24 Prozent diesen Faktor als wichtig für die Reputation.

Einheitlicher war unter den Befragten aller Fachgruppen die Einschätzung der Rolle des Faktors "Drittmittelprojekte" für die wissenschaftliche Reputation. Dieser spielte in allen Fachgruppen mehrheitlich eine wichtige Rolle. Am häufigsten wurden "Drittmittelprojekte" in den Lebenswissenschaften (74 Prozent) genannt, gefolgt von 67 Prozent der Befragten der Naturwissenschaften und 62 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den Ingenieurwissenschaften. Mit 59 Prozent unter den befragten Geistes- und Sozialwissenschaftlern stellten die "Drittmittelprojekte" in den Geistes- und Sozialwissenschaften nur eine unterdurchschnittlich wichtige Rolle für die Reputation dar. Die durchschnittliche Auswahl dieses Faktors in allen Fachgruppen lag bei 65 Prozent.

Nur die Befragten in den Lebenswissenschaften gaben 47 Prozent an, Aufsätze, Texte oder Bücher publiziert zu haben, die vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurden (z.B. in einem Open-Access-Journal, bei speziellen Open-Access-Verlagen). Weitere 10 Prozent der befragten Prozent der befragten Lebenswissenschaftler haben bisher keine Veröffentlichungen frei zugänglich publiziert, planen das aber. In den Geistes- und Sozialwissenschaften gaben 34 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen an, Beiträge als Open Access veröffentlicht zu haben und weitere 11 Prozent eine Veröffentlichung als frei zugänglich zu planen. 32 Prozent Prozent der Naturwissenschaftler erklärten im Rahmen der Umfrage, dass sie mindestens einmal über einen Verlag frei verfügbar veröffentlicht haben, weitere 8 Prozent planen das in Zukunft. Unter den teilnehmenden Ingenieurwissenschaftlern haben laut der Auswertung der Befragung über ein Drittel (29 Prozent) der Befragten schon frei zugänglich veröffentlicht und weitere 9 Prozent planen diese Art der Veröffentlichung.

Abbildung: Frei zugänglich veröffentlicht nach Fachgruppen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Veränderungen im Vergleich zur SOFI Studie

Ein Vergleich der Ergebnisse der aktuellen Erhebung und der im Jahr 2007 durchgeführten SOFI-Studie in Bezug auf die sozio-demographischen Angaben zum beruflichen Status und Alter der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kann als Indikator für die grundsätzliche Vergleichbarkeit der beiden Studien gewertet werden. Die Verteilung des beruflichen Status der Befragten und der Altersgruppen zeigt Überschneidungen. Es kann insofern von einer Vergleichbarkeit der beiden Samples ausgegangen werden.

Abbildung: Vergleich Alter der Teilnehmerinnen & Teilnehmer bei SOFI-Studie und eigener Befragung (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Abbildung: Vergleich berufliche Position der Teilnehmerinnen & Teilnehmer bei SOFI-Studie und eigener Befragung (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Wie in der Befragung vom SOFI im Jahr 2007 wurden die Teilnehmer und Teilnehmerinnen gefragt, wie sie sich in ihrem Fachgebiet auf dem Laufenden halten und welchen Zugang sie zu den (Voll-) Texten haben. In der aktuellen Erhebung gaben 75 Prozent der Befragten an häufig die normale Google-Suche oder andere allgemeine Suchmaschinen sowie 52 Prozent Google-Scholar als Suchmöglichkeiten zu nutzen, um gezielt nach Literatur zu suchen. Im Vergleich dazu gaben bei der Befragung im Jahr 2007 74 Prozent der Befragten an, häufig die Google-Suche zu verwenden. Diese Entwicklung bestätigt den Trend, nachdem die IT-gestützte Suche in der Wissenschaft seit den 1980er Jahren von einem Prozent bis 1993 auf neun Prozent anstieg und im Jahr 2003 von fast einem Viertel (24 Prozent) der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für die Literaturrecherche genutzt wurde (Hanekop_2008).

Abbildung: Mittel zu gezielten Literatursuche im Vergleich zu 2007 (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Bei dem Vergleich der Umfrageergebnisse von 2007 und 2014/2015 in Bezug auf die Frage, wie sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in ihrem Fachgebiet auf dem Laufenden halten, zeigte sich ebenfalls ein klarer Trend zur stärkeren Nutzung digitaler Anwendungen. In der Göttinger Befragung im Jahr 2007 gaben noch 80 Prozent an, sich "sehr häufig" oder "häufig" über Online-Zeitschriften auf dem aktuellen Stand zu halten. In der Befragung im Rahmen dieser Arbeit waren es bereits 88 Prozent der 1.112 Befragten, die sich über Online-Zeitschriften über den aktuellen Stand der Forschung informierten.

Neben den Veränderungen durch die Digitalisierung stellen aber weiterhin die Teilnahme an Tagungen oder Kongressen (78 Prozent) und Gespräche mit Fachkollegen (76 Prozent) für die befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wichtige Möglichkeiten dar, "sich im Fachgebiet auf dem Laufenden zu halten". Social Media-Plattformen sind mit 15 Prozent (akademische Social-Media-Plattformen wie zum Beispiel Researchgate, Academia.edu) und 9 Prozent (generelle Social-Media-Plattformen wie zum Beispiel Facebook, Twitter, Google+) von geringer Relevanz. Die Information über Online-Datenbanken und Online-Archive, die 2007 noch zweithäufigste Option sich auf dem Laufenden zu halten, bleibt auf ähnlichem Niveau.

Abbildung: Informationskanal um "auf dem Laufenden zu bleiben" im Vergleich 2007 vs. 2014/2015 (für Vergrößerung auf Bild klicken)

In Bezug auf die grundsätzliche Meinung zu Open Access konnte nur eine kleine Veränderung bei den Befragten festgestellt werden. Im Jahr 2007 bewerteten rund 81 Prozent der Befragten die Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser und Leserinnen als "gut" oder "sehr gut". In der Befragung 2014/2015 fiel das Ergebnis mit 77 Prozent und einer Teilnehmerzahl von 1.112 zwar niedriger, aber dennoch weiterhin mehrheitlich positiv aus.

Abbildung: Meinung zu Open Access im Vergleich 2007 vs. 2014/2015 (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Ein weiteres Ergebnis der Studie des Soziologischen Forschungsinstituts in Göttingen aus dem Jahr 2007 war, dass "gerade auch die etablierten und damit etwas älteren Wissenschaftler internetbasierte Plattformen intensiv nutzen" (Hanekop_2007). Nach den Ergebnissen der aktuellen Befragung kann diese Entwicklung bestätigt werden. So gaben 86 Prozent der über 50-jährigen Befragten an, sich mit "Online-Ausgaben von Zeitschriften" "häufig auf dem Laufenden zu halten". In dieser Altersgruppe griffen jedoch auch noch immer 50 Prozent zu "Print-Ausgaben von Zeitschriften". In der Altersgruppe unter 50 Jahre nutzen nur noch 29 Prozent die Print-Ausgaben von Zeitschriften. Print-Bücher hingegen wurden altersgruppenunabhängig von 53 bis 54 Prozent der Befragten verwendet. Um auf dem Laufenden zu bleiben, griffen 20 Prozent der über 50-Jährigen auf digitale Bücher zurück. Mit 39 Prozent verwendeten fast doppelt so viele der unter 50-Jährigen Befragten digitale Bücher um sich in dem jeweiligen Fachgebiet auf dem Laufenden zu halten, wie über 50-Jährige.

In der Studie von 2007 gaben insgesamt 80 Prozent an, sich mit Online-Ausgaben von wissenschaftlichen Beiträgen auf dem Laufenden zu halten. Sieben Jahre später stieg die Nutzung erneut um 8 Prozent auf 88 Prozent an. Die Situationen in denen die Befragten nicht auf die Online-Version eines Aufsatzes zugreifen können, weil keine Lizenz vorliegt, wurden ebenfalls seltener. Gaben 2007 noch 45 Prozent an, "häufig" bis "sehr häufig" nicht auf Aufsätze und Texte online zugreifen zu können, waren es in der aktuellen Befragung nur noch 32 Prozent. 67 Prozent der teilnehmenden Wissenschaftler gaben 2014/2015 an, nur "gelegentlich", "selten" oder "nie" Probleme mit dem Zugang zu Online-Texten zu haben. In der Befragung 2007 waren es nur 52 Prozent.

Demnach scheint es seit der Umfrage aus dem Jahr 2007 ist eine sehr leichte Verschiebung zu­guns­ten der besseren Verfügbarkeit von digitalen Texten für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu geben. So gaben im Jahr 2007 45 Prozent der Befragten an, "sehr häufig" oder "häufig" nicht auf die Online-Version eines Textes zugreifen zu können. Laut der Erhebung von 2014/2015 waren es 42 Prozent der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die angaben, "sehr häufig" oder "häufig" nicht auf Online-Inhalte zugreifen zu können. "Gelegentlich" konnten 2007 38 Prozent und 2014/2015 die Hälfte (50 Prozent) nicht auf die Webversion von Inhalten zugreifen, weil es zum Beispiel keine Lizenz dafür gab. "Selten" oder "nie" Probleme mit dem Online-Zugriff auf Texte hatten im Jahr 2014/2015 17 Prozent der Befragten, im Jahr 2007 waren es noch 14 Prozent.

Abbildung: Einschränkungen beim Zugang auf digitale Texte im Vergleich 2007 vs. 2014/2015 (für Vergrößerung auf Bild klicken)

In der Göttinger Erhebung von 2007 gaben 34 Prozent der Befragten an, mehr als einen Beitrag veröffentlicht zu haben, der vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurde, im Jahr 2014/2015 waren es nur 26 Prozent. 14 Prozent hatten laut der Befragung 2014/2015 einen Beitrag veröffentlicht, in der Befragung 2007 waren es noch 23 Prozent. Eine frei zugängliche Publikation zu planen, gaben in 2007 (11 Prozent) ähnlich viele Befragte an wie in der aktuellen Erhebung (11 Prozent). Markante Unterschiede gab es in diesem Zusammenhang auch bei der Anzahl der Personen die angaben, bisher keine offenen Publikationen veröffentlicht zu haben und das auch nicht planen. Gaben im Jahr 2007 knapp ein Drittel (32 Prozent) an, keine frei zugängliche Publikation veröffentlicht zu haben oder zu planen, war es in der aktuellen Befragung fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent).

Abbildung: Frei zugänglich publiziert im Vergleich 2007 vs. 2014/2015 (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Bei der Frage, "welche Faktoren für wissenschaftliche Reputation sind in Ihrer Disziplin wichtig", wurde im Jahr 2007 von 92 Prozent und im Jahr 2014/2015 von 74 Prozent der Befragten die "Relevanz der Ergebnisse" als "wichtig" oder "sehr wichtig" bewertet. Demgegenüber erachteten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in der aktuellen Erhebung die "Anzahl der Aufsätze / Beiträge" (80 Prozent) am häufigsten als wichtigen Faktor für die Reputation in der jeweiligen Disziplin. In 2007 stellten für 82 Prozent der Befragten die "Bezugnahme beziehungsweise die Zitation" durch Kollegen und Kolleginnen einen wichtigen oder sehr wichtigen Faktor für wissenschaftliche Reputation dar, in der aktuellen Befragung bewerteten diesen Faktor 66 Prozent der Befragten als "wichtig".

Die Frage, ob der Publikationsdruck in dem Fachgebiet der jeweiligen Befragten in den vergangenen fünf Jahren zugenommen hat, wurde von den Teilnehmer und Teilnehmerinnen in der SOFI-Studie von 2007 ähnlich wie in der aktuellen Erhebung bewertet. In der aktuellen Umfrage gaben 18,4 Prozent und in 2007 21,9 Prozent der Befragten an, einen sehr starke Zunahme des Publikationsdrucks zu registrieren. Für 22 Prozent der Befragten in 2014/2015 und 20 Prozent der Befragten in 2007 ist die Zunahme unverändert geblieben und hat der Publikationsdruck nicht zugenommen. Die in beiden Erhebungen größte Gruppe antwortete mit "ja" (2007: 44 Prozent und 2014/2015: 43 Prozent). Unsicher waren bezüglich einer Aussage zur Zunahme des Publikationsdrucks waren sich in 2014/2015 17 Prozent und in der Befragung vor 8 Jahren 14 Prozent der Befragten.

Ob die befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihre Veröffentlichungen in Zeitschriften oder Büchern für potenzielle Leser und Leserinnen als gut zugänglich empfinden, beantworteten in der aktuellen Erhebung 32 Prozent mit "ja", im Jahr 2007 waren es noch 40 Prozent. Mit "teils/teils" antworteten in beiden Erhebungen jeweils mit 46 Prozent in 2007 und 47 Prozent in 2014/2015. Die Anzahl der Befragten, die ihre Veröffentlichungen in Zeitschriften oder Bücher für potenzielle Leser und Leserinnen für nicht gut zugänglich erachteten, stieg leicht von 6 Prozent 2007 auf 9 Prozent 2014/2015 an.

Abbildung: Empfundene Zugänglichkeit für Leser_innen zu Veröffentlichungen der Autor_innen im Vergleich zu 2007 (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die Frage nach dem Aufwand für die freie Veröffentlichung von Publikationen im Internet bewerteten in der aktuellen Befragung 31 Prozent und 2007 33 Prozent der Befragten als "gering". Mittelgroßen Aufwand vermuteten 2007 23 Prozent und 2014/2015 25 Prozent. Unsicher waren laut der aktuellen Erhebung 23 Prozent und 2007 20 Prozent der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Einen großen Aufwand schätzten 2014/2015 5 Prozent und in der SOFI-Studie 4 Prozent ein. Keine Schätzung wussten in beiden Befragungen rund 19 Prozent der Befragten abzugeben.

Abbildung: EAufwand die Publikationen im Internet frei zur Verfügung zu stellen im Vergleich zu 2007 (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Zwischenergebnis: Interesse in der wissenschaftlichen Gemeinschaft an dem Zugang zu und dem Zugriff auf wissenschaftliche Kommunikation sowie Verbreitung der Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation

Bei der Betrachtung des Interesses an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation bestanden Vorananahmen, die von einer geringen Motivation der wissenschaftlichen Gemeinschaft für Veränderungen am System der wissenschaftlichen Kommunikation (Hagner_2015) und von einer geringen praktischen Verbreitung der Konzepte um die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation ausgingen (Scheliga_2014). In der Auswertung der Befragung von 1.112 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen im Rahmen dieser Arbeit konnte allerdings ein mehrheitlich stark verbreitetes Verständnis von Open Access und die mehrheitliche Unterstützung der Forderung nach Öffnung von Wissenschaft sowie ein Interesse an Forschungsdaten anderer nachgewiesen werden. Diese Merkmale sind jedoch in Abhängigkeit von Alter, wissenschaftlichem Status und Fachzugehörigkeit unterschiedlich stark ausgeprägt.

Verbreitung von und das Interesse an Offenheit nach Alter

Das Interesse an Forschungsdaten war grundsätzlich hoch und 71 Prozent der Befragten bekundete Interesse an den Forschungsdaten anderer. 64 Prozent aller Befragten konnten sich grundsätzlich vorstellen, unter bestimmten Bedingungen ihre Forschungsdaten und alle weiteren Informationen, die während ihrer wissenschaftlichen Arbeit anfallen, unter Berücksichtigung von Datenschutz öffentlich zur Verfügung zu stellen, 28 Prozent nur unter den Einschränkungen des Datenschutzes. Dabei variierten die Unterschiede zwischen den Altersgruppen nur leicht.

Abbildung: Interesse an Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach Alter (für Vergrößerung auf Bild klicken)

In der Altersgruppe der 56- bis 60-Jährigen waren prozentual die meisten Befürworter (83 Prozent) der Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser und Leserinnen. Unter den 113 Befragten der 36- bis 40-Jährigen bewerteten immerhin noch 81 Prozent diese Forderung als "sehr gut" oder "gut" und unter den Befragten in der Altersgruppe der 26- 30-Jährigen unterstützten 81 Prozent die Forderung. Der Durchschnitt der Befürworter aller Altersgruppen lag bei 77 Prozent.

Abbildung: Bereitschaft zur Öffnung von Forschungsdaten nach Alter (für Vergrößerung auf Bild klicken)

In anderen Befragungen wurde vor allem bei jüngeren Altersgruppen befragter Forscher und Forscherinnen ein spezielles Interesse identifiziert, die Daten nicht ohne Einschränkungen zu veröffentlichen, während die über 50-Jährigen weniger Bedenken äußerten (Tenopir_2011). Es wurde angenommen, dass die Bedenken mit den Besitzverhältnissen und der beruflichen Entwicklung zusammenhängen (Tenopir_2011).

Auf die Frage, ob schon einmal Texte oder Bücher als Open Access veröffentlicht wurden, antworteten 78 Prozent der unter 30-Jährigen mit "nein". Bei den 31- bis 40-Jährigen verneinten noch 57 Prozent, bei den 41- bis 50-Jährigen mit 49 Prozent nur noch knapp weniger als die Hälfte und bei den über 50-Jährigen 46 Prozent, jemals eine Publikation unter den Bedingungen von Open Access veröffentlicht zu haben.

Abbildung: Haben Sie Aufsätze, Texte oder Bücher als Open Access publiziert? (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Insgesamt gab die Mehrheit aller Befragten (60 Prozent) an, noch nicht unter den Bedingungen von Open Access publiziert zu haben. Je nach Altersgruppe kündigten jedoch 9 bis 12 Prozent der Befragten an, es bisher noch nicht getan zu haben, es aber zu planen

Abbildung: Prozent der Befragten die geplant haben Aufsätze, Texte oder Bücher als Open Access Publikation zu veröffentlichen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Verbreitung von und das Interesse an Offenheit nach wissenschaftlichem Status

Eine genauere Betrachtung des Interesses an Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in Kombination mit der Frage nach dem "beruflichen Status" zeigte, dass vor allem bei den Doktoranden ein Interesse an den Daten anderer besteht. 79 Prozent der 118 befragten Doktoranden und 79 Prozent der 175 Doktoranden mit einer Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter gaben an, "Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer Wissenschaftler_innen" zu haben. Drei Viertel der wissenschaftlichen Mitarbeiter ohne Promotion (75 Prozent) und 72 Prozent der promovierten wissenschaftlichen Mitarbeiter waren mehrheitlich an den Forschungsdaten anderer interessiert. Unter den Juniorprofessoren zeigten 62 Prozent der Befragten ein Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. 58 Prozent der befragten Professoren und 59 Prozent der befragten Privatdozenten waren etwas weniger, aber ebenfalls mehrheitlich an den Daten anderer interessiert.

Abbildung: Interesses an Forschungsdaten nach dem "beruflichen Status" (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Verbreitung von und das Interesse an Offenheit in den verschiedenen Disziplinen

Das Interesse an Forschungsdaten anderer Wissenschaftler war in allen Disziplinen ähnlich stark ausgeprägt. Die Vision von Open Access hingegen fand auf hohem Niveau unterschiedlich viel Unterstützung. Im Detail gibt es aber gravierende Unterschiede zwischen den Fachgruppen bei der Bewertung und der praktischen Umsetzung von offener wissenschaftlicher Kommunikation. Diese Entwicklung und eventuelle Gründe werden im Folgenden dargestellt und diskutiert.

Abbildung: Unterstützung der Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser und Leserinnen (Open Access) nach Frachgruppe (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Abbildung: Interesse an Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nach Fachgruppe (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die durchgeführte Befragung zeigt auch, dass bei der überwiegenden Mehrheit der Befragten ein grundsätzliches Verständnis für die Forderung nach Offenheit in der wissenschaftlichen Kommunikation vorherrscht (96 Prozent) und 75 Prozent eine gängige Definition von Open Access befürworten. 71 Prozent der Befragten zeigte zudem Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. 29 Prozent der Befragten gaben an, kein Interesse an den Daten anderer zu haben.

50 Prozent gaben an, gelegentlich und 32 Prozent häufig nicht auf die digitale/Online-Version eines Textes zugreifen zu können. Diese Zahlen überraschen, da bisher angenommen wurde, dass die meisten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an einer komfortablen Stelle des wissenschaftlichen Produktions- und Distributionssystems (Herb_2010) stehen, in der sie durch Lizenzen der Forschungsinstitutionen und Universitäten, die Konsequenzen der Zeitschriften- und Publikationskrise beim Zugriff auf wissenschaftliche Beiträge selbst nicht zu spüren bekommen.

Abbildung: Einschränkungen beim Zugriff auf digitale Texte nach Fachgruppen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Demgegenüber haben nur 36 Prozent der Befragten angegeben, bisher Aufsätze, Texte oder Bücher frei zugänglich publiziert zu haben, und 38 Prozent stellen laut eigenen Angaben Volltexte auf den eigenen oder Institutswebseiten zur Verfügung. 32 Prozent bewerteten die Zugänglichkeit zu ihren Veröffentlichungen für potenzielle Leser und Leserinnen als gut. Diese Zahlen stützen die Annahmen in der Literatur, nach denen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Open Access als Rezipienten mehrheitlich bejahen, als Autoren jedoch wenig oder nur partiell genuines Interesse an Open Access haben (Wein_2010).

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Disziplinen genauer betrachtet. Dabei wird vermutet, dass eklatante Unterschiede beim Interesse am und der Verbreitung von Offenheit beim Publikationsverhalten unter den Geisteswissenschaften, Lebenswissenschaften, Ingenieurwissenschaften und den Naturwissenschaften vorherrschen.

Geisteswissenschaften

Dass die Geisteswissenschaften am geringsten unter allen befragten Fachgruppen, aber dennoch mehrheitlich der Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser und Leserinnen (Open Access) zustimmen, deckt sich mit dem Stand der Verbreitung von Open Access in der Fachrichtung. Dabei spielt die Publikationsform der Monografie nur in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine wichtige Rolle, ebenfalls wurden nur in dieser Fachgruppe deutsche Zeitschriften als wichtig erachtet (65 Prozent). Das deckt sich mit den Aussagen in der Literatur (Hagner_2015) (Naeder_2010) (Hollricher_2009) (Lossau_2007). Die Auswertung der Ergebnisse der Befragung zeigt aber auch bei den Geistes- und Sozialwissenschaftlern ein mehrheitliches Interesse an den Forschungsdaten anderer (70 Prozent). Betrachtet man den Austausch von Daten als eine erweiterte Möglichkeit, Wissen zu überprüfen und Verzerrungen und Fehler zu beseitigen, erscheint es dennoch verwunderlich, dass 30 Prozent der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Fachgruppe kein Interesse daran haben.

Auch insgesamt zeigt die Auswertung der Antworten von 418 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachrichtung ein eher ambivalentes Bild bezüglich des Wunsches nach Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und der tatsächlich praktizierten Offenheit. So erachten nur 25 Prozent der befragten Geisteswissenschaftler ihre eigenen Beiträge als gut zugänglich.

Abbildung: Empfundene Zugänglichkeit für Leser_innen geistes- und sozialwissenschaftlicher Publikationen (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Dass die überwiegende Mehrheit der Befragten die freie Verfügbarkeit des eigenen Volltextes im Internet (62 Prozent) und die Veröffentlichung unter einer Open-Access-Lizenz (70 Prozent) als eher weniger wichtig oder unwichtig erachtet, lässt dennoch auf ein gewisses Desinteresse schließen. Für alle anderen Fachgruppen hat die freie Verfügbarkeit der eigenen Texte einen höheren Stellenwert.

Abbildung: Offenheit als Kriterium bei der Veröffentlichung in den Geistes- und Sozialwissenschaften (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Demgegenüber gaben 43 Prozent der Befragten an, Volltexte selber auf Webseiten zur Verfügung zu stellen oder stellen zu lassen und 37 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen haben schon mindestens einmal ihre Inhalte frei zugänglich publiziert. Erstaunlich ist, dass sie auch die Gruppe derer stellen, die sich am besten vorstellen können, Forschungsdaten und alle weiteren Informationen, die während ihrer wissenschaftlichen Arbeit anfallen unter bestimmten Bedingungen öffentlich zur Verfügung zu stellen (67 Prozent).

Abbildung: Haben Sie Aufsätze, Texte oder Bücher publiziert, die vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurden? (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Daraus lässt sich schließen, dass unter den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen dieser Fachrichtung zwar ein grundsätzliches Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer Forscher und Forscherinnen besteht (70 Prozent) und auch mehrheitliche, wenn auch unter allen Fachgruppen am geringsten ausgeprägte Zustimmung zu der Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser und Leserinnen (Open Access) vorherrscht (68 Prozent), diese aber in der praktischen Arbeit keine große Rolle spielt (37 Prozent). Das mag dadurch begründet sein, dass die eigene Zugänglichkeit zu Publikationen durch die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der Fachgruppe überwiegend als "gut" oder "sehr gut" bewertet wird und dass die Entwicklungen rund um die Öffnung von Wissenschaft und Forschung, wie im Kapitel 2 zu den Grundlagen dargestellt, eher aus den STM-Fächern kommen.

Dennoch verwundert diese ambivalente Haltung, denn gerade für die Geistes- und Sozialwissenschaften lässt sich ein besonderes Interesse an der Verbreitung von Wissen innerhalb der wissenschaftlichen Community und auch an die Gesamtgesellschaft vermuten. Diese Vermutung wird dadurch unterstrichen, dass in den Geistes- und Sozialwissenschaften 83 Prozent der Befragten die Anzahl der Aufsätze und Beiträge am stärksten unter allen befragten Fachgruppen als wichtigen Faktor für Reputation in ihrer Disziplin erachteten. Es könnte sich jedoch bei den Zahlen statt um einen Indikator für das Interesse an Verbreitung wissenschaftlicher Informationen auch um die ungewollte Konsequenz der Leistungsbewertung nach rein quantitativen Kriterien handeln (Wissenschaftsrat_2015).

Lebenswissenschaften

In der Gruppe der Lebenswissenschaften findet die Forderung nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leser und Leserinnen (Open Access) die stärkste Zustimmung unter allen vier Fachgruppen (88 Prozent). Mit 98 Prozent sind in den Lebenswissenschaften internationale Zeitschriften die wichtigste Publikationsform. Die Befragten bewerteten die Zugänglichkeit zu ihren eigenen Beiträgen mehrheitlich als "nicht so gut", "schlecht" oder "teil/teils" (68 Prozent). Zwei Drittel der Befragten Lebenswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen gab an, Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer zu haben. Auch hier ist es verwunderlich, dass ein Drittel kein Interesse an dem Zugang zu den Daten anderer Forscher und Forscherinnen hat.

Abbildung: Offenheit als Kriterium bei der Veröffentlichung in den Lebenswissenschaften (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die 197 Befragten aus den Lebenswissenschaften bekennen sich eindeutiger zur Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation als die Geistes- und Sozialwissenschaftler. Der freie Zugang zu den eigenen wissenschaftlichen Beiträgen wird in der Fachgruppe von 61 Prozent als "wichtig" oder "sehr wichtig" betrachtet und 54 Prozent der Lebenswissenschaftler gaben an, dass es ihnen mindestens "wichtig" ist, unter einer Open-Access-Lizenz zu veröffentlichen. Demnach ist in dieser Fachgruppe nicht nur die stärkste Zustimmung zur Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation zu verzeichnen, sondern auch der stärkste praktische Verbreitungsgrad. Dass 53 Prozent der Befragten bereits frei zugänglich, zum Beispiel unter einer Open-Access-Lizenz, publiziert haben, bestätigt diese Einschätzung.

Abbildung: Haben Sie Aufsätze, Texte oder Bücher publiziert, die vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurden? (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Der Zustand kann darauf zurückgeführt werden, dass die Zugangsmöglichkeiten zu wissenschaftlichen Publikationen insgesamt durch die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der Fachgruppe überwiegend als "schlecht" beurteilt werden. Das stützt ebenfalls die These aus der Literatur (Naeder_2010: 6), dass die Öffnung am stärksten in den Fachgruppen vorangetrieben wird, bei denen sich die Krisen am stärksten für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bemerkbar machen.

Naturwissenschaften

In den Naturwissenschaften unterstützten 82 Prozent der 322 Befragten die Forderung nach Open Access. Wie in den Lebenswissenschaften wurde auch in den Naturwissenschaften die internationale Zeitschrift als wichtigste Publikationsform genannt (98 Prozent). 39 Prozent der Befragten gaben an, dass sie ihre Veröffentlichungen für potenzielle Leser und Leserinnen als "gut zugänglich" bewerten. Mit nur 69 Prozent gab im Fachgruppenvergleich die kleinste Gruppe der Befragten an, Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu haben.

Abbildung: Offenheit als Kriterium bei der Veröffentlichung in den Geistes- und Sozialwissenschaften (für Vergrößerung auf Bild klicken)

36 Prozent erachten es als "wichtig" oder "sehr wichtig" unter einer Open-Access-Lizenz zu veröffentlichen und für 52 Prozent spielt der freie Zugang und die Veröffentlichung im Internet zu den eigenen wissenschaftlichen Beiträgen eine wichtige oder sehr wichtige Rolle. 36 Prozent gaben an bereits frei zugänglich publiziert zu haben.

Abbildung: Haben Sie Aufsätze, Texte oder Bücher publiziert, die vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurden? (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Insgesamt befindet sich die Gruppe der Naturwissenschaftler und damit im Fachgruppenvergleich auf niedrigem Niveau im Mittelfeld, wenn es um die Verbreitung offener Kommunikation und die tatsächliche Umsetzung geht.

Das ist auf der einen Seite verwunderlich, denn die Entwicklung der Forderung von Offenheit in Wissenschaft und Forschung wird neben den Fächern der Lebenswissenschaften auch den Naturwissenschaften und der Publikationsform Zeitschrift zugeschrieben (Naeder_2010), auf der anderen Seite gaben 78 Prozent der Befragten an, über gute oder sehr gute Zugangsmöglichkeiten zu wissenschaftlichen Online-Zeitschriften über eine Lizenz ihrer Forschungseinrichtung zu verfügen (93 Prozent) und scheinen somit keinen direkten Veränderungsdruck zu empfinden.

Ingenieurwissenschaften

Die befragten 141 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Ingenieurwissenschaften unterstützen ebenfalls mehrheitlich die Forderung nach Open Access (72 Prozent). Knapp einem Drittel (32 Prozent) ist es "wichtig" oder "sehr wichtig", unter einer Open-Access-Lizenz zu veröffentlichen, während 42 Prozent der freie Zugang zum Volltext der eigenen wissenschaftlichen Beiträge im Internet "wichtig" oder "sehr wichtig" ist.

Abbildung: Offenheit als Kriterium bei der Veröffentlichung in den Geistes- und Sozialwissenschaften (für Vergrößerung auf Bild klicken)

34 Prozent haben bereits frei zugänglich publiziert und 32 Prozent finden, dass ihre Veröffentlichungen in Zeitschriften oder Büchern für potenzielle Leser und Leserinnen "gut zugänglich" sind. Wie bei den Lebenswissenschaften gaben zwei Drittel der Befragten an, Interesse am Zugang zu Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu haben.

Abbildung: Haben Sie Aufsätze, Texte oder Bücher publiziert, die vom Verlag selbst frei zugänglich gemacht wurden? (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Auch in den Ingenieurwissenschaften ist mit 90 Prozent die internationale Zeitschrift die wichtigste Publikationsform. Nur 37 Prozent erachten deutschsprachige Zeitschriften als "wichtig". Monografien spielen nur für ein Drittel (35 Prozent) der Befragten eine wichtige Rolle.

Kapitel: Experiment

"It is our duty to encourage young researchers to think critically about prevailing paradigms and to come up with simplifying conceptual remedies that take us away from our psychological comfort zone but closer to the truth."
(Loeb_2013: 386)

Um vor allem die in der Literaturrecherche und in der Befragung extrapolierten Katalysatoren und Hindernisse, den vermuteten Aufwand sowie die damit verbundenen Bedingungen für das offene Publizieren prüfen zu können und Handlungsempfehlungen für das offene Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten am Beispiel von Dissertationen erstellen zu können, wurde für diese Arbeit eine offene Schreibweise als Selbstexperiment gewählt. Dabei wurde die Arbeit direkt und unmittelbar während der Erstellung für jeden jederzeit frei zugänglich auf einer Webseite (http://offene-doktorarbeit.de) im Internet veröffentlicht.

Diese experimentelle Untersuchung hat das Ziel, darzustellen, ob und wie weit die offene Erstellung einer Doktorarbeit unter den Kriterien und den Forderungen von Open Science möglich ist. Sie ermöglicht die Ergänzung der bisher dargestellten Entwicklung und Erkenntnisse um die Praxis und die Auseinandersetzung mit dem Wunsch nach bestimmten Zuständen. Das Vorgehen soll helfen, weitere Treiber und Bremser für Veränderungen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem zu identifizieren sowie exemplarisch den Aufwand für das offene Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit darzustellen und als Beispiel für ein konkretes Vorhaben der Öffnung von Wissenschaft und Forschung zu dienen. Darüber hinaus soll die Praxistauglichkeit der Forderung nach Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems im Erstellungsprozess dieser Arbeit dargestellt und analysiert und die Ergebnisse der Befragung um die praktische Herangehensweise erweitert werden.

Folgende detaillierte Fragestellungen sollen im Rahmen des Experiments bearbeitet werden:

  • Wie kann eine offene wissenschaftliche (Qualifikations-)Arbeit angefertigt werden?
  • Welche konkreten Herausforderungen bestehen bei der offenen Anfertigung einer solchen Arbeit?
  • Welche Vorteile und welche Nachteile ergeben sich beim offenen Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten?
  • Welche Handlungsempfehlungen für das offene Verfassen einer wissenschaftlichen (Qualifikations-)Arbeit können abgeleitet werden?

Für diese Herangehensweise wurde ein (auto-)ethnographischer Ansatz gewählt. Dieser ist primär durch drei Merkmale gekennzeichnet, die bei der Darstellung im Folgenden berücksichtigt werden: Erstens sucht er "einen primär verstehenden Zugang", zweitens geht mit ihm (inzwischen) ein stark gebrochener Holismus einher und drittens sind "Ethnographien durch einen Methodenmix gekennzeichnet" (Bachmann_2011). Dieser Methodenmix eignet sich für die Herangehensweise des Felds der Science and Technology Studies, ermöglicht die umfassende Darstellung und erhöht die Reproduzierbarkeit des Vorhabens.

Methode und konzeptionelle sowie technische Rahmenbedingungen

Konzeptionell war das Projekt von Anfang an so angelegt, dass die Arbeit und alle Daten unter allen Umständen jederzeit frei und offen im Internet einsehbar sein sollten. Die Bedingungen, untern denen diese Arbeit erstellt wird, sollten sich dabei so nahe wie möglich an den Forderungen von Open Science und den genannten Erklärungen zur Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation orientieren. Nach der rechtlichen Klärung der offenen Schreibweise sollten die Arbeit und alle damit verbundenen Tätigkeiten so schnell und umfassend wie möglich jederzeit frei und offen im Internet abrufbar sein.

Initial kam dafür ein Blog auf der Grundlage der Open-Source-Lösung Wordpress zum Einsatz. Blogs, auch Weblogs genannt, beschreiben eine Reihe von Softwarelösungen, die nach der Installation Internetnutzern einfach ermöglichen, Einträge im Internet zu veröffentlichen. Wordpress wurde zunächst als eine solche Blogging-Plattform entwickelt. In den letzten Jahren hat sich das System jedoch zu einem umfangreichen Content-Management-System weiterentwickelt (Patel_2011). Content-Management-Systeme ermöglichen nicht nur die Darstellung von Texten in chronologischer Reihenfolge, sondern auch die Ablage und Organisation von Daten oder anderen Medien. Einer der wesentlichen Vorteile von Wordpress ist die große Anzahl von Plug-Ins (Patel_2011). Über die Plug-ins kann jeder Aspekt einer Wordpress-Webseite in Bezug auf die Erstellung, Organisation und Optimierung von Inhalten mit dem Einsatz von Plug-ins erweitert werden. Sie werden von unabhängigen Programmierern entwickelt und überwiegend unter einer Open-Source-Lizenz freigegeben. Da die verwendete Software nicht nur der Dokumentation im Rahmen der Erstellung der vorliegenden Arbeit dient, sondern auch als technische Plattform für die Veröffentlichung der gesamten wissenschaftlichen Arbeit selbst zur Verfügung stehen sollte, erschien Wordpress in der theoretischen Betrachtung als beste Lösung für das Vorhaben.

Zu einem späteren Zeitpunkt sollten die ersten Inhalte in einem Dokument auf Google Docs im Blog eingebunden und offen zur Verfügung gestellt werden. Google Docs ist ein kostenloses, webbasiertes Textverarbeitungssystem der Firma Google. Es ist angelehnt an die gängigen Programme von Microsoft Office oder Open Office, bietet aber einige Einschränkungen besonders für das wissenschaftliche Publizieren. So fehlen bei Google Docs die Möglichkeiten der strukturierten Ablage von Daten und die einfache Verwaltung von Quellen und Referenzen. Vor der Erstellung der Arbeit wurden unterschiedliche technische Möglichkeiten für die einfache Darstellung getestet. In der ursprünglichen Analyse wurde, wie oben dargestellt, die Veröffentlichung der Arbeit in einem Blogsystem präferiert und später aus pragmatischen Gründen auf die Schreibplattform Authorea übertragen.

Insgesamt wurde der Prozesse der Wissensschaffung öffentlich dokumentiert und jederzeit einsehbar veröffentlicht. Exemplarisch fand das in den folgenden fünf Phasen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses statt:

  1. Die Fragestellung und Planung der Arbeit wurde im Blog seit August 2012 veröffentlicht. Auf den generellen Übersichtsseiten wurde dort das Vorhaben vorgestellt und regelmäßig zum Stand der Arbeit Beiträge veröffentlicht. Das Exposé für die Doktorarbeit wurde in einem Google-Dokument verfasst und ebenfalls in dem Blog eingebunden.
  2. Die Ausführung der Befragung, des Schreibprozesses (seit Bestätigung durch die Promotionskommission Ende 2013) und des Experiments war zu jeder Zeit offen einsehbar. Auf der jeweiligen Schreibplattform wurde der aktuelle Stand der Arbeit öffentlich festgehalten und im Blog wurden die Entwicklungen der Arbeit regelmäßig dokumentiert. Die Befragung wurde ebenfalls im Blog vorgestellt und dokumentiert sowie die Umfragedaten nach Abschluss der Befragung als anonymisierte Rohdaten veröffentlicht. Noch nicht bearbeitete Stellen und nicht ausformulierte Gedanken wurden ebenfalls im Text gesondert gekennzeichnet und jederzeit dokumentiert.
  3. Die Analyse der Daten wurde auf Grundlage der Rohdaten durchgeführt und direkt in dem Text der Arbeit verarbeitet. Zwischenergebnisse wurden aufbereitet und vorab inklusive der jeweiligen Daten kommuniziert. Die Analyse des Experiments der offenen Anfertigung der Arbeit erfolgte ebenfalls direkt im Text und in Beiträgen auf dem Blog.
  4. Das Auswertungsverfahren wurde ebenfalls im Blog dokumentiert und direkt in der Arbeit inklusive der Daten veröffentlicht. Die Grafiken und Statistiken wurden ebenfalls gesammelt auf der Webplattform dargestellt und direkt in den Text eingebunden.
  5. Die Verwendung und Kommunikation der Ergebnisse fand ebenfalls unmittelbar und jederzeit öffentlich einsehbar auf dem Blog sowie direkt im Text der Arbeit statt. Das finale Dokument wird abschließend auch auf der Webseite veröffentlicht.

Die Arbeit orientierte sich dabei an der Forderung von Open Science, dass der umfassende Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess inklusive aller Daten und Informationen, die bereits bei der Erstellung, Bewertung und Kommunikation der wissenschaftlichen Erkenntnisse entstanden sind, jederzeit gegeben ist. Auf der Webseite http://offene-doktorarbeit.de wurde zu jeder Zeit der gesamte Text sowie die verwendete Literatur, aber auch die Ergebnisse der empirischen Arbeit zeitnah veröffentlicht. Somit war es anderen Personen mit einem Internetanschluss möglich, im gesamten Verlauf auf den aktuellen Stand und mit dem Wechsel auf GitHub sogar auf die einzelnen Entwicklungsschritte der Arbeit und Daten zuzugreifen.

Der Forderung, die technischen Entwicklungen zu nutzen, um wissenschaftliche Erkenntnisse aller Art im Rahmen des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses schnellstmöglich offen zu verbreiten, wurde somit entsprochen. Die Informationen wurden nicht nur technisch über die Webseite und die Ablage der Informationen in Repositorien (Zenodo und dem GESIS-Data-Sharing-Repositorium datorium), sondern auch rechtlich über die Wahl einer Open-Definition-kompatiblen Creative-Commons-Lizenz (CC-BY-SA) für andere les- und (weiter-)nutzbar gemacht. Eine direkte Weiternutzung des Textes und der Daten konnte jedoch im Erstellungszeitraum nicht festgestellt werden. Im Rahmen der Evaluation der Plattformen und der eigenen Arbeit bei der Programmierung eines Readers wurde die technische Entwicklung genutzt, um den Zugang zu dem Text sowie zu den Daten und den Zugriff auf die gesamte wissenschaftliche Kommunikation sicherzustellen.

Die Verwendung einer system-, geräte- und lokationsunabhängigen Webseite stellte sicher, dass sämtliche Inhalte der Kommunikation während und nach der Wissensproduktion durch andere innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft konsumiert und weiterverwendet werden konnten. Im Blog wurden darüber hinaus Informationen im Zusammenhang mit der Erstellung der Arbeit und aus den mit der Arbeit verknüpften Vorträgen und Kolloquiumsbesuchen veröffentlicht und dokumentiert. Einzig die Möglichkeit, zu den Forschungsbemühungen beizutragen, war aufgrund der notwendigen Selbstständigkeit bei der Erstellung der wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit eingeschränkt. So konnten Nutzer und Nutzerinnen die Blogbeiträge rund um die Dokumentation der offenen Schreibweise kommentieren und Literaturvorschläge einreichen sowie über ein Kontaktformular Nachrichten übermitteln, direkt in und an der Arbeit gab es jedoch keine Möglichkeit, zu intervenieren oder zu kommentieren.

Die erweiterten Möglichkeiten der Anpassung und Kommentierung sowie die Möglichkeit der Veränderung der wissenschaftlichen Daten und des strukturierten Textes direkt auf GitHub wurden ebenfalls eingeschränkt. Die Möglichkeit, die Arbeit unabhängig von dem bisherigen Autor unter anderem Namen weiterzuentwickeln (forken), konnte durch die Ablage des Textes als Code auf GitHub zwar nicht eingeschränkt werden, wurde jedoch nicht aktiv verwendet. Zwar machte ein Nutzer am 14. Mai 2015 von der Funktion Gebrauch, veränderte aber weder den Inhalt noch die Daten. Der Nutzer ist dem Autor zudem persönlich bekannt.

Der gesamte Forschungsprozess wurde so transparent und so zugänglich wie möglich gestaltet (Scheliga_2014). Es konnte zu jeder Zeit auf alle Daten, Ergebnisse und Protokolle in allen Phasen des Forschungsprozesses frei zugegriffen werden (RIN_2010). Die Eigenleistung und die in der Promotionsordnung geforderte (Leuphana_2011) Selbstständigkeit bei der Erstellung der wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit zu gewährleisten, wurde technisch so sichergestellt, dass es für keinen anderen als den Autor die Möglichkeit gab, den erstellten Inhalt zu editieren oder Stellen direkt zu kommentieren. Die offene Darstellung ermöglichte sogar eine neue Form der Sicherung der Eigenständigkeit, da alle Veränderungen am Text und Einflüsse auf den Inhalt direkt und während der Erstellung des Inhalts jederzeit offen und transparent dargestellt und dokumentiert wurden.

Durchführung der offenen Anfertigung der Dissertation

Die Erstellung dieser Arbeit sowie der damit verbundenen Daten und Informationen stand unter der Bedingung, dass diese jederzeit und so umfänglich wie möglich über das Internet abrufbar sind. Hierbei kam es zu unterschiedlichen Herausforderungen. Von den im vorherigen Kapitel evaluierten Anreizen beziehungsweise Möglichkeiten und Vorteilen wurde trotz respektabler Besucherzahlen nur wenig Gebrauch gemacht. Da es sich hierbei um den ersten Versuch eines komplett offenen Promotionsverfahrens handelt, konnte diesbezüglich auch nicht auf Erfahrungswerte zurückgegriffen werden.

Damit die Kriterien und Argumente für oder gegen das offene Publizieren (zum Beispiel Verbreitung, Beschleunigung, Aufwand) geprüft und gegebenenfalls Handlungsempfehlungen für das offene Schreiben von wissenschaftlichen Arbeiten am Beispiel von Dissertationen erstellt werden können, werden im Folgenden die rechtlichen und technischen Herausforderungen dokumentiert und zusammengefasst.

Rechtliche Herausforderungen

Die Promotionsordnung der Fakultät Kulturwissenschaften der Leuphana Universität mit dem Stand vom 02.02.2011 (Leuphana_2011) untersagt nicht ausdrücklich das offene Verfassen einer Dissertationsarbeit wie es hier geplant war, erlaubt dies aber auch nicht explizit. Für die Klärung, ob die offene Schreibweise nicht gegen die Regeln der Promotionsordnung der Fakultät verstößt und möglicherweise zu einem Ausschluss der Arbeit aus dem Promotionsverfahren führt, wurde nach Fertigstellung des Exposés im Januar 2013 ein offizielles Schreiben an die Promotionskommission übermittelt (Heise_2013), in dem um eine Erlaubnis der zeitgleichen Veröffentlichung des aktuellen Stands der Arbeit im Internet gebeten wurde.

Um den Anforderungen der aktuell geltenden Prüfungsordnung der Leuphana Universität zu entsprechen, wurden in dem Schreiben an die Promotionskommission die Bedingungen für die offene Erstellung der Arbeit angeboten und die vermutete Vereinbarkeit mit der Promotionsordnung dargestellt. Nach einer rechtlichen Prüfung durch das Justiziariat der Universität entsprach die Promotionskommission am 12. Dezember 2013 mehrheitlich dem Gesuch, die Arbeit "offen" verfassen zu dürfen. Sie stützte damit auch die Vermutung, dass die gewonnene Transparenz während des Erstellungsprozesses in diesem Fall keinen Widerspruch zu der Selbständigkeit bei der Ausarbeitung der Dissertation darstellt. Die Kommission empfahl darüber hinaus der nachfolgenden Promotionskommission, die Entstehungsform der Dissertation anzunehmen. Dennoch machte der Vorsitzende eine Mitteilung zur Unsicherheit dieser Art der Veröffentlichung, da zum Zeitpunkt der Fertigstellung "voraussichtlich eine Promotionskommission unter anderer Zusammensetzung die Annahme der Dissertation zu prüfen und zu beschließen" (Heise_2013a) haben wird.

Um den Voraussetzungen der Open-Definition und den Forderungen in den Erklärungen für die Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationsprozess von Budapest, Berlin und Bethesda (siehe Kapitel 2 zu den Grundlagen) vollumfänglich gerecht zu werden und eine möglichst umfassende Öffnung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses im Rahmen dieser Arbeit zu erreichen, wurden die Inhalte und Daten der Arbeit unmittelbar, für alle frei und kostenlos unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht. Diese kommt im Rahmen dieser Arbeit unter den Bedingungen "Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported" zum Einsatz.

An dieser Stelle sei auch auf die rechtliche Möglichkeit hingewiesen, dass die Arbeit oder Derivate des Textes von Dritten vor der eigentlichen Abgabe veröffentlicht werden könnten. Damit würde zwar nicht direkt gegen die Auflagen der Promotionsordnung verstoßen werden, dennoch bedürfte das einer erneuten Prüfung und führte damit voraussichtlich zu einer Verzögerung im Promotionsprozess. Die Ordnung sieht zwar vor, dass die Dissertation "in begründeten Fällen teilweise vorher veröffentlicht" (Leuphana_2011) sein kann, auf die gesamte Veröffentlichung der Arbeit vorab wird aber nicht Bezug genommen. Ähnliches gilt für die erhobenen Daten. Die rechtlichen Herausforderungen um die Promotionsordnung können somit als ein praktisches Beispiel für die Fokussierung des wissenschaftlichen Publikations- und Kommunikationssystems auf das gedruckte Wort interpretiert werden.

Technische Herausforderungen und Umsetzung der offenen Anfertigung der Arbeit

Die Arbeit wurde bis zur Klärung der Erlaubnis durch die Promotionskommission im Dezember 2013 zur Vorbereitung der öffentlichen Publikation in einem Google-Dokument ohne Freigaben verfasst. Diese Veröffentlichungsform hatte sich bereits bei der Erstellung und Veröffentlichung des Exposés für das Promotionsvorhaben (Heise_2012a) als praktische Lösung für die Erarbeitung eines ersten Entwurfs herausgestellt und würde bei Freigabe durch die Promotionskommission, so die Annahme, eine unmittelbare Veröffentlichung in dem Blog ermöglichen.

Die Blogsoftware Wordpress (Version 3.8 bis 4.3) wurde im Vorfeld des Erstellungsprozesses der Arbeit auf dem eigenen Webserver (Ubuntu Linux 14.04, Apache 2.4, PHP 5.5, MySQL 5.5) installiert und über die Domain http://offene-doktorarbeit.de im Internet für alle Internetnutzer verfügbar gemacht. Da weder beim Autor noch in der Literatur Vorerfahrungen mit dem offenen Verfassen von wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten vorherrschten, war geplant, unmittelbar nach Erlaubnis der offenen Anfertigung durch die Promotionskommission die Arbeit aus dem Google-Dokument in das bereits genutzte Blogsystem zu übertragen und den Schreibprozess dort bis zum Abschluss weiterzuführen.

Bei der Übertragung der bereits geschriebenen Inhalte in das Blogsystem Anfang 2014 stellte sich schnell heraus, dass die Blog-software für die Veröffentlichung der gesamten Arbeit in einzelnen Blogposts sehr unpraktisch und unzureichend war. Zwar ermöglichten zusätzliche Anpassungen an das System (Plug-ins) die Veröffentlichung von Inhalten in wissenschaftlichen Formen und Formaten, dennoch stieß das eingesetzte System bei der Länge des Inhalts schnell an seine Grenzen. Folgende weitere Gründe verhinderten letztendlich die geplante Überführung der geschriebenen Inhalte auf die Blogsoftware als primäre Veröffentlichungsplattform:

  • Die Blogsoftware war für ein so umfassendes wissenschaftliches Vorhaben nicht konzipiert. Die nötigen Anpassungen (Literatur- sowie Zitatverwaltung, Darstellung von Grafiken und Statistiken, öffentlich einsehbares Revisionssystem, Exportfunktion) stellten sich während der Übertragung der bestehenden Inhalte schnell als unverhältnismäßig aufwendige Aufgabe dar.
  • Die Abbildung der Struktur der bis Ende 2013 verfassten einzelnen Kapitel aus dem unstrukturierten Google-Dokument als Blogposts stellte sich ebenfalls als sehr unpraktikabel heraus und erforderte zahlreiche aufwendige Anpassungen.
  • Einzelne Inhalte und Formatierungen waren grundsätzlich nicht ohne Anpassungen übertragbar. Das betraf vor allem die Literaturangaben sowie die Formatierungen im Text.
  • Der Schreib- und Editierprozess stellte sich ebenfalls als sehr unpraktikabel dar. Die Blogsoftware war zwar für eine schnelle Veröffentlichung von kurzen Beiträgen optimiert, bei längeren Texten erhöhten jedoch lange Ladezeiten und unflexibles Scrollen den Zeitaufwand für die Arbeit am Text.
  • Trotz Anpassungen und geeigneter Plug-ins ist die einfache standardisierte Referenzierung von Literaturverweisen, Fußnoten und die Sammlung von Quellen mit Wordpress über mehrere Blogeinträge bisher ohne umfassende Modifikationen des Systemkerns oder der Verwendung von externen Softwarelösungen nicht möglich.
  • Der Export der übergreifenden Inhalte in ein lesbares Dokument, das online einsehbar ist, war nur mit hohem zusätzlichen Aufwand möglich.
  • Die strukturierte Eingabe der Inhalte und Ablage der Daten war ebenfalls nur unter erhöhtem Aufwand möglich und verringerte die Produktivität beim Schreiben.
  • Erfahrungen aus anderen Wordpress-Projekten legten die Vermutung nahe, dass die Anzahl an unterschiedlichen Revisionen der einzelnen Teile der Arbeit die Darstellung und Funktionsweise des Revisionssystems überfordert hätte.
  • Aufgrund der Länge des Inhalts, der hohen Anzahl an Revisionen und der Größe der Daten verhinderten Performance-Einbußen, die ohne eine leistungsfähigere IT-Infrastruktur nicht zu beheben waren, die einfache Arbeit am Text.

Nachdem der Einsatz von Wordpress und Google Docs zwar grundlegend der Anforderung des ständigen und offenen Zugriffs auf die Arbeit entsprach, sich aber letztendlich als unzureichend und unpraktikabel für die Erstellung wissenschaftlicher Inhalte herausgestellt hatte, wurden weitere Plattformen evaluiert. Zu dem Zeitpunkt Anfang 2014 standen jedoch keine standardisierten Lösungen für das offene Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten zur Verfügung und die gängigen webbasierten Softwarelösungen zur Online-Textverarbeitung und -darstellung genügten meist nicht den Ansprüchen wissenschaftlicher Arbeiten. Dennoch wurden neun Plattformen und Systeme auf ihre Praxistauglichkeit (siehe Abschnitt 6.2.c.) für das Vorhaben evaluiert.

Nach den praktischen Tests der unterschiedlichen Plattformen kam ab Ende Juli 2014 die kollaborative, wissenschaftliche Schreibplattform Authorea zum Einsatz. Authorea hatte gegenüber allen anderen Plattformen den grundlegenden Vorteil, dass die Inhalte einfach offen für jedermann einsehbar dargestellt und in die bestehende Blogplattform eingebunden werden konnten. Ein umfassendes Revisionssystem ermöglichte zudem die einfache Darstellung der Veränderungen am Text und der Versionsgeschichte aller mit dem Text verbundenen Informationen. Diese Funktion war ein grundlegender Vorteil für die offene Schreibweise. Auf Grundlage der positiven Evaluation wurden die Inhalte aus dem bisherigen System (Google Docs) auf die Plattform übertragen.

Der Text in Authorea wurde mit dem Textsatzsystem TeX und der Makrosprache Lamport Tex (LaTeX) verfasst. LaTeX ist ein Layoutsystem, das besonders für wissenschaftliches Veröffentlichen geeignet ist. Im Gegensatz zu gängigen Textverarbeitungsprogrammen ermöglicht dieses System die Arbeit an strukturellen Textdateien, die an bestimmten Stellen so ausgezeichnet werden, dass sie später als strukturierter Datensatz in jede mögliche Form und jedes Format übertragen und exportiert werden können. Während die üblichen Textverarbeitungsprogramme (wie zum Beispiel Microsoft Word) auf dem "What you see is what you get" (WYSIWYG) basieren, zählt man LaTeX zu den sogenannten Markup-Sprachen beziehungsweise Auszeichnungssprachen, die nicht innerhalb einer bestimmten Umgebung verwendet werden müssen (Sievers_2012). Diese Art des Textsatzes ist vor allem dann sinnvoll, wenn die finale Verwertung oder Ausgabe des Inhalts unbekannt oder variabel sein soll (Braune_2007). Darüber hinaus ermöglicht sie eine plattformübergreifende Erstellung und Ablage des Inhalts. Das Editieren des Inhalts blieb dabei vergleichsweise komfortabel, da auf der Plattform gängige Textformatierungen über einen einfachen Editor ermöglicht wurden.

In Kapitel 2 zu den Grundlagen wissenschaftlicher Kommunikation als Open-Source-Prozess wurden bereits Parallelen zwischen der Öffnung der Softwareentwicklung im Rahmen der Open-Source-Bewegung und der Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation gezogen und so war es naheliegend, gängige Tools und Umgebungen für die Entwicklung von Software auch für die Erstellung der eigenen wissenschaftlichen Arbeit einzusetzen. Die strukturierte Ablage des Textes anhand von LaTeX stellte die Grundlage dafür dar. Die Arbeit wurde deshalb im weiteren Erstellungsprozess und nach der Migration des Textes aus dem Google-Dokument auf Authorea zusätzlich mit einem GitHub-Repositorium als Ablage für den Code und die Daten hinter dem öffentlich einsehbaren Text verknüpft.

Die Verknüpfung der Inhalte von der Schreibplattform mit dem Software-Repositorium GitHub hatte folgende weitere Vorteile:

  • Die automatische, dezentrale Sicherung und Archivierung der Arbeit auch außerhalb von Authorea
  • Die Erstellung, Bearbeitung und Synchronisierung eines lokalen Abbilds der gesamten Arbeit und der dahinterliegenden Daten auf dem Rechner über den GitHub-Desktop-Client
  • Die Bearbeitung und Synchronisation der lokalen Inhalte mit denen auf GitHub und Authorea, ohne auf die Vorteile des Revisionssystems (Darstellung der einzelnen Schritte der Erstellung der Arbeit) verzichten zu müssen
  • Die Möglichkeit der Bearbeitung der Arbeit über mobile Applikationen von unterwegs
  • Die Arbeit auch ohne Internetzugang zu bearbeiten und die Veränderungen an der Arbeit trotzdem detailliert und transparent darzustellen
  • Ein Monitoring des Fortschritts der Arbeit durch die statistische Aufbereitung und Darstellung der Entwicklung auf GitHub
  • Die Möglichkeit für den Leser und die Leserin, jederzeit die Veränderungen am Text und an den Daten nachzuvollziehen und somit eventuelle Manipulationen oder wissenschaftliches Fehlverhalten transparent darstellen zu können und auch im Nachhinein verfügbar zu halten
  • Eine transparente Kontrolle der Verwendung des Textes und der Daten durch Dritte innerhalb von GitHub
  • Die Möglichkeit über eine Schnittstelle (API) auf die Inhalte von anderen Diensten und durch Applikationen zuzugreifen und die Inhalte anderen Applikationen zur Verfügung zu stellen

Nachdem die Arbeit einen gewissen Umfang erreicht hatte, kam es zu Problemen bei der Darstellung der Inhalte über Authorea und auf der Webseite http://offene-doktorarbeit.de. Nach Rücksprache mit den Entwicklern und Entwicklerinnen stellte sich heraus, dass die Arbeit aufgrund ihrer Komplexität nicht mehr beziehungsweise nur noch eingeschränkt auf der Plattform geladen und dargestellt werden konnte. Dieser Umstand war selbst für die Entwickler unvorhersehbar. Als Grund dafür wurden unzureichende Ressourcen für die Umwandlung der LaTeX-Texte und -Daten in eine browserkompatible HTML-Darstellung vermutet (Authorea_2014). Für die Erstellung dieser Arbeit und den Anspruch, den Text jederzeit für jeden online einsehbar zu halten, hatte das zur Folge, dass für die Darstellung des Textes auf http://offene-doktorarbeit.de eine Alternative gefunden werden musste.

Trotz der umfangreichen Evaluation der gängigen Softwarelösungen konnte keine geeignete Plattform gefunden werden, die die umfassende Darstellung des Textes übernehmen konnte. Als einzige Lösung blieb die Programmierung eines eigenen Konverters (Readers), der den LaTeX-Datensatz aus der Datenablage (Repositorium) live importiert und in einer einfachen HTML-Ansicht unter http://live.offene-doktorarbeit zur Verfügung stellt. Für diesen Reader wurden mit einer eigenen Programmierung auf Grundlage der Skriptsprache PHP die einzelnen .tex-Dokumente über die Schnittstelle von GitHub aus dem Repositorium ausgelesen und in Hypertext Markup Language (HTML) konvertiert. Über diesen Konverter konnten die LaTeX-Auszeichnungen in HTML interpretiert und jederzeit in gängigen Browsern dargestellt werden.

Die erstellte Software war in der Lage, den jeweils aktuellen Text so automatisch zu importieren und zu interpretieren, dass die Inhalte und alle damit verknüpften Daten geräte- und plattformübergreifend über gängige Webbrowser für jeden jederzeit lesbar dargestellt werden konnten. Des Weiteren ermöglichte die Software die Darstellung eines Inhaltsverzeichnisses, errechnete die Wort- und Seitenzahl, bot eine Fortschrittsanzeige des Gesamtvorhabens, zeigte detaillierte Informationen über die letzten Änderungen an der Arbeit, ermöglichte die Ansicht auf mobilen Endgeräten und ermöglichte eine umfassende Verknüpfung mit dem Dokumentationsblog. Im Verlauf der Arbeit wurden weitere Funktionen hinzugefügt. Zum Beispiel ermöglichte eine bestimmte Auszeichnung die Markierung von Stellen innerhalb des Textes, an denen noch Nachbesserungs- oder Veränderungsbedarf bestand.

Für die grafische Darstellung der Ergebnisse aus der Befragung innerhalb des Textes und von Tabellen wurde die Open-Source-Software Datawrapper (Datawrapper_2015) in der Version 1.9.6 eingesetzt, angepasst und in den Reader eingebunden. Diese offene Softwarelösung ermöglicht die einfache und dynamische Erstellung von Graphen und Diagrammen, die Darstellung dieser und die Ausgabe der dazugehörigen Daten in einem maschinenlesbaren Format. Datawrapper wurde ebenfalls auf dem Webserver unter http://graphs.offene-doktorarbeit.de installiert, eine Anbindung an den Reader programmiert und die Darstellung für LaTeX angepasst. Über einen LaTeX-kompatiblen Befehl konnten daraufhin Diagramme und Tabellen in die jeweils aktuelle Version der Arbeit integriert werden. Die Diagramme und Tabellen konnten trotzdem jederzeit modifiziert und angepasst werden. Für die finale Publikation stand ein Bildexport zur Verfügung, der automatisch die Einbettung einer statischen Kopie der Grafiken in das finale LaTeX-Template ermöglichte. Für die Mobilversion wurde eine angepasste Darstellung der Grafiken entwickelt und in den Reader integriert.

Die Bibliographie und die Literaturangaben wurden über die Roh-Daten-Schnittstelle von GitHub und eine bestehende Open-Source-Softwarelösung (BibTeX-Browser) dargestellt. Diese Lösung ermöglicht es, die Literaturquellen direkt aus den Texten anzusteuern und die Metainformationen im Frontend auszugeben. Die Forschungsdaten wurden ebenfalls im Repositorium abgelegt und direkt aus der eigenen Reader-Lösung verlinkt. Die individuelle Programmierung ermöglichte die Darstellung der gesamten Arbeit, der Bibliographie und der Daten, auch ohne die direkte Verwendung von Authorea. Dennoch stellte diese Lösung sicher, dass die Inhalte zwischen GitHub und Authorea weiterhin automatisch synchronisiert wurden und stets aktuell waren. Der Reader ermöglichte es, jederzeit auf den aktuellen Stand der Texte und Daten zuzugreifen. Der Quellcode für die Reader-Applikation wurde wie die Daten und die gesamte Arbeit auf GitHub und dem Forschungsrepositorium zu dieser Arbeit als Open-Source-Software veröffentlicht (Heise_2015c).

Obwohl nach Evaluation aller webbasierten Schreibplattformen zunächst eine geeignete Lösung gefunden worden war, war es ohne eigene Programmierarbeit nicht möglich, den gesamten Inhalt der Arbeit jederzeit offen einsehbar und verfügbar zu halten. Demnach wird davon ausgegangen, dass der Erstellungsprozess einer Dissertation schon an den aktuellen technischen Möglichkeiten von Standardlösungen scheitern kann, wenn der Wissenschaftler und die Wissenschaftlerin nicht über ausreichende (Programmier-)Kenntnisse zur Bewältigung technischer Herausforderungen verfügen.

Praxistauglichkeit

Die folgende Darstellung der evaluierten Applikationen für die offene Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit wurde als wichtig erachtet, da die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation eng mit den technologischen Gegebenheiten (Naeder_2010), dem vorherrschenden technischen Wissen und der Praktikabilität der Erstellung des Inhalts verknüpft ist. Die Auflistung der technologischen Gegebenheiten erscheint als sinnvoll, um die Praxistauglichkeit an den Bedürfnissen für die offene Erstellung und Darstellung zu überprüfen.

In dem Experiment sollte die Arbeit als strukturierter Text mit einer strukturierten Zitationsverwaltung und mit einer öffentlichen Versionskontrolle sowie die im Zusammenhang mit der Arbeit erhobenen Daten jederzeit öffentlich einsehbar sein. Ein maschinenlesbarer Export sollte außerdem die Darstellung der Inhalte in anderen Systemen ermöglichen.

Die folgende Auswahl ist exemplarisch und die Evaluation der verfügbaren Plattformen erhebt dabei weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf eine generelle Anwendbarkeit für die Erstellung wissenschaftlicher Publikationen:

  • Google Docs hat sich bereits im Rahmen der Erstellung des Promotionsexposés als einfache und praktikable Lösung für die Erstellung und Darstellung kurzer Texte herausgestellt. Google Docs ermöglicht die simultane Arbeit an einem Dokument durch mehrere Autoren und Autorinnen und ist dadurch für kollaborative Arbeiten geeignet. Veränderungen am Text konnten allerdings nur unzureichend dargestellt werden und mit zunehmender Länge des Textes verringerte sich auch die Performanz der Web-Plattform. Außerdem waren keine oder nur begrenzte Lösungen für die Darstellung umfangreicher Literaturangaben und die Verwaltung von Zitationen gegeben. Zum Zeitpunkt der Evaluation beschränkten sich die direkten Darstellungsmöglichkeiten primär auf die Google-Plattform und eine Integration auf andere Seiten war nur unzureichend möglich.
  • Wikis, z.B. MediaWiki, sind Online-Plattformen auf Grundlage einer Open-Source-Software, mit der Inhalte jeglicher Art, zumeist jedoch Text, von Nutzern und Nutzerinnen nicht nur über einen Webbrowser gelesen, sondern auch direkt bearbeitet werden können. Das prominenteste Beispiel ist die freie Enzyklopädie Wikipedia. Für das akademische Schreiben sind sie nur begrenzt geeignet, da Wikis vornehmlich für nicht-wissenschaftliche und verhältnismäßig kurze Texte konzipiert sind. Grundsätzlich sind über Extensions Funktionserweiterungen der jeweils eingesetzten Wikisoftware möglich. Diese Erweiterungen gibt es auch für viele der notwendigen Funktionen für das wissenschaftliche Publizieren, allerdings werden diese nur unregelmäßig gewartet und müssen trotzdem umfangreich angepasst werden. Wikis sind darüber hinaus auch strukturell nicht für die Erstellung und Darstellung von langen Texten geeignet und weisen Defizite bei der Handhabung auf.
  • Fidus Writer ist eine Online-Anwendung, bestimmt für das akademische Schreiben und Publizieren. Ähnlich wie Google Docs ermöglicht die Applikation simultanes Arbeiten an einem Dokument in Echtdarstellung durch mehrere Autoren und Autorinnen, ist aber im Gegensatz zu dem Google-Produkt mit grundlegenden Funktionen für das akademische Publizieren angereichert. Dazu gehören unter anderem eine Zitationsverwaltung und ein Formeleditor. LaTeX-Kenntnisse sind für die Erstellung nicht nötig. Der Export der erstellten Dokumente ist auf vorgegebene Ausgabeformate beschränkt und nur in HTML, LaTeX und ePub möglich. Eine Importfunktion sowie die Anbindung an GitHub oder andere Speicherdienste ist bisher nicht vorgesehen. Die offene Darstellung oder Einbettung der erstellten Inhalte auf anderen Plattformen ist bei Fidus Writer nicht möglich. Die Entwicklung der Plattform befindet sich noch im Teststadium, ist nur mit aktuellen Versionen der Browser Google Chrome und Safari kompatibel und hat sich in letzter Zeit stark verlangsamt (Wilm_2015).
  • Booktype ist eine Open-Source-Software, die es mehreren Autoren und Autorinnen ermöglicht, an einem Buch zu schreiben. Die Plattform ist ebenfalls auf nicht-wissenschaftliche Texte ausgelegt und somit fehlen grundlegende Funktionen wie eine wissenschaftliche Literaturverwaltung und umfangreiche Zitierfunktionen. Die Software bietet zwar diverse Exportformate, ist allerdings primär für die nicht-wissenschaftliche Textarbeit konzipiert. Der Bedienungskomfort und die Versionskontrolle sind eingeschränkt und die Ablage von Daten und weiteren Informationen ist nur begrenzt bis überhaupt nicht möglich. Import- und Exportfunktionen beschränken sich auf die fertige Publikation.
  • Authorea ist ebenfalls eine Webanwendung, die im Browser die kollaborative Textverarbeitung und die Ablage wissenschaftlicher Dokumente in einem Repositorium ermöglicht. Autoren und Autorinnen können über die Webseite wissenschaftliche Texte verfassen, editieren und darstellen sowie Bibliographien erstellen, verwalten und durchsuchen. Dazu wird der Text in einzelne Stücke zerlegt, die jeweils von einem Autor oder einer Autorin bearbeitet werden können. Die Bearbeitung kann in LaTeX oder Markdown erfolgen und ermöglicht während der Erstellung grundlegende Funktionen der Echtbilddarstellung ("WYSIWYG"). Darüber hinaus können Quellen und Referenzen von externen Quellen zum Beispiel über einen Digital Object Identifier (DOI) importiert werden. Die technische Infrastruktur hinter der Plattform erlaubt es, bei der Erstellung der Arbeit Zwischenstände und Veränderungen abzulegen, sie zu dokumentieren und öffentlich darzustellen. Dieses Revisionssystem kann optional auch an die Softwareentwicklungsplattform GitHub angebunden werden. Die Texte können zu jeder Zeit über bestimmte Templates in verschiedene Formate exportiert und öffentlich oder privat verfasst werden. Die Funktion, nicht-öffentliche Texte zu verfassen, steht allerdings nur zahlenden Nutzern und Nutzerinnen zur Verfügung. Die Darstellung der Texte ist responsiv und ermöglicht das einfache, geräteübergreifende Lesen der Inhalte.
  • Overleaf (ehemals writeLaTeX) vereint verschiedene Funktionen der bisher genannten Lösungen. So beherrscht das System eine einfache Änderungsverfolgung und eine Versionshistorie. In seiner aktuellen Version beinhaltet die Plattform alle notwendigen Funktionen, einen wissenschaftlichen Text in LaTeX zu verfassen. Die Ausgabeformate und -möglichkeiten ermöglichen den Export nach GitHub als gepacktes Dokument (ZIP) und als PDF. Einige der Funktionen stehen dabei ebenfalls nur zahlenden Nutzern und Nutzerinnen zur Verfügung, so zum Beispiel die Integration von Dropbox, mehr Speichervermögen und das Verfassen von nicht-öffentlichen Dokumenten. Dennoch richtet sich die Plattform eher an technisch versierte Nutzer mit LaTeX-Know-how. Wie bei Authorea hat man die Möglichkeit, seine Inhalte mithilfe von LaTex zu erstellen, in Ergänzung dazu aber auch Fehler im LaTeX-Code zu identifizieren und zu beheben. Im Gegensatz zu Authorea ist der öffentliche Lesemodus aber weder responsiv noch für die einfache Lesedarstellung oder Integration auf anderen Webseiten geeignet. Geplant ist außerdem die Möglichkeit, die gesamte Historie eines Projekts darzustellen. Die Änderung des Namens der Plattform Ende 2014 ist mit der Ausweitung der Funktionsvielfalt auf generelle Publikationsprozesse und auf den nicht-wissenschaftlichen Bereich verbunden (Hammersley_2014).
  • shareLaTeX ist vom Funktionsumfang her ähnlich wie Overleaf, beschränkt sich aber auf die Aufgabe eines webbasierten LaTeX-Editors, ohne die Möglichkeiten, vorformatierten Text (Rich-Text) zu importieren oder zu editieren. Die Applikation spricht eine eher technisch versierte und wissenschaftliche Zielgruppe an, die in der Lage ist, LaTeX zu editieren. Neben Google Docs ist shareLaTeX die einzige Plattform, die bisher in deutscher Sprache verfügbar ist. Auch hier sind unterschiedliche Ausgabeformate und -templates vorhanden und die Nutzer und Nutzerinnen können ihre erstellten Templates anderen Nutzern zur Verfügung stellen. Darüber hinaus erlaubt die Webapplikation seit Anfang 2015 den Import von GitHub. Funktionen wie die Synchronisierung der abgelegten Daten mit GitHub, Dropbox, ein vollständiger Versionsverlauf und eine unbegrenzte Anzahl von Dokumenten stehen aber nur zahlenden Nutzern zur Verfügung. Wie bei Overleaf eignet sich die öffentliche Darstellung von shareLaTeX-Dokumenten allerdings nicht zur einfachen Darstellung des Inhalts für Dritte oder zum Einbetten in bestehende Umgebungen.
  • Etherpads sind eine Art öffentlicher Notizblock mit Versionskontrolle. Es kann am ehesten mit Google Docs verglichen werden, hat aber einen viel geringeren Funktionsumfang. Wie bei Google Docs fehlen hier die Funktionen, die für das wissenschaftliche Publizieren notwendig sind. Die Inhalte werden in einem Markdown-ähnlichen Format verfasst, aber die Strukturierung der Dokumente ist nur in eingeschränktem Maße möglich. Die Exportmöglichkeiten sind ebenfalls begrenzt und eine Darstellung im Lesemodus bei Beschränkung der Editierfunktion ist nur über technische Umwege möglich. Etherpads eignen sich hinsichtlich des Funktionsumfangs und der Darstellungsmöglichkeiten im wissenschaftlichen Prozess nur für die schnelle kollaborative Erstellung und Bearbeitung von Notizen.

Abbildung: Praxistauglichkeit der evaluierten Systeme (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Die Plattform Authorea hat sich demnach bei der Evaluation als das am praxistauglichste System herausgestellt. Dennoch zeigt diese Auflistung, dass alle betrachteten Tools durch ihren begrenzten Funktionsumfang nicht ausnahmslos für die offene Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit am Beispiel dieser Arbeit geeignet sind. Bei allen Lösungen bedarf es der Anpassung, Zusammenfassung und Ergänzung von Funktionen, damit die Arbeit in vollem Umfang jederzeit öffentlich einsehbar und dokumentierbar ist.

Vor- und Nachteile

Vorteilhaft kann sich die offene Schreibweise in den Fällen erweisen, in denen eine (fach-)öffentliche Diskussion die Arbeit des Forschers oder der Forscherin positiv beeinflusst. Im Rahmen der Erstellung einer Promotion ist das nur begrenzt von Vorteil, da die Arbeit "selbstständig" (Leuphana_2011) erstellt werden muss. Es wird sich zukünftig herausstellen, in welchem Umfang Kommentare oder kollaborative Schreibweisen diese Selbstständigkeit gefährden oder ein "unerlaubtes Hilfsmittel" (Leuphana_2011) darstellen. Bei der Erstellung dieser Qualifikationsarbeit wurden die Kommentar- und kollaborativen Schreibfunktionen, die bei Authorea zur Verfügung standen, proaktiv deaktiviert, um die Voraussetzungen der Promotionsordnung zu erfüllen (Heise_2013). Die einzige Möglichkeit, den Autor über die Plattform zu kontaktieren bestand per E-Mail und auf der Webseite http://offene-doktorarbeit.de konnte man Literaturempfehlungen per E-Mail einreichen. Davon wurde allerdings im gesamten Verlauf nur zweimal Gebrauch gemacht.

Ein weiterer Vorteil der offenen Schreibweise in den genutzten Systemen bezog sich auf die Möglichkeit, die unterschiedlichen Versionen und Revisionen der Arbeit einfach und transparent zu durchsuchen. Somit war es möglich, den Erstellungsprozess einzelner Sätze oder Absätze auch im Nachhinein transparent nachvollziehbar und überprüfbar zu machen. Damit stehen die Arbeit und die damit verbundene wissenschaftliche Erkenntnis der (Fach-)Öffentlichkeit möglichst umfassend für Kritik offen. Für den Autor hatte dieses Vorgehen den Vorteil, dass in den drei Jahren Schreibphase jederzeit die Möglichkeit bestand, Satzkonstruktionen und Gedankengänge rückwirkend zu durchsuchen, nachvollziehbar und darstellbar zu machen.

Die Aufmerksamkeit für die offene Schreibweise der Doktorarbeit im direkten Umfeld des Autors war verhältnismäßig groß. Inhaltlich hatte das zwar kaum Effekte, dennoch stieg die Anzahl der regelmäßigen Nachfragen bezüglich des Bearbeitungstandes der Arbeit, nachdem der Text einsehbar war. Der soziale Druck, die Arbeit voranzubringen, stieg ebenfalls. Hinweise auf inhaltliche oder Rechtschreibfehler blieben weitestgehend aus. Die Webseite http://offene-doktorarbeit.de wurde von bis zu 362 Besuchern im Monat aufgerufen. Die Anzahl der Nutzer und Nutzerinnen stieg fast linear mit der Anzahl der Blogbeiträge und dem fortschreitenden Schreibprozess der Arbeit.

Abbildung: Besucherzahlen auf offene-doktorarbeit.de (für Vergrößerung auf Bild klicken)

Einen weiteren Vorteil stellte die Quantifizierung des Arbeitsverhaltens dar. Durch die Ablage auf GitHub und durch das Speichern der einzelnen Arbeitsfortschritte in einem Revisionssystem war es möglich, verschiedene rudimentäre Statistiken rund um das Arbeits- und Beitragsverhalten als Autor zu erheben und darzustellen. So ermöglichte zum Beispiel die Darstellung einer sogenannten Punchcard die Registrierung, an welchem Wochentag und zu welcher Uhrzeit die meisten Bearbeitungen und Veränderungen eingereicht wurden. Die Information kann zum Beispiel dabei helfen, die Zeit zu identifizieren, an denen der Autor oder die Autorin am besten arbeiten kann. Somit können diese Erhebungen zum einen informative und motivierende Effekte haben, zum anderen aber auch negative Konsequenzen nach sich ziehen und zum Beispiel grundsätzlich die Überwachung des Arbeits- und Publikationsverhaltens von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ermöglichen. Die Folgen einer flächendeckenden Überwachung des Verhaltens werden in dieser Arbeit nicht betrachtet, bieten aber dennoch einen Ansatzpunkt für weitere Forschung.

Nachteile ergaben sich aus der fehlenden Verfügbarkeit einfacher technischer, rechtlicher und konzeptioneller Standards bei der offenen Erstellung wissenschaftlicher Qualifizierungstexte und bei der Veröffentlichung von Forschungsdaten. Es fehlt an einfachen und zugänglichen Diensten und Applikationen, die es dem Autor oder der Autorin einfach macht, den Text zu erstellen und Daten zu verwalten. Auch die Darstellung des gesamten Prozesses der Erstellung wissenschaftlicher Publikationen ist bisher wenig verbreitet und nicht standardisiert. Der Rückgriff auf die Entwicklerplattform GitHub, bei der ein Revisionsverhalten tief im System verankert ist, stellte dabei einen pragmatischen Ausweg dar.

Mit LaTeX stand zwar ein wissenschaftlicher Textsatz zur Verfügung, der auch dem Anspruch einer strukturierten Ablage von Text gerecht wurde und damit der Annahme entsprach, Text als Code zu behandeln, allerdings ist dieser kompliziert zu handhaben und an vielen Stellen fehlt ein einfaches Frontend mit dem Funktionsumfang eines gängigen Textverarbeitungsprogramms, um dieses System offen, einfach und zu jedem Zeitpunkt verfügbar zu nutzen. Ergänzend war mit BibTeX ein Literaturdatenbanksystem für Literaturangaben für LaTeX-Dokumente verfügbar, das ebenfalls sehr komplex ist, aber umfassend unterstützt wird. Auch für BibTeX gibt es mit wenigen Ausnahmen kein einfaches Frontend und die Bearbeitung, Validierung und Darstellung ist eher aufwendig.

Die Arbeit jederzeit in jedem Zustand für jeden im Internet einsehbar zu halten, erschien am Anfang befremdlich, wurde aber nach einiger Zeit normal. Darüber hinaus stellt die ständige Befürchtung, im Bearbeitungszustand falsche oder fehlerhafte Inhalte zu verbreiten, eine weitere Hürde bei der offenen Schreibweise dar, die sich aber ebenfalls im Schreibprozess reduzierte und durch eine geeignete Kennzeichnung über den aktuellen Stand der Arbeit bei der Darstellung verringert werden konnte. Bei der Erstellung dieser Arbeit wurde deshalb möglichst auffällig immer wieder auf den Zustand der Arbeit hingewiesen.

Als weiterer Nachteil gegenüber der analogen und geschlossenen Arbeit ist der Aufwand für die Anonymisierung und Veröffentlichung der Umfragedaten kurz nach Abschluss der Erhebung zu nennen. Auch die Abklärung der rechtlichen Rahmenbedingungen nimmt bisher viel Zeit in Anspruch, ist aber ebenfalls überwindbar.

Die Gefahr, dass Inhalte fehlinterpretiert werden oder vorab wissenschaftlich anerkannt "veröffentlicht" werden und die Arbeit somit gegebenenfalls nicht mehr als unveröffentlichte, originäre Leistung anerkannt wird, konnte während des Verfassens dieser Arbeit nicht bestätigt werden. Dennoch empfiehlt es sich, diesen Umstand bei zukünftigen Vorhaben zu beachten.

Kritische Betrachtung der Vorgehensweise

Seit Beginn der Erstellung der Arbeit haben die technische Entwicklung und die Möglichkeiten für das digitale wissenschaftliche Publizieren einige Fortschritte gemacht. In den letzten zwei Jahren ist eine Vielzahl an Tools und Applikationen entwickelt und veröffentlicht worden, die die digitale Veröffentlichung von wissenschaftlichen Inhalten im Internet fokussieren. Diese bringen viele Vorteile für die offene Bearbeitung von wissenschaftlichen Fragestellungen. Vor allem in Bezug auf die Darstellung wissenschaftlicher Inhalte in dem Blogsystem Wordpress hat es einige interessante Entwicklungen und Modifikationen gegeben, die hier nicht in vollem Umfang berücksichtigt werden konnten.

Die Begrenzung in Bezug auf die Verwendung und Evaluation der im Rahmen dieser Arbeit berücksichtigten Plattformen rührt daher, dass bei fortlaufender Erarbeitung und beim Anstieg des Textvolumens ein Wechsel der Plattform trotz system- und plattformübergreifender Textformatierung immer aufwendiger und schwieriger wurde. Die im Erstellungszeitraum dieser Arbeit aus dem Umfeld der Öffnung und Digitalisierung wissenschaftlicher Forschung neu entwickelten Dienste und Tools vereinfachen dennoch zunehmend die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation und Information und erleichtern die Verwaltung von Forschungsdaten und des gesamten Forschungsprozesses. Bis zum Abschluss dieser Arbeit lag jedoch keine Lösung vor, mit der diese Arbeit ganz in dem praktizierten Umfang von Offenheit hätte erstellt werden können.

Kritisch muss dabei angemerkt werden, dass Offenheit im Rahmen jedweder Kommunikation im Rahmen dieser Arbeit auch nur in begrenztem Maße möglich und wünschenswert war. Zwar wurden die Zwischenstände, Präsentationen und Entwicklungen beim Erstellungsprozess der Arbeit im Blog unter http://offene-doktorarbeit.de dokumentiert und der Text sowie Abbildungen und Daten waren jederzeit über http://live.offene-doktorarbeit.de einsehbar, doch hätte man noch weitere Möglichkeiten der Öffnung realisieren können. Die Einbeziehung externer Personen in die Erstellung des Textes, die Öffnung der Mailkommunikation im Zusammenhang mit der Arbeit, die audiovisuelle Dokumentation von Vorträgen und Diskussionen und vieles mehr wäre zwar denkbar, jedoch nicht ohne Mehraufwand und unter den Ansprüchen an Privatheit möglich und unter Umständen auch nicht mit der Promotionsordnung vereinbar gewesen. So wurden zum Beispiel Gespräche mit dem Doktorvater und anderen Personen nicht dokumentiert, weil in diesem Zusammenhang eine Einschränkung der Privatheit und des wichtigen Freiraums für Austauschs mit negativen Effekten auf die Erstellung der Arbeit vermutet wurde.

Die Übertragbarkeit aller Erfahrungen aus dem Experiment der Erstellung einer offenen geisteswissenschaftlichen Arbeit auf andere Fächer ist dennoch nur begrenzt möglich. Der Aufwand bei der Datenbereitstellung, die Vorgehensweise, die Darstellungsformen und der wissenschaftliche Erkenntnisprozess können sich stark von dem Aufwand in anderen Disziplinen unterscheiden. Dennoch gibt es Überschneidungen bei der grundlegenden Herangehensweise für die offene Erstellung einer Arbeit.

Von diesem Einzelexperiment und der Verortung in den Geisteswissenschaften, der begrenzten Möglichkeiten der Nutzung von kollaborativen Schreibprozessen im Rahmen einer Qualifikationsarbeit sowie der begrenzten Reichweite des Vorhabens sind die ganzen Konsequenzen einer Öffnung für die wissenschaftliche Gemeinschaft und Gesamtgesellschaft nur eingeschränkt ableitbar. Vor allem in Bezug auf die in den Grundlagen genannten Hindernisse und Befürchtungen wie Themen-, Ideen- und Datendiebstahl und Fehlinterpretation können hier nur eingeschränkt ausgeräumt werden. Dennoch wurde der Beweis angetreten, dass es grundsätzlich möglich ist.

Zwischenergebnis: Handlungsempfehlungen für das Verfassen einer offenen wissenschaftlichen Arbeit

Wie erwartet muss der Aufwand für die Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit in einer geschlossenen Umgebung auf dem eigenen Rechner als geringer eingeschätzt werden als die offene Texterstellung im Internet unter einer offenen Lizenz für jeden jederzeit einsehbar. Trotz mehrfachen Wechsels der Softwareumgebung, konnte letztendlich keine einfache Lösung gefunden werden, die der Bedienbarkeit und Flexibilität der geschlossenen wissenschaftlichen Textbearbeitung auf dem Desktop entspricht.

Das Experiment hat verdeutlicht, dass der Forderung nach Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses und der damit verbundenen Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation zum Erstellungszeitpunkt dieser Arbeit noch nicht ohne erheblichen Mehraufwand nachgekommen werden kann. Nur mit ausreichend programmiertechnischen Kenntnissen kann der Anspruch an die offene Schreibweise, der zeitnahen und umfassenden Veröffentlichung von Kommunikation und Daten nach wissenschaftlichen Maßstäben erfüllt werden. Demnach müssen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der Lage sein, die technischen Herausforderungen zu überwinden und die Rahmenbedingungen für den offenen Schreibprozess selbst zu schaffen. Weder die Forschungsinstitutionen noch private Anbieter sind bisher in der Lage, Plattformen für die Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Prozesses anzubieten. Zu unterschiedlich sind die Anforderungen in den verschiedenen Disziplinen, zu mannigfaltig die Funktionen in den vorhandenen Applikationen, zu uneinheitlich die Standards für das digitale Publizieren und zu verschieden der Kenntnisstand bei der Verwendung digitaler Methoden und Tools.

Die skizzierten technischen Herausforderungen legen die Vermutung nahe, dass für die Öffnung des wissenschaftlichen Kommunikationsprozesses, zumindest bisher, mindestens rudimentäre Programmierkenntnisse bei den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen erforderlich sind. Ohne Kenntnisse über Webtechnologien, Quellcodes und Datenbanken wäre die offene Darstellung dieser Arbeit nicht möglich gewesen. Trotz der Entwicklung neuer Plattformen ist bisher von einer offenen Schreibweise ohne programmiertechnische Grundkenntnisse abzuraten. Liegen diese Kenntnisse vor, kann eine solche Art der Anfertigung einer wissenschaftlichen (Qualifikations-)Arbeit allerdings als sehr bereichernd und motivierend wirken.

Den rechtlichen Herausforderungen im Rahmen der Vereinbarkeit mit dem auf den Druck der finalen Publikation ausgelegten Prozess konnte im Rahmen dieser Arbeit nur nach einiger Zeit der Prüfung mit einer schriftlichen Ausnahmeregelung der Promotionskommission begegnet werden. Diese wurde auf Anfrage durch den Autor und nach umfänglicher Prüfung erteilt. Bei der Regelung bleibt allerdings ein Rest Unsicherheit, da die bei der Abgabe verantwortliche Promotionskommission gegebenenfalls unter anderer Zusammensetzung als bei der Zustimmung zu dem offenen Schreibprozess die Annahme der Dissertation erneut zu prüfen und zu beschließen hat.

Insgesamt müssen die Vor- und Nachteile der offenen Schreibweise ausgewogen betrachtet werden. Die offene Erstellung dieser Arbeit hat gezeigt, dass der Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation im Rahmen einer Promotionsarbeit grundsätzlich entsprochen werden kann.

Letztendlich, so das Ergebnis des eigenen Experiments, sind unter mit dieser Arbeit vergleichbaren Bedingungen durch die offene Schreibweise bisher weder fundamentale Vorteile noch unlösbare Hürden für den publizierenden Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin erkennbar. Die gegebenenfalls positiven Folgen der offenen Publikation von Inhalten und Daten sowie deren Nachnutzung können im Rahmen dieser Arbeit nicht betrachtet werden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Reichweite dieser Arbeit und der dazugehörigen Daten, die von Arbeiten im geschlossenen Raum übersteigt. Weitere Experimente mit der offenen Forschungsarbeit sind demnach notwendig, um abschließend zu evaluieren, ob eine solche Art des Verfassens von Forschungs- und Qualifizierungsarbeiten einen fundamentalen Vorteil für die Wissenschaft und die Öffentlichkeit bringt.

Ziel des Experiments war auch die Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen aus den Erfahrungen beim offenen Verfassen wissenschaftlicher (Qualifikations-)Arbeiten. Folgende zehn Empfehlungen, die für das Verfassen einer offenen wissenschaftlichen Arbeit berücksichtigt werden sollten, resultieren aus den Erfahrungen des Experiments:

  1. Bevor sich der Autor oder die Autorin für das offene Schreiben und das zeitnahe oder zeitgleiche Veröffentlichen des jeweils aktuellen Stands der Arbeit entscheidet, sollte mit der Universität geklärt werden, ob diese Art und Weise der Publikation mit den Richtlinien der Institution oder den Voraussetzungen des jeweiligen finalen Veröffentlichungskanals vereinbar sind. Falls Unklarheiten bestehen, sollte eine schriftliche Erlaubnis eingefordert werden. Das gilt insbesondere für wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten.
  2. Autoren und Autorinnen, die sich für die direkte Veröffentlichung im Internet entscheiden, sollten sich vorab mit den technischen Grundlagen vertraut machen. Ein Grundverständnis von Quellcodes und Software ist dabei von großem Vorteil, wenn nicht sogar Voraussetzung. Da es bisher nur wenige standardisierte Systeme und Formate für die Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten gibt, helfen diese Kenntnisse, Probleme und Herausforderungen zu verstehen, zu lösen und gegebenenfalls zu umgehen.
  3. Die gewissenhafte Auswahl der Software für die Texterstellung und Datenverarbeitung spielt eine wichtige Rolle für das Vorhaben. Die Autoren oder Autorinnen sollten von Beginn an eine Lösung wählen, die es ihnen einfach macht, den Text zu schreiben und zeitnah im Internet zu veröffentlichen. Der Aufwand für die Erstellung und die Motivation, die Arbeit voranzubringen, hängt auch mit dem Nutzungskomfort der Software zusammen. Es sollte zudem sichergestellt werden, dass die Stabilität für den gesamten Text gegeben ist.
  4. Es empfiehlt sich, für die zeitnahe Veröffentlichung, Dokumentation und Anonymisierung der erhobenen Daten gesondert Zeit einzuplanen. Für die Veröffentlichung von Forschungsdaten sollte außerdem eine Plattform gewählt werden, die für die Gewährleistung eines hohen Qualitätsstandards ein Review durchführt und sämtliche Forschungsdaten vor der Veröffentlichung prüft. So kann sichergestellt werden, dass die nötige Anonymität gewahrt ist und die Daten nachhaltig verfügbar und auffindbar sind.
  5. Die Erwartungen an die Reichweite und die Vorteile im Verlauf des offenen Verfassens der Arbeit sollten nicht zu hoch gesteckt werden. Wer das offene Verfassen nutzen will, um während des Schreibens zusätzliches Feedback oder weitere Ideen einzuholen, darf sich nicht darauf verlassen, dass das automatisch geschieht, nur weil die Arbeit jederzeit einsehbar ist. Das ist dadurch bedingt, dass es sich um eine relativ neue Form der wissenschaftlichen Arbeit handelt. Dennoch kann über diese Art der Veröffentlichung eine beachtliche Reichweite generiert werden.
  6. Die Dokumentation des Vorhabens und die damit verbundenen Tätigkeiten sind wichtig und sollten ebenfalls mit eingeplant werden. Die umfassende Dokumentation ermöglicht eine bessere Darstellung des Forschungsvorhabens und der Beweggründe für das Vorhaben. Darüber hinaus bietet sie eine Möglichkeit, interessante Informationen (wie zum Beispiel Zeitplan und Ablauf) fortlaufend bei der Erstellung der Arbeit zu kommunizieren, Nutzer und Nutzerinnen stärker in den Erstellungsprozess mit einzubinden und den Erkenntnisprozess insgesamt transparenter und offener zu gestalten. Auch hier ist allerdings ein Mehraufwand gegenüber der geschlossenen Erstellung von wissenschaftlichen Arbeiten zu erkennen.
  7. Es sollte unbedingt auf eine offene Lizenz zurückgegriffen werden, um den Ansprüchen für Offenheit und Transparenz gerecht zu werden sowie anderen die (Weiter-)Nutzung der Inhalte und Daten möglichst umfassend zu ermöglichen.
  8. Bei der Erstellung, Erhebung und Darstellung sollte jederzeit berücksichtigt werden, dass alle Texte, Daten und Informationen unwiderruflich im Internet veröffentlicht sind und gegebenenfalls auch bleiben. Die offene wissenschaftliche Arbeit erfordert demnach sehr viel Sorgfalt und Disziplin.
  9. Das soziale Umfeld des Autors oder der Autorin sollte auf die Dokumentation der Arbeit hingewiesen werden, da so positiver Druck im Rahmen des Zeitplans entstehen kann. Das motiviert und erhöht die Arbeitsmoral.
  10. Es empfiehlt sich, an prominenter Stelle immer wieder darauf hinzuweisen, dass es sich um eine unvollendete und laufende Arbeit handelt. Außerdem sollten die eventuellen Einschränkungen der Funktionsvielfalt (zum Beispiel keine Kommentarfunktion) in Bezug auf die Selbständigkeit der Erstellung der Arbeit sauber und offen kommuniziert werden.

Kapitel: Diskussion

"The sciences are too good merely to avert attention from what science does."
(Kittler_2004)

Der digitale Wandel im wissenschaftlichen Publikationssystem stellt eine Chance dar, das tradierte System so zu justieren, dass es ohne Qualitätsverlust, ohne Einschränkung der Wissenschafts- oder Publikationsfreiheit und vorbehaltlich einer angemessenen Zuordnung der Urheberschaft zu einer umfassenderen und schnelleren Verteilung von Wissen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auch die gesamte Gesellschaft erreichen kann – so die Hoffnung der Befürworter und Befürworterinnen des Wandels hin zur Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation im Rahmen von Open Access. Der Mediziner und Wissenschaftshistoriker Michael Hagner fasst diese Chance wie folgt zusammen: "Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte der Wissenschaften verfügen diese über ein Medium, das ihnen eine auf ihre Interessen hin zugeschnittene Tagesaktualität offeriert, die dem nahekommt, was Massenmedien wie Tageszeitung, Radio und Fernsehen früher bereits der Allgemeinheit anbieten konnten" (Hagner_2015: 50).

Das Potenzial der Digitalisierung und die damit einhergehenden Möglichkeiten der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation sind jedoch noch viel umfassender und weitreichender. Neben der Chance für einen freien und offenen Zugang zu finalen wissenschaftlichen Publikationen eröffnet sich im Rahmen dieser Entwicklung erstmals auch die Möglichkeit für den umfassenden Zugriff auf Daten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und die Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Im Verlauf der Arbeit wurde gezeigt, das in diesem Zusammenhang umfangreiche Konsequenzen auf die tradierte Klassifikation, die Abgrenzung und Einordnung von wissenschaftlicher Kommunikation, die bestehenden Paradigmen wissenschaftlicher Praxis, die Ressourcenverteilung, die Kriterien für den Reputationserwerb und auf die regulierenden Prinzipien im Rahmen wissenschaftlicher Diskurse zu vermuten sind. Somit scheint die Überlegung legitim, ob es sich bei diesen teilweise noch bevorstehenden neuen Möglichkeiten und Veränderungen der Tradition wissenschaftlicher Praxis "nur" um eine Anpassung der bestehenden wissenschaftlichen Praxis oder um eine wissenschaftliche Revolution handelt (Kuhn_2012).

Ein Ziel dieser Arbeit war die Darstellung und Analyse der theoretischen Annahmen und unterschiedlichen Definitionsversuche rund um die Etablierung des Zugangs zu und des Zugriffs auf wissenschaftliche Erkenntnisprozesse. Es wurden Hindernisse und Katalysatoren für die Etablierung der beiden Konzepte anhand theoretischer und empirischer Betrachtungen ausgeführt, Grundannahmen aus der Literatur extrahiert, um die Auffassungen und Meinungen der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ergänzt und den eigenen Erfahrungen in einem Selbstversuch unter den praktischen Gegebenheiten im wissenschaftlichen Alltag gegenübergestellt. Dabei konnte eine Diskrepanz zwischen der Idee der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und dem Interesse der wissenschaftlichen Gemeinschaft an dieser Idee sowie den Möglichkeiten und der gelebten Praxis in der wissenschaftlichen Realität belegt werden.

In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der durchgeführten Befragung, des Selbstexperiments, die Argumentationsstränge der Debatten zum Wandel der wissenschaftlichen Kommunikation in der Literatur im Rahmen der Digitalisierung und die zu Beginn der Arbeit formulierten Forschungsfragen abschließend diskutiert. Ziel ist es, zu einer differenzierten, zusammenfassenden Betrachtung der Ergebnisse der theoretischen Ausarbeitung, der Befragung und des Experiments zu gelangen und diese in den Kontext der Fragestellungen der Arbeit zu stellen und kritisch zu diskutieren.

Wesentliche Aspekte von Open Access und Open Science

Die Literaturrecherche machte deutlich, dass die unterschiedlichsten Definitionsversuche der Begriffe Open Access und Open Science bestehen. Im Folgenden wird eruiert, welche Annäherungen an die Begrifflichkeiten als besonders sinnvoll erachtet werden, welche Vermutungen in der Literatur darüber vorherrschen, warum die Öffnung von Wissen in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlich stark etabliert ist, und welchen Einfluss Offenheit und der freie Zugang auf das wissenschaftliche Reputationssystem haben kann.

Eine eng gefasste begriffliche Abgrenzung der beiden Konzepte ist aktuell noch nicht möglich. Zu facettenreich sind die unterschiedlichen Anknüpfungspunkte sowie die Entwicklungen und Eigenheiten in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und Arbeitsbereichen. Als zentraler Annäherungspunkt dient in dieser Arbeit deshalb die präzise Definition des gemeinsamen Attributs "Open" und eine damit einhergehende Verknüpfung mit der Open-Definition (Open_Definition_2014). Die Open-Definition dient dabei als Rahmen für die rechtliche, technische und politische Ausrichtung der beiden Konzepte und beschreibt vor allem die Grundlagen, wann zum Beispiel ein wissenschaftliches Werk, ein beliebiger Teil des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses oder ein Datensatz den Bedingungen entspricht, um kompatibel mit der Idee von Offenheit zu sein.

Open Access

Open Access hat sich in den letzten 25 Jahren zu der meistgenannten Lösung für die beschriebenen Herausforderungen im wissenschaftlichen Kommunikations- und Publikationssystem entwickelt (Brembs_2015). Seit den ersten Experimenten mit der Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts existieren mehrere heterogene Definitionsansätze von Open Access und es bestehen unterschiedliche Auffassungen über die verschiedenen Modelle und Wege hin zu dem Ziel der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation. War die Eingrenzung von Open Access bis Anfang der 2000er Jahre noch sehr vage, haben die "drei Bs" (Budapest Open Access Initiative, Bethesda Stellungnahme und Berliner Erklärung) einen Beitrag zur Vereinheitlichung der Forderungen geleistet. Die Erklärungen stimmen in wesentlichen Merkmalen überein (Albert_2006), unterscheiden sich aber in ihrem Ausgestaltungs-, Auswirkungs- und Bezugsrahmen (Naeder_2010). Das erschwert die Abgrenzung des Begriffs "Open Access" und die Reaktion auf die Forderungen nach der Öffnung des Zugangs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen nachhaltig.

Näder fasst diese Situation wie folgt zusammen (Naeder_2010): "Selbst nach der vollständigen Rezeption aller drei Erklärungen bleibt schließlich ein gewisser Interpretationsspielraum: Etwa hinsichtlich der Frage, ob ein Dokument auch dann dem Open-Access-Gedanken entspricht, wenn die in den beiden jüngeren Erklärungen geforderten Zusatzmaterialien nicht mitgeliefert werden und das Dokument erst nach Ablauf der vertraglichen Schutzfrist online zugänglich gemacht wird."

Will man dennoch zu einer gemeinsamen Rahmendefinition von Open Access kommen, könnte ein alternativer Ansatz das Streben nach einer gemeinsamen und eindeutigen Definition des Attributs "Open" sein. Das erscheint sinnvoll, um die ideelle Entwicklung von Offenheit in Wissenschaft und Forschung in ihrer ursprünglich gedachten Form auch in anderen Bereichen des offenen Wissens, in denen der Begriff "Open" verwendet wird, wie zum Beispiel im Rahmen offener Verwaltungs- und Regierungsdaten, nicht nachhaltig zu gefährden.

Eine Grundlage dafür bietet die Open-Definition (Open_Definition_2014), die im Gegensatz zu den meisten Erklärungen von Open Access ständig weiterentwickelt wird und eine klare Abgrenzung zu "nicht open" beinhaltet, ohne Bezug auf konkrete Publikationsformen, Prozesse oder den Kern ihrer Aussagen zu verwässern. Nach dieser Definition ist Wissen dann als "open" zu bezeichnen, "wenn jede/r darauf frei zugreifen, es nutzen, verändern und teilen kann – eingeschränkt höchstens durch Maßnahmen, die Ursprung und Offenheit des Wissens bewahren" (Open_Definition_2014). In der Definition sind die Bereiche "Offene Werke", "Offene Lizenzen" und "Akzeptable Bedingungen" klar beschrieben. Was die Definition auslässt, ist ein zeitlicher Horizont zwischen Erstellung und Veröffentlichung der Inhalte.

Eine weitere Alternative könnte die Definition des Gegensatzes von "Open" darstellen. Zum Beispiel über die Definition von "Close Access" und die Präzision dessen, was im Rahmen der Digitalisierung und Öffnung von Wissenschaft und Forschung seitens der wissenschaftlichen Gemeinschaft als nicht-wünschenswert gilt, könnte das Dilemma der unklaren Definition von "Open Access" benannt werden und trotzdem an den ursprünglichen kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Werten der Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation sowie an den Eigenheiten der unterschiedlichen Fächer und Arbeitsweisen festgehalten werden.

Diese Herangehensweise, eine exkludierende Definition zu erstellen, erscheint auch deshalb als eine zielführende Alternative, weil die aktuellen Herausforderungen im Rahmen der Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation einfach zu heterogen erscheinen, als dass sie nur über die Forderungen der ursprünglichen Erklärungen der "drei B's" und die Definition, was Open Access ist und was nicht, gemeistert werden können. Darüber hinaus könnte eine solche Definition aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft heraus die veränderten Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Traditionslinien berücksichtigen unter denen Offenheit möglicherweise auch weitere Bezugspunkte aufweist als die genannten Debatten um die Öffnung wissenschaftlicher Inhalte für die Gesamtgesellschaft.

Bisher hat die Zeit, die seit der ersten Grundsatzerklärung zu Open Access in Budapest vergangen ist, gezeigt, dass die Abhängigkeit und Stabilität des wissenschaftlichen Kommunikationssystems größer ist, als zunächst angenommen und der "Faustische Pakt (...) stabiler ist als gedacht" (Hagner_2015: 75). Als Konsequenz zeigt das tradierte wissenschaftliche Publikationssystem bisher eine gewisse Veränderungsresistenz im wissenschaftlichen Kommunikationssystem und auch nach zwei Jahrzehnten bleibt das etablierte wissenschaftliche Publikationssystem der Verlage weitgehend stabil (Hanekop_2014). Die Thesen von der Veränderungsresistenz und von der Stabilität des aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystems konnten auch acht Jahre nach der letzten Befragung (Hanekop_2007) erneut durch die Ergebnisse der Befragung im Rahmen dieser Arbeit bestätigt werden (siehe Kapitel 5). Trotz der weitreichenden Zustimmung unter den befragren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation, des erfolgten Selbstversuchs der offenen Anfertigung dieser Qualifikationsarbeit, der langjährigen Annäherung der Wissenschaften an digitale Kommunikationstechniken und deren zunehmender Verbreitung im wissenschaftlichen Alltag, bleiben die bestehenden Strukturen der wissenschaftlichen Kommunikation stabil und die Outputformate konstant.

Open Science

Open Science umfasst weitreichende Modernisierungsvorhaben und betrifft neben dem reinen Zugang zu finalen wissenschaftlichen Erkenntnissen (Open Access) die größtmögliche (und wünschenswerte) Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnungsprozesses. Open Science greift demnach die politischen Ideale von Open Access auf und ergänzt sie um die notwendigen weiteren praktischen Aspekte zur Veränderung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems. Die Probleme bei der Umsetzung des Konzepts ähneln dabei den Herausforderungen von Open Access und beziehen sich ebenfalls auf Unklarheiten bei der konkreten Ausgestaltung von "Offenheit". Diese sind bei Open Science jedoch noch umfassender, da sie sich nicht nur auf den Zugang zu publiziertem Wissen und finalen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern auch auf den Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Prozess beziehen. Open Science beeinflusst nicht nur das Thema Zugang zu publikationsfertigem Wissen, sondern ebenso die Themen Steuerung, wissenschaftliche Prozesse, Datenschutz, Qualitätssicherung und Archivierung sowie grundlegende Aspekte wie die Freiheit der Wissenschaft.

Im Gegensatz zu Open Access gibt es bisher nur wenige Erklärungen und Statements, die eine Annäherung an eine klare Definition von Open Science ermöglichen. Die Ziele der Öffnung wissenschaftlicher Forschungsprojekte nach den Kriterien von Open Science bauen überwiegend auf vergleichbaren Ansätzen der Deklarationen von Open Access auf und können als Weiterentwicklung dieser betrachtet werden. Wie bei dem Konzept zur Öffnung des Zugangs zu finalen wissenschaftlichen Publikationen ist eine solche fächerübergreifende Definition im Moment noch sehr unpraktikabel. Daher scheint auch bei Open Science eine Annäherung an die Open-Definition als Rahmen zielführender zu sein. Die Konzentration auf die Open-Definition als Rahmen und eine fehlende Aushandlung der konkreten Wege und der Kriterien von Open Science birgt jedoch auch die Gefahr, dass das genannte Ziel von Open Science in der konkreten Umsetzung verwässert. Andererseits zeigen die Entwicklungen der letzten Jahre, dass genau dieser Rahmen wichtig ist, um durch experimentelle Ansätze (wie dem offenen Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten) die konkreten Kriterien für Open Science zu verhandeln, ohne dabei das Kernziel des möglichst umfassenden Zugriffs auf den wissenschaftlichen Prozess durch alltägliche Herausforderungen bei der Umsetzung aus den Augen zu verlieren.

Die Umsetzung solcher Open-Science-Experimente und Initiativen kann und darf dabei nicht nur auf der Grundlage von Vorgaben, Gesetzen oder Richtlinien erfolgen, sondern muss primär den Aufgaben dienen, verbesserte Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, neues Wissen zu produzieren sowie zu verbreiten und dem gesellschaftlichen Auftrag des Wissenschaftssystems gerecht zu werden. Dazu müssen Anreize für die einzelnen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen so gesetzt werden, dass deren Eigeninteresse mit dem Wohl der Wissenschaft und damit dem der Öffentlichkeit harmonieren (Brembs_2015). Diese Anreize sollten dabei nicht nur wissenschaftsextern definiert und praktiziert werden, sondern müssen von der wissenschaftlichen Gemeinschaft selbst koordiniert und in das bestehende System der wissenschaftlichen Kommunikation eingebunden werden.

Bezüglich der zeitlichen Dimension der Veröffentlichung von wissenschaftlichen Inhalten, die die Open-Definition nicht abdeckt und die auch in den Erklärungen von Budapest, Bethesda und Berlin nur unzureichend definiert ist, könnte Open Science eine Lösung darstellen. Denn es wird in diesem Konzept eine unmittelbare, möglichst umfassende und für jeden frei verfügbare Veröffentlichung der Informationen im Rahmen wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse angestrebt. Während bei Open Access die finale Publikation, maximal angereichert durch die darin referenzierten Daten, im Vordergrund steht, die in vielen Fällen auch erst nach einer gewissen Embargofrist zu veröffentlichen ist, greift die Verbreitung von Inhalten im Sinne von Open Science viel früher und weiter. Die finale Publikation ist dabei eher als nachgelagertes und abschließendes Ergebnis zu betrachten.

Folgt man dieser Betrachtungsweise, sind die zeitlichen und rechtlichen Herausforderungen bei der Veröffentlichung finaler wissenschaftlicher Erkenntnisse in Form von Open-Access-Publikationen bei Open Science als nachgelagert zu betrachten. Bei einer Realisierung des Konzepts von Open Science geht es um die konstante Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse im Rahmen von öffentlich-finanzierten Arbeitsumgebungen unter den Bedingungen der Open-Definition. Dabei ist die möglichst umfassende Akkumulation von Beweisen ein wesentlicher Teil der wissenschaftlichen Methode der Selbstkorrektur (Nosek_2015). Eine größtmögliche Offenheit des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses ist demnach auch zentral für das Ziel der Wahrheitsfindung.

Angelehnt an die Kurzzusammenfassung der Sprachwissenschaftlerin Gabriele Graefen für die Entwicklung von Wissenschaft, gilt dennoch, dass für eine erfolgreiche Implementierung von Open Science in den wissenschaftlichen Alltag ein gesamtgesellschaftlicher Bedarf für das zu öffnende Wissen bestehen und die entsprechende Leistung von Individuen zu persönlichen Vorteilen führen muss. Nur dann kann eine Umorientierung von geschlossener, individueller wissenschaftlicher Betätigung hin zu offener, gesellschaftlich anerkannter und zur Kenntnis genommener, kollektiv betriebener Wissenschaft stattfinden (Graefen_2007). Ergänzend muss die detaillierte Ausgestaltung dieser Entwicklung unter Beteiligung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vonstattengehen, da das System sonst Gefahr läuft, sich zu "sporadischer individueller wissenschaftlicher Betätigung" (Graefen_2007) zu­rück­zuent­wi­ckeln.

Eine Voraussetzung für Open Science ist folglich, dass "wissenschaftliche Daten, Codes und Volltexte sowie zum Teil das Lese-, Gutachter- und Lehrverhalten der Wissenschaftler zu einem großen Teil transparent werden" (Brembs_2015). Von dieser Forderung ausgeschlossen sind die Informationen, die die Privatsphäre der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sowie der Untersuchungssubjekte betreffen und den Datenschutz im Rahmen der Datenerhebung, Verbreitung und Verarbeitung negativ beeinflussen. Als weitere Voraussetzungen sollten nach Graefen (Graefen_2007):

  • die technischen Möglichkeiten der schnellen Erstellung, Vervielfältigung und Verbreitung von wissenschaftlicher Kommunikation,
  • die Zugänglichkeit zum gesamten Forschungsprozess,
  • die Möglichkeit Wissenschaft(en) von anderen Formen der Information und Kommunikation zu unterscheiden,
  • die ökonomische und politische Nutzbarkeit von Wissenselementen, so dass Forschung als ein Mittel der Verwertung gelten kann,
  • die durch Ausbildungsprozesse gefestigte Existenz einer beruflich mit Forschung befassten 'Schicht' von Fachleuten, Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen
betrachtet werden.

Die Etablierung von Open Science hängt demnach nicht von der Ausgestaltung einer abstrakten Definition ab, sondern vielmehr von der konkreten Gestaltung der offenen wissenschaftlichen Praxis und ihrer Grenzen. Die offene Erstellung dieser Arbeit als Experiment und die Entwicklung von Handlungsempfehlungen für die offene Anfertigung wissenschaftlicher Arbeiten (siehe Kapitel 6) leisten hierfür einen konkreten Beitrag für die Gestaltung und die Durchführung von Open Science. Dass diese Arbeit die erste Doktorarbeit ist, die mit dem Anspruch an einen größtmöglichen Grad an Offenheit und unter den Bedingungen der Open Definition erstellt wurde, zeigt dabei auch einen Mangel an Experimentierfreudigkeit seitens der wissenschaftlichen Gemeinschaft für die Gestaltung des Aushandlungsprozess über die Zukunft der wissenschaftlichen Kommunikation im Rahmen der Forderungen nach Offenheit und unter den veränderten Bedingungen der Digitalisierung.

Faktoren, die die Öffnung von Wissenschaft und Forschung beeinflussen

Ein weiteres Ziel dieser Arbeit war die Identifikation von Faktoren, welche die Öffnung von Wissenschaft und Forschung beeinflussen. Diese Faktoren wurden anhand der Literatur herausgearbeitet und im Rahmen der durchgeführten Umfrage abgefragt. Die erhobenen Daten wurden statistisch ausgewertet und zusammenfassend dargestellt.

In der Literatur und von den Befragten wurden als Argumente für die Öffnung vor allem die beschleunigte Wissensverbreitung und die neuen Möglichkeiten für die Kommunikation innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft genannt. Demgegenüber wurden als Hindernisse neben den fehlenden etablierten Reputationskriterien für die Bewertung von offener Wissenschaft auch die Gefahr der Fehlinterpretation und Falschinformation durch die freie und umfassende Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Informationen genannt.

Der ebenfalls häufig genannte erhöhte zeitliche Mehraufwand für die Bereitstellung der wissenschaftlichen Publikationen und Forschungsdaten sowie die bisher geringe Veröffentlichung von offenen Inhalten stärkt die Vermutung, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen selbst keinen großen Druck verspüren, ihr Veröffentlichungsverhalten zu verändern. Das mag auch an dem Umstand liegen, dass sie trotz der Publikationskrise und anderer Faktoren, die zu einem Marktungleichgewicht im wissenschaftlichen Kommunikationssystem geführt haben, in einer komfortablen Situation sind, beziehungsweise von den Auswirkungen der Krise bisher kaum oder (noch) nicht betroffen sind.

In der Debatte und in den Erhebungen rund um die Öffnung von Wissenschaft und Forschung werden viele Faktoren genannt, die den bisher für die Gesamtgesellschaft intransparenten und geschlossenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess hin zu einer Öffnung in unterschiedlichster Weise beeinflussen. Die Argumente erscheinen dabei als sehr vielseitig und facettenreich, konzentrieren sich aber im Kern auf acht Aspekte:

  • Im Rahmen der Alltagsbetrachtung beeinflussen rechtliche Bedenken die offene wissenschaftliche Kommunikation (siehe Ergebnisse der Befragung in Kapitel 5).
  • Fehlende Reputations- und Qualitätssicherungsmechanismen hindern Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen daran, die eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozesse zu öffnen oder die Ergebnisse frei zur Verfügung stellen (Herb_2015).
  • Fehlende Infrastrukturen beziehungsweise die fehlende Integration in bestehende Strukturen sowie fehlendes Know-how der Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen stellen weitere Gründe für den geringen Öffnungsgrad in Wissenschaft und Forschung dar (European_Commission_2015b).
  • In den wissenschaftstheoretischen Diskursen wird die Wissenschafts-, Presse- und Publikationsfreiheit oft als Argument gegen den Druck wissenschaftliche Inhalte zu öffnen, angeführt (Fehling_2014). Mithilfe der Befragung konnte diese Annahme allerdings nicht mehrheitlich bestätigt werden (siehe Ergebnisse der Befragung in Kapitel 5).
  • Ergänzend zu anderen Studien ist festgestellt worden, dass die Verfügbarkeit von digitalen Technologien, deren erhöhte Kapazität und Verbreitung einen wesentlichen Einflussfaktor auf die Entwicklung von Open Access und Open Science darstellen (European_Commission_2015b). Der Wunsch nach größerer Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und nach mehr Möglichkeiten zum kollaborativen Arbeiten spielt bei dieser Betrachtung eine herausragende Rolle und begünstigt die Entwicklung (siehe Ergebnisse der Befragung in Kapitel 5).
  • Dem Interesse an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation steht allerdings die Befürchtung eines hohen Mehraufwands für die wissenschaftliche Praxis gegenüber. Die Befragung hat gezeigt, dass ein großer Teil der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bei der Öffnung der Kommunikation wissenschaftlicher Prozesse einen großen Mehraufwand (siehe Kapitel 5) erwartet.
  • Im Rahmen des offenen Verfassens dieser Arbeit ist deutlich geworden (siehe Kapitel 6), dass bisher für die möglichst umfangreiche und offene Bereitstellung wissenschaftlicher Kommunikation nur wenige Tools und adäquate Dienste zur Verfügung stehen. Neben der geringen Anzahl an kommerziellen Lösungen ist der größte Teil der wissenschaftlichen Open-Source-Forschungssoftware qualitativ eher minderwertig, ineffizient, undokumentiert und wird nur selten weiterentwickelt oder gepflegt (Hey_2015).
  • Dass die befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen die vorherrschenden Zeitschriften- und Monografienkrise als einen eher unwichtigen Katalysator für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation identifiziert haben (siehe Kapitel 5), unterstützt die Annahme des geringen Interesses an dem Thema und dass sich viele Akteure der "Konflikthaftigkeit" (Kaldewey_2010) der Situation, in der sich das System befindet, nicht bewusst sind. Sie nährt die Befürchtung, man könne trotz effizienterer Verfahren und neuer Technologien nichts an dem System ändern (Parks_2002).

Die Ergebnisse und der Vergleich mit der SOFI-Studie aus 2007 zeigen dabei deutlich, dass die Verschärfung der Situation in den letzten zehn Jahren bisher nur vereinzelt zu Verhaltensänderungen im Publikations- und Kommunikationsverhalten der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen geführt haben. Dabei gibt es zwar Unterschiede zwischen den Disziplinen, dennoch beeinflussen maßgeblich die fehlenden Anreizsysteme für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene den Prozess vom geschlossenen System wissenschaftlicher Kommunikation hin zu einer Öffnung negativ.

Bedeutung der Konzepte von Open Access und Open Science im Rahmen wissenschaftlicher Reputation

Wissenschaftliche Reputation basiert, wie im zweiten Kapitel dargestellt, auf einem System der Verbreitung neuer und der Adaption bestehender wissenschaftlicher Erkenntnisse. Unter dieser Prämisse sollte Offenheit und freier Zugang zu wissenschaftlicher Kommunikation als Grundpfeiler des wissenschaftlichen Diskurses und des Reputations- und Machtsystems selbstverständlich sein.

In der Praxis ist dieses System aber selbstreferentiell und auf die wissenschaftliche Gemeinschaft beschränkt. Es haben nur diejenigen Zugriff auf das System, die bereits Teil des Systems sind oder die beginnen, sich den Normen und Regeln des Systems anzupassen. Die Gesamtgesellschaft ist von dem Diskurs in vielen Fällen ausgeschlossen oder hat erst nach einer gewissen Zeit die Möglichkeit, auf Informationen und Erkenntnisse zuzugreifen. Das aktuelle System festigt demnach die Machtkonstellation derjenigen, die das System derzeit beeinflussen.

Im Rahmen der Identifikation von Katalysatoren und Hindernissen für den Prozess zur Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation stellen die fehlenden Reputationsmechanismen eine der größten Beschränkungen für die Verbreitung dar. Ferner wurden fehlende Qualitätssicherungsmaßnahmen in der Befragung im Rahmen dieser Arbeit (siehe Kapitel 5) und anderer Erhebungen (European_Commission_2015b) besonders häufig bei den Argumenten gegen die Verbreitung von offener wissenschaftlicher Kommunikation erwähnt. Die bisher genutzten bibliometrischen Verfahren erfreuen sich noch immer großer Beliebtheit und haben eine Absicherungsfunktion bezüglich der vermuteten Qualität einer Publikation, die bisher noch kein digitales Äquivalent gefunden hat. Da auch die Forschungsförderung auf diesen tradierten Verfahren der Evaluation von Forschung aufbaut, ist diesbezüglich noch kein Wandel absehbar.

Es ist davon auszugehen, dass die Möglichkeit der Erlangung wissenschaftlicher Reputation einen Einfluss auf die Verbreitung des Konzepts von offenem Zugang zu Wissenschaft hat und nicht umgekehrt. Die bestehenden digitalen Bewertungssysteme haben in der Wissenschaftssteuerung allerdings bisher nur begrenzt Einzug gehalten. So kann noch keine abschließende Beantwortung der Frage stattfinden, wie genau die Öffnung der Kommunikation einen Einfluss auf das Konzept und die Kriterien der wissenschaftlichen Reputation innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Community haben wird.

Auffällig bei der Auswertung der durchgeführten Befragung war die geringe Befürwortung und Praktizierung von Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation bei den jüngeren Altersgruppen und denen, die am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere stehen. Demgegenüber zeigte diese Altersgruppe das verhältnismäßig größte Interesse an den Forschungsdaten anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Gerade bei den "reputationshungrigen" Nachwuchswissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen scheint zwar ein Interesse an Offenheit, allerdings auch Zurückhaltung bei der Bereitschaft eigene wissenschaftliche Inhalte frei zu veröffentlichen, vorzuherrschen. Demnach ist davon auszugehen, dass die Sensibilisierung der Nachwuchswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen für die Wichtigkeit der offenen Kommunikation ausbaufähig ist.

Aufwand für die Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses

Im Vergleich zum Publizieren von Texten in einer geschlossenen Umgebung ist das offene Verfassen einer wissenschaftlichen Publikation noch immer mit Mehraufwand verbunden und teilweise ohne technische Vorkenntnisse nicht ohne Weiteres durchführbar – wie im Selbstexperiment gezeigt. Es ist zum einen darin begründet, dass die genutzten Softwareprodukte und -plattformen die Veröffentlichung der Arbeit und der gesamten Erkenntnis- und Kommunikationsprozesse noch nicht vollumfänglich und einfach ermöglichen. Zum anderen sind die Richtlinien, Rahmenbedingungen, Anreizsysteme und Vorgaben für wissenschaftliche Arbeiten an Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht darauf ausgelegt "offen" angewendet zu werden.

34 Prozent der Befragten sahen einen erhöhten zeitlichen Mehraufwand für die Bereitstellung der wissenschaftlichen Publikationen und/oder der Forschungsdaten. 31 Prozent schätzten den Gesamtaufwand für das offene Publizieren als "gering" ein. Unter den Teilnehmern und Teilnehmerinnen im Rahmen der Online-Befragung gaben demgegenüber zwar nur 15 Prozent an, dass sie der (Mehr-)Aufwand davon abhält die eigenen wissenschaftlichen Inhalte ohne finanzielle, rechtliche oder technische Barrieren öffentlich zur Verfügung zu stellen, doch die tatsächliche Anzahl der veröffentlichen wissenschaftlichen Inhalte durch Umfrageteilnehmer ist bedeutend geringer. Rund 20 Prozent der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen waren nicht in der Lage den Aufwand zu bewerten. 28 Prozent der Befragten schätzten den Aufwand für die Veröffentlichung von Publikationen unter den Kriterien von Open Access als mittelgroß oder groß ein, für die Veröffentlichung von Forschungsdaten vermuteten sogar 55 Prozent einen großen Aufwand.

Diese Unsicherheit und die Hervorhebung des vermuteten Mehraufwands sowie fehlende Anreizsysteme hemmen die Weiterentwicklung hin zu einer möglichst umfassenden Öffnung des Systems. Es ist davon auszugehen, dass allein die Veränderungen im Rahmen der Forschungsförderung nicht ausreichen werden, um Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen perspektivisch davon zu überzeugen den gesamten Erkenntnisprozess zu öffnen. Weitere Experimente, wie die offene Ausarbeitung sowie die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für das offene Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten im Rahmen der vorliegenden Arbeit, sind nötig, um die Auseinandersetzung mit Offenheit wissenschaftlicher Kommunikation zu befördern.

Von Open Access zu Open Science: Anpassung der bestehenden wissenschaftlichen Praxis oder wissenschaftliche Revolution?

Die forschungsleitende Hypothese dieser Arbeit lautete, dass sich Open Access in einer Übergangsphase befindet, die derzeit noch überwiegend von der reinen offenen Bereitstellung wissenschaftlicher Publikationen geprägt wird, langfristig aber zur Öffnung weiterer Teile der wissenschaftlichen Kommunikation als wesentliche Grundlage für den Wissenszuwachs in der Gesamtgesellschaft (Open Science) führen wird. Nach der Analyse der Debatten um die Öffnung von Wissenschaft und Forschung, der Ergebnisse der Befragung und den gewonnenen Erkenntnissen kann diese Hypothese bisher noch nicht für die Mehrheit der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bestätigt werden, beziehungsweise teilt ein Großteil der wissenschaftlichen Gemeinschaft diese Einstellung noch nicht. Hervorzuhebendes Indiz dafür ist die dargestellte Diskrepanz zwischen der hohen theoretischen positiven Einstellung der Befragten zu der Idee einer Öffnung der wissenschaftlicher Kommunikation und der geringe praktischen Verbreitungs- sowie Umsetzungsgrad dieser Idee im wissenschaftlichen Alltag.

Trotz des mehrheitlichen Interesses an dem Zugang zu wissenschaftlichen Daten und Informationen anderer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, der grundsätzlichen Bereitschaft, Forschungsdaten und alle weiteren Informationen, die während der wissenschaftlichen Arbeit anfallen, öffentlich zur Verfügung zu stellen, einer mehrheitlichen Unterstützung der Forderungen nach kostenfreiem Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen für Leserinnen und Leser, fehlt es noch immer an einem Aushandlungsprozess über die genaue Ausgestaltung an "Offenheit". Bisher ist unklar, auf welche Bereiche der wissenschaftlichen Arbeit sich die Forderungen nach Öffnung genau beziehen, wie diese Offenheit unter realen Bedingungen praktiziert werden kann, und wie sich die Kriterien für die wissenschaftliche Arbeit sowie die Qualitäts- und Leistungsbemessung durch diese Entwicklung verändern sollen.

Zwar begünstigen die technologischen Entwicklungen auch ohne diese Ausgestaltung die Möglichkeiten für die Verbreitung und das Teilen von wissenschaftlichen Daten und Informationen im Erkenntnisprozess, dennoch ist dieser Prozess bisher eher als Begleiterscheinung der Digitalisierung zu betrachten. Der Kern der wissenschaftlichen Arbeit ist davon bisher nur begrenzt beeinflusst und die tatsächliche Verbreitung offener wissenschaftlicher Kommunikationsverfahren nach den Kriterien von Open Science und unter den Bedingungen der Open Definition bleibt bisher gering. Seitens der Produzenten des Wissens werden vor allem das Fehlen von Reputations- und Anerkennungsmechanismen, funktionierenden Geschäftsmodellen, die Angst vor Ideendiebstahl und das Fehlen von standardisierten Qualitätssicherungsmaßnahmen als Hindernisse für die weitere Verbreitung angeführt. In der Praxis fehlen darüber hinaus einfache und standardisierte Möglichkeiten der offenen Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten, und der Aufwand für die Öffnung wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse übersteigt weiterhin den bisher üblichen Aufwand wissenschaftlicher Arbeiten. Die dargestellten Herausforderungen im aktuellen wissenschaftlichen Kommunikationssystem und identifizierten Katalysatoren für die Etablierung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation haben demnach bisher (noch) nicht zu einem grundsätzlichen Umdenken im Handeln der wissenschaftlichen Akteure und zu dem Gestaltungsprozess der Kriterien für die wissenschaftliche Arbeit unter den veränderten Bedingungen beigetragen.

Die Debatten um die Veränderungen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem fokussieren sich bislang vor allem auf die Steigerung von Effizienz im Rahmen von anwendungsrelevanter Forschung unter den Bedingungen der bestehenden wissenschaftlichen Praxis, die Förderung von Wissenstransfer für die wirtschaftliche Verwertung und die Schaffung von Rahmenbedingungen für privatwirtschaftliche Aneignung von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Betrachtung der Hindernisse und Katalysatoren für eine wirkliche Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation erfolgt in diesem Zusammenhang nur unter den etablierten Kriterien für den Reputationserwerb. Eine grundlegende Auseinandersetzung und Diskussion innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft mit den Konsequenzen und möglichen Nebenfolgen der Veränderungen in der wissenschaftlichen Kommunikation im Rahmen eines Wandels der Modi gesellschaftlicher Wissensproduktion ist bisher kaum erkennbar (Buss_2001).

Kapitel: Zusammenfassung

"When [...] the profession can no longer evade anomalies that subvert the existing tradition of scientific practice — then begin the extraordinary investigations that lead the profession at last to a new set of commitments, a new basis for the practice of science. The extraordinary episodes in which that shift of professional commitments occurs are the ones known in this essay as scientific revolutions."
(Kuhn_2012: 6)

Wissenschaft und Forschung sind eng mit den Normen der schnellen Weitergabe von Forschungsergebnissen, einer Umgebung des Wissensaustauschs, Co-Autorenschaft und dem kumulativen Lernen sowie Innovationen verbunden (Partha_1994). Folglich scheint eine möglichst unbeschränkte und offene wissenschaftliche Kommunikation für das Wissenschaftssystem theoretisch unverzichtbar. In der wissenschaftlichen Realität basiert die wissenschaftliche Arbeit jedoch weitgehend auf einem von der Gesamtgesellschaft abgeschlossenen System und beruht noch immer auf der Annahme, dass das "was nicht gedruckt wird, kaum Chancen hat, die Entwicklung des Faches zu beeinflussen" (Luhmann_1997).

In dieser Arbeit wurden die Herausforderungen an das System der wissenschaftlichen Kommunikation im Rahmen der Digitalisierung und die Forderung nach Öffnung dieser Kommunikation umfassend dargestellt und analysiert. Die Entwicklungen im Bereich der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation wurden aus geistes- und kulturwissenschaftlicher Perspektive genauer untersucht und den bisherigen Erkenntnissen über die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation gegenübergestellt sowie das Ergebnis dieser Gegenüberstellung diskutiert.

Mithilfe der quantitativen Methode einer Online-Befragung wurde unter 1.112 Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen analysiert, welche Auffassungen und Annahmen in Bezug auf den postulierten Wandel wissenschaftlicher Kommunikation im Rahmen von Offenheit und Digitalisierung vorherrschen und inwiefern diese mit anderen Aspekten des wissenschaftlichen Kommunikationssystems korrelieren. Die gewonnenen Erkenntnisse wurden in den Kontext bisheriger Untersuchungen und der autoethnographisch erarbeiteten offenen Kommunikation im eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess bei der Anfertigung dieser Arbeit gestellt.

Zusammenfassend kann als Ergebnis der durchgeführten Untersuchungen festgestellt werden, dass es bisher weder gelungen ist, die nötigen Anreize für die einzelnen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen so zu setzen, dass deren Eigeninteresse in Bezug auf die Verbreitung von Erkenntnissen mit dem Wohl der Wissenschaft und dem der Öffentlichkeit gleichermaßen harmonieren, noch gab es bisher staatliche Interventionen, die zu einer fundamentalen Veränderung im Publikationsverhalten geführt haben. Das wissenschaftliche Kommunikationssystem bleibt bisher stabil, die Kommunikationsformate wie Monographie und Journal behalten noch immer ihren hohen Stellenwert und die zunehmende Nutzung digitaler Werkzeuge führt bisher zu keiner strukturellen Veränderung von Wissenschaft. Bisher ebenfalls unbeantwortet bleibt die Frage, inwiefern und in welchem Umfang die Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses einen wünschenswerten Schritt darstellen, welche möglichen Nebenfolgen durch eine offene Wissensproduktion entstehen und ob es sich bei den postulierten Veränderungen um eine wissenschaftliche Revolution oder um kleinere Anpassungen an die bestehenden Paradigmen und traditionsgebundenen Aktivitäten der Wissenschaft handelt.

Sicher hingegen ist, dass es sich bei den aktuellen Entwicklungen um die Vorläufer eines umfassenden Medienwandels handelt, der neue Möglichkeiten und Chancen aber auch Herausforderungen für die Wissenschaft eröffnet. Diese Entwicklungen bieten neue Möglichkeiten für die aktive Veröffentlichung von Supplementen und (Roh-)Daten, sie unterstützen die Bereitschaft der Forschenden, positive wie negative Daten zu teilen, zurückgezogene Artikel sichtbar zu machen und den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess dahingehend zu öffnen, so dass notwendige effektive Mechanismen zur Verfolgung wissenschaftlichen Fehlverhaltens installiert und die bestehenden Mechanismen zur Selbstkorrektur gestärkt werden können. In der notwendigen Auseinandersetzung muss jedoch auch behandelt werden, welche Aspekte zusätzlich oder anstatt der traditionellen wissenschaftlichen Reputation für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen an Relevanz gewinnen, wie vernetzte Computer und Algorithmen eingesetzt werden, um der ansteigenden Verfügbarkeit an Informationen als Folge der Überwindung der erzwungenen Datenreduktion analoger Medien gerecht zu werden, wie sich in diesem Zusammenhang die Wahrheitskriterien ändern, welche Möglichkeiten sich wie weit für eine Neuordnung der wissenschaftlichen Kommunikation anbieten und wie die wissenschaftliche Gemeinschaft diese Technologien und Geschäftsmodelle – vielleicht auch zusammen mit Bewegungen wie der Open-Source-Bewegung – prägt. Dabei muss neu verhandelt werden, welche Werte für die wissenschaftliche Praxis durch neue Medientechnologien definiert oder von der Bewegung für das freie und offene Netz übernommen werden können.

Neben der Erkenntnis, dass die Hindernisse für die Veränderungen nicht ausschließlich technischer oder finanzieller, sondern auch sozialer Natur sind (Nosek_2012), muss weiterhin die klare rechtliche Klärung für die Zweitverwertung von Inhalten als ein wichtiger Katalysator für die weitere Entwicklung gesehen werden. Darüber hinaus fehlen noch immer etablierte Reputationsmechanismen, die die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation befördern. Diese Mechanismen können aber nur dann erfolgreich sein, wenn eine Diskussion über die Gestaltung der Zukunft wissenschaftlicher Kommunikation innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft unterstützt und die wissenschaftlichen Institutionen für diese Diskussion den notwendigen Raum und die Anreize schaffen.

Wird dieser Raum nicht geschaffen und die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation weiterhin maßgeblich über externe und politisch motivierte Maßnahmen angestrebt, ist zu vermuten, dass rein kommerzielle, forschungs- und steuerungspolitische Interessen sowie das Interesse an der Förderung von Wissenstransfer und wirtschaftlicher Verwertung von wissenschaftlichen Inhalten negative Konsequenzen auf das Wahrheitsmonopol und die Unabhängigkeit der Wissenschaft haben werden. Verlage wie Elsevier und andere wirken in diesem Zusammenhang seit Dekaden auf die forschungspolitische Agenda ein und versuchen ihre wirtschaftlichen Interessen im Rahmen des Wandels durchzusetzen (Hirschi_2015: 15) (Elsevier_2012). Die wissenschaftliche Gemeinschaft muss durch das Hinterfragen der bestehenden Kriterien wissenschaftlicher Arbeit, das Experimentieren mit den neuen Möglichkeiten der Kommunikation, die Förderung der Katalysatoren für die Öffnung und die Beseitigung der Hindernisse den unvermeidlichen Wandel im Rahmen der Digitalisierung eigeninitiativ gestalten. Wenn in diesem Prozess schon Verlage fordern, dass "Autoren in einem gesunden, unverzerrten freien Markt frei wählen sollten, wo sie publizieren" (Brussels_Declaration_2007), muss sich die wissenschaftliche Gemeinschaft fragen lassen, ob sie oder Verlage die Ausgestaltung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems übernehmen sollten und ob sie in der Vergangenheit die Publikationsfreiheit ausreichend und selbstbestimmt mit dem Ziel der möglichst umfassenden Verbreitung von Wissen genutzt haben.

Die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und der wissenschaftliche Alltag

Die Ergebnisse der im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Befragung zeigen eine mehrheitliche Zustimmung und ein überwiegend großes Interesse an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation. Im wissenschaftlichen Alltag haben dieses Interesse und die Zustimmung zu digitalen und offenen Verfahren der Kommunikation bisher jedoch noch immer nicht zu einer fundamentalen Veränderung des Publikations- und Veröffentlichungsverhaltens geführt. Dem theoretischen und ideellen Interesse an der Öffnung steht somit ein praktisches Alltagsdesinteresse an der Auseinandersetzung mit dem Thema gegenüber.

Ein Grund dafür liegt in der Verortung der Entwicklung der Forderungen um die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation. Die ersten offenen Publikationsvorhaben und Entwicklungen zu Open Access erfolgten aus den STM-Fächern, die von der Zeitschriftenkrise viel stärker und früher betroffen waren als andere Fächer. Die aus dieser Entwicklung resultierenden Erklärungen und Bestrebungen führten bisher allerdings zu erheblichen "Vorbehalten hinsichtlich der Sinnhaftigkeit und Durchführbarkeit von Open Access, die wiederum zu Desinteresse oder Polarisierung bei vielen Vertretern dieser Disziplinen" (Naeder_2010) führte. Diese Polarisierung stellt weiterhin eine große Herausforderung für die Etablierung und Verbreitung der Konzepte für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation dar. Derzeit ist eine gemeinsame Darstellung des Interesses an der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation über alle wissenschaftlichen Fachbereiche hinaus und ein gemeinsames Handeln der wissenschaftlichen Gemeinschaft nur schwer vorstellbar.

Sucht man nach weiteren Gründen für das Desinteresse an Offenheit bei der praktischen Umsetzung im wissenschaftlichen Alltag, wird deutlich, dass unter anderem unvollständiges Wissen über die wirtschaftlichen Aspekte wissenschaftlicher Informationsversorgung für die Diskrepanz zwischen dem Interesse an Offenheit und der tatsächlichen Publikationspraxis eine Rolle spielt. In der untersuchten Literatur wird diese Diskrepanz mit der komfortablen Situation der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in einem System begründet, in dem für die meisten Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft kein oder nur ein geringer unmittelbarer Anreiz besteht, sich aktiv mit dem Publikationssystem und möglichen Veränderungen zu beschäftigen, weil sie weder die Kosten des Publikationssystems tragen (Sietmann_2007), noch eine Auseinandersetzung mit den finanziellen Aspekten als notwendig erachtet wird (Herb_2010). Darüber hinaus kommt es im Zuge der zunehmend quantitativen Bewertung von Forschungsleistungen und der vornehmlichen Berücksichtigung quantitativer Indikatoren (deren Qualitätsmessung nach wissenschaftlichen Methoden kritisiert werden kann) bei der Bewertung für die Mittelzuweisung zu einer Entwicklung von Fehlanreizen, bei denen die reine Anzahl und nicht die Qualität der Veröffentlichung in Publikationen etablierter Verlage bei wissenschaftlicher Arbeit im Vordergrund stehen.

Der offenbar geringe Bedarf an Veränderung im Alltag der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kann als weiterer Grund für die schleppende Umsetzung genannt werden. Es gibt kaum positive Anreize, sich mit der Entscheidung, wo und wie veröffentlicht wird oder mit den Konsequenzen dieser Entscheidung auseinanderzusetzen, da diese im wissenschaftlichen Reputationssystem bisher nicht oder nur unzureichend abgebildet und honoriert werden können oder anders bewertet werden. Neben den begrenzten finanziellen und zeitlichen Ressourcen, sich mit den umfangreichen Aspekten der Informationsversorgung auseinanderzusetzen, gibt es zudem weiterhin rechtliche Unsicherheiten, die die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen davon abhalten, ihre Kommunikation zu öffnen.

Für die betuliche Umsetzung des Konzepts von Offenheit in der wissenschaftlichen Kommunikation allein eine Kombination aus Beharrungsvermögen der wissenschaftlichen Akteure, Unsicherheit über alternative Publikationsmodelle und die rechtliche Situation sowie die Existenz von Gruppen, die in die Bewahrung der Ineffizienz des gegenwärtigen Systems investiert haben, auszumachen, ist unzureichend. Die eingangs genannten Unterschiede und fachspezifischen Eigenheiten der wissenschaftlichen Kommunikation, wie zum Beispiel die unterschiedlichen Publikationsformen, müssen als unterschätzte Herausforderung betrachtet werden. Möglichkeiten und Debatten bleiben bisher bewusst überwiegend auf die jeweilige Disziplin beschränkt und berücksichtigen selten andere Forschungsrichtungen.

Christopher Kelty macht für das alltägliche Desinteresse an der Praktizierung von Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationssystem und Alltag folgende zwei Aspekte aus: Erstens ist die Auseinandersetzung mit Offenheit außerordentlich komplex und zweitens ziemlich langweilig (Kelty_2014a: 203). Darüber hinaus würden durch die umfassende Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Publikationsmarkt "Praktiken auf dem Spiel stehen, die dem Tun vieler Geisteswissenschaftler (...)" und auch Wissenschaftlern anderer Fächer, "Sinn und Legitimität zu verleihen scheinen" (Hirschi_2015: 6), die lieber nicht hinterfragt werden.

Die Ergebnisse der durchgeführten Befragung nähren diese Befürchtungen und lassen vermuten, dass das Gros der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch in naher Zukunft keine hervorgehobene Rolle bei der Gestaltung der Transformation der Kommunikation einnehmen wird und trotz der Möglichkeiten zur Veränderung eher der Status quo bewahrt wird (Nosek_2012). Diese Befürchtung ist zusätzlich im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Politik zu sehen, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für sich in Anspruch nehmen, als Strategen im politischen Kampf um Glaubwürdigkeit für die wissenschaftliche Arbeit zu agieren (Latour_2013). Diese Rolle nehmen sie aktuell allerdings nur unzureichend wahr. Eine tiefgreifende Debatte innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft über die historischen und aktuellen Entwicklungen der Medien der wissenschaftlichen Kommunikation sowie deren Konsequenzen auf den wissenschaftlichen Alltag findet bisher nicht oder nur im begrenzten Maße statt. Anstatt einer umfassenden Diskussion und der aktiven Gestaltung der Entwicklungen aus dem wissenschaftseigenen Wunsch nach Verbesserungen bei der Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse heraus, wie mithilfe der Drucktechnologie im 17. Jahrhundert, beschränkt sich die Debatte im 21. Jahrhundert trotz ähnlicher technologischer Fortschritte noch immer primär auf (Verlust-)Ängste.

Die Auseinandersetzung mit den Katalysatoren und Hindernissen bezieht sich ferner auf die Anpassungen bei der Qualitätssicherung und auf Veränderungen des wissenschaftlichen Reputationssystems sowie deren Konsequenzen. Die Öffnung wissenschaftlicher Publikationen kann nur als erster Schritt in Richtung einer Öffnung des gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses verstanden werden. Die dabei entstehenden notwendigen Anpassungen der Methoden, um gute wissenschaftliche Praxis bei der Digitalisierung wissenschaftlicher Arbeit zu einem Standard in der Wissenschaft zu machen, obliegt ebenfalls der Wissenschaftsgemeinschaft selbst. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass diese neu zu verhandelnden Kriterien für die wissenschaftliche Praxis unter dem Einsatz neuer Medientechnologien sowie den Bedingungen von Offenheit einen direkten und unmittelbaren Einfluss auf die Bewertung und (Selbst-)Steuerung der Wissenschaft haben, muss die Wissenschaftsgemeinschaft Verantwortung übernehmen und diesen Prozess aktiv gestalten. Diese Verantwortung sollte nicht durch die Wahl "gar nicht mehr auf der Universitätsseite zu erscheinen oder keine jährlichen Geldmittel für ihre Publikationsergebnisse zu erhalten" (Warnke_2012) entschieden werden, sondern durch eine aktive Ausgestaltung der Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Kommunikation und damit auch der Steuerung des wissenschaftlichen Systems.

Die Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation ist mit vielen Anstrengungen für die wissenschaftliche Gemeinschaft verbunden, kann aber als "vielleicht kostbarstes Geschenk des Internets an die Wissensgesellschaft" betrachtet werden, wenn sie nicht ausschließlich durch die "ökonomischen Interessen des Informationskapitalismus" (Hagner_2015: 65) gelenkt wird, sondern sich (weiterhin) maßgeblich auf die Aufgabe konzentriert, dem gesamtgesellschaftlichen Auftrag des Wissenschaftssystems gerecht zu werden. Jeder Autor und jede Autorin entscheidet selbst, allerdings unter dem Kenntnisstand der Folgen und Konsequenzen für die Zugänglichkeit durch andere, ob und wie er seine oder sie ihre Forschungsergebnisse verbreitet. Die Erfüllung akademischer Erwartungen für die Veröffentlichung von Erkenntnissen unter den Regeln der jeweiligen Disziplin, unter der Verwendung der gegebenen intellektuellen Rahmenbedingungen und dem Anspruch, mit Kollegen und Kolleginnen zurechtzukommen, macht es allerdings sehr einfach, den sozialen Idealismus und die mehrheitliche Bekenntnis zu Offenheit (Hagner_2015: 66) auf den akademischen Syllabus zu beschränken und sich nicht an (aktivistischen) Veränderungsprozessen zu beteiligen (Flood_2013: 25). Diese Diskrepanz zwischen dem Bekenntnis der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu Offenheit bei der wissenschaftlichen Kommunikation und der tatsächlich praktizierten offenen Kommunikations- und Arbeitsweise konnte erneut durch die Ergebnisse der Befragung im Rahmen dieser Arbeit belegt werden (siehe Kapitel 5).

Katalysatoren und Hindernisse für die Etablierung der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation

Nach der Einführung in den Themenbereich der wissenschaftlichen Kommunikation und des wissenschaftlichen Publizierens wurden anhand aktueller Literatur die Entwicklung und die Debatte um die Forderung nach Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation dargestellt. In den geschilderten Debatten wurden Treiber und Bremser für die Entwicklungen identifiziert und herausgearbeitet. Diese wurden daraufhin mithilfe einer Online-Befragung unter 1.112 deutschsprachigen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen detailliert evaluiert. Dabei wurde analysiert, inwiefern ein Verständnis von Offenheit im Rahmen der wissenschaftlichen Kommunikation besteht und inwieweit das Interesse an Offenheit in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachdisziplinen verbreitet ist und praktiziert wird. Die Ergebnisse wurden mit einer Studie des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen aus dem Jahr 2007 verglichen, um Trends und Entwicklungen zu identifizieren.

In den Augen der befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stehen die Beschleunigung der Wissensverbreitung (64 Prozent) und die offene Verfügbarkeit bereits finanzierter Forschung für alle (55 Prozent) vor allem dem Fehlen von etablierten Reputationskriterien für die Bewertung von offener Wissenschaft (43 Prozent), der Gefahr der Fehlinterpretation und Falschinformation (40 Prozent) sowie einem erhöhten zeitlichen Mehraufwand für die Bereitstellung der wissenschaftlichen Publikationen und/oder Forschungsdaten (34 Prozent) gegenüber. Die 1.112 Befragten gaben außerdem mehrheitlich an, dass sie rechtliche Bedenken (39 Prozent) und Unwissenheit über die Erlaubnis (29 Prozent) davon abhält, wissenschaftliche Inhalte ohne finanzielle, rechtliche oder technische Barrieren öffentlich zur Verfügung zu stellen.

Die Ergebnisse der Studie können insofern als repräsentativ gelten, als dass sie auf einer großen Stichprobe beruhen und an die Ergebnisse von vergleichbaren Studien anknüpfen (siehe zum Beispiel (Hanekop_2007)). In der Auswertung der Daten wurde vor allem deutlich, dass die Hindernisse eine größere Verteilung aufwiesen als die Katalysatoren und dass die Verbreitung offener wissenschaftlicher Kommunikationsverfahren nicht unwesentlich mit der Fachrichtung der jeweiligen Autoren und Autorinnen korreliert. Darüber hinaus scheint ungeachtet der vielfältigen Kritik am aktuellen Publikations- und Kommunikationssystem dieses auch nach zwei Jahrzehnten noch immer weitestgehend stabil zu sein. Die Ergebnisse der Befragung belegen die in der Literatur immer wieder beschriebene Diskrepanz zwischen dem Interesse nach und dem Verständnis für Offenheit sowie der tatsächlich praktizierten offenen Kommunikations- und Arbeitsweise (Yiotis_2005) (Bartling_2013) (Hagner_2015) (Fecher_2015).

Viele Programme der Forschungsförderungsorganisationen zielen noch immer darauf ab, fast ausschließlich klassisch zu publizieren, und nur sehr langsam kommt es zur Unterstützung von digitaler Forschungsinfrastruktur oder Softwareentwicklungsprogrammen (Hey_2015). Sie behindern damit die nötigen Veränderungsprozesse im Rahmen der Digitalisierung des wissenschaftlichen Alltags und befördern das Beharrungsvermögen, das aktuelle wissenschaftliche Kommunikationssystem zu unterstützen. Förderorganisationen müssen jedoch die Veränderungsprozesse in der wissenschaftlichen Praxis durch die neuen Medientechnologien akzeptieren und ihre Verantwortung wahrnehmen, indem sie die zusätzlichen Ressourcen, die für die Schaffung der strukturellen Grundlagen, die mit der Öffnung von Wissenschaft und Forschung verbunden sind, zur Verfügung stellen (Mennes_2013) (Patlak_2010). Um diese Bemühungen voranzubringen, müssen sich Förderorganisationen mehr denn je ihrer Rolle als "einflussreiche Akteure im komplexen und sich wandelnden Markt für wissenschaftliche Publikationen" (Wein_2010: 287) bewusst werden und entscheiden, ob sie die Umsetzung der gemeinsamen Nutzung von Daten durch Incentivierung fördern (Mennes_2013). Bisher ist diese Nutzung wissenschaftlicher Daten nur sehr gering verbreitet und auch wenn ihre Erwähnung im Rahmen der Weiternutzung ansteigt, bleiben noch immer bis zu 86 Prozent der veröffentlichten Daten bisher ungenutzt beziehungsweise unzitiert (Peters_2015).

Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen auch, dass Verlage aktiv daran arbeiten den digitalen Wandel zu nutzen, um ihre komfortable Situation im System der wissenschaftlichen Kommunikation zu sichern, wenn nicht sogar auszubauen. Dabei stellen die technischen und finanziellen Defizite und Unzulänglichkeiten für die Umsetzung der ursprünglichen Ideale der Öffnung der wissenschaftlichen Kommunikation für die Gesamtgesellschaft im Rahmen der Digitalisierung nur einen Teil der Gründe für die noch immer vorherrschende Beständigkeit des aktuellen Systems und der starken Rolle von Verlagen bei der Neugestaltung der wissenschaftlichen Kommunikation dar. Würden die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Fachgesellschaften wie auch die Bibliotheken stärker den Wandel weg von abonnementbasierten Modellen unterstützen, wäre die Entwicklung womöglich bereits weiter fortgeschritten (Nosek_2012).

25 Jahre nach den ersten Versuchen, einen offenen Zugang zu wissenschaftlicher Kommunikation mithilfe digitaler Netze umzusetzen und nach einer Vielzahl weicher Erklärungen und Bekenntnissen für die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation, gibt es kaum noch Zweifel, dass sich das System verändern wird. Dennoch bestehen weiterhin grundsätzliche Bedenken und Unklarheiten bezüglich der genauen Ausgestaltung von Offenheit wissenschaftlicher Kommunikation, der Frage, ob diese Öffnung noch dem ursprünglichen Anspruch auf Verbesserung des Systems gerecht werden kann, und insbesondere bezüglich der Frage, wie sich die Vor- und Nachteile dieser Entwicklung schließlich zueinander verhalten werden (Hagner_2015). Bisher hat sich ein Großteil der wissenschaftlichen Gemeinschaft eher verhalten aktiv an der Gestaltung des Veränderungsprozesses beteiligt. Sollte es durch das weitere Ausbleiben der Gestaltung aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft heraus zu einem Eingriff der Politik in diesen "sensiblen Bereich" kommen, "muss besonders acht auf die komplexe Geschichte der Organisationen der öffentlichen Wissenschaft gegeben und die potenzielle Fragilität der eigentümlichen institutionellen Matrix respektiert werden, in der sich die moderne Forschung entwickelt hat und aufgeblüht ist" (David_1998). Bloßes teilnahmsloses Abwarten seitens der wissenschaftlichen Gemeinschaft birgt die Gefahr, dass die Organisationen und die Selbstständigkeit der öffentlichen Wissenschaft negativ beeinflusst werden. Darüber hinaus müssen die Rahmenbedingungen von allen Seiten ausgehandelt werden, unter denen die Digitalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation im Einklang mit der Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation stattfinden kann (Mennes_2013).

Erkenntnisse aus dem offenen Verfassen der Arbeit

Neben den theoretischen Hemmnissen bei der Etablierung der Konzepte um die offene Wissenschaft behindern ganz praktische Aspekte die möglichst umfassende und für jeden frei verfügbare Veröffentlichung der Informationen im Rahmen wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse. Die zur Verfügung stehenden Plattformen und Applikationen sind im Jahr 2015 noch nicht ausgereift, etabliert und zweckdienlich genug, um ohne großen Mehraufwand offene Wissenschaft im Alltag zu praktizieren. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass die wissenschaftliche Arbeit trotz zunehmender Digitalisierung seit Dekaden auf die geschlossene Publikation und den nicht-öffentlichen Publikationsprozess ausgelegt ist sowie dem Druck der Etablierung des Marktmodus als dominante Governance-Form von Wissenschaft ausgesetzt ist.

Die Arbeit orientierte sich an der Forderung, dass der möglichst umfassende Zugriff auf den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess inklusive aller Daten und Informationen, die bereits bei der Erstellung, Bewertung und Kommunikation der wissenschaftlichen Erkenntnisse entstanden sind und zur Reproduzierbarkeit der Ergebnisse beitragen, jederzeit gegeben sein soll. Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes Protokoll oder jeder Ansatz veröffentlicht wurde. Dabei handelt es sich nur um die offene Kommunikation jeder Aktion im Rahmen der Anfertigung der Promotion, die zur Nachvollziehbarkeit der wissenschaftlichen Qualität und Erkenntnisse wichtig sind sowie zur Möglichkeit der Wiederholung des Erkenntnisprozesses beitragen. Als Erkenntnis des Experiments der offenen Anfertigung dieser Arbeit kann festgestellt werden, dass der offene wissenschaftliche Erkenntnisprozess nach den Forderung von Open Science und der Open-Definition zwar grundsätzlich möglich ist, die Möglichkeiten für die Anfertigung von offenen wissenschaftlichen (Qualifikations-)Arbeiten (bisher) aber dennoch als unzureichend zu bezeichnen sind. Darüber hinaus birgt diese Art der Anfertigung einer Qualifikationsarbeit noch immer die Gefahr, von der wissenschaftlichen Gemeinschaft oder der wissenschaftlichen Institution nicht anerkannt oder nicht akzeptiert zu werden.

Stellt man die gewohnte wissenschaftliche Arbeitsweise dem offenen Erstellungsprozess dieser Arbeit gegenüber, so muss die Arbeit auf dem lokalen Computer (selbst bei der Verwendung internetbasierter Dienste) in einem geschlossenen Umfeld noch immer als um vieles einfacher als das öffentliche Verfassen einer Arbeit bewertet werden. Das hat zum einen mit den gewohnten und etablierten strukturellen, technischen sowie rechtlichen Umgebungen wissenschaftlicher Arbeit zu tun, die überwiegend inkompatibel mit der offenen Darstellung und Verbreitung von Inhalten sind. Zum anderen müssen die fehlenden Möglichkeiten und Funktionen für die offene Arbeitsweise sowie die daraus resultierenden Einschränkungen bei der Bedienbarkeit und den Abläufen durch mehr Aufwand und manuelle Arbeit seitens der Forscher und Forscherinnen kompensiert werden.

So erscheint es fast verständlich, dass bisher nur eine Minderheit offene Webplattformen für die wissenschaftliche Kommunikation (Perkel_2014) nutzt und die Mehrheit der im Rahmen dieser Arbeit befragten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bei der Öffnung von Forschungsdaten einen Mehraufwand befürchtet, wenngleich die Daten durch den zunehmenden Einsatz computerunterstützter wissenschaftlicher Verfahren bereits digital vorliegen. Ergänzend zeigen die Ergebnisse des Selbstexperiments, dass die Offenlegung des gesamten Erkenntnisprozesses bei der Erstellung dieser Arbeit ohne programmiertechnische Vorkenntnisse schwer bis nicht möglich gewesen wäre. So musste bei der Erstellung der Arbeit eigens Software programmiert werden, um dem Anspruch der permanenten und umfassenden Verfügbarkeit der Arbeit sowie der generierten Daten gerecht zu werden (Heise_2015c). Fehlende Standards und technische Hürden stellen noch immer große Herausforderungen bei der Auswertung, Erstellung und Darstellung der wissenschaftlichen Inhalte dar. Darüber hinaus können die spezifischen Anforderungen für die möglichst umfassende Öffnung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses von den gängigen Lösungen bisher nicht erfüllt werden. Die notwendige (Weiter-)Entwicklung der Plattformen wird jedoch nur dann stattfinden, wenn die Nachfrage nach solchen Lösungen steigt. Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist auch hier gefragt, diese Nachfrage (zum Beispiel durch Experimente mit offener wissenschaftlicher Kommunikation) zu erzeugen und bei der Entwicklung solcher Lösungen eine aktive und gestaltende Rolle einzunehmen.

Allerdings bedeutet das bisher für den "Open Scientist" entweder selbst befähigt zu sein, zu programmieren beziehungsweise bestehende Software den eigenen spezifischen Bedürfnissen anpassen zu können oder Bibliotheken, Rechenzentren oder andere wissenschaftliche Institutionen müssen die infrastrukturellen Rahmenbedingungen schaffen, so dass auch durch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ohne solche Kenntnisse der gesamte wissenschaftliche Prozess offen und transparent abgebildet werden kann. Im Rahmen des laufenden strukturierten Promotionsverfahrens war kein solches Angebot verfügbar, das dieses Wissen über Daten und Codes vermittelt oder das Vorhaben aktiv technisch unterstützt hätte.

Abgesehen von der Erstellung eigener Arbeiten ist für den Wissenschaftler oder die Wissenschaftlerin diese Expertise in Zukunft auch deshalb wichtig, weil im Gegensatz zum Träger- und Speichermedium Papier das wissenschaftliche Wissen im Rahmen der Digitalisierung zunehmend als Code gespeichert wird. Die Übermittlung von Wissen bei der wissenschaftlichen Kommunikation kann aber von den beteiligten Akteuren nur profund verstanden werden, wenn auf technisches Wissen zurückgegriffen werden kann und die Übermittlungswege und Formen transparent und offen gestaltet sind (Davis_2011). Die wissenschaftliche Gemeinschaft darf dieser Auseinandersetzung mit den technologischen Arbeitsmitteln und dem digitalen Wandel nicht aus dem Weg gehen, sondern ist gefordert, ihre Logik zu verstehen. Johannes Näder zitiert in diesem Zusammenhang den französischen Philosophen Régis Debray, laut dem "ein Diskurs über die Zwecke und Werte, der sich nicht auf einen präzisen Zustand der zur Verfügung stehenden Mittel stützt, (...) ein leerer Diskurs (ist). Aber ein Diskurs über die Innovation, der diese nicht im Lichte der Erinnerung genau untersucht, ist ein gefährlicher Diskurs" (Naeder_2010: 117) (Debray_2003: 246).

Genau in diesem Diskurs liegt auch eine Quelle des revolutionären Selbstverständnisses, das zumindest Teile der Open-Bewegung beinhaltet und das Konsequenzen für das gesamte wissenschaftliche System hat: Im digitalen Zeitalter besteht der Kern kommunizierbaren Wissens nicht mehr aus dem gedruckten Wort, sondern aus Code und Daten. Will man demzufolge die Rohform von Wissen lesen, verstehen, interpretieren oder verändern – alles Grundvoraussetzungen für die Erstellung wissenschaftlicher (Qualifikations-)Arbeiten – muss man diesen Code lesen, verstehen und schreiben können. Die Vorteile von digitalem Teilen und Verbreiten von Wissen erfüllen sich folglich bisher nur für den, der für die Migration das nötige Know-how hat. Der zunehmende Grad an Digitalisierung im Arbeitsalltag der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stellt die Notwendigkeit dar, sich mit allen produzierten Daten auseinanderzusetzen und experimentell den Umgang mit ihnen zu erforschen. Dabei ist die Veränderung der Arbeitsweise analoger Methoden, von Speicher- und Arbeitsmedien sowie Tools auf digitale Formate für die Gewinnung von Wissen als unausweichlich zu betrachten. Diese Notwendigkeit für eine ausgewogenen Betrachtung findet bei der Ausbildung von Nachwuchswissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftlerinnen bisher viel zu wenig Berücksichtigung.

Neben den technischen und strukturellen Herausforderungen bei der Erstellung der Arbeit sowie den daraus resultierenden Diskursen, birgt diese Art der offnen Anfertigung einer wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit allerdings auch die Gefahr, weder von der wissenschaftlichen Gemeinschaft noch von der wissenschaftlichen Institution anerkannt oder akzeptiert zu werden. Im Falle dieser Arbeit wurde nach schriftlicher Anfrage bei der zum Zeitpunkt der Zulassung amtierenden Promotionskomission der direkten und unmittelbaren Veröffentlichung des Schreibprozesses der Dissertation stattgegeben, vorbehaltlich der gleichbleibenden Interpretation der Promotionsordnung durch die amtierende Promotionskommission bei Abgabe der Arbeit.

Chancen für und Herausforderungen an die wissenschaftliche Gemeinschaft

"Die Freiheit von Fremdbestimmung verpflichtet die wissenschaftliche Gemeinschaft und ihre Mitglieder zu verantwortlicher Selbstbestimmung."
(Oezmen_2015: 69)

Die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation und der digitale Wandel haben unbestreitbar Konsequenzen für die Möglichkeiten der Verbreitung, Erstellung und Speicherung wissenschaftlicher Informationen (Gould_2009: 233). Sie erlauben eine grundlegende Neujustierung der Produktion von Wissen, die Neuordnung von wissenschaftlichen Werten und Praxen sowie eine neue Form der wissenschaftlichen Kommunikation. Diese Situation kann als einmalige Chance und Möglichkeit für die notwendige Neugestaltung wissenschaftlicher Kommunikation unter Berücksichtigung der Herausforderungen im aktuellen System betrachtet werden (Naeder_2010). Offenheit in Wissenschaft und Forschung spricht dabei den Kern der Produktion von Wissen an und betrifft folglich nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Gesamtgesellschaft (Mussell_2013). Die Digitalisierung wissenschaftlicher Arbeitsprozesse und die Nutzung der neuen Möglichkeiten des kollaborativen Austauschs (Science 2.0) sowie die freie und offene Publikation finaler Forschungsergebnisse (Open Access) können zu einer umfassenden Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation für die Gesamtgesellschaft (Open Science) führen.

Die Abgrenzung von Open Access zu Open Science im Rahmen wissenschaftlicher Kommunikation wurde in dieser Arbeit auf Grundlage der Unterscheidung von "Zugang zu Wissen" (Open Access) und "Zugriff auf Wissen" (Open Science) durchgeführt (siehe Kapitel 2). Das Konzept von Open Access und der damit verbundenen Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Publikationen als Ergebnis von wissenschaftlicher Forschung im bestehenden wissenschaftlichen System betrifft demnach nur einen Teil der grundlegenden Neuordnung wissenschaftlicher Kommunikation. Open Science als Sammelbegriff betrifft nicht nur den digitalen Zugang zu bereits veröffentlichten wissenschaftlichen Publikationen, sondern fordert die Transformation des gesamten wissenschaftlichen Prozesses sowie die Möglichkeit des umfassenden Zugriffs auf diesen.

Für das wissenschaftliche System bedeutet diese Transformation auch, dass nach der Aushandlung und Anpassung der genannten Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Publizierens sowie nach der weitreichenden Etablierung von Open Access, eine Neujustierung der Qualitätssicherungsmaßnahmen und Selektionsmechanismen von Wissenschaft im Rahmen der weitestgehenden Öffnung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses (Open Science) notwendig ist. Diese Neujustierung ist dabei eng mit der Frage nach der zukünftigen Rolle der Universität und des Hochschulwesens verbunden. Dabei ist die Ablösung des gedruckten Buchs "als Leitmedium der Universität" durch andere Kommunikationsmittel "lediglich als ein Epiphänomen einzustufen" (Warnke_2012), denn die Digitalisierung und zunehmende Verbreitung von Softwaresystemen verwässert auch die bisherigen Kriterien der Wissenschaft.

Eine "Systemanalyse (...) des akademischen Alltagslebens könnte ein wenig Klarheit und damit vielleicht auch Rückgewinnung von Gestaltungsraum geben" (Warnke_2012). Das gilt auch für die Produktion und den Vertrieb von Wissen. Durch eine solche Analyse können die Wandlungsprozesse rund um die Digitalisierung und die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation zu einer neuen Chance werden, die Erstellung und Verbreitung des Wissens wieder stärker an die Universität zu binden und zu integrieren.

Läutete der Buchdruck die Moderne ein und legte den Grundstein für die wissenschaftliche Kommunikation, wie wir sie heute kennen, kann durch die Digitalisierung eine erneute Revolution des wissenschaftlichen Systems bevorstehen. Die unmittelbare und umfassende Bereitstellung der wissenschaftlichen Kommunikation unter dem Anspruch größtmöglicher Transparenz stellt das wissenschaftliche System aber innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft vor neue Herausforderungen. Das Aufbrechen der strikten Unterscheidung wissenschaftlicher Kommunikation in formelle und informelle sowie interne und externe Kommunikation und die Konsequenzen für die Wahrheitskriterien, Bewertung und Einordnung dieser stellt dabei nur wenige von vielen Aufgaben dar.

Unter Berücksichtigung dieser Herausforderungen und der Rückgewinnung von Gestaltungsraum ist zu hoffen, dass der digitale Wandel und die Öffnung wissenschaftlicher Kommunikation zu besseren Bedingungen für die Schaffung und die Bewahrung von Wissen führen wird. Sollten die Zeiten des "stürmischen Wachstums der Wissenschaft" (Koelbel_2002) dennoch vorüber sein, lässt sich ein Grund dafür in dem Festhalten an der Geschlossenheit des wissenschaftlichen Kommunikationssystems finden. Ein Wandel hin zur Offenheit wissenschaftlicher Kommunikation darf jedoch nicht mit Einschränkungen der Unabhängigkeit und Freiheit von Wissenschaft einhergehen und den wissenschaftlichen Akteuren und der Universität nicht "die Fähigkeit genommen werden, "Nein" zu sagen" (Neidhardt_2006: 12). Das ist allerdings aus diversen Gründen eine Herausforderung: Erstens entzieht sich die wissenschaftliche Gemeinschaft bisher der Verantwortung, den Wandel so zu gestalten, dass die Wissenschafts- und Publikationsfreiheit größtmöglich gewahrt wird, und zweitens muss gewährleistet werden, dass der Wettbewerb um die Autorengebühren und die Publikationsgeschwindigkeit nicht zu einer Bedrohung für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation wird (Beall_2012) (Lossau_2007).

Aus der Forderung nach "unbeschränktem Zugang zur gesamten wissenschaftlichen Zeitschriftenliteratur" (BOAI_2012) ist ein gesamtgesellschaftliches und umfassendes Modernisierungsvorhaben der Wissenschaft geworden, das neben dem Aspekt der Zugänglichkeit zu Wissen und Wissenschaft eine Vielzahl an weiteren Unzulänglichkeiten beinhaltet, die den Fortbestand öffentlicher Forschung insgesamt beeinflussen (Brembs_2015). Mit Blick auf die Umsetzung und Etablierung der Konzepte von Offenheit werden demnach, anders als in ursprünglichen Forderungen nach Offenheit im wissenschaftlichen Kommunikationssystem intendiert, auch Einschränkungen der akademischen Freiheit befürchtet (Hagner_2015).

Die Entwicklungen im Rahmen der Digitalisierung und Forderungen nach Öffnung müssen von der wissenschaftlichen Community gestaltet werden, wenn sie nicht machtlos den Kräften ausgeliefert sein will, "die von außen auf die Publikation und Rezeption ihrer Schriften einwirken" (Hirschi_2015: 6). Die Frage ist, ob sie entscheidet, die Konsequenzen der Digitalisierung als Gefahr für den Fortbestand der Wissenschaft einfach nur zu ignorieren, als reines digitales Abbild der analogen Realität der wissenschaftlichen Kommunikation zu verstehen und das aktuelle System mit all seinen Vor- und Nachteilen zu bewahren oder ob sie es wagt eine zweite wissenschaftliche Revolution einzuläuten, die zu einer umfassenden Wissensverbreitung an die Gesamtgesellschaft und dadurch zu einer grundlegenden Veränderung des aktuellen wissenschaftlichen Systems führen könnte.

Die Forderung nach Offenheit von Wissenschaft und Forschung muss demnach nicht nur als "Strategie" gegen die unterschiedlichen Krisen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem und für die Gestaltung des digitalen Wandels verstanden werden. Diese Gestaltung der Strategie ausschließlich den STM-Forschern zu überlassen wird im Ergebnis zu einer weiterhin polarisierenden Abwehr- und Gegenreaktion anderer Disziplinen führen und hätte eine weitere Verwässerung und Fehlleitung der ursprünglichen Ansätze zur Folge (Naeder_2010). Sie muss dabei auch als Ansatz für eine zukünftige Sicherung der Freiheit von Wissenschaft verstanden werden. Sind wissenschaftliche Aktivitäten nicht offen zugänglich, steigt die Gefahr, dass die öffentliche Unterstützung für die Wissenschaft erodiert und die Menschen Vertrauen in ein System verlieren, das sie nicht unmittelbar verstehen können (Resnik_2005).

Bisher haben sich die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen für die Entwicklungen der Forderung nach Öffnung und Digitalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation "erstaunlich wenig (...) interessiert" (Hagner_2015: 67). Als Folge dieses Desinteresses fehlt es noch immer an einem konkreten Aushandlungsprozess wie dieser Forderung nach Öffnung und Digitalisierung der wissenschaftlichen Kommunikation begegnet werden soll, wie diese praktiziert werden kann, welche Grenzen der Öffnung notwendig sind und wie die Neugestaltung der Kriterien für die wissenschaftliche Arbeit sowie die Qualitäts- und Leistungsbemessung ausgestaltet werden sollen. Darüber hinaus müssen in diesem Zusammenhang auch stärker Themen wie Privatheit in der Wissenschaft und die Notwendigkeit der Freiheit von wissenschaftlichen Tätigkeiten im abgeschlossenen Raum betrachtet werden. Entzieht sich die wissenschaftliche Community diesen Auseinandersetzungen weiterhin, ist zu befürchten, dass langfristig die Freiheit von Wissenschaft und Forschung eingeschränkt und zunehmend rein politische und wirtschaftliche Interessen darüber entscheiden (Warnke_2012), wie, wann, wo und wozu Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in Zukunft kommunizieren werden.

Wenn Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sich in der Auseinandersetzung mit der Forderung nach Öffnung von Kommunikation weiterhin vornehmlich mit den Herausforderungen der Karrierenotwendigkeit und wirtschaftlichen Eigeninteressen befassen (Resnik_2005), besteht außerdem die Gefahr einer weiteren Verschließung wissenschaftlicher Kommunikation beziehungsweise einer (Aus-)Nutzung der Bewegung hin zur Öffnung durch den Drang zur Etablierung privatwirtschaftlicher Marktmechanismen zur Verwertung und Steuerung von Wissenschaft. Jegliche Abweichung, Einschränkung und Verwässerung von Openness begünstigt demnach diese negative (Weiter-)Entwicklung zu einer rein privatwirtschaftlichen oder von politischen Interessen gesteuerten Wissenschaft. Die Vermutung liegt nahe, dass in diesem Fall die Allokation und Nutzung von Ressourcen für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess ausschließlich auf Grundlage von Marktmechanismen die Heterogenität und auch die Effizienz der Produktion von neuem Wissen langfristig negativ beeinflussen wird.

Es gilt diesbezüglich weiterhin zu betonen, dass wir uns bei diesem Aushandlungsprozess erst am Anfang befinden. Mehr als 500 Jahre Buchdruck und 350 Jahre wissenschaftliches Journal stehen nur 25 Jahren Internet gegenüber. Vor 350 Jahren waren es Wissenschaftler, die sich zusammengetan haben, um eine neue Philosophie für die Förderung von Wissen zu etablieren und das erste wissenschaftliche Journal zu gründen. Sicher ist auch, dass es nicht allein bei der Forderung nach dem Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen bleiben wird. Die Umsetzung von Open Access wird früher oder später auch in einer Forderung nach Öffnung des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses münden. Wie bei Open Access ist auch hier die wissenschaftliche Gemeinschaft gefragt, die Ausgestaltung aktiv und konstruktiv-kritisch zu beeinflussen und die Chancen für die Universität nutzbar zu machen.

Ausblick und Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsbemühungen

We have reached a period in science somewhat similar to that encountered by our colleagues of 300 years ago. Creative and inventive minds must now discover new methods for coping with the scientific literature.
(Porter_1964: 229)

Die Transformation des wissenschaftlichen Kommunikationssystems von der Gutenberg-Galaxis in die Turing-Galaxis verlangt eine Neugestaltung der Rahmenbedingungen für die wissenschaftliche Kommunikation und eine Neudefinition der Rolle aller Beteiligten in diesem System. Die neuen Möglichkeiten unterschiedlicher Formen der Darstellung wissenschaftlicher Informationen sollten dabei als Chance für eine aktive Verbesserung, Gestaltung und Modifikation wissenschaftlicher Kommunikation verstanden und genutzt werden. Diese Neugestaltung unter Wahrung der Freiheiten des wissenschaftlichen Systems funktioniert jedoch nur, wenn die Beteiligten ihre Rolle als aktive Gestalter und Gestalterinnen wahrnehmen. Sie müssen dabei in angemessener Form agieren und unbedingt vermeiden, dass der Öffnungs- und Digitalisierungsprozess das wissenschaftliche System technologisch oder ökonomisch rückständiger macht als das bisherige. Diese Arbeit hat den Anspruch durch ihre offene Ausarbeitung und die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für das offene Verfassen wissenschaftlicher (Qualifikations-)Arbeiten einen ersten praktischen Beitrag zu der Debatte über Neugestaltung wissenschaftlicher Kommunikation zu leisten und Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsbemühungen zu bieten.

Als wichtige Felder für weitere zukünftige Evaluationen sind die Themen Datenschutz und der Missbrauch von Forschung (Fritsch_2015) zu nennen. Den Schutz der Privatsphäre gegen den immensen Wert von Open-Access-(Daten-)Nutzung auszugleichen und auszuhandeln stellt dabei eine wichtige zukünftige Herausforderung dar. Dabei sollten in einer Debatte nicht nur die nicht sofort überschaubaren Auswirkungen und Konsequenzen berücksichtigt, sondern auch die Vorteile gewissenhaft abgewogen werden. In diesem Zusammenhang bedarf es auch eines Aushandlungsprozesses zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, der Politik und der Gesellschaft.

Ein weiter Anknüpfungspunkt für Forschungsbemühungen ergibt sich aus der Umstellung des Publikationssystems vom Verkauf der Inhalte auf eine Voraberstattung der Kosten für die Publikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen durch die öffentliche Hand. Im Rahmen der damit einhergehenden Transformation der Geschäftsmodelle von Verlagen hin zur freien Verfügbarkeit der veröffentlichten wissenschaftlichen Inhalte für die Gesamtgesellschaft sollte untersucht werden, wie verhindert werden kann, dass die Erstattung von Autorengebühren (APCs) für die offene Publikationen nicht zu falschen Entwicklungen und Fehlanreizen führen, die einen kommerziellen Open-Access-Markt befeuern, der zu einer ungerechtfertigten Verteuerung von APCs und zu einer weiteren Konzentration im Publikationsmarkt führen könnte. Die Fragestellungen sind, wie in dieser Arbeit dargestellt, eng mit den Publikationsentscheidungen der wissenschaftlichen Autoren und Autorinnen sowie mit der Erlangung von symbolischem, wissenschaftlichem Kapital verbunden.

Die mögliche Konkurrenz zwischen der wissenschaftlichen und medialen Kommunikation im Rahmen der Forderung nach mehr Öffnung stellt einen weiteren Ansatz für Untersuchungen dar. Als Konsequenz der Öffnung der gesamten wissenschaftlichen Kommunikation muss hinterfragt werden, ob und inwieweit das Wahrheitsmonopol der Wissenschaft durch das Aufmerksamkeitsmonopol der Medien im Rahmen der Möglichkeiten des offenen Zugangs zu Wissenschaft und des Zugriffs auf Wissen negativ beeinflusst werden könnte (Weingart_2005). Die Herausforderungen müssen dabei offensiv den Möglichkeiten und Chancen gegenübergestellt werden. Hierbei sind auch die jüngsten Entwicklungen um das Thema Bürgerwissenschaft (Citizen Science) genauer zu berücksichtigen. Diese sollten dabei im Kontext anderer ähnlicher Entwicklungen, wie zum Beispiel im Bereich des Bürgerjournalismus (Citizen Journalism), betrachtet werden.

Weitere Fragestellungen ergeben sich im Rahmen der neuen Möglichkeiten der Kontrolle, Überwachung und Quantifizierung individueller wissenschaftlicher Tätigkeiten, zum Beispiel bei der revisionsgetriebenen offenen wissenschaftlichen Publikation im digitalen Raum sowie deren Konsequenzen auf die (Selbst-)Steuerung von Wissenschaft. Als eine Folge der offenen Anfertigung dieser Arbeit wurde jeder Schritt umfassend mit Zeitstempel und weiteren Metainformationen dokumentiert und somit nachvollziehbar gemacht. Diese Informationen können genutzt werden um den Arbeitsprozess einzelner Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu überwachen und auf den Erstellungsprozess einzuwirken. Als Erkenntnis aus diesem offenen Erstellungsprozess kann vermutet werden, dass diese neuen Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten der wissenschaftlichen Arbeit auch eine neue Herausforderung für die Freiheit und den Datenschutz von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen sowie ihrer Tätigkeit darstellen können.

Die vorliegende Arbeit befindet sich an vielen Stellen im Spannungsfeld der Forderungen nach Öffnung von wissenschaftlicher Kommunikation, technologischen Entwicklungen und ihren sozialen Konsequenzen sowie der zunehmenden Digitalisierung wissenschaftlicher Arbeit. Trotz der teilweise hitzigen Debatten in der Literatur und den Auseinandersetzungen innerhalb und außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft in diesen Themenfeldern fehlt es bisher noch immer an einem konkreten Aushandlungsprozess, wie diese Entwicklungen aus Sicht der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Zukunft konkret (mit-)gestaltet werden können und welche Auswirkungen sie auf die Wissenschaft haben werden. Als Ergebnis dieser Arbeit können für das Fehlen dieser Aushandlung unter anderem fehlende Anreizsysteme für eine nachhaltige Auseinandersetzung mit den Themenfeldern und ein geringes Interesse an Experimenten mit den neuen Möglichkeiten des wissenschaftlichen Kommunizierens genannt werden. Diese Faktoren gilt es weiter zu untersuchen, um Strategien zu entwickeln, wie die notwendige Aushandlung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft und eine neue Experimentierfreudigkeit mit wissenschaftlicher Kommunikation helfen können die zukünftigen Kriterien von Wissenschaft zu gestalten.